
Am vergangenen Freitag erhielt ich eine E-Mail von Rick Davis von Consumer Metrics mit einer Excel-Kalkulationstabelle im Anhang, aus der hervorging, dass sich die USA bereits im zweiten Quartal eines Schrumpfungsprozesses befinden, wenn man den BIP-Deflator auf der Grundlage des Verbraucherpreisindexes [ein Preisindex, der aus dem nominalen BIP und dem realen, d.h. preisbereinigtem BIP errechnet wird] und nicht auf Grundlage des Preisinflationsmaßstabes des Bureau of Ecomomic Analysis (BEA) berechnet.
Mein Freund Tim Wallace bemerkte dazu, die Erklärung von Davis stimme mit seiner Analyse Petroleum Distillates Demand Shows »Definite Economic Downturn Starting April/May 2011« überein. Daher war Wallace überhaupt nicht überrascht.
In der Zwischenzeit hatte mir auch Doug Short einige E-Mails geschickt. Er hatte bereits das ausgewertet, was ich graphisch darstellen wollte. Werfen wir einen Blick darauf.
Der Deflator bewirkt den großen Unterschied
Lesen Sie bitte »Das tatsächliche BIP möge sich bitte erheben« (in englischer Sprache) von Doug Short.
»Wie errechnet man aus dem nominalen BIP das reale [preisbereinigte] BIP? Indem man die Inflation abzieht. Das Bureau of Economic Analysis (BEA) verwendet zu diesem Zweck einen eigenen BIP-Deflator, der sich vom BEA-Deflator für Ausgaben des persönlichen Verbrauchs (PCE) etwas und vom bekannteren Verbraucherpreis-Index des Inflationsmaßes des Bureau of Labor Statistic (eine dem Arbeitsministerium unterstellte Behörde für Wirtschafts- und Arbeitsstatistik) erheblich unterscheidet.
Ich habe meine Daten aktualisiert, die die Entwicklung des realen BIP seit 1960 anhand der offiziellen und dreier unterschiedlicher Bereinigungs-Methoden zeigen. Das erste Diagramm stellt die offiziellen Zahlenreihen dar, wie sie von der BEA mit dem BIP-Deflator berechnet wurden. Das zweite Diagramm beginnt mit dem nominalen BIP und bereinigt mittels des PCE-Indexes, der ebenfalls von der BEA berechnet wird. Das dritte Diagramm bereinigt das nominale BIP mittels des Verbraucherpreis-Indexes für städtische Verbraucher (CPI-U) oder wie ich es bevorzuge, einfach nur CPI. Das vierte Diagramm - eine Neuheit, die ich aufgrund verschiedener Bitten hinzugefügt habe – zeigt das nominale BIP, das auf der Grundlage des Alternativen CPI bereinigt wurde, den der Ökonom John Williams auf der Internetseite www.shadowstats.com veröffentlicht hat.
(Die folgenden Diagramme stellte uns großzügiger Weise Doug Short zur Verfügung.)
Reales BIP mit BIP-Deflator:

Reales BIP mit VPI-Deflator:

Das nennt man eine Rezession
Es ist klar zu erkennen. Tim Wallace hat es entdeckt, Rick Davis und Doug Short haben es entdeckt.
Man braucht eigentlich gar kein Diagramm dazu.
Ich habe schon seit langer Zeit von einer weltweiten Abkühlung gesprochen. Mich interessierte nur, wann endlich das National Bureau of Economic Research (NBER) das Offensichtliche anerkennen würde. Ich weiß es immer noch nicht, aber, wie ich oben schon schrieb, rechne ich damit, dass das NBER die Rezession auf dieses oder das kommende Quartal zurückdatieren wird.
Aber das ist eine Vermutung und keine Gewissheit.
Stecken wir seit 1988 ununterbrochen in einer Rezession?
Doug Short hat das folgende Diagramm auf der Grundlage des VPI erstellt, den John Williams auf der Internetseite www.shadowstats.com berechnet hat:
Diagramm: Reales BIP (die ShadowStats-Variante: Nominales BIP bereinigt anhand des ShadowStats-VPI)
Williams hält wie ich das Konzept des BIP für Unsinn (und das tue ich tatsächlich, denn die ersten 2 Prozent sind hedonistisch kalkuliert und beruhen auf Anrechnungen), aber er treibt das Konzept in lächerliche Extreme.
Doug Short kommentiert das höflich: »Ich halte dieses ›alternative BIP‹ für ein interessantes Konzept (wenn auch auf eine gewisse ausgeflippte Weise), aber ich persönlich halte dieses hyper-negative BIP nicht für glaubwürdig.«
Ein »ausgeflippter« Bericht zu Hyperinflation
Lesen Sie dazu Williams Sonderbericht zur Hyperinflation (aktualisierte Fassung aus dem Jahr 2010).
»Es besteht ein erhebliches Risiko, dass sich bereits in dem vor uns liegenden Jahr eine Hyperinflation entwickelt; ihr Auftreten kann aller Wahrscheinlichkeit nach nicht bis über 2014 hinaus aufgeschoben werden.

Aufgrund dieses Umfeldes aus sich rasch verschärfenden Haushaltsproblemen und damit verbundenen Finanzierungslücken könnte es zu einem schnellen und nachhaltigen Wertverlust des Dollars und amerikanischer Staatsanleihen kommen. Die [US-Notenbank] Federal Reserve (Fed) wäre dann gezwungen, in erheblichem Maße Staatschulden [etwa durch den Ankauf von Staatsanleihen] zu refinanzieren. Dies würde die ersten Phasen einer Geldinflation einleiten. Unter solchen Umständen würde das milliardenschwere Defizit einen Teufelskreis aus Abwertung und Hyperinflation in Gang setzen.«
Wann kommt es zur Hyperinflation?
William schrieb die eben zitierte Einschätzung 2009 und aktualisierte sie dann ein Jahr später.
Es lässt einen schon schmunzeln, wenn William selbst in seinem Sonderbericht zur Hyperinflation 2011 seinen Zeitrahmen für das Einsetzen der Hyperinflation so kommentiert:
»Äußerlich betrachtet ist mit dem Einsetzen der Hyperinflation weiterhin 2014 zu rechnen, aber es besteht ein erhebliches Risiko, dass sich bereits in den vor uns liegenden Monaten eine Währungskatastrophe entfaltet. Möglicherweise hat sie bereits eingesetzt, wenn wir diesen Bericht zum Drucker geben, aber bevor es dann zu einer ausgewachsenen Hyperinflation kommt, können nach den ersten Anfängen noch Monate bis hin zu einem Jahr vergehen. Dies hängt von der weltweiten Bewertung des Dollars und den Reaktionen der amerikanischen Regierung und der Federal Reserve ab…
Die Reaktionen der Regierung in Washington und der Federal Reserve auf die Wirtschafts- und Finanzkrisen des Jahres 2007 werden den zugrundeliegenden Prozess sowohl in Bezug auf die Haushaltskrise als auch die weltweite Wahrnehmung dieser Probleme beschleunigen und den äußeren Zeitrahmen für das Einsetzen der Hyperinflation von 2018 auf 2014 verschieben.
In den vergangenen ein bis zwei Jahren haben die Maßnahmen und die ihnen zugrundeliegende Politik der Regierung und der Fed im Zusammenspiel mit der Entwicklung der Wirtschaft und der Finanzmärkte die Lage allerdings immer verschlechtert, so dass eine deutliche Gefahr besteht, dass wir in den vor uns liegenden Monaten in die Anfangsphase einer Hyperinflation eintreten. Ein wichtiger Indikator für den kurzfristigen Zeitrahmen bleibt ein massives Absinken des Wechselkurses des Dollars und die Flucht der restlichen Welt aus dem Dollar und in Dollar ausgewiesenen Wertpapieren.«
Was Williams nicht versteht
- die Deflation der Schulden
- die unterschiedliche Bedeutung von Kredit und Geld
- die Flucht in Bargeld
- die Bedeutung der Billionen Dollar an Reserveüberschuss, die aufgrund der Unterkapitalisierung der Banken und des Mangels an kreditwürdigen Gläubigern im System existieren
- die geringen Kontrollmöglichkeiten der Fed hinsichtlich der Kreditnachfrage (was zur Inflation führt)
- die Funktionsweise des internationalen Handels
Atemberaubende Unkenntnis
Das sind schon zahlreiche Wissenslücken, aber ich will mich auf einen kritischen Fehler Williams konzentrieren, und das ist seine Erklärung zur »Flucht der restlichen
Welt aus dem Dollar und in Dollar ausgewiesenen Wertpapieren«.
Ich habe schon häufig darauf hingewiesen, dass derartige Stellungnahmen grundfalsch sind. Hier ein Beispiel aus der vergangenen Woche in Michael Pettis: Long-Term Outlook for China, Europe, and the World; 12 Global Predictions.
»Michael Pettis von China Financial Markets verbreitete seine Prognose für China, Europa und die ganze Welt per E-Mail. Die allgemeinen Aussichten sind alles andere als rosig. Es könnte zu einem Auseinanderbrechen der Eurozone, einer deutlichen Abschwächung in China und zu einem Rückschlag in den so hoch geschätzten BRICS-Staaten [Brasilien , Russland, Indien China und Südafrika]kommen.
Pettis schreibt: …
›Der August gilt allgemein als ruhiger Monat, aber dieser August war hektisch und grausamer als es je ein April war. Die amerikanische Herabstufung hat einen Sturm extremer Schwankungen auf den Märkten ausgelöst, zu denen sich in den USA noch die bizarre Frage gesellte, ob China nun seine Ankäufe amerikanischer Schulden einstellen werde oder nicht, und wie wohl die Folgen aussähen, wenn China es täte. Ebenso bizarr waren die verärgerten Äußerungen aus China, man werde keine weiteren Schulden kaufen, solange die USA nicht ihre Wirtschaft reformierten und die Verschuldung abbauten.
Beiden Seiten scheint eine fast atemberaubende Unkenntnis der weltweiten Mechanismen der Zahlungsbilanz gemein zu sein. China kann seine Ankäufe amerikanischer Schulden erst dann einstellen, wenn es in seiner Wirtschaft grundlegende Anpassungsmaßnahmen ergriffen hat, wovor es aber zurückschreckt. Solange das nicht geschehen ist, wird jeder Versuch der USA, ihre Kreditaufnahme und ihre Ausgaben zurückzufahren, zu einem Einbruch der internationalen Nachfrage führen, der entweder in den USA die Arbeitslosigkeit ansteigen lässt, wenn sie die Handelsprobleme ignorieren, oder in China zu steigenden Arbeitslosenzahlen führen wird, wenn die USA versuchen, der chinesischen Währungsintervention entgegenzuwirken. (Hervorhebungen vom Verfasser)
Das ist doch nur Mathematik, meine Dame
Pettis will damit sagen (und auch ich selbst habe es schon viele Male vorgebracht), dass solange die USA ein Handelsdefizit aufweisen, solange werden amerikanische Staatsanleihen Käufer finden.
Das ist keine Spekulation, vielmehr weist diese Behauptung eine an mathematische Sicherheit grenzende Gewissheit auf. Zudem würden es die USA begrüßen, wenn China keine weiteren amerikanischen Staatsanleihen kaufte – genau das Gegenteil vom, was uns die Vertreter der Hyperinflationstheorie glauben machen wollen.
Ertragskurve vom 28.8.2011
Da die absurden Warnungen vor einer kurzfristig bevorstehenden Hyperinflation zunehmen, habe ich einmal eine Ertragskurve berechnet:

Sieht das nun nach einer Hyperinflation oder nach einer Deflation aus?
Zurück in die Wirklichkeit
In der Wirklichkeit erläutert Doug Short das reale BIP pro Kopf, einen Jahresvergleich und die kommende Rezession.
Die folgenden Diagramme zeigen im Jahresvergleich die Veränderungen des realen BIP seit der Vorlage der frühsten Quartalszahlen 1947. Ich habe Rezessionen wieder hervorgehoben. Die roten Punkte zeigen die realen BIP-Werte im Jahresvergleich für das Quartal, in dem die Rezession einsetzte. Die blauen Punkte markieren die jüngsten realen BIP-Werte. Anmerkung: Anders als im vorangegangenen Diagramm zeigt dieses nicht bereinigte Pro-Kopf-Werte.

Wie das Diagramm zeigt, liegt das neueste reale BIP bei 1,5 Prozent und damit unter dem Wert, der den Beginn aller Rezessionen seit Beginn der Veröffentlichung von Quartalszahlen kennzeichnet – mit einer Ausnahme: Die sechs Monate andauernde Rezession des Jahres 1980 begann mit einem im Jahresvergleich niedrigerem BIP (1,4% verglichen mit 1,5% heute). Und nur in einem Fall (dem 1. Quartal 2007) fiel das BIP im Jahresvergleich unter 1,5%, ohne dass eine Rezession im gleichen Quartal folgte. In diesem Fall setzte die Rezession mit einer Verzögerung von drei Quartalen im Dezember 2007 ein.
In seiner Rede in Jackson Hole im Jahr 2011 bemerkte Fed-Präsident Ben Bernanke, ›in der zweiten Jahreshälfte wird das Wachstum sich wahrscheinlich verbessern‹. Ein Blick auf die prozentuale Veränderung des BIP im Jahresvergleich deutet daraufhin, dass das Wachstum im zweiten Halbjahr tatsächlich ansteigen muss, wenn wir eine Rezession vermeiden wollen, die derzeit eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit aufweist. Wenn das reale BIP im 3. Quartal weiterhin dem vorherrschenden Trend folgt, wird das NBER wahrscheinlich einen Monat des 2. Quartals als Beginn einer neuen Rezession ausmachen.«
Sollte das BIP nicht kurzfristig ansteigen, was angesichts des Wirbelsturms Irene mehr als unwahrscheinlich ist, wird das NBER den Beginn der Rezession auf das zweite Quartal zurückdatieren, genau wie Tim Wallace erklärt hat.
Einige Analysten werden Irene dafür verantwortlich machen. Das wäre aber nur eine weitere unsinnige Ausrede, mit der die Analysten nur von ihrer eigenen Verantwortung ablenken wollen. Bernanke könnte das Gleiche versuchen. Aber auch das wäre nur ein weiterer Versuch, Zeit zu gewinnen und auf ein Wunder zu hoffen.
Aber es ist keines in Sicht.
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