Monday, 25. July 2016
09.03.2013
 
 

Angeblicher »Wortführer« der Internetaktivistengruppe Anonymous wahrscheinlich mehr als ein Jahr ohne Gerichtsverfahren inhaftiert

Redaktion

Die Eröffnung des Verfahrens gegen den mutmaßlichen Computerstraftäter Barrett Brown vor einem Bundesgericht wurde erneut um sechs Monate verschoben. Nun ist damit zu rechnen, dass der Internetaktivist, der einmal als »Wortführer« des Hackerkollektivs Anonymous bezeichnet wurde, ein ganzes Jahr im Gefängnis verbringen muss, ohne dass ein Verfahren gegen ihn eröffnet würde.

Der 31-jährige Brown sollte eigentlich in diesem März vor Gericht gestellt werden. Er wird einer ganzen Reihe von Vergehen beschuldigt, die in drei unterschiedlichen Anklageschriften im vergangenen September von der Regierung vorgelegt wurden. Aufgrund der Anträge seiner

Verteidiger wurde jetzt das Gerichtsverfahren für weitere sechs Monate aufgeschoben und wird voraussichtlich erst im September dieses Jahres beginnen.

 

Einem Bericht der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) zufolge beantragte Doug Morris, ein vom Gericht bestellter Pflichtverteidiger Browns, einen Aufschub, um ausreichende Einsicht in die Ermittlungsakten nehmen zu können. Am Mittwoch dieser Woche gab Bundesrichter Sam Lindsay diesem Antrag statt.

 

Weiter hieß es bei AP, der Beginn von Browns Prozess auf der Grundlage einer der Anklageschriften sei nun auf den 3. September 2013 gelegt worden; die beiden anderen Prozesse sollen am 23. September beginnen. Brown wurde am 12. September vergangenen Jahres verhaftet und befindet sich seit fast sechs Monaten in Gewahrsam der Strafverfolgungsbehörden.

 

Nach Angaben von AP wurde Brown »früher als ›Sprecher‹ von Anonymous, jener schemenhaften Bewegung, die für ihre Cyberangriffe bekannt wurde, angesehen«. Brown selbst bestreitet das. In der Vergangenheit hatte Brown durchaus des Öfteren Positionen der Anonymous-Gruppe vertreten und sich auch verschiedentlich ausführlich über Angelegenheiten im Zusammenhang mit der Gruppe geäußert. Aus dem Gefängnis schrieb er allerdings im vergangenen Jahr: »Ich bin nicht und war niemals der Sprecher für Anonymous, ebenso wenig wie ich das ›öffentliche Gesicht‹ der Gruppe war oder bin, oder, was noch schlimmer wäre, mich selbst zu ihrem ›öffentlichen Gesicht‹, ›Wortführer‹ oder ›führenden Vertreter‹ ernannt hätte.«

 

Browns rechtliche Probleme begannen im März letzten Jahres, als FBI-Beamte aufgrund eines Hausdurchsuchungsbefehls seine Wohnung in Dallas im US-Bundesstaat Texas nach Computern durchsuchten, die Informationen über u.a. das Anonymous-Kollektiv, einen Ableger dieser Gruppe mit Namen LulzSec und zu einer Reihe von Privatunternehmungen enthalten sollten, in deren Zusammenhang beide Gruppen (Anonymous und LulzSec) recherchiert hatten. Das Interesse des FBI richtete sich auch gegen Browns eigenes Projekt PM, eine unabhängige Denkfabrik, die er aufgebaut hatte, um u.a. »neue Möglichkeiten zu entwickeln, das Internet zu positiven Veränderungen zu nutzen und andere zu ermutigen, diese neuen Möglichkeiten zu nutzen«.

 

Nur einen Tag nach dieser Hausdurchsuchung im März 2012 schrieb Brown, nachdem die Beamten der Bundespolizei kurz nach der Hausdurchsuchung bei ihm auch das Haus seiner Mutter durchsuchten, das »FBI verfolgte damit die Absicht, einen bestimmten Laptop zu beschlagnahmen, und tat dies auch«. Weiter berichtete er, die FBI-Beamten hätten in den darauf folgenden Monaten seiner Mutter und ihm selbst immer wieder Behinderung der Justiz vorgeworfen, was Brown dazu veranlasste, im September 2012 in Videoclips und in Twitter-Mitteilungen massive Kritik gegenüber dem FBI zu äußern. »Ich weiß, was legal ist, und ich weiß, wie man mit mir umgesprungen ist … Und wenn dieses Vorgehen mir gegenüber legal ist, dann sollte es auch dem FBI-Beamten Robert Smith gegenüber legal sein, bei dem es sich um einen Kriminellen handelt«, behauptete Brown in einem seiner Videoclips, der ins Internet hochgeladen wurde. »Und deswegen ist das Leben von Robert Smith auch vorbei. Und wenn ich sage, sein Leben sei vorbei, meine ich damit nicht, dass ich ihn töten will, sondern dass ich sein Leben ruinieren und mich um seine Sch…-Kinder kümmern werde … Wie ihnen das wohl gefallen wird?«

 

Nur wenige Stunden, nachdem dieses Video im Internet auftauchte, stürmte ein Spezialeinsatzkommando Browns Wohnung in Dallas und nahm ihn zunächst für einen Monat in Gewahrsam, bevor er wegen des Vorwurfs, einen Bundesbeamten bedroht zu haben, angeklagt wurde. Sobald er einmal inhaftiert war, eskalierten die Vorwürfe gegen ihn immer stärker.

 

Während dieser Zeit eröffnete das Justizministerium zwei weitere Verfahren gegen Brown: Im Dezember 2012 wurde ihm vorgeworfen, im Internet einen Link weiterverbreitet zu haben, der die Kontodaten von mehr als 5.000 Kreditkartenbesitzern sowie weitere Informationen zu ihrer Identität und ihren jeweiligen Nutzungs- und Zugangsberechtigungen enthielt. Einen Monat später wurde er dann wegen »Behinderung der Justiz« angeklagt, weil er »wissentlich und aus niedrigen Beweggründen Unterlagen, Dokumente und digitale Daten, die sich auf zwei Laptops befanden, zurückgehalten hat bzw. versucht hat, sie zurückzuhalten«, wie er vor fast einem Jahr selbst angedeutet hatte.

 

Der Rechtsanwalt Jay Leiderman, der Brown in dieser Angelegenheit nicht vertritt [, aber als engagierter Anwalt von Klienten gilt, denen Computerstraftaten vorgeworfen werden], schrieb nach der dritten Anklageerhebung in seinem eigenen Internetblog, dem Angeklagten drohe im Falle einer Verurteilung in allen Anklagepunkten eine 100-jährige Haftstrafe. »Ihm wird vorgeworfen, in auf YouTube veröffentlichten Videos den FBI-Beamten bedroht zu haben, der an der Durchsuchung seiner Wohnung beteiligt war, er soll einen Link zu Kreditkarten- und entsprechenden Zugangsdaten verbreitet haben und er soll darüber hinaus noch versucht haben, seine Laptops zu verstecken, als das FBI an seine Tür klopfte. Diese Art von Straftaten kann einen heutzutage für 100 Jahre hinter Gitter bringen«, schrieb Leiderman.

 

Brown wird in Bezug auf die Kreditkartendaten vorgeworfen, in einem Chatroom einen Link zu Informationen zu Kreditkarten verbreitet zu haben, nachdem er beobachtet habe, dass dieser Link auch in einem anderen Chatroom aufgetaucht war. Die Informationen, zu denen dieser Link führte, bezogen sich auf Abonnentendaten, die im Dezember 2011 von Anonymous bei dem privaten Nachrichtendienstunternehmen Strategic Forecast oder abgekürzt Stratfor gehackt worden waren. Einige Tausend E-Mails, die bei dieser Aktion ebenfalls erbeutet worden waren, wurden später an die Enthüllungs-Internetplattform WikiLeaks weitergereicht und von dieser nach und nach veröffentlicht.

 

Nach der Veröffentlichung der Kreditkarteninformationen hatte sich Brown von der Aktion der Hacker distanziert. »Stratfor wurde nicht angegriffen, um Kreditkarteninformationen seiner Kunden zu ergattern. Offenbar waren die betreffenden Hacker selbst überrascht, wie einfach es war, in den Besitz dieser Daten zu kommen. Der Hackerangriff zielte vielmehr darauf ab, die 2,7 Mio. E-Mails, die auf den Servern dieses Unternehmens gespeichert waren, in die Hände zu bekommen«, sagte er.

 

Jeremy Hammond, ein Hacker und Aktivist aus Chicago, befindet sich seit mehr als einem Jahr hinter Gittern und wartet dort ebenfalls auf eine Anklageerhebung im Zusammenhang mit dem Hackerangriff auf Stratfor. Die Bundesstaatsanwaltschaft erklärte, er sei als führender Vertreter von Anonymous und LulzSec maßgeblich an dem Hackerangriff beteiligt gewesen. Sollte er verurteilt werden, könnte es sein, dass er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen muss.

 

 

 


 

 

 

 

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