Wednesday, 23. May 2012
02.12.2011
 

Pakistan – Afghanistan: neue Islamische Ordnung

Mirza Aslam Beg, General a. D., Pakistan

Im Laufe der Geschichte wurden manche Ungerechtigkeiten durch göttlichen Eingriff (2) korrigiert, um das soziale Gleichgewicht in der Welt zu erhalten. Die jüngste Geschichte kennt zwei solche Korrekturen. Hitler-Deutschland, trunken von der Auffassung einer »Überlegenheit der deutschen Rasse«, suchte die Welt zu erobern und störte ihren Frieden. Doch innerhalb von knapp 15 Jahren wurde die dadurch hervorgerufene Unordnung »durch göttlichen Eingriff« korrigiert, durch eine Koalition der Nationen. Ähnlich begann George H. W. Bush 1990, ermutigt durch den Zusammenbruch der Sowjetunion, einen »Kreuzzug« gegen das muslimische Herzland, um die US-Weltherrschaft zu begründen mit dem Anspruch, das 21. Jahrhundert gehöre den USA. Doch göttlicher Eingriff stellte das Gleichgewicht wieder her – binnen etwas mehr als 15 Jahren, durch bitter arme Afghanen. Die amerikanischen Ambitionen und ihr Stolz liegen nun unter Sand und Steinen in Afghanistan begraben, während der Islamische Aufschwung durch die Region zieht und unsere blutenden Herzen ebenso heilt wie unsere verwundeten Körper.

Die afghanischen Taliban sind jetzt die Sieger und nutzen ihr Recht, die Bedingungen eines Friedens festzulegen, doch das gleiche alte Spiel von 1990 (als die Sowjets aus Afghanistan abzogen und Afghanistans Widerstand sich auch durch gezielte Einmischung von außen völlig zerstritt – Anm. JL) will ihnen die Macht verweigern. Die Islamische Welt hat in den vergangenen 30 Jahren enorm gelitten, blieb jedoch standhaft und schlug die Sowjetunion, die USA, die Europäische Union, Israel und Indien zurück. Der Kampf hat auf diese Weise den »Globalen Islamischen Widerstand« begründet, neue Machtzentren sind aufgeblüht, die bei der Bestimmung der geopolitischen und sozialen Ordnung der Region eine vitale Rolle spielen.

Der Islamische Widerstand wuchs auf afghanischem Boden, unter göttlichem Mandat und in Gegnerschaft zu den Besatzungsmächten, mit einer klaren und endgültigen Botschaft: Warum solltest Du nicht auf dem göttlichen Pfad kämpfen für diejenigen Männer, Frauen und Kinder, die, weil sie schwach sind, bedrückt werden und schreien: »Unser Gott! Rette uns und sende uns Beschützer vor den Unterdrückern!« Koran, IV. Sure, Vers 76 (3)

Als Antwort auf den »Ruf« eilten nach einem CIA-Bericht »mehr als 60.000 Gläubige aus über 70 Ländern den afghanischen Freiheitskämpfern zu Hilfe« und besiegten die Sowjets. Offenbar wurden sie von den USA, Pakistan, Saudi-Arabien und anderen unterstützt, doch ein Jahrzehnt später, von 2001 bis 2011, ohne jede Hilfe von außen, haben sie die Mächtigsten der Mächtigen beschämt. Der afghanischen Widerstand nennt sich selbst »Schattenarmee«, und wie ein Schatten dehnt sie sich aus, zieht sich zurück und kommt wieder, bleibt unfassbar. Das ist die Streitmacht eines Nicht-Staates, ausgerichtet an einer Mission und nicht befasst mit den inneren Angelegenheiten des Landes, in dem sie operiert. Sie bedroht keine Außenstehenden und löst sich auf, sobald die Besatzung endet, so wie es 1990 geschah, als die Sowjetunion sich aus Afghanistan zurückzog.

Die Einheit der Paschtunen (4) gegen Angriffe aus dem Ausland bildete den Rückhalt des Widerstandes und reicht von Karachi (5) bis zum Hindukusch-Gebirge. Sie wird von 24 Millionen Paschtunen in Pakistan und 17 Millionen in Afghanistan unterstützt. Ihren Widerstand kräftigen die Tradition, der religiöse Glaube und Überzeugungen wie Freiheitsliebe. Sie bleiben unbesiegt, wehrhaft und eine Quelle der Kraft sowohl für Pakistan als auch für Afghanistan. Ihr Wille zum Widerstand und zum Sieg wird deshalb als »eine große Bedrohung amerikanischer strategischer Interessen in der Region« angesehen, sagte David Kilkullen (6), australischer Sicherheitsberater auch der USA unter George W. Bush.

Der »Schiitische Halbmond« reicht vom Iran in den Irak, nach Bahrain und schließt starke Minderheiten in Syrien, Saudi-Arabien und Pakistan ein – eine Kraft, mit der zu rechnen ist. Die Amerikaner und ihre Verbündeten fürchten die wachsende Macht des Iran und haben versucht, sie durch Sanktionen, Embargos und Kriegsdrohungen zu unterdrücken, scheiterten jedoch. Der Iran wurde als eine Bedrohung der sunnitischen Nachbarländer Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien und der Golf-Staaten dämonisiert. Diese haben aus Furcht US-Rüstungsgüter im Wert von mehr als 150 Milliarden Dollar gekauft, um der iranischen Bedrohung zu begegnen. Kein Wunder, dass die Truppen der Saudis und des Golf-Kooperationsrates jüngst in Bahrain eingedrungen sind, um die Revolte gegen den sunnitischen Herrscher zu unterdrücken. Damit haben sie einen Krieg zwischen schiitischen und sunnitischen Ländern begonnen, wobei »beide einander zu Tode ausbluten lassen« – wie Henry Kissinger sich ausdrückte.

Als Reaktion auf die Brutalitäten gegen Muslime, vor allem während der vergangenen 30 Jahre, und auf die Tötung von mehr als sechs Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder, haben die Muslime Zuflucht zu ihrem Glauben gesucht, wodurch islamisches Gedankengut in der gesamten Region einen Aufschwung nahm. Die gemäßigte Naqshbandi-Orden (7) zum Beispiel, der während des Ersten Weltkriegs unterdrückt wurde, erfüllt nun die gesamte Region von der Türkei über Syrien bis nach Turkmenistan. Ähnlich ergeht es dem Qadria-Orden, der von Ägypten über den Sudan, Libyen, Tunesien, Somalia und die Nahoststaaten wirkt. Dieser Aufschwung formt den sogenannten »Arabischen Frühling« in »Islamische Bewegungen« um, in Ägypten, Libyen, Somalia, Marokko und im Jemen. Eine streng orthodoxe Islamische Kultur hat sich im Iran, Irak und in Afghanistan herausgebildet. So sieht die sich entwickelnde Realität aus, die die Umrisse der Islamischen Ordnung gegen die Kräfte der Unterdrückung und des Staatsterrorismus bestimmt.

Pakistan hat unter dem Krieg zwischen dem Globalen Islamischen Widerstand und den Besatzungstruppen in Afghanistan unendlich gelitten. Von Tod und Zerstörung einmal abgesehen ist die Wirtschaft Pakistans zerstört; Recht und Gesetz haben gelitten und seine Streitkräfte sind in einen fortdauernden Kampf mit der eigenen Stammesbevölkerung verwickelt. Dies wirkt sich stark auf die Innenpolitik aus, die sich zu einem »Irrweg einer Zivilgesellschaft« entwickelt hat.

Es gibt Dutzende religiöser Parteien in Pakistan, die sich aufgrund von Sekten, Ethnien und verschiedenen Denkschulen unterscheiden und »eine saubere und ehrbare Lebensführung, wie der Islam sie verspricht« nicht erreichen können. Und aus dieser Unordnung heraus ist roboterartig die Klasse der sogenannten »emanzipierten Mehrheit« erwachsen, nahezu 70 Prozent der Bevölkerung; ohne die Lehren des Islam und seine Werte verlange sie eine weltliche Ordnung. Doch die unterdrückte pakistanische Nation trägt die Last des Bekenntnisses zu ihrer nationalen Bestimmung von 1947: »Für eine demokratische Ordnung einzutreten, auf der Grundlage des Koran und der Sunnah.« (8) Immer wieder hat die Nation dieses Bekenntnis ihres nationalen Ziels bestätigt und sie hat meist für die gemäßigten Parteien gestimmt, die Extremisten und Fundamentalisten zurückgewiesen: Weil sie ihren Zweck im Blick behält und weil die Grundrichtung stimmt.

Während sich die Innenpolitik aufheizt, herrscht »ein brutales Gerangel der Geschäftsleute um Macht und Geld, das von Verderben kündet«, sagt Ibn Khaldun. (9) Auf diese Weise erlegt die jetzige prekäre Lage dem pakistanischen Volk, den Gerichten und dem Militär besondere Verantwortung auf, zu handeln und sich daraus zu befreien.

 

General a. D. Mirza Aslam Beg (1);

Übersetzung aus dem Englischen und Anmerkungen: John Lanta

__________

Endnoten:

(1) Ehemaliger Chef des Generalstabs, Armee der Islamischen Republik Pakistan. Beg, Jahrgang 1931, ist weder Intellektueller noch Historiker. Seine Ansichten sind Teil des Mainstream in Pakistans Militär und Bevölkerung – ob man diese Ideen nun teilt oder nicht.

(2) Im Islam wie auch im Christentum gibt es Lehren der Vorbestimmung und des göttlichen Wirkens, um die Welt dem göttlichen Willen gemäß zu formen.

(3) Alle Zählungen aus Übersetzung Goldmann, München 1984.

(4) Mehrheitsvolk in Afghanistan, starke Minderheit in Pakistan.

(5) Größte (Hafen)stadt Pakistans, am Indischen Ozean gelegen.

(6) David Kilcullen

(7) Einer der wichtigsten Sufi-Orden und der einzige, der sich direkt auf den Propheten Mohammed zurückführt.

(8) Heilige Lehren des Propheten.

(9) Islamischer Denker und Politiker des 14. Jahrhunderts, Mitbegründer der Islamischen Soziologie – Anm.

 

 


 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

  • Achtung Hausbesitzer: Aggressives Wasser löst Leitungen auf
  • Geld verlieren mit Lebensversicherungen
  • Mit Viagra gegen Hautkrebs
  • Wie bringen wir das Sonnenfeuer auf die Erde?

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

IAEA – mit unlauteren Tricks gegen den Iran

John Lanta

Der jüngste Wirbel in der Wiener Atomenergiebehörde (International Atomic Energy Agency) lässt für den uneingeweihten Betrachter eine Menge Fragen offen. Deshalb erscheint es angebracht, ein paar grundsätzliche Wiener Gepflogenheiten offen anzusprechen, um verständlicher zu machen, warum die IAEA gerade im Fall Iran so unzulänglich arbeitet – und  mehr …

USA-Tricks gegen Iran: Eine Analyse

John Lanta

Nur wenige Wochen nach dem wundersamen Attentatsversuch des Iran gegen den saudischen Botschafter in Washington, dessen Story so unglaubwürdig war, dass kein namhafter Politiker in Europa dazu Stellung nehmen wollte, erreicht uns jetzt eine Geschichte, an der man nicht so leicht vorbeikommt. Kennzeichen der Anklagen gegen den Iran wegen seines  mehr …

Die Geschichte wiederholt sich: US-Kriegstreiber wenden sich gegen den Iran

William Echols

Ob die Rufe nach einem Krieg gegen den Iran dazu gedacht sind, amerikanische Verbündete im Nahen und Mittleren Osten zu besänftigen, die das angebliche Streben des Iran nach Atomwaffen nicht akzeptieren können, und zugleich die amerikanische Vorherrschaft in der erdölreichen Region wiederherzustellen, oder ob es sich um das letzte Aufbäumen einer  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

EU-Regelungen schützen nicht vor Blödsinn

Edgar Gärtner

Die EU behauptet jetzt: Wasser löscht nicht den Durst. Und Getränkehersteller dürfen nicht mehr behaupten, dass Wasser gesund sei. Ein Irrsinn.  mehr …

Unsichtbare Feinde: Kriegsvorbereitungen gegen den Iran

Andreas von Rétyi

Nach dem jüngsten Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA arbeitet der Iran tatsächlich an einem Nuklearwaffenprogramm. Damit wächst die Gefahr eines Angriffs auf Teheran.  mehr …

US-Sheriffs: Nase voll von staatlicher Einmischung

Redaktion

Gemäß dem alten Zitat: »Ihr könnt mich alle am A… lecken, ich lasse mir das nicht mehr gefallen« kündigen mehrere Sheriffs aus Kalifornien und Oregon an, dass sie zukünftig nicht mehr vor dem Leviathan aus Washington kuschen werden.  mehr …

»Mayday«: Banken am Abgrund – jetzt rechtzeitig Ersparnisse sichern

Michael Brückner

Lange Menschenschlangen vor den Bankfilialen in Lettland, hastig auf die Monitore vieler Geldautomaten in Griechenland geklebte Zettel mit dem Hinweis »Out of Order«, Horror-Verluste der größten italienischen Bank, britische Finanzaufseher, die ihre Institute auf das Ende des Euro vorbereiten und eine Bundeskanzlerin, die deutschen Sparern einmal  mehr …

SOS Abendland: Die schleichende Islamisierung

Udo Ulfkotte

In Österreich werden orientalische Asylbewerber nun als Wanderführer ausgebildet, im Wallfahrtsort Mariazell kann man jetzt auch zu Allah beten, in Deutschland werden Ehen auch nach islamischem Recht geschieden und in Dänemark soll es die ersten Scharia-Zonen geben.  mehr …

Aktuelle Videos

  • Webster Tarpley: Mubaraks Sturz aufgrund seines Ungehorsams gegenüber Kriegszielen von USA und Israel gegen den Iran

Werbung

Newsletter – Jetzt kostenlos anfordern

E-Mail-Adresse

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.