Wednesday, 23. May 2012
12.01.2011
 

John F. Kennedy – Ein Star wird demontiert

Niki Vogt

Es gibt nationale Ikonen, deren Tugenden und Fähigkeiten symbolisch für das Selbstbild stehen, das eine Nation von sich selbst pflegt – und das auch Bewunderer dieser Nation teilen. Mahatma Ghandi für Indien, beispielsweise – oder Jeanne d’Arc und Napoleon Bonaparte für Frankreich, Evita Peron für Argentinien, Winston Churchill für England oder John F. Kennedy für Amerika. Es ist meist gar nicht so schwer herauszufinden, dass die strahlenden Helden manchmal deutliche Makel und dunkle Seiten aufweisen. Solange eine Nation selbstbewusst ist und angesehen, tastet niemand das strahlende Image an. Eine Revision des Vorbildcharakters einer Nation als Ganzes äußert sich nicht selten in einer Abrechnung mit einer solchen Identitätsstiftenden, nationalen Überfigur. So geschehen mit Napoleon, Stalin, Mao Tse Tung, Otto von Bismarck und vielen anderen mehr. Ein Artikel im Telegraph – als Beispiel für viele – zum 50. Jahrestag der Präsidentenwahl von John F. Kennedy macht nachdenklich.

Unter der Überschrift »John F. Kennedy’s dirty road to the White House« (zu Deutsch: »Der schmutzige Weg Kennedys ins Weiße Haus«) zeichnet der Journalist Andrew Marr ein anderes Bild des ewig lächelnden, jungenhaften Präsidenten, dem amerikanischen Traum.

Der gut aussehende Präsident hatte die Attribute, die es braucht, um den Kern einer Saga zu bilden. Er passt perfekt in das Muster des ewigen Archetypus des Frühlings- und Lichtgottes, der von den bösen Mächten der Dunkelheit zu Fall gebracht, sein gutes Königreich des Lichtes nicht fertig bauen konnte. Dessen Tod der Einbruch der Dunkelheit folgt und die Wehmut nach den glanzvollen Tagen. Baldur, der vom Mistelzweig des Högni getroffen fällt, Jesus am Kreuz, das Herz von der Lanze durchbohrt, Krishna, Zoroaster, John F. Kennedy … Lichtgestalten, Hoffnungsträger, die Guten, und gerade darum Opfer von Heimtücke und Mord.

Auch heute, so beginnt Andrew Marr seinen Artikel, habe er noch einen Kloß im Hals, wenn er das strahlende Lächeln, das in der Sonne glänzende Haar und die perfekte »First Family« der Kennedys sehe.

Für eine Fernsehdokumentation über Kennedy habe er recherchiert, und einen Schock bekommen. Was sich da fand, passte so gar nicht in das Bild vom Strahlemann. Zum 50. Jahrestag der Präsidentschaftswahl am 8. November 1960, bei der John F. zum Präsidenten gekürt wurde, vertieften sich viele Dokumentarfilm- und Artikelschreiber auf der Welt in Literatur und Quellen zu Kennedy.

Die Geschichte, wie ein reicher, adretter Partyboy aus Massachusetts es schaffte, sich zum Führer und Sprachrohr des kleinen Mannes zu machen und von einer Welle der Begeisterung des Volkes ins Weiße Haus getragen zu werden, ist natürlich anrührend.

Dass John F. Kennedy mit der Hilfe von »Big Money«, Schmiergeld, Bestechung, berechnender und riskant kalkulierter Rhetorik und guten Beziehungen in die Endausscheidung als Spitzenkandidat kam, ist in vielen Quellen bereits seit Langem ausführlich beschrieben worden.

Seine Wahl am 8. November 1960 gewann der junge Sieger allerdings denkbar knapp: nur gerade mal 118.574 Stimmen Vorsprung bei etwa 68 Millionen Gesamtstimmen trennten John Fitzgerald von seinem Rivalen Richard. Erst in den frühen Morgenstunden nach der Auszählung der Stimmen von Illinois stand Kennedy als Sieger fest.

Schon damals kam aus dem Lager der Republikaner der Vorwurf, Kennedy habe seinen Sieg nur der enormen Finanzmacht seines Vaters Joseph P. Kennedy und tatkräftiger Unterstützung der Mafia zu verdanken.

Der Kennedy-Clan war auch bekanntermaßen kein unbeschriebenes Blatt. Papa Joseph Kennedy war Botschafter in Großbritannien gewesen und nicht als sympathischer Mensch bekannt. Er hatte sein Vermögen mit Stahl, Kinofilmen, Whiskey und Immobilien gemacht.

Schon sehr früh hatte er seinen Sohn John auf die politische Schiene gesetzt und systematisch aufgebaut. Er lancierte und bezahlte große Anzeigen in den Zeitungen, gab Jubelartikel in Auftrag, bezahlte vor der Senatswahl 1952 in Massachusetts eine halbe Million Dollar Schulden des großen Zeitungsverlegers John Fox, der die Boston Post herausbrachte und daraufhin – oh Wunder! – einen Leitartikel mit Lobeshymnen auf den jungen Kandidaten John F. Kennedy als Senator für Massachusetts veröffentlichte. Am nächsten Tag gewann der Besungene die Wahl.

Der Kennedy-Sohn verstand es auch, mit seinem Charme die Journalisten einzufangen und sich höchst gekonnt in Szene zu setzen.

Weitere 75.000 Dollar (eine Summe, die früher viel mehr wert war als heute!) war Papa Joe die Titelstory im Berühmten Magazin Life wert. John Fitzgeralds unnachahmliches Lächeln vom Titelblatt inklusive.

Damals begann Kennedy massiv, sein Image zu vermarkten. Er war der dekorierte Kriegsheld, hatte eine blitzhübsche Frau aus bestem Stall, die sehr schnell zur Modeikone avancierte, hübsche Kinder, eine heile Familie, ein tolles Haus, Erfolg. Also das, was jeder Amerikaner unter seinem Streben nach Glück versteht. Eine Projektionsfläche für die Hoffnungen einer ganzen Nation.

Ihr Meisterstück lieferten die Kennedys bei der Präsidentschaftskampagne in West Virginia. West Virginia ist das protestantische, ländliche Amerika der Wälder, Farmer, Minenarbeiter, Kleinstädte und der bescheidenen Kleinbürgerlichkeit. Eigentlich nicht die ideale Umgebung für den schicken, reichen jungen Mann, der mit dem vom Papa geschenkten Privatjet einflog und vor allem irischer Abstammung und römischer Katholik war.

Sein Rivale innerhalb der demokratischen Partei war Senator Hubert Humphrey, ein intelligenter, gebildeter und belesener Mann, ein mutiger Kämpfer gegen Rassismus und organisiertes Verbrechen, ein Politiker alten Stils. Er führte eine klassische Kampagne und galt als unangefochtener Favorit. Über große Gelder verfügte er nicht. Seine Frau war altmodisch, mütterlich und hausfraulich, das Gegenstück zur glamourösen, stilsicher eleganten Jackie Kennedy.

Humphrey hatte als kranker Mann nicht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen. Das war die Chance für den Kennedy-Clan. Sie brachten es fertig, Humphrey als Wehrdienstverweigerer und Drückeberger dastehen zu lassen, überzogen das Land mit Kampagnen-Anzeigen, Artikeln, Wahlkampfhelfern und Geld. Sie bestachen Orts-Sheriffs und Lokalpolitiker, den Namen Kennedy auf den Wahlzetteln an erste Stelle zu setzen. Der Journalist Seymour Hersh (er hatte die Recherchen zum Watergate-Skandal geführt, über den Nixon gestürzt war) fand heraus, dass die Kennedy-Familie sich die »Wahlhilfe« in West Virginia bis zu vier Millionen Dollar hatte kosten lassen.

Hubert Humphrey war vollkommen konsterniert und sagte einmal, der Wahlkampf erinnere ihn an die Konkurrenz eines Kiosks an der Ecke gegen eine Supermarktkette. Am Ende musste Humphrey die letzten paar hundert Dollar, die die Humphreys für die Hochzeit ihrer Tochter aufgespart hatten, für eine letzte Anzeigenserie zu seiner Rechtfertigung aufbieten. Vergeblich. Kennedy gewann und stritt jede Beteiligung an der Schmutzkampagne gegen Humphrey ab.

Die Vorwürfe hinsichtlich der Mafia-Connection, die Andrew Marr in seinem Artikel nur andeutet, sind recht konkret.

Ein zur Mafia gehörender Nachtclub-Besitzer mit dem Spitznamen »Skinny« D’Amato aus New Jersey hat später sogar eingestanden, im Auftrag von Joe Kennedy ab Januar 1960 Geld für die Präsidentschafts-Kampagne von John F. zusammenzutreiben. Allerdings waren die läppischen 50.000 Dollar, die D’Amato einsammelte, im Gesamtbudget der Kampagne nur ein Taschengeld.

Da half die Connection über Frank Sinatra doch schon deutlich weiter. Sinatra hatte das Ohr des Mafia-Bosses Sam Giancana, und so half die Mafia direkt und mit jeder Menge Manpower. Die Mafia hatte großes Gewicht bei den Gewerkschaften und fuhr die Wähler direkt in die Wahlbüros zur Stimmabgabe für Kennedy.

Kennedys leuchtendes Image blieb über seinen mysteriösen Tod hinaus ungetrübt. Auch sein öffentliches Flirten mit Marilyn Monroe, von Jackie Kennedy mit Disziplin und Contenance weitgehend ignoriert, gereichte ihm nicht zum Nachteil. Im Gegenteil, bewies doch die Bewunderung der Sex-Göttin, was für ein Teufelskerl dieser John F. Kennedy war.

Als die Monroe dann unangenehmerweise daraufhinarbeitete, die neue First Lady zu werden, wurde es mit der Imagepflege kompliziert und John F. trat die Geliebte an seinen Bruder Robert ab.

Sie soll tagelang vor ihrem Tod verzweifelt versucht haben, im Justizministerium Robert Kennedy zu erreichen, der nach einer heißen Affäre ebenfalls die Beziehung zu ihr beendete.

Am Ende drohte sie, in einer Pressekonferenz zu bekennen, dass sie ein Kind von Robert Kennedy abgetrieben habe, dass sie mit dem Präsidenten John F. Kennedy eine handfeste Affäre gehabt habe und dass sie Kenntnis habe von einem Plan des CIA, Fidel Castro zu töten.

Augenzeugen haben gesehen, dass Robert Kennedy am Samstagabend eiligst zu ihr gekommen sei. Es habe einen lautstarken Streit gegeben, bei dem sie Robert Kennedy vorgeworfen haben soll, sein Versprechen gebrochen zu haben. Er habe sich scheiden lassen wollen und sie heiraten. Außerdem sei sie es leid, wie ein Stück Fleisch herumgereicht zu werden. Robert Kennedy verließ das Haus.

Stunden später war sie tot.

Bis heute ist nicht geklärt, ob der mysteriöse Gifttod der Monroe tatsächlich ein Selbstmord war oder Mord. Vieles spricht für Letzteres.

All diese Informationen sind ganz und gar nicht neu. Anlässlich des 50. Jahrestages bot sich das Thema zwar an, dennoch ist es erstaunlich, dass die Ikone Kennedy in vielen Medien plötzlich demontiert und kritisch beleuchtet wird.

Andrew Marr schließt seinen Artikel, bei dem er nur einen kleinen Teil der unrühmlichen Details aus Kennedys Leben aufzählt, mit dem Absatz:

»Die 1960er-Kampagne ist nicht die Story, die ich erwartet hatte. Sie ist viel interessanter. Sie wurde überdeckt von diesen Hochglanzbildern des gut aussehenden, jungen Vaters und Ehemannes; später der junge König, niedergemäht in seinen besten Jahren. Aber heute leben wir in einer Welt, die der Politik zutiefst zynisch gegenübersteht. Ich glaube, wir sind es uns schuldig, hinter diese Bilder zu blicken und zu fragen: Gibt es nicht bessere Wege, Demokratie zu üben, als die der Kennedys?«

Ist das der Beginn einer solchen Bestandsaufnahme des amerikanischen Selbstbetruges, des amerikanischen Selbstverständnisses? Wer anfängt, sakrosankte Ikonen zu hinterfragen, erschüttert zwangsläufig das System, für das diese Symbole stehen.

Findet Kennedys Demontage stellvertretend für die Demontage Amerikas als führende Weltmacht und strahlender Stern des Westens statt?

 

 


 

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