
Die afghanischen Taliban sind jetzt die Sieger und nutzen ihr Recht, die Bedingungen eines Friedens festzulegen, doch das gleiche alte Spiel von 1990 (als die Sowjets aus Afghanistan abzogen und Afghanistans Widerstand sich auch durch gezielte Einmischung von außen völlig zerstritt – Anm. JL) will ihnen die Macht verweigern. Die Islamische Welt hat in den vergangenen 30 Jahren enorm gelitten, blieb jedoch standhaft und schlug die Sowjetunion, die USA, die Europäische Union, Israel und Indien zurück. Der Kampf hat auf diese Weise den »Globalen Islamischen Widerstand« begründet, neue Machtzentren sind aufgeblüht, die bei der Bestimmung der geopolitischen und sozialen Ordnung der Region eine vitale Rolle spielen.
Der Islamische Widerstand wuchs auf afghanischem Boden, unter göttlichem Mandat und in Gegnerschaft zu den Besatzungsmächten, mit einer klaren und endgültigen Botschaft: Warum solltest Du nicht auf dem göttlichen Pfad kämpfen für diejenigen Männer, Frauen und Kinder, die, weil sie schwach sind, bedrückt werden und schreien: »Unser Gott! Rette uns und sende uns Beschützer vor den Unterdrückern!« Koran, IV. Sure, Vers 76 (3)
Als Antwort auf den »Ruf« eilten nach einem CIA-Bericht »mehr als 60.000 Gläubige aus über 70 Ländern den afghanischen Freiheitskämpfern zu Hilfe« und besiegten die Sowjets. Offenbar wurden sie von den USA, Pakistan, Saudi-Arabien und anderen unterstützt, doch ein Jahrzehnt später, von 2001 bis 2011, ohne jede Hilfe von außen, haben sie die Mächtigsten der Mächtigen beschämt. Der afghanischen Widerstand nennt sich selbst »Schattenarmee«, und wie ein Schatten dehnt sie sich aus, zieht sich zurück und kommt wieder, bleibt unfassbar. Das ist die Streitmacht eines Nicht-Staates, ausgerichtet an einer Mission und nicht befasst mit den inneren Angelegenheiten des Landes, in dem sie operiert. Sie bedroht keine Außenstehenden und löst sich auf, sobald die Besatzung endet, so wie es 1990 geschah, als die Sowjetunion sich aus Afghanistan zurückzog.
Die Einheit der Paschtunen (4) gegen Angriffe aus dem Ausland bildete den Rückhalt des Widerstandes und reicht von Karachi (5) bis zum Hindukusch-Gebirge. Sie wird von 24 Millionen Paschtunen in Pakistan und 17 Millionen in Afghanistan unterstützt. Ihren Widerstand kräftigen die Tradition, der religiöse Glaube und Überzeugungen wie Freiheitsliebe. Sie bleiben unbesiegt, wehrhaft und eine Quelle der Kraft sowohl für Pakistan als auch für Afghanistan. Ihr Wille zum Widerstand und zum Sieg wird deshalb als »eine große Bedrohung amerikanischer strategischer Interessen in der Region« angesehen, sagte David Kilkullen (6), australischer Sicherheitsberater auch der USA unter George W. Bush.
Der »Schiitische Halbmond« reicht vom Iran in den Irak, nach Bahrain und schließt starke Minderheiten in Syrien, Saudi-Arabien und Pakistan ein – eine Kraft, mit der zu rechnen ist. Die Amerikaner und ihre Verbündeten fürchten die wachsende Macht des Iran und haben versucht, sie durch Sanktionen, Embargos und Kriegsdrohungen zu unterdrücken, scheiterten jedoch. Der Iran wurde als eine Bedrohung der sunnitischen Nachbarländer Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien und der Golf-Staaten dämonisiert. Diese haben aus Furcht US-Rüstungsgüter im Wert von mehr als 150 Milliarden Dollar gekauft, um der iranischen Bedrohung zu begegnen. Kein Wunder, dass die Truppen der Saudis und des Golf-Kooperationsrates jüngst in Bahrain eingedrungen sind, um die
Revolte gegen den sunnitischen Herrscher zu unterdrücken. Damit haben sie einen Krieg zwischen schiitischen und sunnitischen Ländern begonnen, wobei »beide einander zu Tode ausbluten lassen« – wie Henry Kissinger sich ausdrückte.
Als Reaktion auf die Brutalitäten gegen Muslime, vor allem während der vergangenen 30 Jahre, und auf die Tötung von mehr als sechs Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder, haben die Muslime Zuflucht zu ihrem Glauben gesucht, wodurch islamisches Gedankengut in der gesamten Region einen Aufschwung nahm. Die gemäßigte Naqshbandi-Orden (7) zum Beispiel, der während des Ersten Weltkriegs unterdrückt wurde, erfüllt nun die gesamte Region von der Türkei über Syrien bis nach Turkmenistan. Ähnlich ergeht es dem Qadria-Orden, der von Ägypten über den Sudan, Libyen, Tunesien, Somalia und die Nahoststaaten wirkt. Dieser Aufschwung formt den sogenannten »Arabischen Frühling« in »Islamische Bewegungen« um, in Ägypten, Libyen, Somalia, Marokko und im Jemen. Eine streng orthodoxe Islamische Kultur hat sich im Iran, Irak und in Afghanistan herausgebildet. So sieht die sich entwickelnde Realität aus, die die Umrisse der Islamischen Ordnung gegen die Kräfte der Unterdrückung und des Staatsterrorismus bestimmt.
Pakistan hat unter dem Krieg zwischen dem Globalen Islamischen Widerstand und den Besatzungstruppen in Afghanistan unendlich gelitten. Von Tod und Zerstörung einmal abgesehen ist die Wirtschaft Pakistans zerstört; Recht und Gesetz haben gelitten und seine Streitkräfte sind in einen fortdauernden Kampf mit der eigenen Stammesbevölkerung verwickelt. Dies wirkt sich stark auf die Innenpolitik aus, die sich zu einem »Irrweg einer Zivilgesellschaft« entwickelt hat.
Es gibt Dutzende religiöser Parteien in Pakistan, die sich aufgrund von Sekten, Ethnien und verschiedenen Denkschulen unterscheiden und »eine saubere und ehrbare Lebensführung, wie der Islam sie verspricht« nicht erreichen können. Und aus dieser Unordnung heraus ist roboterartig die Klasse der sogenannten »emanzipierten Mehrheit« erwachsen, nahezu 70 Prozent der Bevölkerung; ohne die Lehren des Islam und seine Werte verlange sie eine weltliche Ordnung. Doch die unterdrückte pakistanische Nation trägt die Last des Bekenntnisses zu ihrer nationalen Bestimmung von 1947: »Für eine demokratische Ordnung einzutreten, auf der Grundlage des Koran und der Sunnah.« (8) Immer wieder hat die Nation dieses Bekenntnis ihres nationalen Ziels bestätigt und sie hat meist für die gemäßigten Parteien gestimmt, die Extremisten und Fundamentalisten zurückgewiesen: Weil sie ihren Zweck im Blick behält und weil die Grundrichtung stimmt.
Während sich die Innenpolitik aufheizt, herrscht »ein brutales Gerangel der Geschäftsleute um Macht und Geld, das von Verderben kündet«, sagt Ibn Khaldun. (9) Auf diese Weise erlegt die jetzige prekäre Lage dem pakistanischen Volk, den Gerichten und dem Militär besondere Verantwortung auf, zu handeln und sich daraus zu befreien.
General a. D. Mirza Aslam Beg (1);
Übersetzung aus dem Englischen und Anmerkungen: John Lanta
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Endnoten:
(1) Ehemaliger Chef des Generalstabs, Armee der Islamischen Republik Pakistan. Beg, Jahrgang 1931, ist weder Intellektueller noch Historiker. Seine Ansichten sind Teil des Mainstream in Pakistans Militär und Bevölkerung – ob man diese Ideen nun teilt oder nicht.
(2) Im Islam wie auch im Christentum gibt es Lehren der Vorbestimmung und des göttlichen Wirkens, um die Welt dem göttlichen Willen gemäß zu formen.
(3) Alle Zählungen aus Übersetzung Goldmann, München 1984.
(4) Mehrheitsvolk in Afghanistan, starke Minderheit in Pakistan.
(5) Größte (Hafen)stadt Pakistans, am Indischen Ozean gelegen.
(6) David Kilcullen
(7) Einer der wichtigsten Sufi-Orden und der einzige, der sich direkt auf den Propheten Mohammed zurückführt.
(8) Heilige Lehren des Propheten.
(9) Islamischer Denker und Politiker des 14. Jahrhunderts, Mitbegründer der Islamischen Soziologie – Anm.
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