Friday, 26. August 2016
11.07.2014
 
 

Arbeitet die US-Notenbank Federal Reserve auf einen »kontrollierten Zusammenbruch« hin?

Redaktion

Für die meisten Leute, die die Machenschaften der Federal Reserve (Fed) genau verfolgen, waren die Ereignisse der vergangenen Woche von großem Interesse, denn die Fed-Präsidentin Janet Yellen machte eine ziemlich überraschende Äußerung. Am Mittwoch sagte sie in einer Rede vor dem Internationalen Währungsfonds in einem Satz zusammengefasst, es sei nicht Aufgabe der Fed, Blasen zum Platzen zu bringen.

 

Während einige Marktakteure dies umgehend als Aufforderung im Sinne der amerikanischen Comedy-Serie The Honeymooners der 1950er Jahre verstanden, in der das Motiv, wie man mit geringem Einsatz schnell sehr reich werden kann, eine große Rolle spielt, und begannen, im großen Stil Wertpapiere zu kaufen, gibt es noch eine andere mögliche Erklärung für Yellens Verweis auf die fehlende Bereitschaft der Fed: Die Fed könnte daran arbeiten, genau das Gegenteil von dem zu tun, was sie öffentlich zurückgewiesen hatte.

 

Eine kurze Zusammenfassung der Vorgeschichte: In dem vor Kurzem veröffentlichten jüngsten Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, die man auch als »Zentralbank der Zentralbanken« bezeichnet, richtete die BIZ zwischen den Zeilen eine eher Unheil verkündende Empfehlung an ihre Mitgliedsbanken: »Lasst die Blase jetzt platzen.« Ihre Wortwahl war zwar nicht so drastisch, ließ aber keinen Zweifel an der zugrunde liegenden Botschaft:

»Die Gefahr, dass die Normalisierung zu spät und zu langsam erfolgt, sollte daher nicht unterschätzt werden…

Besonders in denjenigen Ländern, die sich in einer späten Phase des Finanzbooms befinden, gilt es nun abzuwägen zwischen dem Risiko, den Eintritt in die Abschwungphase zu beschleunigen, und dem Risiko, später einen umso größeren Abschwung zu erleben…

Nur wenige sind bereit, Finanzbooms zu zügeln, die allen die Illusion vermitteln, sie seien reicher. Oder auf die schnellen Rezepte zur Ankurbelung der Wirtschaft zu verzichten, selbst wenn untragbare Finanzbooms dadurch noch angeheizt werden könnten. Oder die Bilanzprobleme inmitten des Abschwungs ernsthaft anzugehen, wenn scheinbar einfachere Maßnahmen zur Verfügung stehen. Die Versuchung, eine Abkürzung zu nehmen, ist einfach zu groß, obwohl die Gefahr besteht, dass sie ins Leere führt. Der Weg vor uns kann lang sein. Ein Grund mehr also, die Reise lieber früher als später anzutreten.«

Wie wir bereits in der vergangenen Woche bemerkten, gibt es im Zusammenhang mit dieser Empfehlung einige faszinierende Aspekte, die man berücksichtigen muss. Zunächst einmal sollte für jeden, der der Ansicht ist, das Konzept eines absichtlich herbeigeführten Zusammenbruchs des Aktienmarktes sei nur Stoff für Verschwörungstheorien, nun klar sein, dass dieses Verständnis völlig überholt ist.

 

Aus den Äußerungen und der Wortwahl der BIZ ergibt sich, dass die Vorstellung, einen Kollaps künstlich zu initiieren, offen als politische Maßnahme diskutiert wird. Hier ging es um die unverhohlene Empfehlung, den Zusammenbruch herbeizuführen, oder wie sie sehr viel poetischer formulierte, »den Eintritt in die Abschwungphase zu beschleunigen«.

 

Ebenso faszinierend ist aber, dass Janet Yellen kurz nach der Veröffentlichung des BIZ-Jahresberichts in ihrer Rede vor dem IWF offenbar der BIZ widersprechen wollte. Dort sagte sie nämlich:

»In der jetzigen Situation sollte klar sein, dass meiner Ansicht nach Bemühungen, das Finanzsystem wieder widerstandsfähiger und belastbarer zu machen, entscheidend dafür sind, die Gefahr finanzieller Instabilität und von möglicherweise daraus erwachsenen Schäden zu verringern. Diese Konzentration auf [die Wiederherstellung] von Resilienz unterscheidet sich deutlich von der öffentlichen Diskussion, die sich oft darum dreht, ob bestimmte Bereiche von Vermögenswerte unter einer ›Blasen‹bildung zu leiden hätten und ob politische Entscheidungsträger versuchen sollten, die Blase zum Platzen zu bringen. Denn ein resilientes Finanzsystem kann unerwarteten Entwicklungen widerstehen, das Erkennen von Blasen ist demgegenüber weniger entscheidend.«

Yellen will damit offenbar zum Ausdruck bringen – möglicherweise als unmittelbare Antwort auf die Forderung der BIZ –, dass es nicht Aufgabe der Fed sei, Blasen zum Platzen zu bringen, und sie auch keinen Anlass sieht, sich in die Entwicklung [dieser Blasen] einzumischen. Kurz zusammengefasst fordert die BIZ also öffentlich, die Blase jetzt zum Platzen zu bringen, und Yellen sagt dazu »nein«.

 

Was geht hier eigentlich vor?

 

Wir könnten das alles, wenn wir wollten, einfach für bare Münze nehmen: Die BIZ spielt den Falken und die Fed die Taube. Und vielleicht ist das ja auch so – in gewisser Hinsicht ist Yellen immer noch ein etwas unberechenbarer Akteur. Aber da gibt es noch eine andere Mehrdeutigkeit in diesem Puzzle: Yellen hat öffentlich erklärt, sie werde anders als ihr Vorgänger den Märkten keine klaren Richtungsanweisungen vorgeben. Die Ära der Fed-Glasnost geht offenbar zu Ende. Seien Sie also nachsichtig mit uns, wenn wir noch eine andere Möglichkeit präsentieren:

Yellen ist dabei, einen kontrollierten Zusammenbruch zu inszenieren. Oder zumindest einen Zusammenbruch, von dem wir hoffen, dass er kontrolliert ist.

In diesem Zusammenhang müssen aber politische Überlegungen berücksichtigt werden: Die Fed, die nicht nur wegen ihrer offenen Marktmanipulation in die Kritik geraten ist, sondern sich auch sehr um die Markteinschätzung kümmert, kann es sich einfach nicht leisten, als aktiver Teilnehmer eines Marktzusammenbruchs wahrgenommen zu werden. Als Anstifter und Initiator eines Börsenkrachs zu gelten, könnte der amerikanischen Notenbank irreparablen Schaden zufügen.

 

Es wäre also durchaus möglich, dass die Fed beabsichtigt, dem Rat der BIZ zu folgen, und sich nun, in dem Versuch, sich vor den öffentlichen Folgen einer solchen von ihr selbst herbeigeführten Finanzkrise zu schützen, strategisch als unerschütterliche Taube gibt. Aus politischer Sicht wäre das durchaus eine sinnvolle Option für den Fall, dass die Dinge nicht so glatt laufen wie geplant. Eines allerdings steht fest: Ein absichtlich herbeigeführter Crash wird von der BIZ in ihrem Jahresbericht empfohlen. Dass über einen solchen Schritt als potenzielle politische Maßnahme nachgedacht wird, kann nun als gesichert gelten.

 

Es bleibt allerdings die Frage: Würde die US-Notenbank Federal Reserve eine solche politische Maßnahme in aller Offenheit durchführen oder doch lieber hinter den gleichen Vorhängen, hinter denen sich schon der Großteil ihrer bisherigen Politik in der Geschichte abspielte?

 

Wenn wir vor diesem Hintergrund noch einmal über die Rede Yellens vor dem IWF nachdenken, sind wir immer weniger überzeugt, dass die Fed tatsächlich so wenig zu einer drastischen Intervention bereit ist, wie Yellen uns glauben machen will. Den Eintritt in die Abschwungphase zu beschleunigen, könnte also durchaus auf der Agenda der Fed stehen.

 

 


 

 


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