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Wenn eine im Umgang mit Geld eher sorglose Familie in wirtschaftliche Probleme gerät, ruhen die Augen oft auf dem reichen Onkel, der selbstlos in die Tasche greifen und der lieben Verwandtschaft aus der finanziellen Misere helfen soll. Was aber, wenn der vermeintlich reiche Onkel selbst in der finanziellen Klemme steckt? Dieser Vergleich liegt nahe, wenn man das aktuelle Verhältnis von Europa zu China analysiert. Klamme Euro-Länder hoffen auf bestens dotierte chinesische Staatsfonds, die kräftig in die Schuldverschreibungen der Pleitekandidaten investieren. Auch der IWF antichambriert in Peking. Doch während die Europäer noch immer auf die Hilfe durch den »reichen Onkel« aus dem Fernen Osten warten, kommen von dort beunruhigende Nachrichten. Im
gefeierten Boom-Land China droht eine gigantische Blase zu platzen – mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.
Während die meisten Mainstream-Medien voller Bewunderung vom neuen ökonomischen »Kraftzentrum« im Osten schwärmen, das mit seiner gigantischen Nachfrage die Weltwirtschaft nach 2008 vor einer erheblich schärferen Rezession bewahrt habe, schlagen Insider schon seit Wochen Alarm. Einer im vergangenen Monat veröffentlichten Umfrage der US-Investmentbank Merrill Lynch zufolge fürchten internationale Fondsmanager ein Platzen der China-Blase mehr als einen Euro-Crash.
In der Tat lassen die aktuellen Nachrichten aus dem Reich der Mitte frappierende Ähnlichkeiten mit dem Beginn der US-Subprime-Krise erkennen. Beobachter vor Ort berichten von einem dramatischen Verfall der zuletzt spekulativ überhitzten Immobilienpreise. Diese seien sogar in den Metropolen teilweise innerhalb von zwei Wochen um bis zu 25 Prozent gegenüber dem Höchststand gesunken. Und nicht einmal zu diesen günstigeren Preisen finden die Objekte Käufer.
Der sich abzeichnende Crash hat eine Vielzahl von Ursachen. Zum einen werfen große Projektentwickler ihre Objekte auf den Markt, um schnell zu Geld zu kommen. Manche Immobilienunternehmen haben sich in den Boomjahren nämlich nicht nur auf ihr Kerngeschäft konzentriert, sondern zudem Kredite vergeben. Geld, das sie ihrerseits wieder bei den Geschäftsbanken geliehen haben. Das auf diese Weise entstandene System der völlig intransparenten Schattenbanken, das sich jeder realistischen Risikobewertung entzieht, ist derzeit eines der Hauptprobleme der schwächelnden Supermacht.
Die Vertreter der wirtschaftlichen Elite, die in den vergangenen Jahren vom Boom des Landes profitierten und Millionen-Vermögen aufbauten, könnten sich zwar sicher teure Top-Immobilien in bester Lage leisten. Doch ausgerechnet diese zahlungskräftige Klientel will das Land verlassen. In einer Umfrage der Bank of China und des Hurun-Instituts gaben immerhin 46 Prozent der Wohlhabenden an, sie würden ihrem Land gern den Rücken kehren. Bürokratie, unzureichender Eigentumsschutz und das katastrophale Schulsystem in China sind die Hauptgründe für die Auswanderungspläne. Schon heute schicken Chinesen, die es sich leisten können, ihre Kinder auf Schulen und Universitäten in Europa oder in den USA. Etwa jeder Dritte der im Rahmen der demoskopischen Erhebung befragten wohlhabenden Chinesen gab an, bereits Geld aus China abgezogen und im Ausland geparkt zu haben. Allzu viel Vertrauen scheint die Wirtschaftselite nicht in die Zukunft ihres Staates zu haben.
Der erfolgreiche und bislang gut verdienende Mittelstand in den Boom-Regionen des Landes ist derweil von der zunehmenden Zahl von Unternehmensschließungen betroffen. Auch diese potenziellen Immobilienkäufer halten sich zurück und warten die weitere Entwicklung ab.
Neben dem offenkundig schon begonnenen Immobiliencrash lasten anhaltend hohe Inflationsraten und unüberschaubare Kreditrisiken der Banken auf der chinesischen Wirtschaft. In der Rezession nach 2008 startete Peking das bislang größte Konjunktur- und Kreditprogramm des Landes. Die Konsequenz: Ein künstlich aufgeblähtes Wirtschaftswachstum und hohe Inflationsraten durch eine expansive Geldpolitik. Vor allem bei den Nahrungsmitteln ist der Preisauftrieb nach wie vor außerordentlich hoch. Kein Wunder also, dass Peking vor allem in der Landbevölkerung Unruhen befürchtet. Ein weiterer besorgniserregender Indikator: Nach einer Untersuchung der Ratingagentur Fitch führt jeder Yuan an neuen Krediten nur noch zu halb so viel Wachstum wie vor fünf Jahren.
Ein weiteres Problem kommt hinzu: Zahlreiche chinesische Gemeinden haben sich in den letzten Jahren massiv verschuldet. Den beteiligten Banken drohen hohe Abschreibungen. Kollabierende Immobilienpreise und das sich abschwächende Wirtschaftswachstum drohen zudem das Schattenbankensystem implodieren zu lassen. Schon warnt die Barclay-Bank in einem im Wall Street Journal zitierten Bericht vor »der nächsten Subprime«. Die Analysten fürchten eine Flut von Kreditkündigungen, wenn mehrere große Immobilienprojekte in die Krise geraten. Außerdem brachten die chinesischen Banken – wie ihre US-Kollegen – in der Vergangenheit waghalsige Anlageprodukte auf den Markt, in denen sie ihre Kreditrisiken verpackten. Diese undurchsichtigen Konstrukte sowie die erwähnten Schattenbanken machen die Risiken in China unberechenbar.
Nicht von ungefähr warnte die neue IWF-Präsidentin Christine Lagarde dieser Tage, auch die asiatischen Wirtschaftsmächte müssten aufpassen. Der »reiche Onkel« könnte schon bald zum neuen Krisenherd werden.
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