Wednesday, 29. June 2016
24.03.2016
 
 

Brisante Dokumente: Die Türkei liefert dem IS viele neue Rekruten

Redaktion

Eine RT-Filmcrew konnte im Norden Syriens Dokumente des Islamischen Staats (IS) einsehen, die von fliehenden Terroristen zurückgelassen und von Kurden gefunden wurden. Die Dokumente liefern erstaunliche Einsichten in die mutmaßlichen Geschäftsverbindungen zwischen der Terrorgruppe und der Türkei.

 

Bereits kurz nach Ausbruch des Krieges in Syrien veränderte die Terrormiliz des Islamischen Staates (IS) die Lage und die Machtverhältnisse im Irak und insbesondere in Syrien massiv. Enthauptungen vor laufender Kamera, Massaker und Versklavung sowie offensichtliche Verbindungen zu den Anschlägen in Paris und Brüssel wurden in der Öffentlichkeit zum Synonym für die Terrormiliz und verschafften ihr weltweite Bekanntheit.

 

Eine solche Kampfgruppe mit derartigen bemerkenswerten Fähigkeiten funktionsfähig zu halten, ist ohne logistische und finanzielle Unterstützung von außen nicht denkbar.

 

Die Türkei, die sich seit Ausbruch des Krieges in Syrien aktiv in dem Konflikt engagiert, hat immer wieder bestritten, den IS zu unterstützen. Aber während Ankara darauf beharrt, zu den Todfeinden der Dschihadisten zu gehören, zeichnen die Tatsachen vor Ort ein ganz anderes Bild.

 

RT sprach mit verschiedenen Zeugen, die an Geschäften des IS beteiligt waren, und ist im Besitz von Dokumenten der Terrorgruppe, die erstaunliche Einsichten dazu vermitteln, wie und wo ausländische Kämpfer die Grenze zu Syrien überschritten und sich dem Terror-»Staat« anschlossen.

 

Detaillierte Erdölrechnungen

 

Die RT-Crew zeichnete das meiste Material in der Stadt Schaddadi in der syrischen Provinz Hasaka auf. Sie wurde im Februar 2013 zunächst von der Al-Nusra-Front erobert und dann später teilweise von IS-Dschihadisten gehalten. Nach der Befreiung Schaddadis, wo gegenwärtig etwa 10 000 Menschen leben, filmte die RT-Crew kurdische Soldaten, die die früheren Häuser und Unterkünfte von IS-Kämpfern und die dort zurückgelassenen Dokumente untersuchten.

 

Bei einigen der aufgefundenen Dokumente handelt es sich um detaillierte Rechnungen, auf deren Grundlage der IS seine täglichen Einnahmen aus den vom ihm kontrollierten Erdölfeldern und Raffinerien sowie die Menge des jeweils geförderten Erdöls berechnete. Alle Dokumente tragen im Kopf das IS-Symbol.

 

Aus den Unterlagen gehe hervor, so der um Anonymität bemühte Autor der neuen RT-Dokumentation, dass »der IS sehr professionell Aufzeichnungen zum Erdölgeschäft geführt hat«. Auf jeder Rechnung waren der Name des Fahrers, der Fahrzeugtyp und das Gewicht des Tankfahrzeuges mit und ohne Ladung sowie der Preis, auf den man sich geeinigt hatte, und die Rechnungsnummer verzeichnet. Aus einer dieser Rechnungen mit Datum vom 11. Januar 2016 geht z.B. hervor, dass der IS 1925 Barrel Erdöl aus dem Erdölfeld Kabibah gefördert und für 38 342 Dollar verkauft hat.

 

IS-Erdöl wird in die Türkei geliefert – über die Türkei kommen IS-Kämpfer

 

RT sprach mit Einwohnern der Stadt, die gezwungen worden waren, für den IS in der Erdölindustrie zu arbeiten, und fragte sie nach den Arbeits- und Lebensbedingungen in der von den Terroristen kontrollierten Erdölraffinerie sowie nach den Orten, an denen das geförderte Öl verkauft worden sei.

 

Die befragten Einwohner bestätigten, das »geförderte Erdöl wurde an eine Raffinerie geliefert, wo es zu Benzin, Erdgas und anderen Petroleumprodukten gespalten wurde. Dann wurden diese Endprodukte verkauft«, erklärte der Verfasser der RT-Dokumentation. »Die Zwischenhändler aus Rakka und Aleppo kamen dann, um das Erdöl mitzunehmen, und erwähnten dabei oft die Türkei.«

 

Ein türkischer Kämpfer, der von den Kurden gefangengenommen worden war, lieferte weitere wichtige ergänzende Informationen über die Verbindung zwischen dem IS und der Türkei. Der frühere IS-Kämpfer erklärte vor der Kamera, die Terrorgruppe verkaufe tatsächlich Erdöl an die Türkei.

 

»Ohne dass wir den Kämpfer direkt darauf angesprochen hatten, räumte er ein, einer der Gründe, warum es so leicht für ihn gewesen sei, die türkische Grenze zu überschreiten und sich dem IS anzuschließen, hinge teilweise damit zusammen, dass die Türkei ebenfalls davon profitiere. Auf die Frage, welche Vorteile die Türkei daraus ziehe, antwortete er, die Türkei erhalte Gegenleistungen – etwa in Form von Erdöl«, hieß es in der Dokumentation weiter.

 

RT konnte auch mit einem kurdischen Soldaten aus der Region sprechen, der eine ganze Reihe von Pässen zeigte, die er bei den Leichen von IS-Kämpfern gefunden hatte. Die Crew konnte exklusive Fotos der Dokumente verschiedener Dschihadisten machen, die aus allen Teilen der Welt – darunter Ländern wie Bahrain, Bolivien, Kasachstan, Russland, Tunesien und der Türkei – in das Kampfgebiet gekommen waren.

 

Die meisten dieser ausländischen Kämpfer waren offenbar über die Türkei eingereist, da ihre Pässe Einreisestempel von türkischen Grenzkontrollpunkten aufwiesen.

 

Ein Angehöriger der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) zeigte Fotos, die von einem USB-Stick stammten und offensichtlich IS-Kämpfern gehörten. Ein Foto zeigte drei Männer vor dem 3500 Jahre alten Theodosius-Obelisk, der heute auf dem Sultan-Ahmed-Platz, einer bekannten Sehenswürdigkeit in Istanbul, steht. Ein späteres Bild zeigt die drei Männer dann zusammen mit andern Kämpfern in voller Kampfmontur und Bewaffnung irgendwo in Syrien.

 

Einer der IS-Kämpfer, mit denen RT sprechen konnte, berichtete, dass sie im Grenzkontrollpunkt auf türkischer Seite von den Grenzbeamten nicht behelligt wurden, als sie die Grenze nach Syrien überquerten.

 

Islamistische Propaganda wurde in Istanbul gedruckt

 

Über die türkische logistische Unterstützung für die extremistischen Kämpfer, die auf den Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad hinarbeiten, oder zumindest das Nichteingreifen der türkischen Seite bei den vielfachen Grenzüberschreitungen der Kämpfer wurde schon viel berichtet. Die ideologische Unterstützung aus der Türkei blieb dagegen bisher weitgehend unbeachtet.

 

Zu den von den Terroristen zurückgelassenen Dokumenten in einem vom IS betriebenen Krankenhaus entdeckte die RT-Crew eine islamistische, in arabischer Sprache gedruckte Propagandabroschüre mit der Überschrift »Wie man einen perfekten Kampf gegen das verbrecherische Assad-Regime führt«, in dem unterschiedliche Möglichkeiten des Kampfes gegen die syrische Regierung beschrieben werden.

 

Interessanterweise wurde es in der Türkei gedruckt, wie ein Aufdruck auf dem Titelblatt belegt, der die Postanschrift und die Telefonnummer einer Druckerei aus Istanbul enthält. Auch der Hinweis auf Facebook fehlt nicht.

 

»Viele Leute reden von der Verbindung zur Türkei. Die Türkei ist der direkte Nachbar des IS. Wäre sie entschlossen gewesen, die ›Verbindungen‹ zwischen der Türkei und dem IS zu kappen, hätte dies das Ende der Terrororganisation bedeutet«, sagte der Autor der RT-Dokumentation und erinnerte an die Interviews mit Kurden und gefangenen IS-Rekruten. »Wenn der IS keine Waffen, neuen Rekruten, Nahrungsmittel und andere Unterstützung aus der Türkei mehr erhielte, verlöre der IS einen wichtigen Unterstützer.«

 

Die Türkei profitiert noch in weiterer Hinsicht vom Islamischen Staat. Immerhin liefert die Terrorgruppe Erdöl zu günstigen Preisen und kämpft zwar gegen die syrische Regierung, aber auch gegen die kurdische Bevölkerung. Diese Einschätzung teilen die Kurden und ihre Todfeinde vom IS gleichermaßen. Die RT vorliegenden IS-Dokumente liefern zusätzliche Beweise und tragen damit dazu bei, das schmutzige Spiel zu enthüllen, das die Regierung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Syrien spielt.

 

 

 

 

 

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