
Viele wissen aber nicht, dass ganze deutsche Industriezweige mittlerweile von chinesischen Dienstleistern abhängig sind. Abhängig deshalb, weil es der »Kostendruck« war, der die westlichen Manager dazu veranlasste, sich das Lohngefälle gegenüber China zunutze zu machen und dort Produkte und Dienstleistungen einzukaufen, die in die hiesige Produktion einfließen. Heute stellen die priffigen Manager fest, dass die chinesischen Anbieter ein neues Selbstbewusstsein entwickelt haben – und die Preise kontinuierlich steigen. Da aber mittlerweile ganze Industriezweige in China einkaufen, gibt es kein Zurück mehr, denn zu groß sind die wechselseitgen Abhängigkeiten im miteinander verwobenen Kostengeflecht geworden.
Ein sehr gutes Beispiel ist der Werkzeug- und Maschinenbau. Viele Werkzeuge für den Bereich der Metall- und Kunststoffformgebung werden in China wesentlich preiswerter hergestellt, weil der größte Kostenfaktor nun einmal nicht die Materialien sind, sondern die Löhne der Ingenieure, die die Werkzeuge entwerfe, bzw. bauen. Da fallen selbst horrende Versandkosten für diese teilweise tonnenschweren Trümmer aus Stahl kaum ins Gewicht. Qualitativ stehen diese industriellen Werkzeuge denen der deutschen Anbieter in keinster Weise nach, und auch was die Produktionsdauer anbelangt, haben sich die chinesischen Anbieter im Cut-Throat-Purchasing der westlichen Einkaufsmanager immer besser behaupten können.
Wie also offenbar wird, geht das Bild vom Billiganbieter China an der Wahrheit vorbei. Aber es kommt noch besser. In den letzten Jahren war China durchaus eher als »die große Fabrik« anzusehen – ein Ort, an dem westliche Technologien in Kombination mit Niedriglöhnen gebracht wurden und zu einer Schwemme von Massenprodukten und Dienstleistungen führten. Von diesem klassischen Bild eines auf Massenproduktion basierenden Dritte-Welt-Landes will die Volksrepublik sich aber trennen und eigene Technologiezentren aufbauen.
Wer kennt nicht den Ort Silicon Valley im US-amerikanischen Kalifornien. Dieser Ort steht wie kein anderer als Synonym für den Aufschwung einer ganzen Industrie: der Informationstechnologie. Im Silicon Valley wird viel geforscht und gelehrt, es wird nach neuen Technologien und Möglichkeiten gesucht, und diese zur Anwendung gebracht. Und die Volksrepublik China nimmt für sich nichts Geringeres in Anspruch, als das neue Silicon Valley zu werden!
Einiges deutet darauf hin, dass die Volksrepublik nun auch auf dem Gebiet der IT eine größere Rolle spielen wird: Während in den letzten Jahren viele US-Firmen junge chinesische Talente angeworben und für einen Arbeitsaufenthalt in den USA rekrutiert haben, denkt heute eine nicht geringe Anzahl dieser Unternehmen darüber nach, in China vor Ort tätig zu werden. In Zeiten von E-Mail und Internet sind gewisse Dienstleistungen und deren Produkte in Sekundenschnelle um den Globus bewegt. So kommt es denn auch, dass insbesondere Firmen im Bereich Internet Kommunikation, Software und Content Sharing den Sprung nach Fernost machen wollen.

In China werden diese Unternehmen mit offenen Armen willkommen geheißen. Die Volksrepublik hat ein gigantisches Potenzial an jungen, gut ausgebildeten IT-Experten, und die meisten wollen erst gar nicht lohnabhängig tätig werden, sondern eigene Unternehmen gründen, und sind somit auf der Suche nach Startkapital bzw. Beteiligungen. Das lässt natürlich eine bestimmte Klientel in den USA und anderenorts aufhorchen: Investoren und Halter von Beteiligungskapital. Diese begeben sich bereits in die Startblöcke und warten auf weitere Erleichterungen im Bereich der Direktinvestitionen in China.
Dass diese Erleichterungen kommen werden, gilt in der Branche als sicher. Haupthindernisse stellen derzeit noch immer die Unsicherheiten in der Wechselkurspolitik, aber auch die mangelnde gesetzliche Transparenz dar. Es gibt eine Fülle von Regeln, derer sich Unternehmen auf chinesischem Boden unterwerfen müssen, und diese sind für westliche Unternehmen alles andere als leicht zu durchschauen und umzusetzen. Wie aber bereits gesagt, Erleichterungen werden kommen, und andere Industriezweige, wie zum Beispiel die Automobilindustrie, haben es schließlich auch geschafft.
So wie es aussieht, wird der neue chinesische IT-Markt mittelfristig einen nicht zu vernachlässigenden Anteil ausländischen Kapitals aufsaugen, um Unternehmensgründungen und die Bildung von Joint-Ventures in dem Sektor nach oben zu treiben. Der chinesische IT-Markt gilt als zukunftsträchtig und sicher, und ist deshalb so begehrt. Technologisch, aber auch finanziell gilt mittlerweile die Faustregel, wie sie Larry Wang von Wang & Li Asia Resources aufgestellt hat*: »Früher war ein Jahr Internetzeit so viel wert, wie zwei oder drei Jahre in einem anderen Unternehmen. Heute sagt man: Ein Jahr in China ist so viel wert, wie drei Jahre in den USA.«
Alle sind optimistisch: Die jungen Talente, die sich auf die finanziellen Starthilfen und Beteiligungen freuen, aber auch die Investoren selbst, denn schließlich müssen im Zuge der sogenannten »Finanzkrise« neue Quellen für die wechselseitigen Zinsfälligkeiten erschlossen werden.
Aber auch für die Volksrepublik als Ganzes bedeutet dies einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung einer neuen Marktordung und Beschäftigungspolitik. Die Regierung der Volkrepublik hat sich zum Ziel gesetzt, die Beschäftigungszahlen und die Kaufkraft der Bevölkerung zu erhöhen und den Umlauf heimischer Produkte voranzutreiben. Insofern bietet sich der neue chinesische IT-Sektor als weiteres Zugpferd an. Die Öffnung des IT-Marktes und Erleichterungen beim Eintritt für ausländische Investoren scheinen daher wahrscheinlich.
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* Quelle: China Daily vom 7. Juni 2010, S. 16
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