Tuesday, 26. July 2016
22.09.2013
 
 

Die Ziele des Pentagon: Amerikas Kriege im 21. Jahrhundert

Peter Orzechowski

Afghanistan, Irak, Syrien und morgen der Iran? Das US-Verteidigungsministerium hat schon vor Jahren mit den Planungen für zukünftige Truppeneinsätze begonnen. Nur hat das damals keiner beachtet.

Der Mann heißt Thomas P. M. Barnett, und er gilt als das Wunderkind der amerikanischen Militärstrategie. Promoviert hat er in Havard bei einem der großen Geopolitiker unserer Zeit, Samuel Huntington. Geforscht hat er jedoch immer beim Militär, Schwerpunkt: Strategie. Genau dies war auch sein Unterrichtsgegenstand als Professor am U.S. Naval War College, der

Marineakademie der USA, vor ausgewählten Offizieren anderer Waffengattungen und vor Analysten der Central Intelligence Agency (CIA). Sein Artikel für die Zeitschrift Esquire im März 2003 katapultierte den Strategen in die Schlagzeilen der nationalen und internationalen Presse. In diesem Beitrag stellt er »The Pentagon's New Map« vor, die neue Weltkarte des Pentagon. Als er die neuen Kriegsziele der USA im April 2004 als Buch herausbringt, landet er sofort einen Bestseller.

 

Umso erstaunlicher ist es, dass die in diesem Buch beschriebenen Umwälzungen der amerikanischen Geopolitik weltweit kein großes Aufsehen erregten. Im Gegenteil: Sie schienen klammheimlich einzufließen in die tägliche Politik und ebenso unbemerkt fanden sie Eingang in die Werke anderer Geopolitik-Autoren wie zum Beispiel in das 2005 erschienene Buch des ehemaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer Die Rückkehr der Geschichte – Die Welt nach dem 11. September und die Erneuerung des Westens.


Dabei hätte Barnetts Buch die Aufmerksamkeit der Welt verdient, liefert es doch eine Blaupause für das Verständnis amerikanischer Außenpolitik in der Gegenwart und in den kommenden Jahren. Denn die USA sollen jetzt und in Zukunft »die Ausbreitung der Globalisierung fördern und eine internationale Stabilität herstellen« (Übersetzung jeweils durch den Autor, da noch keine deutschsprachige Ausgabe vorhanden), wie Barnett fordert. »Die neue Weltkarte des Pentagon zeigt also, wo unsere Truppen in Zukunft eingesetzt werden.«

 

Die Achse des Bösen


Stark vereinfacht sieht Barnett und mit ihm das Pentagon die Welt aufgeteilt in zwei Lager: auf der einen Seite die Kernstaaten (Barnett nennt sie »The Core«) und auf der anderen Seite die Lückenstaaten (»The Gap«), also die Länder Afrikas, des Nahen und Fernen Ostens, die noch nicht globalisiert sind, kurz gesagt: die »Bösen«.

 

Die »funktionierenden Kernstaaten« zeichnen sich nach Barnett aus durch eine netzwerkartige Verbundenheit, finanzielle Transaktionen, liberale Medien, stabile Regierungen, öffentliche Sicherheit und einen ständig wachsenden Lebensstandard. Die Lückenstaaten dagegen seien geplagt von repressiven Regierungen, Armut und Krankheit sowie ständigen inneren Konflikten. Diese Länder sind nach Barnett auch die Brutstätten des derzeitigen und künftigen Terrorismus.

 

Die amerikanischen Militäreinsätze nach Ende des Kalten Krieges betrafen jeweils Lückenstaaten: Kolumbien, Haiti, Liberia, Bosnien, Sudan, Somalia, Irak, Afghanistan, Pakistan. »Je weniger ein Land globalisiert ist«, folgert Barnett, »desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die USA Truppen dorthin entsenden, um innere Stabilität wieder herzustellen oder eine Bedrohung der regionalen oder globalen Ordnung abzuwenden«. Der Öffentlichkeit müsse klargemacht werden, »von welchen Orten die Gefahr ausgeht«. Denn diese Länder seien es, wo »man die Achse des Bösen findet«. Dort sei al-Qaida zu Hause.

 

Um diese Achse zu zerstören, seien die USA in Zukunft gezwungen, Waffengewalt einzusetzen – wenn es sein müsse, auch im Alleingang. Auch »vorbeugende« Militärschläge könnten hierzu nötig sein.

 

Die Einteilung der Welt in Gut und Böse taucht ebenfalls auf in dem Buch Macht und Ohnmacht, das der außenpolitische Vordenker des amerikanischen Neokonservativismus, Robert Kagan, 2003 veröffentlicht hat. Er nennt die Kernstaaten eine Sphäre des Friedens, der Diplomatie, des Rechts, der Gültigkeit von Verträgen und des Wohlstandes, behütet von der militärischen Stärke der USA. Theoretisch gründe diese Welt auf Immanuel Kant und seiner Schrift Zum Ewigen Frieden (1795). In der zweiten Sphäre dagegen herrsche die nackte Gewalt und damit das Recht des Stärkeren. Und hier, in dieser wirklichen Welt der Machtpolitik – fernab der Kantschen Illusion vom ewigen Frieden –, finde das Würfelspiel der großen Mächte und ihrer imperialen Interessen um die globale und regionale Machtverteilung im 21. Jahrhundert statt. Für diesen Machtpoker gelte die Theorie des Thomas Hobbes, der in seinem Leviathan (1651) den »Krieg aller gegen alle« verkündete.

 

An den Saumlinien der beiden Welten liegen Länder, die besonders gefährdet sind, weil in sie Terrorismus und Epidemien aus den Lückenstaaten hinein schwappen und weil sie Kanäle sind für illegale Immigranten, gewaschenes Geld, Waffen und Drogen. Barnett nennt hier die Staaten an der südöstlichen EU-Grenze wie die Türkei; die nordafrikanischen Mittelmeeranrainer wie Marokko, Tunesien und Algerien; Südafrika; im asiatischen Raum Thailand, Kambodscha, Laos, Vietnam und Indonesien; zwischen den beiden Amerikas: Mexiko.

 

 

 

Das eigene Haus: Die Kernstaaten


Kanada und die USA, die Europäische Union, Russland, China, Indien, Australien und Südamerika (mit Ausnahme einiger Randstaaten wie Kolumbien, Bolivien, Ecuador und Peru) sind die Staaten des vernetzten und globalisierten Kerns. Sie werden, prophezeit Barnett, in den nächsten Jahren ihre Vernetzung weiter ausbauen, damit an Wohlstand und Stabilität zunehmen, aber sich auch gegen die gefährdenden Einflüsse der Lückenstaaten wehren müssen. Barnett schlägt vor, dass sich die Kernländer unter den militärischen Schutzschild der USA begeben. Finanziert durch den Rest der Kernstaaten könne das US-Militär weltweit für die Sicherheit des Kerns kämpfen. Die USA könnten der »Bodyguard der Globalisierung« werden.

 

Zu diesen Leibwächteraufgaben zählen auch vorbeugende Schläge gegen Länder, die zum Beispiel den Terrorismus unterstützen oder nach Massenvernichtungswaffen streben (siehe oben). Die Legitimation für derlei Militäraktionen sei der General-Auftrag der Kernstaaten an die USA, als deren Weltpolizist aufzutreten. Hier widerspricht übrigens Joschka Fischer in seinem bereits erwähnten Buch. Er fordert eine Stärkung der UNO und plädiert nur dann für die Anwendung von Gewalt, wenn die Vereinten Nationen den Auftrag dazu erteilen.

 

Barnett und die Vordenker des Pentagon wollen diese Einschränkung nicht gelten lassen: Erlaubt sei, dass die USA auch dann Waffengewalt einsetzen, wenn kein entsprechender UN-Beschluss vorliegt. »Schließlich sind wir der Leviathan dieser Welt«, schreibt Barnett, »wir entscheiden, unter welchen Bedingungen zukünftig Kriege geführt werden. Kein Feind kann uns stoppen.« Auch die UNO nicht. »Weil die Vereinten Nationen keine Kriege führen, sondern nur Friedensmissionen organisieren, müssen sie sich auf den Leviathan Amerika verlassen, der weltweit die Einhaltung der internationalen Regeln überwacht.«

 

Der Erweiterungsbau: Die Lückenstaaten


Ziel amerikanischer Außenpolitik im 21. Jahrhundert muss nach Barnett das Schließen der Lücke sein: Die Staaten Mittelamerikas und des Westens des südamerikanischen Kontinents, Afrika und der Nahe Osten sowie Südostasien müssten in das Netz der globalen Wirtschaft eingebunden werden. Nur dann gehe von ihnen keine Gefahr mehr aus. Um dieses Ziel zu erreichen, seien alle Mittel erlaubt – auch militärische.

 

In einer ersten Phase muss versucht werden, den Unruheherd Nahost neu zu gestalten. Die Besetzung Afghanistans und des Iraks durch US- und alliierte Truppen sowie die Errichtung militärischer Stützpunkte in den islamischen Ländern der ehemaligen Sowjetunion wie Kasachstan, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan sind hierfür erste Schritte. Barnett warnt, dass die Neuordnung des Nahen Ostens Jahre brauchen wird.

 

Als nächsten Schritt nennt der Pentagonstratege die Entsendung von Militärberatern (mit dem Ziel, später dort Stützpunkte zu errichten) nach Afrika. Auf dem Breitengrad von Westafrika (Gambia, Sierra Leone) bis Äthiopien tummeln sich heute bereits US-Militärs im Schlepptau von Geologen und Ölmanagern, die in dieser Randzone der Sahara das neue Erdöl-Dorado entdeckt haben. Barnett schlägt vor, Militärbasen in Europa zu schließen und die Soldaten in diese Regionen Afrikas zu verlegen.

 

In den Inselstaaten des Fernen Ostens (Indonesien, Philippinen) steckt ein weiterer Unruheherd. Hierfür legt Barnett keine Strategie vor. Möglich, dass die US-Militärs hier auf einen befriedenden Einfluss von Indien und China hoffen. Nordkorea wird übrigens – trotz seines angeblichen Atomwaffenbesitzes – nicht in die langfristigen Planungen des Pentagon einbezogen. Das Waffengeklirre des kleinen Diktators schreckt offenbar außer den Südkoreanern niemanden.

 

 

 

 


 

 

 

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