Wednesday, 28. September 2016
24.06.2014
 
 

USA gegen Syrien oder »Wie man innerhalb von drei Jahren einen Krieg verliert«

Tony Cartalucci

Die Regierung in Damaskus und die syrische Armee haben nach den seit drei Jahren andauernden verheerenden Kämpfen begonnen, im ganzen Land wieder für Ordnung zu sorgen. Homs, die so genannte »Hauptstadt der Revolution«, ist von Regierungstruppen zurückerobert worden, die Menschen kehren in ihre Häuser zurück. Die Wahlen, die kürzlich in ganz Syrien und in vielen ausländischen syrischen Gemeinschaften in aller Welt abgehalten wurden, zeigen weit verbreiteten Rückhalt für die Regierung in Damaskus und vor allem – Rückhalt für die Idee von Syrien als Nation an sich.

 

Es wird immer schwieriger für den Westen, die Augen vor dem Offensichtlichen zu verschließen: Syriens Regierung hat sich durchgesetzt. Das TIME Magazine räumte kürzlich in einem Artikel, »In Syria, Victory is Written in Ruin«, ein:

 

»Allen Erwartungen zum Trotz, dass er der nächste Dominostein in der Riege regionaler Diktatoren sein werde, die im Arabischen Frühling stürzen, steht Assad stärker da denn je. Sein Militär – verstärkt um Kämpfer der libanesischen schiitischen Hisbollah-Miliz, zum Teil finanziert vom Iran und mit russischen Waffen und russischer Munition ausgerüstet – hat seine Kontrolle über einen strategischen Korridor gefestigt, der sich von der Hauptstadt Damaskus bis zur Küste erstreckt.«


TIME versucht dann Entschuldigungen dafür zu finden, warum Syrer aufseiten der Regierung stehen. In dem Artikel heißt es:

»…der Tribut, den der Krieg fordert, hat dazu geführt, dass mehr und mehr Syrer sich widerwillig auf die Regierungsseite schlagen. Nicht, weil sie für Assad sind, sondern weil sie sich verzweifelt zu einer Form von Alltag zurücksehnen.«

Doch seine vielleicht größte Verzerrung der Tatsachen begeht TIME bei seinem Rückblick darauf, wie es überhaupt zu dem Krieg kam. Das Magazin behauptet:

»Dass sich extremistische Gruppen beteiligten, war für Rebellenbrigaden und im Exil lebende Oppositionsführer ein unglücklicher Umstand, wäre es doch ansonsten ein reiner Aufstand gegen eine Tyrannei gewesen. Für das Regime jedoch war dies der Beleg dafür, dass das Ausland Bemühungen finanziert, Syrien zu destabilisieren.«

Diese Geschichte wird gerne in westlichen Medien wiederholt und zeigt, wie die USA einen Schlussstrich unter einen verlorenen Krieg ziehen. Als erstes sucht man nach Entschuldigungen, warum so klare und unstrittige Abweichungen von der ursprünglichen Darstellung des Westens aufgetaucht sind, die Wahlen in Syrien beispielsweise und die überwältigende Unterstützung, die Damaskus deutlich sichtbar im ganzen Land genießt.

 

Als nächstes revidieren die USA dann die Geschichtsschreibung, um zu rechtfertigen, wie und warum sich die Ereignisse anders entwickelten als erwartet. Die langwierigen Auseinandersetzungen haben letztlich gezeigt, dass die »Freiheitskämpfer« in Syrien nichts anderes sind als vom Ausland finanzierte Terroristen, die ins Land geströmt sind. Das wird als »Kapern« oder »Ausderbahnwerfen« der »Revolution« verkauft.

 

TIME Magazine und andere Medien, die diese Fabelgeschichten noch immer verbreiten, haben sich sehr weit von der Realität entfernt. Wie weit, das sieht man, wenn man sich den Artikel »The Redirection« des Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh aus dem Archiv holt. In diesem Artikel aus dem Jahr 2007 schreibt er geradezu prophetisch:

»Um den überwiegend von Schiiten bewohnten Iran zu destabilisieren, hat die Regierung Bush im Grunde beschlossen, ihre Prioritäten für den Nahen Osten neu auszurichten. Im Libanon hat Washington mit der (sunnitischen) Regierung Saudi-Arabiens gemeinsam in verdeckten Operationen an der Schwächung der Hisbollah gearbeitet, der schiitischen Organisation, die vom Iran unterstützt wird. Die USA haben zudem an verdeckten Operationen teilgenommen, die auf den Iran und dessen Verbündeten Syrien abzielen. Als Nebeneffekt dieser Aktivitäten wurden sunnitische Extremisten gestärkt, die für eine militante Auslegung des Islam eintreten, Amerika ablehnen und al-Qaida wohlgesonnen sind.«

Hershs neunseitiger Bericht erschien vier Jahre vor dem so genannten »Arabischen Frühling«. Ausführlich schildert Hersh, wie der Westen und seine regionalen Verbündeten wie Israel und Saudi-Arabien Geld in den Libanon pumpten und bewaffnete sektiererische Extremisten aufmarschieren ließen, und zwar gegen die Hisbollah und gegen die Regierung Syriens. In seinem Bericht wird sogar ein pensionierter CIA-Agent zitiert, der auf die religiösen Gründe des bevorstehenden regionalen Konflikts hinweist.

 

Einen dritten und letzten Schritt müssen die USA ergreifen, wenn sie einen Krieg verlieren: Bleibt ihnen der Sieg verwehrt, müssen sie Chaos hinterlassen und einem überflüssigen gewählten Politiker die Verantwortung für den Konflikt zuschieben – in diesem Fall ist es US-Präsident Barack Obama. Der Krieg war ganz eindeutig schon während der Regierungszeit von George W. Bush in der Planung, möglicherweise bereits 2007, aber statt fand er unter Obama. Obama wird nicht noch einmal Präsident, nach Ende seiner Amtszeit verschwindet er im Nebel der Geschichte. Wenn man ihm die Verantwortung anhängt, machen die vom Big Business finanzierten politischen Entscheider reinen Tisch und können sich der Aufgabe widmen, den nächsten Punkt ihrer Tagesordnung abzuarbeiten.

 

Bevor der Syrienkonflikt vollständig in Vergessenheit gerät, werden die USA noch dafür sorgen, Damaskus den Prozess der Versöhnung und des Wiederaufbaus so problematisch zu machen wie möglich. Obwohl der Krieg verloren wurde, hat der Westen Milizionäre innerhalb Syriens und entlang der Grenzen weiterhin mit Waffen und anderen Dingen unterstützt. Das TIME Magazine gerät fast ins Schwärmen ob der Tatsache, dass es trotz der Niederlage der »Rebellen« noch Jahre dauern wird, bis Syrien zum Vorkriegszustand zurückkehren kann. TIME schreibt:

»Assad mag sich noch so sehr als Sieger brüsten, er ist Präsident eines zutiefst zerstörten und geplagten Landes. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen schätzt, dass selbst bei einem sofortigen Kriegsende 30 Jahre ins Land gehen würden, bis die Wirtschaft wieder das Niveau von vor 2010 erreicht – und selbst das auch nur bei fünf Prozent jährlichem BIP-Wachstum. Nach Angaben der Regierung haben sich die Preise für grundlegende Haushaltsartikel wie Lebensmittel und Treibstoff verdreifacht. Die Hälfte der Erwerbsbevölkerung ist arbeitslos, mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut.«

Die USA und ihre regionalen Partner pumpen weiter Waffen und Kämpfer ins Land. So soll dafür gesorgt werden, dass das Land sich so langsam und schmerzhaft wie nur möglich erholt. Politische Entscheider innerhalb der von Konzernen finanzierten Denkfabrik Brookings Institution schrieben 2012 in einem Papier zum Nahen Osten mit dem Titel »Assessing Options for Regime Change« (»Bewertung der Optionen für einen Regimewechsel«):

»Selbst in dem Wissen, dass die Opposition auf sich gestellt vielleicht niemals ausreichend Macht haben wird, um das Assad-Netzwerk zu stürzen, könnten die USA die Opposition weiterhin mit Waffen ausstatten. Washington könnte das allein schon aus der Ansicht heraus tun, dass es besser als nichts sei, ein unterdrücktes Volk mit einigen Mitteln auszustatten, sich gegen seine Unterdrücker zur Wehr zu setzen – selbst wenn die gebotene Unterstützung kaum dazu führen wird, eine Niederlage in einen Sieg umzukehren. Alternativ könnten die Vereinigten Staaten es als lohnenswert erachten, das Assad-Regime festzunageln und ausbluten zu lassen, einen regionalen Widersacher zu schwächen und dabei die Kosten eines direkten Eingreifens zu vermeiden.«

2012 fehlte noch die letzte Gewissheit, aber inzwischen ist es zweifelsfrei eben dieser Ansatz, den die USA und ihre regionalen Partner in den finalen, die Niederlage bringenden Phasen des Konflikts verfolgt haben. Die ernüchternde Einschätzung des TIME Magazine, was die angerichteten Schäden anbelangt, ist der Preis, den die Syrer dafür bezahlen mussten, dass Washington einen »regionalen Widersacher schwächen« wollte.

 

Syriens Destabilisierung und Zerstörung erfolgten schleichend und vorsätzlich. Für das syrische Volk war es eine bittere Lektion – eine Lektion, aus der andere Nationen ihre Lehren ziehen müssen, soll ihnen etwas Ähnliches nicht auch zustoßen. Den Stellvertreterkrieg mit Syrien mögen die USA verloren haben, aber das syrische Volk hat für seinen Sieg einen sehr hohen Preis bezahlt. Die überlebenden Syrer müssen gemeinsam daran arbeiten, Washingtons Hoffnung zu durchkreuzen – die Hoffnung, dass Amerikas finale Schüsse das Land auf Jahre hinaus geschwächt zurücklassen. Nur so ist gewährleistet, dass diejenigen, die den Sieg mit ihrem Leben bezahlt haben, nicht umsonst gestorben sind.

 

 

 


 

 


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