Samstag, 10. Dezember 2016
04.01.2012
 
 

Irakkrieg beendet? Amerikanischer Marineinfanterist selbstkritisch über die Zerstörung Falludschas

Ross Caputi

Der amerikanische Marineinfanterist Ross Caputi erinnert sich an die Ereignisse im Zusammenhang mit der Belagerung und Zerstörung der irakischen Stadt Falludscha im Jahr 2004, bei der tausende von Menschen getötet, hunderttausende vertrieben und die Stadt mit chemischen Kampfstoffen vergiftet wurde.

Seit der zweiten Belagerung Falludschas sind acht Jahre vergangen – bei den damit verbundenen amerikanischen Angriffen wurde die Stadt fast vollständig zerstört, wurden tausende von Zivilisten getötet und weitere hunderttausende vertrieben. Bei diesen Angriffen wurde eine ganze Generation hochgiftigen chemischen Kampfstoffen ausgesetzt, die bei den dort lebenden Menschen Krebserkrankungen auslösten und bei ihren Kindern zu Geburtsschäden führten.

All dies ist jetzt sieben Jahre her, und immer noch tragen Lügen dazu bei, die falschen Vorstellungen über unsere Taten aufrecht zu erhalten.Die amerikanischen Veteranen, die dort gekämpft haben, wissen immer noch nicht, gegen wen oder für was sie damals kämpften.

Ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin selbst einer dieser amerikanischen Veteranen. In den Augen vieler Menschen, mit denen ich damals »diente«, handelt es sich bei den Einwohnern Falludschas immer noch um Wesen, denen man das Menschsein abspricht, und die Widerstandskämpfer gelten noch heute als Terroristen. Aber anders als meinen Kameraden ist mir klar, dass ich der Aggressor war, und dass die Widerstandskämpfer in Falludscha ihre Stadt verteidigten.

2011 jährten sich auch die Todestage zweier meiner besten Freunde zum siebten Mal: Travis Desiato und Bradly Faircloth, die beide bei der Belagerung ums Leben kamen. Ihr Tod war weder heldenhaft noch ruhmreich. Ihr Tod war tragisch, aber keine Ungerechtigkeit.

Wie könnte ich dem Widerstand in Falludscha die Tötung meiner Freunde zum Vorwurf machen, wenn ich doch weiß, dass ich an ihrer Stelle genauso gehandelt hätte? Wie kann ich ihnen die Schuld geben, wenn wir doch die Aggressoren waren?

Es hätte anstelle von Travis oder Brad genauso mich treffen können. Ich trug ein Funkgerät auf meinem Rücken, das die Luftunterstützung anforderte, durch deren Beschuss dann Zivilisten getötet und Falludscha in Schutt und Asche gebombt wurde. Als Einwohner Falludschas hätte ich auch jeden wie mich (als Angreifer) getötet. Ich hätte keine andere Wahl gehabt. Denn das Schicksal meiner Stadt und meiner Familie hätten davon abgehangen. Ich hätte die ausländischen Invasoren getötet.

Travis und Brad waren sowohl Opfer als auch Täter. Sie wurden getötet und töteten selbst andere aufgrund einer politischen Agenda, für die sie nur Spielfiguren waren. Sie waren die Speerspitze des amerikanischen Empire, und in den Augen ihrer Vorgesetzten ein hinnehmbarer Verlust.

Für mich ist es kein Widerspruch, einerseits gegenüber den gefallenen amerikanischen Marineinfanteristen und Soldaten Trauer und Mitgefühl zu empfinden und andererseits auch die Gefühle der Einwohner Falludschas nachzuvollziehen, die zu den Waffen greifen mussten. Der eigentliche Widerspruch liegt in dem Irrglauben, wir seien die Befreier gewesen, während wir tatsächlich die Freiheit und die Wünsche der Einwohner Falludschas unterdrückten und missachteten. Der Widerspruch liegt aber auch in der irrigen Überzeugung, wir seien Helden, wenn ein richtiges Verständnis von Heldentum im Widerspruch zu unseren Taten in Falludscha steht.

Was wir in Falludscha angerichtet haben, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, und ich sehe keinen vernünftigen Sinn darin, meine früheren Kameraden in meiner ehemaligen Einheit zu kritisieren. Aber ich will den Lügen und irregeleiteten Überzeugungen entgegentreten. Ich will die Vorurteile überwinden helfen, die uns daran hindern, uns in die Lage der anderen Seite zu versetzen, und uns selbst die Frage zu stellen, wie wir wohl reagiert hätten, wäre eine ausländische Armee in unser Land eingedrungen und hätte unsere Stadt belagert?

Ich verstehe den psychologischen Mechanismus, der den Aggressor dazu  bringt, den Opfern die Verantwortung zuzuschieben. Ich verstehe die Rechtfertigungen und die Mechanismen des Selbstschutzes. Und ich verstehe den emotionalen Druck, der einen dazu bringt, die Menschen zu hassen, die jemanden getötet haben, der uns nahe steht. Aber die Kenntnis der psychologischen Hintergründe, die solche falschen Überzeugungen aufrecht erhalten, darf nicht dazu führen, die objektive moralische Wahrheit zu ignorieren, dass kein Angreifer jemals den Angegriffenen gerechter Weise vorwerfen kann, sich zu verteidigen.

Mit der gleichen verzerrten Moral wurden auch die Angriffe auf die amerikanischen Ureinwohner, die Vietnamesen, die Bewohner El Salvadors und die Afghanen gerechtfertigt. Es ist immer und immer wieder die gleiche Geschichte. Diesen Menschen wurde ihre Menschlichkeit abgesprochen, ihr gottgegebenes Recht auf Selbstverteidigung wurde als Unrecht dargestellt und ihr Widerstand als Terrorismus gebrandmarkt – und amerikanische Soldaten wurden entsandt, sie zu töten.

Die Geschichte hat diese Lügen beibehalten, sie als normal hingestellt und in unserer Kultur verankert. Und diese Verankerung ist so stark, dass legitimer Widerstand gegen eine amerikanische Aggression für  die meisten unbegreiflich ist. Selbst dieses Problem offen anzusprechen gilt schon als unamerikanisch.

Die Geschichte stilisiert den amerikanischen Veteranen zum Helden. Und aus dieser Sicht wird jeder, der gegen ihn die Waffe erhebt, automatisch zum Bösewicht und Schurken. Die Rolle des Aggressors und die des Verteidigers wurden vertauscht, unmoralisches Handeln wurde zu moralischem Tun verklärt, und diese Perspektive prägt durchgehend unser heutiges gesellschaftliches Verständnis und Verhältnis zum Krieg.

Ich kann mir keinen wichtigeren Schritt in Richtung Gerechtigkeit vorstellen, als diesen Lügen den Boden zu entziehen und in diesen Fragen eine klare moralische Einstellung zu vertreten. Nichts scheint mir wichtiger, als den Unterschied zwischen Aggression und Selbstverteidigung so deutlich wie möglich herauszustellen und legitime Kämpfe zu unterstützen. Ich kann die Einwohner Falludschas weder dafür hassen noch ihnen die Schuld zuschieben oder es ihnen verübeln, dass sie gegen uns gekämpft haben. Ich bedaure außerordentlich, an der zweiten Belagerung Falludschas beteiligt gewesen zu sein, und ich hoffe, dass nicht nur die Einwohner Falludschas, sondern alle Iraker ihren Kampf gewinnen werden.

 

 

 

 

 

 

 


 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

  • Welche Geldanlagen beim Euro-Crash noch sicher sind
  • Fettiges Gold: 350 Euro für 500 Gramm Butter
  • Meeresfrüchte mit DNA-Barcode
  • EU fordert Kühlschrankkontrollen und andere Absurditäten

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Massenvernichtungswaffen: Erwartet Iran gleiches Schicksal wie Irak?

Robert Parry

Die amerikanischen Medien und »unabhängige« amerikanische Rüstungsexperten hatten in fast jeder Hinsicht in Bezug auf die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Irak vor der amerikanischen Invasion im März 2003 falsch gelegen. Derzeit wiederholt sich dieses Schauspiel bei der Bewertung zweifelhafter Geheimdienstinformationen im Zusammenhang mit  mehr …

Berichte über Truppenbewegungen der US-Streitkräfte in Richtung Nordafrika und Nahost, während Destabilisierung Syriens eskaliert

Webster G. Tarpley

Einheiten der US Special Forces, die im texanischen Fort Hood stationiert sind, haben die Weisung erhalten, sich auf einen Einsatz in Libyen spätestens im Juli vorzubereiten – das berichtet eine Quelle im US-Militär. Auf diese Special Forces würden dann im September oder Oktober Einheiten der Ersten Kavallerie-Division folgen, die zurzeit in Irak  mehr …

Eine geheime Söldnerarmee für den Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika

Manlio Dinucci

In Zayed Military City, einem Ausbildungslager in eine Wüstenregion der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), wird eine Geheimarmee aufgebaut. Diese geheime Söldnerarmee, die nicht nur in den Emiraten, sondern auch im Mittleren Osten und Afrika eingesetzt werden soll, wurde von Eric Prince, einem früheren Angehörigen der Eliteeinheit Navy Seals,  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Sex auf Kosten der Steuerzahler: Die Bordellbesuche unserer Politiker

Udo Ulfkotte

Alle deutschen Medien berichten in diesen Tagen über die intimen Kontakte des italienischen Staatspräsidenten Silvio Berlusconi zu Prostituierten. Sie verdrängen dabei offenkundig, dass es in Deutschland weitaus schlimmer ist. Das aber ist augenscheinlich ein Tabuthema. Lesen Sie, welche deutschen Politiker wann und wo (häufig minderjährige)  mehr …

Eine geheime Söldnerarmee für den Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika

Manlio Dinucci

In Zayed Military City, einem Ausbildungslager in eine Wüstenregion der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), wird eine Geheimarmee aufgebaut. Diese geheime Söldnerarmee, die nicht nur in den Emiraten, sondern auch im Mittleren Osten und Afrika eingesetzt werden soll, wurde von Eric Prince, einem früheren Angehörigen der Eliteeinheit Navy Seals,  mehr …

Amerikas Drohnenkriege in Afrika: Zahlreiche geheime Rollbahnen und Drohnen-Basen

Prof. Michel Chossudovsky

»Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen haben die amerikanischen Behörden den Kontakt zu einer Drohne verloren. Dieses Mal kam es zum Absturz eines glühenden Objekts auf die Seyschellen im Indischen Ozean...« Im Jahr 2009 schloss das Pentagon mit der Regierung des [aus 115 Inseln bestehenden] Inselstaates Seyschellen ein Abkommen über die  mehr …

Das Jahr 2011: Enthüllte Geheimnisse

Andreas von Rétyi

2011 wurde die Welt von einem historischen Ereignis zum nächsten gerissen, etwa Revolutionen in Nordafrika, Fukushima und die Tötung bin Ladens. Dabei gab es noch ganz andere gewichtige Ereignisse. Sie wurden in den Medien allenfalls am Rande erwähnt. Es geht um Geheimdienste und um militärisch brisante Neuentwicklungen.  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.