
Der Grund mag wohl derselbe sein wie in den anderen amerikanisch-geführten imperialistischen Kriegen in Afghanistan oder im Irak: Es geht um Öl, dem zurzeit wohl wichtigsten Rohstoff. Wer das Öl kontrolliert, der kontrolliert die Welt und in Libyen liegen die größten nachgewiesenen Erdölreserven Afrikas. Mindestens zwei Drittel sind noch gar nicht gefunden. Und warum soll man für libysches Öl teuer bezahlen, wenn man das jetzt auch so bekommen kann – und zwar offiziell sogar mittels eines humanitären Akts, weil man das Volk vor seinem eigenen Herrscher schützen will? Immerhin 46 Milliarden Euro zahlen die Abnehmer dem libyschen Staat Jahr für Jahr. Geld, das man sich auch sparen kann, wenn man anderen einfach das wegnimmt, was einem nicht gehört. Die Iraker und Afghanen können ein Lied davon singen.
Es gibt keinen Konflikt, bei dem die Vereinten Nationen und die Amerikaner sogar mit Militärgewalt
eingreifen, bei dem es nicht um irgendwelche strategischen Vorteile oder Rohstoffe geht. In anderen Ländern erheben sich ebenfalls Menschen gegen ihre Regime oder schlachten sich seit Jahren zu Millionen ab (siehe Ruanda), aber keinen interessiert es, denn es gibt dort kein Öl und auch keine anderen wichtigen Rohstoffe. Also was scheren die Weltgemeinschaft dann Menschenrechte? Aber offiziell Menschenrechte zu verteidigen, wenn es in Wahrheit um die Sicherung von Ölreserven geht, das scheint auch in Libyen der Fall zu sein.
Der Einzige, der dies – mehr oder weniger – unter der Hand zugibt, ist der russische Ministerpräsident Wladimir Putin. Russland zögerte die UN-Resolution gegen Gaddafi hinaus und kritisierte die Angriffe der »Koalitionstruppen«. Also welche Interessen hat Russland in Libyen?
Zunächst einmal ist da der russische Waffenexporteur Rosoboronexport, der in den vergangenen Jahren Verträge über Panzer und Kampfflugzeuge in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar geschlossen hat. Und auch der staatsnahe Riesenkonzern Gazprom sicherte sich erst vor Kurzem 33 Prozent eines Ölfördergebietes rund 800 Kilometer südlich von Tripolis. Schon 2007 erwarb der Energiekonzern darüber hinaus eine Lizenz für den sogenannten »Block 19« in der libyschen
Wüste sowie eine Offshore-Konzession im Mittelmeer. Im Dezember sicherte sich Gazprom zudem ein Stück Land im Gadamesbecken nahe der algerischen Grenze. Über 20 Millionen Tonnen Öl sollen dort zu finden sein. Darüber hinaus wird auch Erdgas vermutet. Und das nicht von ungefähr. Kreml und Gazprom scheinen eigene strategische Ziele in Nordafrika zu haben und da kommt der Krieg der Amerikaner, Briten und Franzosen, allsamt Konkurrenten auf dem globalen Energiemarkt, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Russland scheint Sorge zu haben, dass es in einem Libyen ohne Gaddafi und nur mit einem von den Amerikanern installierten Marionettenregime keinen Platz mehr für seine eigenen Interessen geben wird. Diese Sorge scheint berechtigt, wenn man sich vor Augen führt, dass die USA in den anderen von ihnen »okkupierten« Ländern wie Afghanistan oder dem Irak fast ausnahmslos nur eigene Unternehmen an der Ölförderung und Energiegewinnung teilnehmen lassen. So gesehen ist der Libyen-Krieg ein Stellvertreterkrieg der beiden Großmächte Russland und USA im Kampf um wichtige Rohstoffe.
So wie es jetzt aussieht, wird Russland unterlegen sein. Aber der Kreml hat sich seit Jahren einen »Plan B« zurechtgeschmiedet und versucht Europa immer mehr von seinen Energielieferungen abhängig zu machen, um auch politisch an Einfluss zu gewinnen. Italien deckt schon fast 50 Prozent seines Verbrauchs aus russischen Energiequellen, Deutschland rund 30 Prozent und manche osteuropäische Staaten sind schon beinahe zu 100 Prozent auf Russland angewiesen. Die EU will sich zwar unabhängiger von russischem Gas machen, aber die einzige Alternative, nämlich Norwegen, rechnet bereits im Jahr 2013 mit einer schrittweisen Abnahme seines Fördervolumens, weil die Natur nicht mehr hergibt.
So gesehen wären die Energiereserven in der libyschen Wüste ein enormer Vorteil für die Russen. Doch haben die Amerikaner einmal Öl gerochen, dürfte es schwer sein, sie wieder aus Nordafrika zu verdrängen, bevor sie sich die Taschen vollgestopft haben.
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