Wednesday, 23. May 2012
15.03.2011
 

Tschernobyl 2.0

Michael Grandt

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 war bei uns vergessen. Doch die aktuellen Ereignisse im japanischen AKW Fukushima führen uns drastisch vor Augen, dass sich das, was vor 25 Jahren in der Ukraine geschah, jederzeit wiederholen kann – eine schmerzliche Reise in die Vergangenheit.

Tschernobyl – die Bilder:

Eine zerbrochene Puppe, inmitten von Glasscherben. Ein umgefallener Stuhl, ein zusammengebrochener Tisch. Ein Teller auf dem Boden. Ein evakuierter Kindergarten.

Zwei Männer in dunklen Schutzanzügen, Kapuzen über dem Kopf, Schutzmasken vor den Gesichtern – sie sehen aus wie mutierte Ameisen. Sie tragen ein Warnschild über eine steinige Straße am Rande der 30-Kilometer-Sperrzone.

Ein Friedhof inmitten eines laublosen Waldes. Die Holzkreuze ragen wie Zähne in den wolkenverhangenen Himmel. Ein Schild, das vor Radioaktivität warnt. Ein Mann mit langem Umhang. Eine Mütze, ein weißes Tuch über den Mund und die Nase. Er dekonterminiert einen Lastwagen, der Tschernobyl verlassen will.

Alte Bücher, Ikonen, eine Vase, einen Bilderrahmen als Überbleibsel einer Massenflucht.

Ein neugeborenes Pferd, noch voller Fruchtwasser und Blut. Es hat acht Beine und ein Auge.

Ein Tanklaster, der durch die leeren Straßen von Kiew fährt und die Radioaktivität wegzusprühen versucht. Eine alte Frau mit Kopftuch, sie sitzt vor ihrem kleinen Holzhäuschen, eine schwarz-weiß gefleckte Katze neben ihr auf der Treppe.

Ein kleines, hilfloses Bündel. Es hat keine Stirn, stattdessen läuft die Schädeldecke nach vorn hin spitz zu. Schwarzer Flaum bedeckt das Köpfchen, das seitlich abgeplattet ist, als hätte es einen schweren Schlag überstanden. Keinen Hinterkopf. Alles ist so seltsam flach und abgeschrägt. Irmina Dodschenko wurde am 1. Februar 2001 in Manewitschi geboren. Sie leidet unter Mikrozephalie. Die Ärztin erklärt: »Irmina wird nicht erwachsen werden, sondern vorher sterben. Die Gehirnmasse wird stetig zunehmen, aber der kleine Schädel nicht mitwachsen. Das Gehirn wird größer und größer und Irmina wird unter schrecklichen Schmerzen sterben – die Eltern haben das Kind einfach ausgesetzt. Sie konnten es wohl nicht mehr mit ansehen.«

Im nächsten Bett liegt ein anderes Kind. Illuschina. Sie hat keine Geschlechtsorgane. Die Harnblase befindet sich nicht, wie gewöhnlich, im Bauch, sondern in einem Schwulst über dem Schambein. In der Ecke bewegt sich ein drittes Baby. Äußerlich fast als »normal« zu bezeichnen. »Mischa leidet unter zerebraler Paralyse, eine Folge von Tschernobyl«, erklärt die Ärztin. »Er ist taub, blind und schwachsinnig.«

 

Tschernobyl – der Anfang

Druckröhren-Reaktor (RBMK-1000) Nummer vier in Tschernobyl: 1.000 Megawatt Leistung. Der Reaktorenblock ist ein Grafitblock (sieben Meter hoch, 11,8 Meter Durchmesser) mit 1.693 senkrechten Arbeitskanälen. In ihnen die Druckrohre mit den Uran-Brennelementen. Durch die atomaren Spaltprozesse wird das durchströmende Wasser auf 284 Grad Celsius erhitzt. Der Wasserdampf, der dadurch entsteht, wird in Separatoren abgeschieden und treibt die Turbinen zur Stromerzeugung. Den Kühlmittel-Kreislauf halten acht Hauptumwälzpumpen in Gang. Die atomare Reaktion kann durch Einfahren von 179 Steuerstäben gebremst oder gestoppt werden. Die Betonhülle des Reaktorkerns ist luftdicht mit einem Stahlblechmantel ausgekleidet, gefüllt mit einem Helium-Stickstoff-Gemisch, damit der Sauerstoff ferngehalten wird, um die Entzündung des Grafits zu verhindern.

26. April 1986, 1 Uhr 23 Minuten, 44 Sekunden:

Reaktor Nummer vier erwacht aus seinem Schlaf, in dem er das Hundertfache seiner Nennleistung erreicht. Brennstäbe bersten, blaurote Flammen erhellen die Nacht. Ein Inferno – ein atomares Höllenfeuer bricht los. Das radioaktive Inventar des Reaktorkerns entspricht etwa dem von 1.500 Hiroshima-Bomben. Betonbrocken und hoch radioaktiver Brennstoff werden aus dem künstlichen Vulkan geschleudert. Die radioaktive Staubwolke steigt bis in die Stratosphäre, vergiftet die Umwelt und uns alle. Minuten später: schwarzer Regen (»Tschernobyl«).

 

Tschernobyl – die Lügen

Gut informierte Parteibonzen und Funktionäre flüchten wenige Stunden nach dem GAU aus dem umliegenden Gebiet und sogar aus Kiew. Erst 36 Stunden später wird die gesamte Arbeitersiedlung Pripjat (49.000 Bewohner) evakuiert – 36 Stunden zu spät.

Eine Fläche von rund 100.000  Quadratkilometern ist stark verseucht und mit radioaktivem Cäsium 137 kontaminiert. In der näheren Umgebung leben jetzt noch rund 250.000 Menschen, die ständig medizinischer Kontrolle unterworfen sind.

Die Einwohner von Kiew ahnen auch zwei Tage nach der Katastrophe nicht, was sich knapp 100 Kilometer weiter nördlich von ihnen zugetragen hat. Wie eh und je kaufen sie Obst und Gemüse auf dem Markt und schmücken die Häuser und Straßen für den 1. Mai. In der unmittelbaren Nähe des geborstenen Reaktors (etwa einen Kilometer entfernt) wird sogar ein Fußballspiel ausgetragen, als sei nichts geschehen. In der Prawda ist nicht viel über die Reaktorkatastrophe zu lesen, lediglich: »Es entstand eine komplizierte, außerordentlich schwierige, jedoch kontrollierbare Situation.«

Die Sowjets verharmlosen: zwei Tote, 197 Verletzte, davon 18 in akuter Lebensgefahr. 50 Patienten haben das Krankenhaus sogar schon wieder verlassen.

In der ersten Mai-Woche werden dann aber Sonderzüge eingesetzt, um Kinder und Mütter aus Furcht vor den Tschernobyl-Strahlen wegzubringen. Zunächst wird nur Schwangeren die Flucht angeraten. Bewaffnete Polizisten kontrollieren die abfahrenden Fahrzeuge. 250.000 Kinder werden vorzeitig in die Sommerferien geschickt. Schtscherbina, der Bevollmächtigte für Tschernobyl, verkündet, das Vieh sei aus dem Sperrgebiet evakuiert, Boris Jelzin hingegen, es sei erschossen worden.

Tschernobyl selbst wird erst eine Woche nach dem Zwischenfall geräumt. Dann wird der Zehn-Kilometer-Sperrkreis auf 30 Kilometer ausgeweitet. Für die Evakuierten bestehen laut Boris Jelzin aber »keine gesundheitlichen Risiken« und die amtliche Nachrichtenagentur TASS verkündet, es gebe keinen Anlass zu »unbegründeter Skepsis«. Lügen über Lügen.

In Deutschland empfehlen Experten, kein frisches Obst mehr zu essen und das Gemüse sorgfältig zu waschen. Die Kinder sollen nicht auf Spielplätzen und im Freien spielen, wenn doch, dann soll man sie danach baden. Säuglinge sollen nicht bei offenem Fenster schlafen, keine Milch trinken. Alle sind verunsichert, wissen nicht, was überhaupt los ist. Jeden Tag gibt es neue Meldungen und Verhaltensvorschriften.

Am 6. April 1993 ereignete sich ein weiterer schwerer Atomunfall in der Uran-Wiederaufbereitungsanlage im sibirischen Geheimprojekt Tomsk-7. Das russische Fernsehen spricht von »einigen hundert Metern Erde«, die verseucht sein sollen, Radio Moskau einen Tag später schon von 1.000 Quadratmetern. Am 8. April wird die Verseuchung eines Gebietes von 150.000 Quadratmetern eingeräumt – und dann geschwiegen.

 

Tschernobyl – die Folgen

Haustiere werden blind, taub, tot oder missgebildet geboren. Die Kuh, die Katze, den Hund, den Vogel, alle hat es erwischt. Es gibt über 5.000 Menschen, die durch die Strahlung zu Invaliden werden. 15.000 Menschen mit Leiden, die auf die Strahlung zurückzuführen sind. 180.000 Menschen, die in Tschernobyl beim Aufräumen beschäftigt sind. 130.000 Evakuierte und Umsiedler aus der reaktornahen Zone. 12.000 Kinder, die unmittelbar nach dem 26. April 1986 geboren werden. 60.000 Kinder, in deren Schilddrüsen Ärzte erhöhte Werte radioaktiven Jods entdecken. Weit über eine Million Kinder, die an den Folgen der Strahlenkatastrophe leiden. Jährlich Tausende von Toten. Eine Million umgesiedelter Menschen, die sich weigern wegzugehen.

 

Atomstrahlen und der Mensch

Eine starke Strahlenbelastung wirkt sich zunächst auf das Herz- und Gefäßsystem aus. Die Herzkranzgefäße werden in Mitleidenschaft gezogen. Es folgen dann die inneren Organe, wie Leber, Niere und so weiter. Man fühlt sich schwach und müde. Zudem treten oft Kopfschmerzen auf, die durch Gefäßkrämpfe verursacht werden. Wer Plutonium einatmet, schädigt den Magen- und Darmtrakt, was wiederum zur Bildung von Geschwüren führt.

Strahlenkrankheiten sind nicht mit Händen, Augen oder Ohren wahrzunehmen. Es gibt kein menschliches Sinnesorgan, um radioaktive Strahlungen zu erspüren. »Die Strahlenkrankheit ist keine Krankheit, sie ist der Tod. Die Frage ist nur, wie schnell das Sterben geht.« Das meinen jedenfalls die Ärzte.

Es gibt keine Untersuchungsmethode, um nachträglich festzustellen, mit wie viel REM (»röntgen equivalent man«, die Menge der Strahlung, die von einem Menschen aufgenommen wird) ein Mensch bestrahlt wurde. Die Supraletaldosis von 1.000 oder mehr REM bewirkt schon nach wenigen Minuten Schwindelgefühle, Erbrechen, Durchfall, Fieber, dann das Delirium und den Tod.

Wer 400 bis 700 REM abbekommt, quält sich vielleicht noch zwei Wochen länger. Schleimhäute und die Haut entzünden sich, zerfallen. Man kann weder essen noch trinken und hat Fieber bis zu 40 Grad Celsius. Das Hinterlistige: Zwischendurch kann es zu »symptomfreien Intervallen« kommen, die für wenige Stunden aber auch einige Tage andauern können und dem Sterbenden eine Überlebenschance vorgaukeln. Aber wer keine Intensivbehandlung mit keimfreien Zonen in Spezialkliniken, bilanzierte Flüssigkeits- und Kalorienzufuhr, maschinelle Beatmung, Schmerztherapie und Knochenmarktransplantation erhält, stirbt – hundertprozentig. Jod-Tabletten helfen nur der Schilddrüse, blockieren vorübergehend die Einlagerung radioaktiven Jods, beugen einem eventuell in Jahrzehnten später auftretenden Schilddrüsenkrebs vor.

Zeitbombe im Körper: Radioaktiv strahlende Elemente gelangen durch Atemluft, Nahrungsmittel, Wasser und Hautkontakte in uns und konzentrieren sich auf die unterschiedlichen Organe. Die Gefährlichkeit ist dabei abhängig von der Menge und der Art einer Substanz sowie ihrer Halbwertzeit (HWZ), die den Zeitraum bezeichnet, in dem jeweils die Hälfte einer Menge der radioaktiven Substanz zerfällt.

 

Die Wirkungen radioaktiver Strahlungen auf den menschlichen Körper

Jod 131 konzentriert sich auf die Schilddrüse. Die Strahlenbelastung kann Jahre oder Jahrzehnte später Schilddrüsenkrebs auslösen. HWZ: acht Tage.

Cäsium 137 sammelt sich in allen Muskeln, wird in Stoffwechselprodukte eingebaut. HWZ: 30,2 Jahre.

Strontium 90 zerstört das Knochenmark und die Blutbildung. Betroffen sind alle Skelettanteile. HWZ: 28 Jahre.

Ruthenium 106 kann die Bildung der roten Blutkörperchen stören und Brustkrebs auslösen. HWZ: ein Jahr.

Tritium lagert sich in Keimdrüsen ab. Jede radioaktive Strahlung kann Schäden im Erbgut hervorrufen. HWZ: 12,3 Jahre.

Krypton 85 ist ein Edelgas, das sich, eingeatmet, im ganzen Körper verteilt und die Wahrscheinlichkeit von Blutkrebs innerhalb der nächsten zwei Jahre erhöht. HWZ: 10,7 Jahre.

Tellur 137 ist vor allem im Stoffwechsel der Leber nachzuweisen, kann Leberkrebs auslösen. HWZ: 100 Tage.

Plutonium 239 ist hochgiftig, schädigt das Gewebe und aus Leber, Lunge, Knochen (wo es sich konzentriert) nicht zu entfernen, löst Krebs in allen Formen aus. HWZ: 24.000 Jahre.

Barium 140 wird in die Knochen eingelagert, und die Strahlung kann noch 20 bis 30 Jahre später Knochenkrebs auslösen. HWZ: 13 Tage.

 

Tschernobyl – auch in Deutschland?

Glauben Sie, ein solcher GAU könnte sich auch bei uns wiederholen?

Biblis bei Darmstadt am 4. März 1994: Eine der Hauptkühlpumpen des Primärkreislaufs hat Feuer gefangen. Der Brand kann erst nach 42 Minuten gelöscht werden. Ein paar Tage später: Ein undichtes Kurbelgehäuse wird beim Probelauf eines Notstrommotors entdeckt. Eine Ölpumpe fällt im Turbinenbereich aus. Dadurch kann die Wärmeenergie nicht mehr abgeleitet werden. Um eine unkontrollierte Überhitzung zu verhindern, muss die Reaktorschnellabschaltung die Steuerstäbe in den Reaktordruckbehälter versenken. Im selben Monat: Ein erneuter Störfall zwingt wiederum zur Stilllegung. In einer Probenahmeleitung, die nach außen führt, ist ein Leck aufgetreten. Atomexperten sprechen davon, die Anlage sei derzeit nicht gegen eine Wasserstoffexplosion, ein Erdbeben, einen Kühlmittelverlust und einen Brand am Rangierverteiler gesichert. In beiden Blöcken des Atomkraftwerks Biblis fanden seit ihrer Inbetriebnahme über 550 Störfälle statt.

 

 

 

 


 

 

 

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