
Für die einen ist der russische Energiegigant Gazprom ein international höchst erfolgreicher Konzern, der Europas Gasversorgung sicherstellt. Ein Unternehmen, das einen ehemaligen
Bundeskanzler beschäftigt und seit Januar 2007 als Hauptsponsor den Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 fördert.
Für die anderen ist Gazprom eine völlig intransparente Machtmaschine, angetrieben von unvorstellbar viel Geld, erheblichem politischem Einfluss weit über Russland hinaus und jeder Menge Skrupellosigkeit. Wo wirtschaftliche und politische Macht aufeinandertreffen, entsteht ein gefährliches Kraftzentrum mit unglaublich großem Erpressungspotenzial.
Vielleicht denken Sie jetzt: Was interessieren mich die Machtspiele in Moskau oder der Nebenjob des Polit-Rentners Gerhard Schröder? Warum sollten Sie sich mit Gazprom beschäftigen? Schließlich gibt es genug Krisen rund um die Welt. Und außerdem: Ein kraftstrotzender Energiekonzern ist immer noch besser als eine gestrauchelte Zocker-Bank, die mit Milliardensummen von den Steuerzahlern gerettet werden muss.
Doch bedenken Sie: Internationale Energiekonzerne wie Gazprom bestimmen, was Sie morgen für Ihre Energie bezahlen müssen. Und eines steht schon heute fest: Gas von Gazprom wird immer teurer werden. Dafür hat das Management, das überwiegend aus Vertrauten des russischen Präsidenten besteht, schon gesorgt.
- Weshalb wird der Gaspreis weiter steigen?
- Weshalb ist es brandgefährlich, sich Gazprom zum Feind zu machen?
- Wie ist es der Achse Putin-Gazprom gelungen, in Europa und vor allem in Deutschland ein Netz von »Amigos« aufzubauen?
- Welche Rolle spielt die organisierte Kriminalität im System Gazprom?
Lesen Sie die mitunter atemberaubenden Antworten auf diese und viele andere Fragen rund um ein unheimliches Imperium im neuen Buch des Enthüllungsjournalisten Jürgen Roth. Auf fast 320 Seiten untermauert er mit einer beeindruckenden Faktendichte sein schonungsloses Urteil: Gazprom ist skrupellos und kriminell.
Mit dieser Meinung steht Roth nicht allein. Er zitiert den mittlerweile in Frankreich lebenden
russischen Publizisten Wladimir Iwandize, der kein Blatt vor den Mund nimmt: »Gazprom ist eine Mafia-ähnliche Organisation, weil Gangster das Geld von Gazprom für ihre Aktivitäten benutzen.«
Engste Beziehungen des Unternehmens zum Kreml gibt es nicht erst seit Putin. Der jetzige Präsident hat das Beziehungsgeflecht nur noch enger geknüpft und sich zum eigentlichen Herrscher von Gazprom gemacht. Schon der frühere russische Präsident Boris Jelzin hatte den ehemaligen Vorstandschef von Gazprom, Wiktor Tschernomyrdin, im Dezember 1992 zum Ministerpräsidenten ernannt.
Tschernomyrdins wichtigste Aufgabe habe darin bestanden, dafür zu sorgen, »dass der Gasriese minimale Steuern bezahlte«, weiß Jürgen Roth. Damals habe die Zeit der rücksichtslosen Bereicherung bei Gazprom begonnen.
»Bereits 1995 lieferte der amerikanische Geheimdienst dem Weißen Haus einen geheimen Bericht, in dem die korrupten Praktiken des damaligen russischen Ministerpräsidenten Wiktor Tschernomyrdin aufgelistet waren«, schreibt Roth. Der Regierungschef verfügte angeblich über ein Privatvermögen von mehreren Milliarden US-Dollar. Der damalige US-Vizepräsident Al Gore, von vielen bis heute als ökologisch korrekter Gutmensch verklärt, zählte den russischen Premier zu seinen Freunden und bezeichnete die CIA-Studie als »Bullshit«.
Seither sind Macht und Einfluss von Gazprom weiter gewachsen. Wussten Sie zum Beispiel, dass
- Gazprom Eigentümer oder Mitbesitzer von Banken, Investmentgesellschaften, Airlines und Bauunternehmen ist?
- Gazprom mindestens zwei Drittel aller russischen Medien gehören, darunter die bekannte Zeitung Iswestija?
- Gazprom mit Hunderten von Tochtergesellschaften und Joint Ventures auf dem globalen Gasmarkt aktiv ist, unter anderem in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Holland und Frankreich?
- Gazprom im Jahr 2010 einen Gewinn von 23,8 Milliarden US-Dollar erzielte (plus 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr)?
- Große Teile der Erlöse in Steueroasen flossen? Ein wichtiges Drehkreuz für diese Transfers war offenbar Zypern. Hat Moskau dem Pleitestaat im Mittelmeer in den vergangenen Jahren deshalb finanziell unter die Arme gegriffen?
Die Erlöse des Konzerns werden weiter steigen. Gewinnzuwächse sind geradezu programmiert. Denn nicht zuletzt aufgrund der starken politischen Macht gelingt es Gazprom immer wieder, langfristige Verträge abzuschließen, bei denen der Gaspreis an den Ölpreis gebunden wird.
Jürgen Roth: »Das sichert hohe Gewinne zu Lasten der Verbraucher, denn die Wahrscheinlichkeit,
dass die Ölpreise wegen politischer Instabilität in den Ölförderländern in Zukunft weiter steigen werden, die Kosten für Gas jedoch wegen des enormen Angebots eher sinken, lässt Rubel und Dollar in die Kassen der multinationalen Konzerne sprudeln. Und die deutschen Verbraucher werden deshalb in Zukunft hohe Gaspreise zahlen dürfen«.
Roth bezeichnet Gazprom und Putin als ein »goldenes Dreieck«. Das Fundament seien die mafiösen Machtstrukturen, die sich in den 1990er-Jahren in St. Petersburg gebildet hätten. Die beiden Seitenwinkel seien Wladimir Putin und seine Amigos auf der einen und Gazprom samt seinen Managern auf der anderen Seite. Fällt ein Teil davon weg, bricht das gesamte Imperium zusammen. Dass etwas wegbrechen könnte, erschien noch vor einem Jahr eher unwahrscheinlich. Doch mittlerweile wachse der Widerstand, schreibt Roth. Mag sein, dass schon bald das goldene Dreieck zerbrechen könnte. Dann aber stellt sich die spannende Frage, was dies für die Erdgasversorgung Europas bedeutet.
Jürgen Roth: Gazprom – Das unheimliche Imperium, 317 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Frankfurt 2012, 19,99 Euro
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