Thursday, 26. May 2016
15.03.2010
 
 

Seit 95 Jahren – die USA in der Falle des armenischen Völkermordes

Wolfgang Effenberger

Unter dem Pfad »Eiszeit zwischen USA und Türkei« lieferte die Suchmaschine Google am Nachmittag des 5. März 2010 48.100 Einträge. Was hatte die Türkei dermaßen erbost, dass sie ihren Botschafter aus Washington abberief? – Kurz zuvor hatte der Auswärtige Ausschuss des US-Repräsentantenhauses eine Resolution mit 23 zu 22 Stimmen angenommen. Der Ärger über diese Resolution, in der die Tötung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet wird, veranlasste die Türkei zu diesem Schritt. Vor der »Beleidigung« des wichtigen NATO-Verbündeten der USA im Nahen und Mittleren Osten hatte die Obama-Administration gewarnt. Bis zuletzt versuchte sie, die Abgeordneten davon abzubringen, dem Plenum eine Völkermord-Resolution zur Abstimmung vorzulegen. Dabei hatte Obama noch im Präsidentschaftswahlkampf 2008 erklärt, er werde die Tötung der Armenier als Völkermord brandmarken. Heute steht Obama auch hier in der Tradition seiner Vorgänger. So hatte die Bush-Administration schon bei der ersten Beratung des Ausschusses vor drei Jahren massiven Druck auf die Abgeordneten ausgeübt. Auch damals rief die Türkei ihren Botschafter aus Washington zurück, und US-Regierungskreise fürchteten um die Nutzung türkischer Luftwaffenstützpunkte für US-Kampfflugzeuge. Nun muss noch die Resolution dem Plenum des US-Repräsentantenhauses vorgelegt werden. Dort ist die Annahme weiterhin unsicher.

In einer schonungslosen Studie beleuchtet US-Historiker  Roger W. Smith die Rolle seines Landes in der Behandlung des Völkermordes an den Armeniern. (1) Zu Wahrung »nationaler Interessen« – in diesem Fall die vorteilhaften ökonomischen und geopolitischen Beziehungen zur Türkei – war Washington von 1920 an bis heute gewillt, jedes öffentliche Wissen um den Völkermord zu unterdrücken.

Besondere humanitäre Verdienste kommen dem damaligen US-Botschafter im Osmanischen Reich zu. Der Rechtsanwalt und eingebürgerter Amerikaner mit deutsch-jüdischen Vorfahren, Henry Morgenthau (sen.), nahm seine Aufgaben in Konstantinopel verantwortungsvoll wahr.

Bild: Archiv Wolfgang Effenberger

Nachdem am 5. November 1914 Russland, England und Frankreich der Türkei den Krieg erklärt hatten, begann die nationalistische »Jungtürken-Regierung« (2) im April 1915 das Schicksal der armenischen Minderheit zu besiegeln. Am 24. April 1915 wurde die gesamte armenische Elite in der Hauptstadt Konstantinopel, mehr als 600 hoch angesehene armenische Persönlichkeiten und Intellektuelle, bei einer Razzia verhaftet. Die Türkei, die im Ersten Weltkrieg Partei für Deutschland und Österreich-Ungarn ergriffen hatte, beschuldigte die Armenier, mit Russland gegen sie zu paktieren. Es folgte nun die systematische Deportation und Vernichtung der armenischen Bevölkerung. (3)

Morgenthau gelang es, den persönlichen Kontakt zu den jungen Führern des Türkenreiches herzustellen – besonders erwähnt sei hier Talaat Bay, der Minister des Inneren. Beharrlich drängte Morgenthau darauf, dass die »Jungtürken« die Deportationen und das Massaker am armenischen Volk stoppten. Aus allen US-Konsulaten strömten die Alarmmeldungen über die gegen die Armenier getroffenen Maßnahmen ein. Morgenthaus Bemühungen, mit dem Innenminister Talaat die Lage der bedrängten Armenier zu lindern, blieben erfolglos.

Inzwischen war am 27. April 1915 der Botschafter von Russland, George Bakhmetoff, persönlich beim US-Außenminister Bryan vorstellig geworden und hatte für die Armenier um Unterstützung seitens der US-Regierung gebeten. Tags darauf ließ der US-Außenminister dem russischen Botschafter mitteilen, dass die amerikanische Botschaft in Konstantinopel angewiesen sei, Einfluss auf die türkische Regierung zu nehmen, um Massaker an Armeniern zu verhindern und wirkungsvolle Mittel zum Schutz der Armenier vor Gewalttätigkeiten sicherzustellen. Und der US-Außenminister W.J. Bryan versicherte dem russischen Botschafter höchste Berücksichtigung: »Accept, Excellency, the renewed assurances of my highest consideration.« (4)

Am 24. Mai 1915 verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung Frankreich, Englands und Russland die »Verbrechen der Türkei gegen die Menschlichkeit und die Zivilisation«. Doch nur drei Tage später gibt Innenminister Talaat Pacha die Verabschiedung eines »vorläufigen Deportationsgesetzes« bekannt.

Daraufhin verfasste der US-Außenminister W.J. Bryan im Namen der Alliierten, vor allem gedrängt von den Franzosen, einen warnenden Aufruf an die türkische Regierung, die Massaker an den Armenier einzustellen. Seit einem Monat hätten nachweislich Massaker bei Erzerum, Dertchun, Eguine, Akn, Bitlis, Mouch, Sassoun, Zeitoun und Cilicia stattgefunden. Alle Einwohner von ungefähr hundert Dörfern in der Nähe von Van wären ermordet worden. Angesichts dieser neuen Verbrechen der Türkei gegen Menschlichkeit und Zivilisation verkündeten die verbündeten Regierungen öffentlich, dass sie alle Mitglieder der ottomanischen Regierung und ihre Vertreter, die solche Massaker auslösen, für diese Verbrechen für verantwortlich halten. Eine mutige und klare Sprache des amerikanischen Außenministers.

»Les massacres d’Armeni«, Le Petit Journal vom 12. Dezember 1916

Trotz aller Schwierigkeiten und Behinderungen, die Kriege schon von sich aus mitbringen, und ethnische Säuberungen und massenhafter Mord noch verschärfen, wurde der Botschafter Morgenthau von seinen vor Ort tätigen Konsuln auf dem Laufenden gehalten. Regelmäßige Botschaften (5) mit Augenzeugenberichten liefen von den US-Konsuln Oscar H. Heizer (Trebizond), Leslie A. Davis (6) (Mamuret-EL-Aziz oder in Harput) und Jesse B. Jackson (Aleppo) in Konstantinopel ein. Am 5. Juni 1915 teilte Konsul Jackson seine Ansichten über die Verfolgungen mit dem Botschafter und sie stellten gemeinsam fest, dass hier nach einem sorgfältig ausgetüftelten Plan das armenische Volk ausgelöscht werden sollte. Der Konsul von Trebizond, Oscar H. Heizer, berichtete am 7. Juli 1915 seiner Botschaft in Konstantinopel:

»Am Donnerstag, dem 1. Juli, wurden alle Straßen von Gendarmen besetzt und das Werk der Austreibung begann. Gruppen von Männern, Frauen und Kindern, mit Gepäckstücken auf dem Rücken, wurden in einer kleinen Querstraße versammelt; sobald sie die Zahl 100 Personen erreichten, wurden sie vor dem Konsulat von den Gendarmen in Hitze und Staub auf die Straße von Erzerum getrieben. Am Stadtrande wurden sie angehalten und zu Gruppen von etwa 2.000 Personen formiert, um weiter getrieben zu werden. Drei solche Gruppen, zusammen etwa 6.000 Personen, wurden innerhalb der ersten drei Tage abgeführt.« (7) Das Weinen und Klagen der Frauen und Kinder hätten ihm das Herz zerrissen. Erschöpfte wurden mit Bajonetten erstochen und in den Fluss geworfen.

Von Trebizond aus wären die Überlebenden in Barken verladen worden und diese in den meisten Fällen nach wenigen Stunden leer zurückgekehrt.

Morgenthau leitete alle Reports an Washington D.C. weiter. Die gesammelten Beweise kabelte Morgenthau am 16. Juli 1915 mit der Überschrift »Es läuft eine Kampagne der Rassenausrottung« an das Auswärtige Amt (8) und fragte nach, ob sein 841. Report das Ministerium erreicht habe. Er schlug im Weiteren vor, dass die kriegsführenden Nationen und alle religiösen Missionen über diese Vorgänge zu informieren seien. Am gleichen Tag noch erhielt Morgenthau ein Telegramm des neuen (9) US-Außenministers Robert Lansing. Das Auswärtige Amt bot Morgenthau in dieser schwierigen Situation keine weitere Hilfe an, sondern forderte ihn nur auf, die Bemühungen wie gehabt fortzusetzen. Die einzige Sorge Lansings galt den amerikanischen Bürgern in der Türkei. Ansonsten hielt es jetzt die amerikanische Regierung wie mit den drei Affen: nichts hören, nichts sehen und nichts sprechen.

Am 20. Juli schickte Morgenthau ein Dossier über die Behandlung der armenischen Kinder in Trebizond an das Außenministerium und legte die Meldungen seines Konsuls Heizer über die Aufteilung der armenischen Kinder unter den Mohammedanerfamilien bei.

»Viele Kinder sind anscheinend aus der Stadt vertrieben worden, um unter den Bauern verteilt zu werden. Die hübschesten unter den etwas älteren Mädchen, die im Waisenhaus zurückgehalten wurden, um mit der Pflege und Überwachung anderer betraut zu werden, sind jetzt in Häusern eingesperrt, die dem Vergnügen dieser Clique dienen, die hier alles zu regieren scheint. Ich habe aus guter Quelle erfahren, dass ein Mitglied des ›Komitees für Einheit und Fortschritt‹ hier in einem Hause, das im Stadtzentrum gelegen ist, zehn von den hübschesten Mädchen zu seiner eigenen Verfügung und zu der seiner Freunde hält.« (10)

Einen Tag später bombardierte Morgenthau das Auswärtige Amt mit dem Bericht des Generalkonsuls von Beirut über die Deportation der Armenier im Raum Zeitun. Vorgänge, die einen erschauern lassen. Warum machte sich in Washington angesichts dieser menschlichen Katastrophe eine fast lähmende Lethargie breit?

Morgenthau kämpfte mutig weiter. Am 31. Juli wurde von ihm ein Bericht des Präsidenten der deutsch-orientalischen Mission, Dr. Lepsius, an das Auswärtige Amt geschickt. Dieser Bericht befasste sich mit den Massakern an den Armeniern von Erzerum und dem Vorschlag Lepsius (11), das Internationale Rote Kreuz einzubinden und Deutschland für die Beendigung der Grausamkeiten zu gewinnen. Es schließt mit der Bitte, Dr. Lepsius zu unterstützen. (12)

Aber auch Dr. Lepsius erreichte für die bedrängten Armenier nicht. Sein Vortrag beim deutschen Reichskanzler Bethmann-Hollweg wurde zwar zur Kenntnis genommen, aber mit dem Hinweis auf die wichtigen Waffenbrüder im Kampf gegen die Entente als politisch nicht opportun abgetan. Dabei waren die ungeheuerlichen Verbrechen auch durch die deutsche Waffenhilfe ermöglicht worden. Das Drama an der Südküste des Schwarzen Meeres war nicht zuletzt durch die Sicherung der Küste mit dem deutschen Schlachtkreuzer Göben und dem kleinen Kreuzer Breslau ermöglicht worden.

Die Untätigkeit des State Department und die aktive Politik Morgenthaus mussten zwangsläufig in die Konfrontation führen. Resigniert ging Morgenthau 1916 in die Vereinigten Staaten zurück und widmete sich für den Rest der Kriegsjahre den überlebenden Armeniern. 1918 veröffentlichte er die Ambassador Morgenthau’s Story, eine Abhandlung seiner Jahre in der Türkei. Dabei beleuchtete er auch den deutschen Einfluss und die deutsche Rolle im Osmanenreich. Das Kapitel über die Armenier betitelte er »The Murder of a Nation«. Er beschrieb die Zwangsverschickungen und die Gräueltaten als »kaltblütige, berechnete Staatspolitik«. Morgenthau bekannte: »Eine solche schreckliche Episode hat die Menschheit bis dahin noch nicht erlebt.« (13) Und kaum 25 Jahre später sollte das unvorstellbare Grauen noch eine Steigerung erleben.

Bildquelle: http://24avril1915.free

Am 30. Oktober 1918 unterzeichnete die besiegte Türkei einen Waffenstillstand mit den Alliierten. Die neue osmanische Regierung strengte einen Prozess gegen die Verantwortlichen an. Am 11. Juni 1919 gestand der Großwesir Damad Ferid Pascha die Verbrechen öffentlich ein. Nachdem in der Nacht auf den 3. November 1918 ein deutsches U-Boot die anderen Täter, unter ihnen Talât Pascha, Enver Pascha, Cemal Pascha, in Sicherheit gebracht hatte, wurden sie in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Weit über 1.000 andere Täter wurden – fast immer auf  Druck der Briten – verhaftet und zum großen Teil  in  Britisch-Malta festgehalten.

Nach dem Sieg Englands und Frankreichs über das mit Deutschland verbündete Osmanische Reich sahen sich die Siegermächte bei den Pariser Friedensverhandlungen durch frühere Geheimverträge z.B. zugunsten Russlands und Italiens mit dem Problem konfrontiert, dass die umstrittene Verteilung der Gebiete kaum mit dem vom amerikanischen Präsidenten Wilson proklamierten Selbstbestimmungsrecht der Völker vereinbar war. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der amerikanische Senat nicht bereit war, ein Völkerbundsmandat zu übernehmen, wozu man nach Ansicht des französischen Marschalls Foch 27 Divisionen zum Schutz der Armenier gebraucht hätte. (14)

Am 10. August 1920 wurde der Vertrag von Sèvres, in dem die Aburteilung der für die Massaker Verantwortlichen durch ein Internationales Straftribunal bestimmt und das Bestehen eines unabhängigen Armeniens anerkannt wird, zwar von der offiziellen türkischen Regierung unterzeichnet. Die Nationalbewegung von Mustafa Kemal Pascha stürzte jedoch die Regierung und nahm den Kampf gegen die Ziele des Vertrages auf.

»Wilson: Dieses Land für die Armenier«; Quelle: http://www.armenian.am

Dessen ungeachtet ließen die Briten am 1. November 1921 die letzten Türken frei, woraufhin auch in der Türkei verurteilte Täter vorzeitig entlassen wurden. Nun versuchten die Armenier die verhängten Strafen selbst zu vollstrecken.

In diesem Zusammenhang erhielt der amerikanische Konsul von Aleppo in Syrien, Jesse B. Jackson, Hinweise, dass der ehemalige türkische Außenminister Talaat Pascha und Hauptdrahtzieher des Völkermordes einem Attentäter zum Opfer fallen sollte. In seiner Meldung an das State Department verwies Jackson auf verschiedene telegraphische Anweisungen Talaats an die türkischen Beamten von Aleppo, mit der die Deportationen gelenkt worden waren. Nur wenige hätten die Vertreibungen überlebt. Pikanterweise hatte Talaat Pascha nach dem Ersten Weltkrieg Asyl in Berlin erhalten.

Am 15. März 1921 erschoss ein Mitglied des geheimen armenischen Kommandos Operation »Nemesis« Talaat Pascha in der Nähe seiner Berliner Wohnung.

Deutsche Nibelungentreue überlebt sogar den Untergang. Erst spätere türkische Regierungen beginnen mit dem Leugnen des Völkermords an den Armeniern. Es wäre für sie nicht so leicht, wenn die deutsche Regierung ihre Komplizenschaft von damals öffentlich machen würde. (15) 

Der Krieg zwischen Griechenland und den türkischen Kemalisten führte letztlich zur Vernichtung der griechischen Minderheiten in Kleinasien und zur Zerstörung von Smyrna. Kemal Atatürk führte dabei die ethnischen Säuberungen der Jungtürken fort. Im Frieden von Lausanne wurden 1923 die Bestimmungen des Friedens von Sèvres zugunsten der Türkei revidiert: Armenien wurde nicht selbstständig und blieb zwischen Sowjet-Russland geteilt; die christlichen Minderheiten wurden massakriert oder zwangsausgesiedelt, mit Ausnahme der Griechen von Istanbul, wo sich bis heute das Ökumenische Patriarchat befindet.

In den 1930er-Jahren ließ das State Departement auf Druck der türkischen Regierung wiederholt gegen die Produktion des Metro-Goldwyn-Meyer-Films Die vierzig Tage des Musa Dagh intervenieren. Dieser Film basierte auf dem gleichnamigen Buch von Franz Werfel und thematisierte den Völkermord an den Armeniern. (16)

Am Inhalt des Artikel 30 aus dem Bericht des UN-Ausschusses für Minderheitenschutz über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes nahmen die Verantwortlichen in der Türkei Anstoß. »Beim Übergang in ein modernes Zeitalter sollte man der Existenz von relativ vollständigen Dokumenten über die Massaker an den Armeniern Aufmerksamkeit schenken, die als der ›erste Fall von Völkermord im Zwanzigsten Jahrhundert gelten‹.« (17).

Auf Druck der türkischen Regierung plädierten die USA in den 1970er-Jahren dafür, den Text zu streichen. Die 1978 vorgestellte überarbeitete Version begann nun in ihrem historischen Teil mit der Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten.

1982 entschied das State Departement, dass die Verbrechen gegen die Armenier und der Völkermord an ihnen nicht eindeutig belegbar seien – obwohl in den eigenen Archiven genügend Beweise vorlagen. Während 1985 das State Departement den Senat drängte, die UN-Konvention zum Verbrechen des Genozid zu ratifizieren, versuchte es gleichzeitig eine Resolution des Kongresses zu verwerfen, welche die Anerkennung des ersten, groß angelegten Völkermordes des 20. Jahrhunderts an den Armeniern zum Inhalt hatte.  Präsident Reagan begründete seine Einwände gegen die Resolution mit der Bemerkung, dass sie den »Beziehungen zu einem wichtigen Bündnispartner« schaden würde.

Allein das Pokern mit den amerikanisch-türkischen Beziehungen, den  amerikanischen Militärbasen in der Türkei und den NATO-Verpflichtungen reichten der Türkei bisher aus, um die mächtigsten Institutionen der USA in eine Kampagne des Leugnens einzubeziehen. Türkische und amerikanische Offizielle gaben zu verstehen, dass die Anerkennung des armenischen Völkermordes »einen Sieg für die Destabilisierungs-Strategen bedeuten würde« (18).

85 Jahre später schlugen noch einmal die Wogen hoch. Die Armenier kämpften weiter um die Anerkennung der Vorgänge in der Türkei von 1915/1916 als Völkermord. Ihre Schätzungen gehen von 1,5 Millionen Toten aus. Die Türkei bestritt zwar nicht, dass den Armeniern in den Kriegswirren Leid zugefügt worden war, wies aber den Vorwurf des Völkermordes vehement zurück. Die Regierung in Ankara schätzte die Zahl der Todesopfer auf 500.000. In den bundesdeutschen Medien durfte von einigen Hunderttausend gesprochen und geschrieben werden.

International gab es Widerstand gegen eine Anerkennung des Armenier-Genozids. Ungeachtet dessen hatte das französische Parlament am 18. Januar 2001 ein Gesetz mit dem Inhalt erlassen: »Frankreich erkennt öffentlich den armenischen Genozid von 1915 an.« Der türkischen Botschafter in Paris wurde aus Protest gegen das Parlamentsvotum in die Türkei zurückbeordert. Außerdem drohte Ankara mit dem Ausschluss französischer Firmen von lukrativen Wirtschaftsaufträgen und von allen laufenden Rüstungsausschreibungen.

Vor Frankreich hatten schon die Parlamente Italiens und Griechenlands die Massaker an den Armenier als Völkermord bezeichnet. In den USA war im Herbst 2000 ein ähnliches Gesetz im amerikanischen Kongress am Veto Präsidenten Clintons gescheitert. Außenpolitische Interessen hatten wohl einen höheren Stellenwert …

Auch israelische Politiker schwiegen sich über den Völkermord an den Armeniern aus. Im Jahr 2000 hatte Bildungsminister Jossi Sarid versucht, den Armenier-Genozid von 1915 in den Lehrplan für alle israelischen Schulen aufzunehmen. Ankara mahnte prompt, nicht die israelisch-türkischen Beziehungen zu gefährden. Die Regierung Israels beruhigte daraufhin die türkischen Partner und stufte die Aussage des Ministers als private Äußerung ein. Die Ironie der Geschichte: Das für den Unterricht geeignete Buch über den Völkermord wäre Die vierzig Tage des Musa Dagh des jüdischen Schriftstellers Franz Werfel gewesen. Es war 1933 kurz nach dem Erscheinen von den Nationalisten verboten worden. Auch in der Bundesrepublik ist dieses Buch nicht auf der empfohlenen Literaturliste für Gymnasien verzeichnet. In Großbritannien stieß die Debatte, ob am Holocaust-Tag auch des Völkermordes an den Armeniern erinnert werden sollte, auf heftige Ablehnung.

Bei dem Völkermord an den Armeniern scheint es sich nicht nur um ein türkisches, sondern auch um ein deutsches Tabu zu handeln. Die bundesdeutschen Abgeordneten lehnen es ab, dieses Thema auf die Tagesordnung des Parlamentes zu nehmen. Erfolgreich wurde verhindert, dass aus dem Potsdamer Geburtshaus von Lepsius ein Museum wird. Die Berührungsängste mit diesem Thema gehen anscheinend quer durch alle Parteien. Sind die Deutschen angesichts der noch größeren Verbrechen zum Schweigen verurteilt? Gerade aufgrund dieser Vergangenheit sollten sie mehr als alle anderen europäischen Völker aufgerufen  und verpflichtet sein, ein Genozidverbrechen und dessen Ausführende beim Namen zu nennen, ohne Rücksichtnahme auf politische und wirtschaftliche Interessen.

Am 27. April 2001 hatte die Süddeutsche Zeitung ein halbseitiges Interview mit dem innenpolitischen Sprecher der Grünen unter der Leitzeile »Verurteilung der Türkei wäre nicht hilfreich« veröffentlicht. Die Unterzeile: »Cem Özdemir lehnt Geißelung wegen des Massakers an Armenien ab, weil es die Versöhnung erschweren würde.« Die Versöhnung mit der Türkei? Cem Özdemir (19), im Zusammenhang mit der Bonusmeilenäffare im Juli 2002 als Bundestagsabgeordneter zurückgetreten und im gleichen Jahr zum »Global Leader for Tomorrow« avanciert, antwortete in dem Interview auf die Frage, ob er das Wort Genozid für die Morde an den Armeniern benutzen würde: »Ich halte mich an den Sprachgebrauch der demokratischen Opposition in der Türkei. Die spricht von ethnischer Säuberung und Vernichtung. Das schließt die sogenannte Umsiedlung unter Inkaufnahme massenhaften Mordes ein.« Vielleicht hätte Herr Özdemir als Bundestagsabgeordneter auch das Bundesgesetzblatt (BGBl) 1954 II., S. 730 mit der deutschen Übersetzung der Erklärung des Begriffes Völkermord-Genozid nach Artikel II der UNO-Konvention von 1948 lesen sollen.

In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören: Tötung von Mitgliedern der Gruppe; Verursachung von schweren körperlichen oder seelischen Schaden an Mitgliedern der Gruppe; vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen; Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind; gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.

Am 24. April 2005 jährte sich zum 90. Mal der Beginn des Völkermords an den Armeniern, den Elie Wiesel einen »Holocaust vor dem Holocaust« nannte. (20) Bis heute wird er von der Türkei geleugnet, bis heute ist die Verstrickung des deutschen Kaiserreichs in den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts kaum bekannt.
Im Kosovo-Krieg war man nicht so zimperlich. Vier Tage nach Kriegsbeginn, am 28. März 1999, sprach Bundesverteidigungsminister Scharping in der ARD-Talkshow Christiansen erstmals vom »Völkermord« der Serben an den Kosovo-Albanern, und am 7. April 1999 schloss der UN-Generalsekretär Kofi Anan propagandistisch zu Scharping auf und warnte vor einem »möglichen« Völkermord.

__________

Anmerkungen

(1) Roger W. Smith, »Denial of the Armenian Genocide«, in: Genocide: A Critical Bibliographical Review: Volume Two, Hrsg. Israel W. Charny; Mansell, London 1991.

(2) Eine politische Bewegung im Osmanischen Reich, die 1908 an die Macht gekommen war. Ziel war die Stärkung des außenpolitisch geschwächten und innenpolitisch vom Zerfall bedrohten Reiches durch systematische politische, militärische und wirtschaftliche Modernisierung.

(3) Eine Auswahl der im Auswärtigen Amt gesammelten Berichte gibt ein sehr genaues Bild des Geschehens – und der deutschen Mitverantwortung. Siehe Gust, Wolfgang (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts, 2005.

(4) »Secretary of State William Jennings Bryan's response to the Catholicos’ appeal to protect Armenians«, April 28, 1915, unter: www.armenian-genocide.org/sampledocs/us-4-28-15-text.htm (aufgerufen am 5. März 2010).

(5) Vgl. Richard G. Hovannisian, The Armenian Holocaust: A Bibliography Relating to the Deportations, Massacres, and Dispersion of the Armenian People, 1915–1923, Armenian Heritage Press, Cambridge, Mass., 1978.

(6) Davis to Morgenthau, 11 July 1915, Record Group 59, 867.4016/122.

(7) Adalian, Rouben Paul: »Morgenthau, Ambassador Henry, Sr.«, unter: www.armenian-genocide.org/encyclopedia/morgenthau.htm (aufgerufen am 5. März 2010).

(8) »A campaign of race extermination is in progress«, in: Armenian Review, 45, no. 1–2/177–178 (Spring/Summer 1992), revised in 2001.

(9) Lansings Vorgänger William J. Bryan war wegen der Parteinahme Wilsons in der Lusitania-Affäre zurückgetreten.

(10) »Report on the treatment of Armenian children in Trebizond«, July 20, 1915, unter: www.armenian-genocide.org/sampledocs/us-7-20-15-text.htm (aufgerufen am 5. März 2010).

(11) Johannes Lepsius, ed., Deutschland und Armenien, 1914–1918, Potsdam 1919.

(12) »Doctor Lepsius […] has information from reliable source that Armenians, mostly women and children, deported from the Erzerum district, have been massacred near Kemakh between Erzinghan and Harput. Similar reports comes from other sources showing that but few of these unfortunate people will ever reach their stated destination. Their lot inexpressibly pitiable. The Doctor proposes to submit matter to International Red Cross for common action to try to induce Germany to demand cessation of these horrors. He earnestly requests access to information Embassy has on file. Will give him if department has no objection.«

(13) Henry Morgenthau, Ambassador Morgenthau’s Story, Doubleday, Page & C, New York 1919), pp. 307–309, 321–323; »I am confident that the whole history of the human race contains no such horrible episode as this.«

(14) Baum, Wilhelm: Die christlichen Minderheiten der Türkei in den Pariser Friedensverhandlungen (1919–1923), Klagenfurt 2007.

(15) Heinsohn, Gunnar: Lexikon der Völkermorde, Reinbek 1998.

(16) Roger W. Smith, Denial of the Armenian Genocide, S. 72.

(17) Zitiert aus Roge Smith: Denial of the Armenian Genocide, S. 73.

(18) Richard G. Hovannisian, »The Armenian Genocide«, in: Genocide: A Critical

Bibliographical Review, Hrsg. Israel W. Charny; Mansell, London 1988), S. 100.

(19) 2003 fungierte er als »Transatlantic Fellow« beim US-Think Tank German Marshall Fund of the US, Washington D.C. In dieser Zeit befasste er sich mit den transatlantischen Beziehungen und mit der politischen Selbstorganisation ethnischer Minderheiten in den USA und Europa. 2007 gründete er mit Joseph Fischer den European Council on Foreign Relations (ECFR).

(20) Gust, Wolfgang (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/16,
Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts
, 2005.

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