
Aber betrachten wir zunächst einmal die ursprüngliche Meldung: Bloomberg berichtete, das Wachstum der chinesischen Exporte habe im Juni nicht den Erwartungen entsprochen:
»Die chinesischen Importe wuchsen im Juni weniger als erwartet und ließen den Handelsbilanzüberschuss dadurch auf den höchsten Stand seit drei Jahren ansteigen. Damit steigt der Druck auf die Regierung, angesichts der Schwäche der Weltwirtschaft die Binnennachfrage anzukurbeln.
Gegenüber dem Vorjahr stieg der Umfang der per Schiff transportierten eingehenden Güter um 6,3 Prozent, hieß es heute in einer Meldung der Zollbehörden in Beijing. Bloomberg News war demgegenüber aufgrund der durchschnittlichen Einschätzung von 32 Ökonomen von einem entsprechenden Wachstum von elf Prozent ausgegangen. Das Exportwachstum verringerte sich auf 11,3 Prozent und der Handelsbilanzüberschuss wuchs auf 31,7 Milliarden Dollar an.
Dieser enorme Überschuss könnte die Handelsbeziehungen zu den USA weiter belasten, nachdem diese die Europäische Union (EU) in der ersten Hälfte dieses Jahres von der Position des größten chinesischen Exportmarkts verdrängt hatten. Hinzu kommt der anstehende Präsidentschaftswahlkampf in den USA, der von China kritisch beobachtet wird.
Der Handelsüberschuss Chinas gegenüber den USA und das Ausbleiben von Währungsgewinnen spielten bereits im Vorwahlkampf eine wichtige Rolle und werden auch im eigentlichen Wahlkampf im Mittelpunkt stehen, da der Zuwachs an Arbeitsplätzen im vergangenen Quartal deutlich an Schwung verloren hat. Obamas vermutlicher republikanischer Herausforderer Mitt Romney warf dem Präsidenten eine zu weiche Haltung gegenüber China vor. In der gleichen Zeit verschärfte Obama seine Handelsbeschwerden gegenüber China: In der vergangenen Woche warf er China vor, den Import amerikanischer Kraftfahrzeuge – vor allem von General Motors und Chrysler – durch unfaire Importzölle zu behindern.«
Werden die USA darauf mit protektionistischen Maßnahmen reagieren?
Mitt Romney schlug vor, China als »Währungsmanipulator« zu brandmarken und Importzölle zu verhängen, sollte der Wechselkurs des Yuan nicht endlich freigegeben werden.
Sollte Romney die Zölle anheben, werden drei Entwicklungen eintreten, die allesamt nichts Gutes bedeuten:
- Ein allgemeiner Preisanstieg;
- eine Abschwächung der Konjunktur und des Wachstums und
- wird China seinerseits mit der Einführung von Zöllen reagieren oder seine Einfuhren von Gütern aus Europa erhöhen und aus den USA verringern.
Im Kern würde dies darauf hinauslaufen, dass die Preise für Güter und Dienstleistungen allgemein anstiegen, was mit der Hoffnung verbunden wäre, dadurch einige wenige Hundert neue Arbeitsplätze in der güterproduzierenden Industrie zu schaffen (während andererseits einige Zehntausend Arbeitsplätze in der folgenden Rezession vernichtet würden).
Übereinstimmung mit IWF-Chefin Lagarde
Es kommt nicht allzu häufig vor, dass ich mit der IWF-Chefin Christine Lagarde einer Meinung bin, aber diesmal ist es so, denn Lagarde warnte vor protektionistischen Reaktionen:
»Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, erklärte am Dienstag [10.7.12], die weltwirtschaftliche Lage sei besorgniserregend, und forderte die Länder auf, mit protektionistischen Maßnahmen zurückhaltend zu sein.
Lagarde verwies auf einen ›alarmierenden Bericht‹ der Welthandelsorganisation (WTO) vom Juni dieses Jahres, in dem es hieß, die führenden Handelsnationen weltweit erlägen der Versuchung, angesichts der weltweiten Finanzkrise auf Protektionismus zurückzugreifen.«
Droht die Gefahr eines deflationären Strudels?
Ambrose Evans-Pritchard schrieb in der englischen Zeitung The Telegraph, China stehe vor einem deflationären Schock:
»China droht in einen deflationären Strudel hineingezogen zu werden. Diese Entwicklung zeichnete sich bereits Ende letzten Jahres ab, als es zur stärksten Verringerung der Geldmenge M1 [dem umlaufenden Bargeld ohne Kassenbestände der monetären Finanzinstitute (wie Banken, Geldmarktfonds und anderen) und täglich fälligen Sichteinlagen] seit Beginn der modernen Aufzeichnungen kam. Die neuen konkreten Zahlen bestätigen diese Warnungen.
Die Verbraucherpreise fallen nunmehr seit drei Monaten, bei den Herstellerpreisen hält der Preisverfall bereits seit vier Monaten an. Hier geht es nicht nur um Lebensmittelpreise, das Problem hat systemischen Charakter.
Kommt es nun zur langerwarteten ›harten Landung‹? – Genauso ist es.
Das explosive Kreditwachstum in den vorangegangenen Jahren bildet den Kern des Problems. Dieses Kreditwachstum ist etwa doppelt so hoch – an die 50 Prozent des BIP –, wie es vor Ausbruch der massiven Krisen in den USA und Japan gewesen war.
Offenbar herrscht allgemein die Überzeugung vor, dass China, wann immer es will, die Schleusen des staatlichen Bankensystems öffnen und neue Kreditliquidität bereitstellen kann.
Aber möglicherweise ist die Nachfrage nach Krediten gesunken. Im Juni gaben die vier größten Banken nur Kredite im Umfang von 190 Milliarden Yuan aus. Im Vormonat waren es noch 253 Milliarden Yuan gewesen.
›Die großen Banken bieten alle Kredite an, aber niemand nimmt sie in Anspruch‹, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Broker in Shanghai. Mehr oder weniger das Gleiche geschah in den 1990er Jahren in Japan und vollzieht sich derzeit in Europa. Und in den 1930er Jahren war die halbe Welt davon betroffen.
Aber letzten Endes leidet China vor allem unter einer massiven industriellen Überkapazität.
Wehe der Welt, wenn China tatsächlich eine ›harte Landung‹ hinlegt. Zum ersten Mal seit Menschengedenken würde es dann überall auf der Welt parallel zu Wirtschaftskrisen kommen.«
Weniger für mehr oder mehr für weniger
Pritchard verortet das Problem zu Recht in dem »explosiven Kreditwachstum der vorangegangenen Jahre«. Er schlägt zwar keine direkte Lösung vor (glücklicherweise, weil ich fast immer anderer Ansicht bin), fürchtet aber bestimmte Entwicklungen, die notwendigerweise eintreten müssten.
In einem Kommentar zu Pritchards Artikel schreibt Pater Tenebrarum:
»Es wäre natürlich für uns alle eine hervorragende Nachricht, wenn wir mit billigen Gütern überschwemmt würden. Wer will schon freiwillig mehr bezahlen, wenn er es billiger haben kann? Offensichtlich wird es von einigen als große Katastrophe angesehen, weniger zu bezahlen. Allerdings nicht von mir, und ich bin ziemlich sicher, dass einige Milliarden von Verbrauchern hierin mit mir übereinstimmen.«
Sie können mich auch zu der Gruppe der Milliarden von Menschen zählen, die freudig weniger Geld für mehr Güter oder Dienstleistungen statt mehr Geld für weniger Güter oder Dienstleistungen bezahlen würden.
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