Thursday, 29. September 2016
08.02.2016
 
 

Türkische Albträume: Warum der »Sultan des Chaos« ausflippt

Pepe Escobar

Stellen Sie sich einmal die schlaflosen Nächte in Erdoğans »Sultanspalast« in Ankara vor. Stellen Sie sich seine Verärgerung vor, als er erfährt, dass die syrisch-arabische Armee mit Unterstützung der russischen Luftwaffe in der Region um Bayirbucak dabei ist, den Ring um Aleppo zu schließen und damit die Hauptversorgungslinien für Waffen und Dschihadisten aus der Türkei zu unterbrechen. Die Kontrolle über diese Verbindungskorridore entscheidet über den Ausgang des Krieges in Syrien.

 

Derweil hat die ferngesteuerte syrische Opposition, auch bekannt als »Hohes Verhandlungskomitee«, deutlich bewiesen, dass sie überhaupt nicht bereit ist, ohne Vorbedingungen mit der Delegation aus Damaskus direkt zu verhandeln – obwohl sich Washington und Moskau offenbar schon über die Umrisse eines auf zwei Jahre angelegten Übergangsplans verständigt haben, an deren Ende ein theoretisch säkulares, nicht durch religiöse Streitigkeiten geprägtes Syrien stehen soll.

Die saudische Seite will demgegenüber, dass Ahrar-asch-Scham, die Armee des Islam (Dschaisch al-Islam) und die al-Nusra-Front, auch bekannt als al-Qaida in Syrien, mit am Verhandlungstisch in Genf sitzen sollen. Und so entpuppten sich die dortigen Verhandlungen sehr viel schneller, als man sagen könnte, »Auf nach Aleppo«, als das, was sie waren und sind: eine Farce.

 

NATO spielt keine Rolle


Der berüchtigte langjährige saudische Geheimdienstchef Prinz Turki ibn Faisal, ein früherer Mentor Osama bin Ladens, hielt sich vor Kurzem zu einer PR-Offensive in Paris auf. Aber er war wenig erfolgreich. Es gelang ihm lediglich, einige nicht überzeugende Dementis zu erhalten und zu erreichen, dass dem syrischen Staatspräsidenten Assad die ganze Verantwortung für die syrische Tragödie zugeschoben wurde.

 

Bei der Kerngruppe der syrischen »Opposition« handelt es sich um Schreibtischkrieger, die schon seit Jahren von der CIA betreut werden, oder um Handlanger der von der CIA gesteuerten Muslimbruderschaft. Die meisten von ihnen ziehen das süße Leben in Paris den Schindereien auf syrischem Boden vor.

 

Gegenwärtig besteht die »Opposition« aus Kriegsherren, die den Befehlen des Hauses Saud gehorchen und dort sogar um Wasser betteln müssen – ungeachtet der Anzug und Krawatte tragenden früheren, handverlesenen Minister der Baath-Partei, die den leichtgläubigen Medien als Gesicht der Opposition präsentiert werden.

 

Gegenwärtig schaffen die »4 + 1«, Russland, Syrien, der Iran, der Irak und die Hisbollah, entscheidende Fakten vor Ort. Die Wende ist da, es wird keinen Regimewechsel in Damaskus geben.

 

»Sultan« Erdoğan schwimmt nun in einem Meer der Verzweiflung und muss dauernd Wasser schlucken. Aber immer noch versucht er, von den großen und ernsten Problemen abzulenken, und stellt seinen Krieg gegen die Partiya Yekitîya Demokrat (PYD) – die Dachorganisation der syrischen Kurden – und die Volksverteidigungseinheiten (YPG), den bewaffneten Arm der PYG, in den Vordergrund.

 

Erdoğan und sein Ministerpräsident Davutoğlu bestehen darauf, dass die PYD nicht nur in Genf von den Verhandlungen ausgeschlossen wird, sondern darüber hinaus vor Ort ausgeschaltet wird, da sie die PYD/YPG als »Terroristen« betrachten, die mit der PKK verbündet seien.

 

Aber was wird »Sultan« Erdoğan nun tun? Wird er die vor Kurzem eingetroffenen russischen Mehrzweckjäger Suchoi Su-35S herausfordern, die jedem Dr. Strangelove der NATO einen gehörigen Schrecken einjagen? Dass die türkische Luftwaffe auf ihren Stützpunkten »Alarmstufe Rot« ausrief, dürfte niemandem Angst einjagen. Das Gleiche gilt für NATO-Generalsekretär und -Gallionsfigur Jens Stoltenberg, der Russland bat, »verantwortungsvoll zu handeln und den Luftraum der NATO zu respektieren«.

 

Moskau geht gegen die Turkmenen mit Vergeltungsangriffen vor und unterstützt gleichzeitig die PYD westlich des Euphrats aus der Luft. Dies trifft den »Sultan« direkt ins Herz, denn immerhin hatte Erdoğan immer wieder gedroht, ein Vorrücken der PYG/YPG in Regionen westlich des Euphrats sei eine »rote Linie«.

 

Eine bereits eingeschüchterte NATO würde die Tollheit eines Krieges Erdoğans gegen Russland niemals unterstützen – sosehr sich die amerikanischen und britischen Neokonservativen auch danach sehnen mögen –, da Entscheidungen der NATO einstimmig gefällt werden müssen. Und das Letzte, was die europäischen Mächte Frankreich und Deutschland jetzt noch brauchen, wäre ein weiterer Krieg in Vorderasien. Die NATO könnte ihre Patriot-Raketen im südlichen Anatolien stationieren und mit ihren AWACS-Flugzeugen die türkische Luftwaffe unterstützen. Aber das wäre es dann auch schon.

 

Wählen Sie Ihren bevorzugten Regimewechsel

 

Derzeit nutzt der Islamische Staat (IS) ungehindert seinen eigenen »Dschihad«-Versorgungskorridor entlang eines 98 Kilometer langen Teilstücks der türkisch-syrischen Grenze insbesondere in Dascharbulus und Al-Rai in der Großregion Aleppo und den gegenüber auf der türkischen Seite der Grenze gelegenen Städten Gaziantep und Kilis in Südostanatolien.

 

Wie aus Israel berichtet wurde, errichtet Ankara im Wesentlichen aus propagandistischen Zwecken derzeit eine 3,60 Meter hohe und 2,50 Meter breite Mauer zwischen Elbeyli und Kilis, denn die Dschihad-Versorgungslinien werden praktisch offen gehalten – auch wenn die türkischen Streitkräfte vorgeben, den einen oder anderen Grenzgänger festzunehmen, ihn aber dann schnell wieder freilassen. Wir haben es hier mit gewinnbringenden und umfangreichen Absprachen zwischen Schmugglern und Soldaten zu tun: Etwa 300 Dollar werden bei Grenzübertritten gezahlt, und ein türkischer Unteroffizier kann sich so leicht 2500 Dollar hinzuverdienen, wenn er einfach wegsieht.

 

Die wirkliche Frage lautet doch: Warum wurde von Ankara nicht schon längst über Gaziantep eine Ausgangssperre verhängt, wo doch tausende türkische Soldaten von Spezialeinheiten eigentlich einen »Krieg gegen den Terror« führen? Aber darum geht es Ankara und den Provinzbehörden ja auch nicht: Ihre eigentliche Priorität ist Erdoğans Krieg gegen die Kurden.

 

Und das bringt uns zu dem einzigen Trumpf, den der »Sultan« derzeit noch ausspielen kann. Von Brüssel bis Berlin befürchten vernünftige Kreise, dass die EU nun auf Gedeih und Verderb eine Geisel der Obsession Erdoğans gegenüber den Kurden geworden ist, während Ankara praktisch nichts gegen den massiven Flüchtlingsschmuggel in Richtung EU unternimmt.

 

Als sich Davutoğlu vor Kurzem in Berlin aufhielt, gab er nicht nur keine Zusagen, die Zahl der aus der Türkei nach Europa strömenden Flüchtlinge zu begrenzen, sondern bekräftigte Erdoğans Entschlossenheit, die syrischen Kurden zu »vernichten«.

 

Und das erklärt auch die verzweifelte Lage der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie konnte sich die angeblich einflussreichste Politikerin Europas nur auf eine derartig brutale Schutzgelderpressung einlassen? Der »Sultan« fordert viel Geld, zahlreiche Zugeständnisse und sogar die Zusage von Fortschritten bei den Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Türkei. Werden diese Forderungen nicht erfüllt, würde er einfach seine Grenzen öffnen, und eine weitere Flut an Flüchtlingen würde Europa überschwemmen. – Kein Wunder, dass die Gerüchteküche über Regimewechsel derzeit überkocht. In Ankara? Nein, in Berlin.

 

 

 

 

 

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