Monday, 26. September 2016
18.06.2014
 
 

Saudi-arabischer »Völkermord« im Irak?

Tyler Durden

Kurz nachdem die USA angekündigt hatten, zusätzlich zu den Flugzeugträgerkampfgruppen und amphibischen Angriffsschiffen noch einige Hundert Soldaten von Spezialeinheiten in den Irak zu entsenden, machte Washington deutlich, dass es als Bedingung vom irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki verlangt, sunnitische Politiker stärker in die Regierung zu integrieren.

 

Aber dann geschah etwas Unerwartetes: Die schiitische Führung des Iraks trotzte der Forderung des Westens, den Sunniten entgegenzukommen, um die Aufstände im Norden des Landes zu entschärfen. Stattdessen erklärte sie einen Boykott gegenüber dem wichtigsten politischen Block der Sunniten und warf dem ebenfalls sunnitisch geprägten Saudi-Arabien vor, »Völkermord« zu unterstützen.

 

Wie die Nachrichtenagentur Reuters gestern meldete, bewegte sich der schiitische Ministerpräsident in die genau entgegengesetzte Richtung als in die, die Obama gefordert hatte, und kündigte ein scharfes Vorgehen gegen Politiker und Offiziere an, die er als »Verräter« bezeichnete. Darüber hinaus kritisierte er die benachbarten sunnitischen Länder scharf für ihre Unterstützung militanter Strömungen.

 

Damit stieß der Irak nicht nur die USA vor den Kopf, sondern bezeichnete auch die (zumindest nach außen hin) besten Freunde und Verbündeten Amerikas als die eigentlichen Aggressoren hinter den Kulissen. Gegenwärtig sind die USA in aller Eile dabei, offensiv und unerklärlicherweise den Iran zu ihrem neuen wichtigen Partner in der Region zu machen. Wie konnte Maliki es nur wagen, die Wahrheit auszusprechen – weiß er denn nicht, dass die amerikanischen Truppen im Irak genauso einfach eingesetzt werden könnten, um die gegenwärtige Regierung zu stürzen, wie die Dschihadisten der al-Qaida zu »bekämpfen«, die die USA überhaupt erst mit Waffen versorgt hatten?

 

Offenbar nicht, und anstatt eine breite Koalition mit den Sunniten einzugehen, wie es die USA befohlen hatten, richtete sich der jüngste Zornesausbruch der Regierung Maliki gegen Saudi-Arabien, die stärkste sunnitische Macht in der Golfregion, die zwar die sunnitischen Kämpfer im benachbarten Syrien finanziert, eine Unterstützung oder gar Kontrolle des ISIS aber abstreitet.

»Wir werfen ihnen vor, diese Gruppen finanziell und moralisch zu unterstützen. Damit sind sie auch für die Folgen [ihres Tuns] verantwortlich – dies schließt Verbrechen mit ein, die man als ›Völkermord‹ bezeichnen könnte: das Vergießen irakischen Blutes und die Zerstörung staatlicher irakischer Institutionen sowie historischer und religiöser Stätten und Hinterlassenschaften«,

hieß es in einer Erklärung der irakischen Regierung an die Adresse Riads gerichtet. Wie Reuters hervorhebt, hatte Maliki Saudi-Arabien bereits schon zuvor für die Unterstützung militanter Kräfte verantwortlich gemacht, aber bisher noch niemals mit dieser scharfen Wortwahl.


Und wie um zu beweisen, dass man sich von diesen Enthüllungen vor der ganzen Welt nicht beeindrucken geschweige denn abhalten lässt, machte Riad am Montag die konfessionelle Spaltung in Bagdad für die Eskalation der Gewalt verantwortlich.

 

Die Weiterentwicklung ist größtenteils bekannt: Der Irak versinkt langsam in einer Spirale religiös-sektiererischer Gewalt, die die anhaltenden Auswirkungen jahrhundertealter Gräben offenlegt, und dies bringt führende Politiker dazu, »unangebrachte« Dinge zu äußern und dabei sehr undiplomatische Wahrheiten auszusprechen:

»Die ISIS-Kämpfer, die auf der Grundlage mittelalterlicher sunnitischer Vorschriften und Regeln ein Kalifat beiderseits der irakisch-syrischen Grenze errichten wollen, begannen ihren Aufstand in der vergangenen Woche mit der Einnahme Mosuls, der wichtigsten Stadt im Norden des Landes, und rücken seitdem durch die Ebene des Tigris auf Bagdad vor. Diese Kämpfer, die alle Schiiten für Ketzer halten, die den Tod verdienen, sind auf ihre Brutalität stolz und haben sich damit gebrüstet, Hunderte Soldaten, die sich ihnen ergeben hatten, massakriert zu haben.

Die meisten irakischen Sunniten verabscheuen derartige Gewaltexzesse, dennoch haben sich ihnen verschiedene andere sunnitische Fraktionen, darunter frühere Mitglieder der Baath-Partei des gestürzten Diktators Saddam Hussein und einige Stammesführer, die die weitverbreitete Verärgerung über die von ihnen als Unterdrücker empfundene Regierung Malikis teilen, angeschlossen.

Die westlichen Länder, einschließlich der USA, haben Maliki gedrängt, die Sunniten stärker zu integrieren, um auf diese Weise die nationale Einheit zu stärken. Dies sei der einzige Weg, ein Auseinanderbrechen des Iraks zu verhindern. ›Es besteht die reale Gefahr weiterer sektiererischer Gewalt in einem ungeheuren Ausmaß, sowohl innerhalb des Iraks als auch über seine Grenzen hinaus‹, erklärte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Dienstag. ›Ich habe führende Vertreter der irakischen Regierung, darunter auch Ministerpräsident al-Maliki, gedrängt, einen auf Annäherung und Einbeziehung zielenden Dialog anzubieten und auf eine Lösung dieses Problems hinzuarbeiten.‹

Aber der Ministerpräsident, der bereits seit acht Jahren im Amt ist und vor zwei Monaten erneut wiedergewählt wurde, scheint sich noch stärker als zuvor vor allem auf seine Glaubensbrüder stützen zu wollen, die die Mehrheit der irakischen Bevölkerung bilden. Hassan Suneid, ein enger Verbündeter Malikis, erklärte am Dienstag, die regierende schiitische Irakische Nationalallianz solle jegliche Zusammenarbeit mit dem größten sunnitischen politischen Zusammenschluss, der Mutahidun, einstellen.«

Bis eine Lösung der nicht nachlassenden Gewalt im Irak gefunden ist, verändern sich die Bündnisse im Mittleren Osten rasch. Auf einmal finden sich frühere Gegner wie Saudi-Arabien und der Iran (ganz zu schweigen von den USA selbst) im gleichen Lager und sehen sich gezwungen, gegen eine extremistische, dschihadistische Bewegung zu kämpfen, die die USA selbst finanziert haben. »Der Iran, die führende schiitische Macht, verfügt über enge Verbindungen zu Maliki und den schiitischen Parteien, die in Bagdad seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 an der Macht sind. Aber obwohl sowohl Washington als auch Teheran jeweils enge Verbündete Bagdads sind, haben sie in der Vergangenheit nicht zusammengearbeitet.«

 

Auch die innenpolitische Lage im Irak ist chaotisch und droht sich weiter zuzuspitzen:

»Zehntausende Schiiten haben sich in den letzten Tagen als Freiwillige bei den Rekrutierungsstellen gemeldet. Damit reagierten sie auf einen Aufruf führender schiitischer Geistlicher zur Verteidigung der Nation. Viele Rekruten sind bereits per Zug unterwegs, um in irakischen Militärstützpunkten ausgebildet zu werden. Angesichts der Tatsache, dass die regulären Streitkräfte, die etwa eine eine Million Soldaten stark sind, Stellungen aufgegeben haben, obwohl sie von den USA mit einem Aufwand in der Größenordnung von 25 Milliarden Dollar bewaffnet und ausgebildet wurden, stützt sich die Regierung zunehmend auf schiitische Milizen, die außerhalb des Gesetzes stehen, und reaktiviert paramilitärische Einheiten, die schon an den blutigen Kämpfen [im Irak] zwischen 2006 und 2007 beteiligt waren.

Wie ein schiitischer Islamist erklärte, der in der Regierung tätig ist, sollen nun gutausgebildete und erfahrene Kämpfer der schiitischen Asaib Ahl al-Haq, der Kataib Hisbollah und der Badr-Organisation als zentrale Kampfgruppen eingesetzt werden, während die neuen zivilen Freiwilligen dann nach einer Rückeroberung die eroberten Stellungen halten sollen.

Die sunnitischen Kämpfer sind nach der Einnahme Mosuls in der vergangenen Woche mit großer Geschwindigkeit weiter vorgerückt und eroberten die Städte Hawidscha und Tikrit im Norden des Landes. Dann allerdings stießen sie in der südlicher gelegenen Provinz Salahuddin, in der die Schiiten einen erheblichen Anteil an der Bevölkerung stellen, auf Widerstand.

Es bilden sich nun festere Frontlinien heraus, wobei die Aufständischen etwa eine Stunde Fahrtzeit nördlich von Bagdad und damit knapp vor den westlichen Ausläufern der Hauptstadt zum Halten gebracht wurden.«

Wie schon berichtet, wurde die Stadt Kirkuk im Norden des Iraks von Kämpfern der autonomen kurdischen Region eingenommen. Und in einem weiteren Beleg für die Polarisierung entlang ethnischer und religiöser Trennlinien warfen daraufhin Verbündete Malikis den Kurden vor, mit den Sunniten gemeinsame Sache zu machen, um die Streitkräfte der Regierung aus dem Norden zu vertreiben.

 

Aber dies ist, zumindest gegenwärtig, kaum der Fall. Wie der amerikanische Nachrichtensender Fox News berichtete, konzentrieren sich die ISIS-Kämpfer weiterhin auf ihren Vormarsch nach Süden in Richtung Bagdad und lassen das autonome Kurdistan, wo sich erfahrene Kämpfer bereithalten, ihre erdölreiche Region zu verteidigen, weitgehend in Ruhe. Die nördliche Front gehört zu den wenigen Regionen, in denen ISIS auf Widerstand stieß – denn anders als die irakische Armee hielten die geschlossenen kurdischen Kräfte sie auf Abstand.

 

Die Kurden waren selbst natürlich glücklich, ihre seit Langem erdölreichen Gebiete im Norden, über die sie mit der Zentralregierung in Bagdad im Streit liegen, besetzen zu können – dabei profitierten sie von den ISIS-Kämpfern, deren Auftauchen die irakische Armee versprengte:

»Aus welchen Gründen auch immer die irakische Armee Hals über Kopf floh, das dadurch entstehende Vakuum füllte die Peschmerga, die kurdische Armee, aus, die in dieser gebirgsreichen Region seit Jahrzehnten für ihre Freiheit kämpft und nun aus der chaotischen Lage in den südlicheren Gebieten des Iraks ihren Vorteil gezogen hat.

Gegenwärtig graben sich die Kurden entlang der Front in Kirkuk ein und errichten Schützengräben und Verteidigungslinien. Hier entsteht eine neue feste Grenze…

Was nun die Frage angeht, ob diese beeindruckenden Peschmerga-Kämpfer möglicherweise bei der Rückeroberung Mosuls helfen würden, ließ der Ministerpräsident des irakischen Kurdistans, Nechirvan Idris Barzani, keinen Zweifel. Erst wenn [den Kurden] eine politische Lösung in Aussicht gestellt werde, würden sie helfen. Ohne die Unterstützung anderer sunnitischer Stämme in der Region wäre eine andere Entscheidung auch absurd.«

Ein erhellendes Licht auf das sich überall entfaltende Durcheinander und Chaos im Irak wirft vielleicht diese aktualisierte Karte des Institute for the Study of War.

 


Aber noch eine weitere Aufheizung der chaotischen Situation (im buchstäblichen Sinne) deutet sich an: Die Schließung der größten irakischen Erdölraffinerie in Baidschi könnte in Bagdad zu Stromausfällen führen. Denn nichts versetzt Menschen so sehr in mörderische Wut wie Außentemperaturen von bis zu 46 Grad im Schatten – bei nichtfunktionierenden Klimaanlagen.

 

 

 


 

 

 


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