Wednesday, 23. May 2012
15.07.2011
 

Die wahren Kosten der Kriege Amerikas

Redaktion

Bei seiner Afghanistan-Rede am 22. Juni hat Präsident Obama verraten, dass »wir für den Krieg in den letzten zehn Jahren eine Billion Dollar bezahlt haben«. Dabei wusste er genauso gut wie jeder andere, der die Kriege unter Bush und Obama im genannten Zeitraum aufmerksam beobachtet, dass diese Zahl irreführend und untertrieben war.

Allerdings haben nur wenige in Amerika Washingtons Kriege im 21. Jahrhundert so genau verfolgt, deshalb erscheint ihnen die Billion wahrscheinlich nicht abwegig. Aber eine solche Summe für zehn volle Jahre – wenn sich schon allein die Kosten für die Klimaanlagen für die US-Truppen in Afghanistan und Irak jährlich auf 20,2 Milliarden Dollar belaufen – hat nichts mit der Realität zu tun.

(Es ist schwer, sich eine Billion vorzustellen, deshalb sei hier noch einmal die folgende Vergleichsmethode angeführt, die wir schon früher verwendet haben: Sechzig Sekunden sind eine Minute. Eine Million Sekunden sind grob gerechnet elfeinhalb Tage. Eine Milliarde Sekunden sind 32 Jahre, und eine Billion Sekunden sind 32.000 Jahre.)

 

Die letzte objektive Schätzung für die Kriege in Afghanistan und Irak beläuft sich auf zwischen 3,7 und 4,4 Billionen Dollar (140.800 Jahre nach obigem Vergleich), wie das Forschungsprojekt »Costs of War« (»Kriegskosten«) am Watson Institute for International Studies an der Brown University am 29. Juni mitteilte.

 

Für diese Analyse hatte die Universität ein Team gebildet, das aus Wirtschaftswissenschaftlern, Anthropologen, Politikwissenschaftlern, Juristen und einem Arzt bestand. Bei der Berechnung wurden auch die in den nächsten Jahrzehnten anfallenden Kosten für die Versorgung von Veteranen sowie die Zinsen für die Kriegskosten berücksichtigt.

Die medizinischen Kosten sind enorm. »Wir wissen zwar, wie viele Soldaten in den Kriegen gefallen sind (knapp über 6000)«, hieß es in dem Bericht, »alarmierend ist jedoch, dass uns über Verletzungen und Erkrankungen bei Kriegsheimkehrern nichts bekannt ist. Bei der US-Veteranenbehörde VA gehen laufend neue Beihilfe-Anträge wegen Behinderung ein, bis zum letzten Herbst waren es 550.000.« Dabei werden die mehreren Tausend Toten und Verletzen unter den quasi-militärischen Dienstleistern nicht einmal erfasst. In Irak und Afghanistan sind ungefähr genauso viele Mitarbeiter privater Dienstleister wie Soldaten aktiv.

Eine genaue Vorhersage der für diese Kriege anfallenden Zinskosten zu erstellen, ist unmöglich. 2010 wurden 400 Milliarden Dollar US-Steuergelder für die Bezahlung von Kriegsschulden aufgewendet, die bis zum Koreakrieg vom Anfang der 1950er-Jahre zurückreichen. Wir werden auf ewige Zeiten Kriegsschulden bezahlen, weil Washington ständig Schulden macht, um neue Kriege zu planen oder in Gang zu setzen. Schon jetzt kostet der US-geführte Krieg der NATO für einen Regimewechsel in Libyen die amerikanischen Steuerzahler rund eine Milliarde. Das Pentagon hat die Pläne für viele verschiedene zukünftige Kriege bereits in der Schublade, angefangen von kleinen Anti-Terror-Eskapaden über Cyberspace- und Weltraum-Konflikte und einen Atomkrieg bis hin zum Dritten Weltkrieg.

Gut möglich, dass sich die Zahlen der Brown University als unterschätzt erweisen. Einige unabhängige Studien aus den letzten Jahren lagen durchaus noch höher, wurden aber vom Weißen Haus und den Massenmedien vom Tisch gewischt. Dasselbe Schicksal könnte auch den Berechnungen der Brown University drohen.

 

Der hoch geachtete Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und die Harvard-Professorin Linda Bilmes haben vor drei Jahren ein Buch veröffentlicht, in dem sie auf der Grundlage von Daten aus dem Jahr 2006 die Kosten nur für den Irakkrieg berechnet haben. Der Titel des Buchs lautete »The Three Trillion Dollar War« (deutscher Titel: »Die wahren Kosten des Krieges – Wirtschaftliche und politische Folgen des Irakkonflikts«). Sie gründeten ihre Berechnungen auf die »verborgenen« Kosten des Krieges, zu denen die enormen Aufwendungen, die in den nächsten 50 Jahren für die medizinische Versorgung für Zehntausende schwer verwundeter Soldaten anfallen, genauso enthalten waren wie weitere Beihilfen, die Erneuerung der Ausrüstung sowie die Zinsen für die Kriegskosten.

Stiglitz und Biles errechneten 2008, dass die Kosten für die Kriege in Irak und Afghanistan zusammen zwischen fünf und sieben Billionen Dollar betragen würden. Sie nannten diese Abenteuer die »Kreditkartenkriege«. Mit einer etwas abgewandelten Methode schätzte der gemeinsame Wirtschaftsausschuss des US-Kongresses vor einigen Jahren die Gesamtkosten des Irakkriegs auf 3,5 Billionen Dollar. Den Afghanistankrieg hatten sie in ihre Rechnung nicht einbezogen.

Einmal angenommen, Obama wird wiedergewählt, so werden die Bush-Obama-Kriege – einschließlich Irak, Afghanistan, Pakistan, Jemen (und Somalia, wo die USA gerade Drohnenangriffe durchführen), plus die Kriege in Obamas letzten Amtsjahren – sicherlich mehr als fünf Billionen Dollar an realen Kosten verursachen.

In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, dass die derzeitigen Ausgaben für das Pentagon in Höhe von rund 700 Milliarden Dollar pro Jahr gegenüber 2001, als sie bei ungefähr 380 Milliarden Dollar lagen, enorm gestiegen sind. (Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum sind die Militärausgaben im Iran – den Washington, Tel Aviv und Saudi-Arabien als die größte Gefahr für den Frieden im Nahen Osten darstellen – von neun Milliarden Dollar 2001 auf sieben Milliarden 2010 gesunken.)

Doch die Ausgaben des Verteidigungsministeriums betragen nur rund die Hälfte des Ganzen. Um den wahren Betrag zu ermitteln, den die USA für kriegsbezogene Ausgaben im letzten Jahr aufgewendet haben, müssen die 700 Milliarden für das Pentagon verdoppelt werden. Das sind 1,4 Billionen pro Jahr für die Vereinigten Staaten. Wie kann das sein?

Anstatt nur über den Pentagon-Haushalt zu sprechen, muss man auch Washingtons verschiedene Budgets für die »Nationale Sicherheit« einbeziehen. Dazu zählen natürlich die Ausgaben für die insgesamt 16 Geheimdienste, der Prozentsatz der jährlichen Staatsverschuldung, der für frühere Kriegsausgaben aufgewendet wird, die Kosten Heimatschutz, Atomwaffen, zusätzliche jährliche Aufwendungen für die Kriege in Irak und Afghanistan, Renten und Krankenversicherung für Veteranen, die NASA, FBI (für deren kriegsbezogene militärische Arbeit) usw. Berechnet man dies alles ein, so beläuft sich die Summe für das Fiskaljahr 2010 auf 1,398 Billionen Dollar, so die War Resisters League (Liga der Kriegsgegner) und andere Quellen.

Nur zu beobachten, wie viel Geld Washington für festgefahrene Kriege ausgibt, ist nicht genug. Es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken, wofür unsere fünf Billionen Dollar an Kriegsausgaben unter Bush-Obama stattdessen hätten investiert werden können. Beispielsweise für einen reibungslosen Übergang von fossilen Brennstoffen auf ein Solar-Wind-Energiesystem für die gesamte USA – der jetzt viele Jahrzehnte länger dauern wird, sofern es überhaupt dazu kommt, während die Welt durch Treibhausgase immer wärmer wird. Und es wäre wahrscheinlich noch genügend Geld übrig, um neben anderen Projekten die zerfallende, veraltete zivile Infrastruktur in Amerika gründlich zu überholen.

Aber während es den Großkonzernen, der Wall Street und den Reichen gut geht, hat man Global Warming und Instandsetzung der Infrastruktur vom Tisch gewischt. Die US-Bundesstaaten kürzen die Ausgaben für Schulen und Gesundheitswesen. Landkreise und Städte schließen Schwimmbäder und öffentliche Einrichtungen. Jobs und Wachstum stagnieren. Die Bundesregierung kürzt den Sozialhaushalt, staatliche Krankenversicherungsprogramme wie Medicare stehen vor dem Aus.

Aber man kann sicher sein, dass der Militärhaushalt und das Budget für Nationale Sicherheit trotz kleinerer Anpassungen hier und da im Wesentlichen unverändert bleiben wird.

 

 


 

 

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