Montag, 27. März 2017
13.12.2015
 
 

IS-Angriff auf Europa – Libyen neue Operationsbasis der Terrormiliz

Peter Orzechowski

Eine internationale Libyenkonferenz berät heute in Rom über eine politische Lösung für das vom Bürgerkrieg zerrissene nordafrikanische Land. Offizielles Ziel ist es, die rivalisierenden Fraktionen dazu zu bringen, sich zu einer Regierung der Nationalen Einheit zusammenzuschließen. In Wirklichkeit geht es darum, einen Angriff des IS auf Europa von Libyen aus zu verhindern.

 

Seit eineinhalb Jahren gibt es in Libyen zwei rivalisierende Parlamente und zwei Regierungen: ein international anerkanntes Parlament in Tobruk im Osten des Landes und ein von Islamisten dominiertes Abgeordnetenhaus in Tripolis.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat sich in der Stadt Sirte festgesetzt und nutzt das Machtvakuum, das nach dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi 2011 entstanden ist. Zuletzt hatten sich die wichtigsten Konfliktparteien in Libyen zur Unterzeichnung eines Friedensplans bereiterklärt.

 

Zu der Konferenz in Rom werden auch US-Außenminister John Kerry und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier erwartet.

 

Nach Abschluss wollen sich Kerry, der italienische Außenminister Paolo Gentiloni und der UN-Sondergesandte für Libyen, Martin Kobler, vor der Presse zu den Ergebnissen äußern. Schon vor einigen Tagen meldeten US-Medien unter Berufung auf libysche Geheimdienste, dass der IS einen neuen Militärstützpunkt in der Hafenstadt Sirte am Mittelmeer errichtet habe. Unter Ausnutzung der politischen Krise in Libyen habe der IS sein Kontingent in Sirte von 200 auf 5 000 Mann erhöht, schrieb das US-Magazin The Wall Street Journal.

 

Entsprechende Voraussetzungen für den wachsenden Einfluss der Islamisten in Libyen seien nach dem Sturz von Muammar Gaddafi 2011 geschaffen worden, welcher zu einem Konflikt zwischen den verschiedenen politischen Gruppen und Völkerstämmen im Land geführt habe.

 

Der Kampf um das libysche Öl


In den vergangenen Wochen sei ein zunehmender Strom von IS-Kämpfern in Sirte zu beobachten, weil die Terrorführer ihre Anhänger zum Gang nach Libyen aufgerufen haben. Außerdem habe der IS bisher in Syrien und im Irak eingesetzte libysche Kämpfer in ihre Heimat zurückgeschickt. Laut den libyschen Behörden ist eine Einnahme neuer Ölfelder und -raffinerien unweit von Sirte durch den IS nur eine Frage der Zeit.

 

Der Leiter des regionalen militärischen Aufklärungsdienstes, Ismail Schukri, vermutet einen Überfall auf Italien als Endziel der IS-Milizen. Voller Selbstbewusstsein paradieren die Kämpfer des IS mit Toyota-Konvois und aufgeblendeten Scheinwerfern durch Libyen. Ihr vor einigen Wochen teuflisch inszeniertes Strandvideo von der Massenenthauptung ägyptischer Kopten war eine Botschaft an Europa. »Wir werden Rom erobern«, deklamierte einer der Vermummten und streckte seinen Dolch Richtung offenes Meer.

 

Sieben Monate, nachdem der selbst ernannte Kalif Ibrahim alias Abu Bakr al Baghdadi in Mossul sein »Islamisches Kalifat« ausrief, stehen seine Anhänger nun an der südlichen Mittelmeerküste. Vom alten Kontinent trennen sie nur einige Hundert Seemeilen.

 

Eine IS-Piraterie auf dem Mittelmeer ähnlich wie vor Somalia ist denkbar. »Schnellboote könnten Fischerboote, Kreuzfahrtschiffe, kleinere Handelsschiffe oder die Küstenwache attackieren, um Geiseln zu nehmen und Lösegelder zu erpressen«, warnt das italienische Verteidigungsministerium.

 

Wie die Zeitung New York Times schreibt, kontrolliere der IS bereits mehr als 1500 Kilometer der Mittelmeerküste Libyens – von Abu Grein bis Nofaliya. Laut den westlichen Geheimdiensten kann Sirte als Reservebasis der Terroristen genutzt werden, sollten diese aus Syrien und dem Irak verdrängt werden.

 

»Der libysche Ableger des IS ruft bei uns die größte Besorgnis hervor. Das ist das Zentrum, über welches er seinen Einfluss auf ganz Nordafrika ausdehnen kann«, betonte der Analytiker des Verteidigungs-Aufklärungsamtes der USA, Patrick Pryor.

 

Laut New York Times wird der Kampf gegen den IS in Libyen nicht einfach sein: Nach dem Gaddafi-Sturz gibt es im Land keine funktionierende Regierung, während zahlreiche Gruppierungen in den Kampf gegeneinander, nicht gegen die Terrorislamisten, versunken sind. Die Nachbarländer seien hingegen zu schwach, um eine militärische Intervention zu beginnen.

 

Die Terrormiliz hat in den drei zurückliegenden Jahren große Gebiete des Irak und Syriens besetzt und versucht jetzt, ihren Einfluss auf Nordafrika, besonders Libyen, auszudehnen. Nach unterschiedlichen Schätzungen erstrecken sich die vom IS kontrollierten Gebiete, in denen ein »islamisches Kalifat« ausgerufen wurde, über insgesamt 90 000 Quadratkilometer.

 

 

 

 

 

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