
In der israelischen Tageszeitung Haaretz erklärte der politische Analyst Amir Oren, auf diesem Treffen sei Israel möglicherweise »grünes Licht« für einen offenen Krieg gegen den Iran gegeben worden:
»Möglicherweise wird dieses halbstündige Gespräch vom vergangenen Freitag zwischen US-Präsident Barack Obama und Verteidigungsminister Ehud Barak im Hotel Gaylord in National Harbor in Maryland in die israelische Geschichte als der Moment eingehen, in dem Barack O. E. Barak grünes Licht – zum Guten oder Schlechten – für einen Angriff auf den Iran gegeben hat … Geht es hier möglicherweise um eine Art Rückblende und Wiederholung des Treffens zwischen Verteidigungsminister Ariel Scharon und dem amerikanischen Außenminister Alexander Haig im Mai 1982, das in Israel fälschlicherweise den Eindruck erweckte, als hätten die USA dem Angriffskrieg gegen den Libanon zugestimmt? …« (»No sign U.S. has given Israel green light to strike Iran« – Haaretz Daily Newspaper | Israel News)
Nach diesem privaten Treffen versicherte Obama in seiner Rede vor der halbjährlichen Vollversammlung der URJ, »die Zusammenarbeit zwischen unseren Streitkräften [und Geheimdiensten] war noch nie so eng«. Der Präsident unterstrich, der Iran »stellt eine Bedrohung der Sicherheit Israels, der Vereinigten Staaten und der Welt insgesamt dar … Und deshalb ist unsere Politik absolut eindeutig: Wir sind entschlossen, zu verhindern, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen kommt. Und darum haben wir die bisher umfassendsten und härtesten Sanktionen
gegen das iranische Regime beschlossen … Und deshalb können Sie versichert sein, dass wir keine Option ausschließen.« (Eine schriftliche Fassung und ein Video der Rede Obamas auf dem URJ-Treffen vom 16. Dezember 2011 finden Sie hier, Hervorhebungen vom Verfasser)
Droht ein »koordinierter« amerikanisch-israelischer Angriff auf den Iran?
In den vergangenen Wochen waren die amerikanischen Boulevardmedien mit Erklärungen [der amerikanischen Außenministerin] Hillary Clinton und Verteidigungsminister Leon Panettas vollgepflastert, alle Optionen stünden offen. Aber Panetta gab auch zu verstehen, Israel solle nicht im Alleingang gegen den Iran vorgehen und betonte, »jede israelische Militäroperation gegen den Iran muss mit den USA angesprochen sein und darf nur mit deren Zustimmung erfolgen«. (Panettas Erklärung im Saban-Zentrum vom 2. Dezember, zitiert nach: »U.S. Defense Secretary: Iran could get nuclear bomb within a year« – in: Haaretz, 11. Dezember 2011., Hervorhebungen vom Verfasser)
Die Gefahr eines Atomkriegs gegen den Iran
Die Erklärung, man ließe sich alle Optionen offen, deutet darauf hin, dass die USA nicht nur einen Angriff auf den Iran ins Auge fassen, sondern dass bei diesem Angriff auch taktische bunkerbrechende Atomwaffen, deren Sprengkraft zwischen einem Drittel und dem Sechsfachen der Hiroshima-Bombe [etwa 13 Kilotonnen TNT] beträgt, eingesetzt werden könnten. Mit zynischer Ironie wird der Einsatz dieser »humanitären«, »friedensschaffenden« Atombomben, die nach Auffassung im Sold des Pentagon stehender Wissenschaftler »für die in der näheren Umgebung lebenden Zivilisten harmlos sind«, gegen den Iran als Vergeltung und Strafe für sein nicht existentes Atomwaffenprogramm in Erwägung gezogen.
Während der Iran nicht über Atomwaffen verfügt, sind – was nur selten erwähnt wird – in fünf Staaten, die offiziell nicht als »Atommächte« gelten, nämlich in Deutschland [man vermutete zum Beispiel, dass etwa 20 Bomben auf dem Fliegerhorst Büchel beim Jagdbombergeschwader 33 gelagert sind], Belgien, den Niederlanden, Italien und der Türkei – auf verschiedenen Stützpunkten sind amerikanische taktische Atomwaffen stationiert. Dieses Atomwaffenarsenal ist für den Einsatz gegen den Iran vorgesehen.
Die Lagerung und der Einsatz taktischer Atomwaffen vom Typ B61 (Mod 11) sind für Ziele im Nahen und Mittleren Osten gedacht. In Übereinstimmung mit den »NATO-Angriffsplänen« könnten diese
bunkerbrechenden Atomwaffen »gegen Ziele in Russland oder Länder im Nahen und Mittleren Osten wie Syrien und den Iran« eingesetzt werden (zitiert nach National Resources Defense Council, Nuclear Weapons in Europe, Februar 2005, Hervorhebungen vom Verfasser).
Während diese heimlichen Atommächte gelegentlich Teheran vorwerfen, Atomwaffen zu entwickeln, ohne dafür allerdings stichhaltige Beweise vorzulegen, verfügen sie selbst über die Möglichkeiten zum Abschuss nuklearer Gefechtsköpfe auf den Iran, Syrien und Russland (siehe dazu Michel Chossudovsky, »Europe’s Five ›Undeclared Nuclear Weapons States‹«, in: Global Research, 12. Februar 2010).
Israelische Atomwaffen sind gegen den Iran gerichtet, es existiert eine gemeinsame amerikanisch-israelische »Koordination« des Atomwaffeneinsatzes. Im Gegensatz zum Iran stellt Israel tatsächlich eine Gefahr für die weltweite Sicherheit dar. Israel verfügt über 100 bis 200 strategische nukleare Gefechtsköpfe, die sich gegen den Iran richten. Bereits 2003 bestätigten Washington und Tel Aviv, dass sie »bei der Entwicklung von aus amerikanischer Produktion stammenden Harpoon-Marschflugkörpern mit nuklear bestückbaren Gefechtsköpfen für die U-Boote der Dolphin-Klasse der israelischen Marine zusammenarbeiten«. (The Observer, 12. Oktober 2003)
Der russische General Leonid Ivashov schrieb dazu:
»Militär- und politische Kreise in Israel haben in aller Offenheit seit Oktober 2006 über die Möglichkeit eines nuklearen Raketenangriffs auf den Iran nachgedacht. Damals wurde diese Möglichkeit sofort von Präsident G. Bush unterstützt. Heute [2007] wird sie in Form einer ›Unumgänglichkeit‹ eines Angriffs mit Atomwaffen vorgebracht. Die Öffentlichkeit soll glauben gemacht werden, dass eine solche Möglichkeit nichts Schreckliches aufweist, sondern ein Atomschlag im Gegenteil durchaus machbar ist. Angeblich gebe es keinen anderen Weg, den Iran zu ›stoppen‹.« (General Leonid Ivashov, »Iran Must Get Ready to Repel a Nuclear Attack«, in: Global Research, Januar 2007, Hervorhebungen vom Verfasser)
Interessanterweise hatte der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney bereits zu Beginn der zweiten Amtszeit Bushs unverhohlen darauf hingewiesen, dass der Iran aus Sicht der USA »ganz oben auf der Liste« der Schurkenstaaten stehe, und Israel sozusagen »die Bombardierung für uns übernehmen« würde, ohne dass sich die USA militärisch beteiligen oder dazu Druck auf Israel ausüben müssten.
In diesem Zusammenhang hat der amerikanische Historiker und politische Kenner Michael Carmichael auf die Integration und Koordination der militärischen Entscheidungsprozesse zwischen den USA und Israel in Bezug auf den Einsatz von Atomwaffen hingewiesen:
»Anstelle eines direkten amerikanischen Atomschlages gegen ›harte Ziele‹ ist Israel die Aufgabe übertragen worden, ein koordiniertes Bündel nuklearer Angriffe auf die kerntechnischen Anlagen in den iranischen Städten Natanz, Isfahan und Arak durchzuführen.« (Michael Carmichael, in: Global Research, Januar 2007)
»Alle Option stehen offen«: Was bedeutet das im Zusammenhang mit militärischen Planungen? Die Regeln und Richtlinien der amerikanischen Streitkräfte, die den Einsatz von Atomwaffen betreffen, wurden »liberalisiert«, das heißt im Vergleich zu den Bestimmungen, die in der Zeit des Kalten Krieges galten, dereguliert. Die Entscheidung, gegen Iran taktische Nuklearwaffen einzusetzen, liegt nicht länger in den Händen des Oberkommandierenden, also in diesem Falle Präsident Barack Obamas, sondern ist eine rein militärische Entscheidung. Entsprechend dieser neuen Doktrin sollen
das Kommando, die Kontrolle und die Koordination (CCC) hinsichtlich des Einsatzes von Atomwaffen »flexibel« erfolgen, und den Regionalkommandeuren die Entscheidung überlassen werden, ob und wann Kernwaffen zum Einsatz kommen.
Diese neue Nukleardoktrin (DJNO, Doktrin für gemeinsame nukleare Operationen) vom März 2005, die in Washington auch als Joint Publication 3-12 bekannt ist, fordert, man müsse »konventionelle und nukleare Angriffe« einem vereinigten und »zusammengefassten« Kommando und entsprechender Kontrolle (C2) unterstellen. In diesem Dokument werden Kriegsplanungen im Wesentlichen als die Leitung von Entscheidungsprozessen dargestellt, bei denen es darum geht, militärische und strategische Ziele mithilfe unterschiedlicher Instrumente zu erreichen, wobei der als Folge auftretende Verlust an Menschenleben nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Das bedeutet nichts anderes, als dass im Falle eines Angriffs auf den Iran taktische Kernwaffen integraler Bestandteil des Waffenarsenals sein werden.
Vom Standpunkt militärischer Entscheidungsfindungsprozesse aus bedeutet das Konzept »Alle Optionen sind offen«, dass das Militär die Entscheidung über den »effizientesten Einsatz von Gewalt« treffen wird. In diesem Zusammenhang gehören nukleare und konventionelle Waffen, wie es das Pentagon nennt, zum »Werkzugkasten«, aus dem sich dann die Kommandeure die Mittel aussuchen können, die sie unter den jeweiligen Bedingungen ihres Kriegsschauplatzes für geboten halten. (Siehe dazu auch Michel Chossudovsky, »Is the Bush Administration Planning a Nuclear Holocaust?«, in: Global Research, 22. Februar 2006)
»Sobald die Entscheidung für den Beginn einer militärischen Operation einmal gefallen ist (zum Beispiel: Luftangriffe gegen den Iran), haben die Kommandeure des jeweiligen Kriegsschauplatzes einen erheblichen Ermessensspielraum. Dies bedeutet praktisch, dass, sobald die grundsätzliche Entscheidung des Präsidenten gefallen ist, USSTRATCOM in Absprache mit den Kommandeuren vor Ort über die Ziele und die zum Einsatz kommenden Waffen entscheiden kann. Gelagerte taktische Atomwaffen werden nun als integraler Bestandteil des Waffenarsenals auf dem Schlachtfeld angesehen. Mit anderen Worten: Atomwaffen sind nunmehr normaler Bestandteil des ›Werkzeugkoffers‹, auf die man auf einem konventionellen Kriegsschauplatz zurückgreifen kann.« (Michel Chossudovsky, »Targeting Iran, Is the US Administration Planning a Nuclear Holocaust«, in: Global Research, Februar 2006, Hervorhebungen vom Verfasser)
Fortsetzung im zweiten Teil...
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