Saturday, 27. August 2016
10.02.2016
 
 

Beginnt der Dritte Weltkrieg im Nahmittelosten? Saudi-Arabien und die Türkei erwägen eine Bodeninvasion in Syrien

Michael Snyder

Stehen Saudi-Arabien und die Türkei kurz davor, Bodentruppen nach Syrien zu entsenden? Und wenn es so käme, wie würden Russland, der Iran und die syrische Regierung darauf reagieren? 2016 ist Syrien zum »Ground Zero« für einen seit Jahrhunderten anhaltenden Konflikt geworden. Seit mehr als 1000 Jahren streiten Sunniten und Schiiten um die Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten.

 

Saudi-Arabien, die Türkei und andere sunnitische Länder hatten gehofft, Syrien in ein sunnitisches Land verwandeln zu können. Seit Jahren haben sie daher die Terrormiliz des Islamischen Staates (IS) und seine Vorläuferorganisationen sowie andere sunnitische Rebellengruppen finanziert und bewaffnet, um das Assad-Regime zu stürzen.

In der Anfangsphase des Konflikts verlor das Assad-Regime deutlich an Boden. Aber dies änderte sich grundsätzlich, als die Syrer Russland und den Iran um Hilfe baten. Natürlich verfolgen die Iraner auch ihre eigenen langfristigen Ziele. Sobald Assad einmal nicht mehr an der Macht ist, hoffen die Iraner, Syrien in ein schiitisches Land verwandeln zu können, das von der Hisbollah gesteuert und beherrscht wird.

 

Derzeit verlieren die Sunniten, die Schiiten gewinnen. Unablässige russische Luftangriffe haben es den Bodentruppen der Syrer, Iraner und der Hisbollah ermöglicht, deutliche Fortschritte zu erzielen, und jetzt haben sie Aleppo eingeschlossen. Vor dem Krieg war Aleppo die größte Stadt in Syrien und gehörte von Anfang an zu den Hochburgen der Rebellen. Sollte Aleppo fallen, wäre der Krieg damit wahrscheinlich praktisch entschieden.

 

Gegenwärtig fliehen Tausende Menschen aus Aleppo, da die russischen Luftangriffe auch der Umgebung weiter anhalten. Ohne Hilfe von außen werden die sunnitischen Kräfte, die anfangs so optimistisch waren, Assad stürzen zu können, sich nicht mehr lange halten können.

 

Angesichts dieser zunehmend verzweifelten Lage erwägen Saudi-Arabien und die Türkei das bisher Undenkbare: einen offenen Einmarsch in Syrien mit Bodentruppen.

 

Ein solcher Schritt könnte durchaus dazu führen, im Nahmittelosten den Dritten Weltkrieg auszulösen. Aber aus ihrer Sicht haben Saudi-Arabien und die Türkei bereits so viel in diesen Konflikt investiert, dass sie offenbar nicht bereit sind, jetzt aufzugeben und sich zurückzuziehen.

 

So erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am vergangenen Wochenende gegenüber Journalisten:

»›Die Lage in Syrien kann nicht mehr lange so bleiben, wie sie jetzt ist. An einem gewissen Punkt muss es zu Veränderungen kommen‹, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Wochenende gegenüber Journalisten an Bord eines Flugzeuges auf der Rückreise von Lateinamerika in die Türkei.«

Wie in den vergangenen Tagen ausführlich dokumentiert, stehen Ankara, Riad und Doha hinsichtlich ihrer Bemühungen, Baschar al-Assad zu stürzen und die sunnitische Hegemonie auf der arabischen Halbinsel zu festigen, mit dem Rücken an der Wand.

 

Die Hisbollah hat mit ihren Bodentruppen Aleppo eingeschlossen. Sie wird bei ihrem Vormarsch von unerbittlichen russischen Luftangriffen unterstützt. Die Rebellen wurden von ihren Versorgungslinien aus der Türkei abgeschnitten. Und ohne eine direkte Intervention entweder seitens der USA oder der Golfstaaten wird die Opposition, die die Friedensverhandlungen in Genf aufgrund der anhaltenden Luftangriffe Moskaus verlassen hat, die Schlacht um Syrien verlieren.

 

Laut Bloomberg fügte Erdoğan seiner Stellungnahme noch eine unheilverkündende Äußerung hinzu:

»Über diese Dinge redet man nicht öffentlich. Falls erforderlich, tut man das Notwendige. Schon jetzt bereiten sich unsere Sicherheitskräfte auf alle Eventualitäten vor.«

Die Saudis nehmen da kein Blatt vor den Mund. Sie erklären öffentlich, sie seien bereit, Bodentruppen in den Kampf nach Syrien zu entsenden:

»Achmed Asseri, ein Sprecher der unter der Führung Saudi-Arabiens im Jemen kämpfenden Koalition, sagte, die Saudis seien darüber hinaus bereit, im Rahmen einer umfassenden Offensive gegen den Islamischen Staat Bodentruppen nach Syrien zu entsenden, berichtete der Nachrichtensender al-Arabiya am Freitag.«

Und einer ihrer führenden Generäle erklärte gegenüber Al Jazeera:

»›Das saudische Königreich hat heute seine Bereitschaft erklärt, sich mit Bodentruppen an der von den USA angeführten Koalition gegen den Islamischen Staat (IS) zu beteiligen, denn wir konnten im Jemen Erfahrungen sammeln‹, sagte Brigadegeneral Achmed Asseri gegenüber Al Jazeera.

 

›Uns ist klar, dass Luftangriffe allein nicht ausreichen und eine Bodenoperation notwendig ist. Wir müssen beides kombinieren, um am Boden bessere Ergebnisse zu erzielen.‹«

Neben Saudi-Arabien erklärte auch die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate, man sei bereit, Truppen nach Syrien zu entsenden. Im Folgenden ein Auszug aus einem Artikel von Felipe Araujo, der am 8. Februar in der britischen Tageszeitung Express erschien:

»Am Sonntag hieß es aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), einem Zusammenschluss von sieben Staaten und einem der wichtigsten Wirtschaftszentren der Nahmittelostregion, man sei bereit, Bodentruppen zur Unterstützung zu entsenden und Soldaten der internationalen Koalition in dem vom Krieg zerstörten Land auszubilden.

Außenminister Anwar Gargasch sagte, mit Bodentruppen könne man den IS, der auch als ›Daesch‹ bekannt ist, am wirksamsten bekämpfen. Weiter meinte er: ›Wir haben schon immer die Auffassung vertreten, eine wirkliche Offensive gegen Daesch müsse auch Bodentruppen einschließen.‹«

Das ganze Gerede seitens der VAE und der Saudis, man werde gegen den IS kämpfen, ist blanker Unsinn. Aufgrund der Russen, der Iraner und der Hisbollah sind der IS und andere sunnitische Rebellengruppen massiv unter Druck geraten. In Wahrheit gibt es nur einen Grund, aus dem die VAE, die Saudis und die Türkei in Syrien mit Bodentruppen einmarschieren würden: die Unterstützung für die sunnitischen Aufständischen, damit diese noch eine Chance haben, den Krieg zu gewinnen.

 

Und natürlich würden sie sich über die Unterstützung der USA bei diesem Abenteuer freuen. Aber die Regierung Obama scheint kein großes Interesse daran zu haben, sich in diesem Kampf mit Bodentruppen in großer Zahl zu engagieren.

 

Meiner Meinung hat die Regierung Obama erkannt, dass eine offene Invasion Syriens zu diesem Zeitpunkt sehr leicht zu einem Krieg mit Russland führen könnte. Im Folgenden ein kurzer Auszug aus einem Gespräch, das der amerikanische Außenminister John Kerry Berichten zufolge am Rande der internationalen Geberkonferenz für Syrien in der vergangenen Woche in London mit einem Angehörigen einer syrischen Hilfsorganisation führte:

»Zwei syrische Angehörige einer Hilfsorganisation berichteten, sie hätten Kerry auf einem Empfang am Rande der Geberkonferenz angesprochen und ihm vorgeworfen, er unternehme nicht genug, um die syrische Zivilbevölkerung zu schützen. Kerry entgegnete, dafür sollten sie die syrische Opposition verantwortlich machen.

›Im Grunde sagte er, es sei die Opposition gewesen, die nicht verhandeln und auch keinen Waffenstillstand wolle, und dann gingen sie weg‹, sagte der zweite Mitarbeiter der Hilfsorganisation gegenüber Middle East Eye in einem weiteren Gespräch, wollte aber namentlich nicht genannt werden.

›Was soll ich denn Ihrer Ansicht nach tun? Einen Krieg mit Russland vom Zaun brechen? Wollen Sie das?‹, soll Kerry die beiden Mitarbeiter der Hilfsorganisation laut ihrer Schilderung gefragt haben.«

Und wo er recht hat, hat er recht.

 

Sollte eine sunnitische Koalition unter Führung der USA eine offene Invasion Syriens durchführen, wäre Russland zu einer Reaktion gezwungen. Und wenn einmal Amerikaner und Russen damit begonnen haben, sich gegenseitig zu töten, wäre es bis zum Dritten Weltkrieg nur noch ein ganz kleiner Schritt.

 

Aber selbst ohne Beteiligung der USA besäße ein gemeinsames militärisches Eingreifen seitens Saudi-Arabiens und der Türkei das Potential, einen größeren Krieg im Nahmittelosten auszulösen. Und niemand weiß, wohin sich ein solcher Konflikt dann ausbreiten würde.

 

Unsere Welt wird immer unsicherer und instabiler. Die Lage in Syrien ist zum Pulverfass geworden, das die weltweiten Spannungen praktisch jederzeit zur Explosion bringen könnte.

 

Hoffentlich besinnen sich Saudi-Arabien und die Türkei und hören auf den gesunden Menschenverstand. Sollten sie sich für eine Invasion entscheiden, gibt es nur wenig zu gewinnen, aber so viel zu verlieren. Sie werden niemals in der Lage sein, die gemeinsame Streitmacht der Russen, der Iraner und der Hisbollah zu besiegen, aber sie könnten mit ihrem Vorgehen einen Krieg auslösen, den niemand wollen kann.

 

 

 


Sündenfälle westlicher Politik

Wer den Wind sät, wird Sturm ernten: Michael Lüders beschreibt die westlichen Interventionen im Nahen und Mittleren Osten und zeigt ihre desaströsen Folgen, darunter Terror, Staatszerfall, den Siegeszug islamistischer Milizen und den Erfolg des »Islamischen Staates«. Wer wissen will, wie in der Region alles mit allem zusammenhängt, der greife zu diesem Schwarzbuch der westlichen Politik im Orient.

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