China: Wirtschaftszahlen des ersten Halbjahres 2010 veröffentlicht – und gleich nach oben korrigiert
Wang Xin Long
Vergangene Woche hatte das chinesische Amt für Statistik (»National Bureau of Statistics«) in Peking die Wirtschaftszahlen für das erste Halbjahr 2010 veröffentlicht. In einer langen Pressekonferenz gab das Amt am 15. Juli alle relevanten Wirtschaftszahlen bekannt. Unter anderem auch die Zahlen über die Industrieproduktion Chinas.
Die Industrieproduktion wurde für das erste Halbjahr mit einem Wachstum von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr ermittelt. Nur eine Woche später gab die Behörde die Korrektur dieser Zahl heraus: bei der Industrieproduktion wird nun ein Wachstum von dreizehn Prozent erwartet. Es zeigt sich, dass das chinesische Wirtschaftswachstum ein derartiges Momentum vorlegt, dass selbst die mit der Ermittlung der Zahlen beauftragten Ämter bisweilen von den Entwicklungen überrascht werden.
Der wirtschaftliche Trend in China könnte eindeutiger nicht sein: Wachstum, Wachstum, nichts als Wachstum! Es gibt derzeit keinen einzigen Industriezweig, der nicht ein »gesundes«, das heißt zweistelliges Wachstum verzeichnet. Und das alles im Lichte und entgegen der sogenannten Finanzkrise. Hier einige Beispiele.
Das Bruttoinlandsprodukt verzeichnete ein Wachstum von elf Prozent; die gesamte Industrieproduktion zwischen elf und dreizehn Prozent. Der Einzelhandel und die Investitionsgüternachfrage wuchsen um 18,2 Prozent bzw. 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Der Verbraucherpreisindex für Juni verzeichnete eine Steigerung von 2,9 Prozent und der Erzeugerpreisindex eine Steigerung von 6,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die zuletzt genannten Preissteigerungen sind als moderat anzusehen – gemessen am Wirtschaftswachstum. Allerdings nur statistisch gesehen. Denn hinter den Zahlen verbirgt sich, dass die Preise für Grundnahrungsmittel, insbesondere Obst und Gemüse, im ersten Quartal extrem in die Höhe geschnellt sind. Diese Entwicklung bringt viele Familien mit kleinen Einkommen in Bedrängnis, schließlich galt China immer als ein Land, in dem die Deckung der Grundbedürfnisse durch niedrige Preise gesichert ist. Insofern spiegelt sich auch in der chinesischen Wirtschaft der globale Trend wider: bestimmte Wirtschaftssektoren profitieren überproportional. Das ist zwar aus rein statistischer Sicht vertretbar, aber eine Volkswirtschaft kann durch einen solchen Trend leicht aus dem Gleichgewicht geraten.
Für das zweite Halbjahr wird übrigens »nur« noch ein Wachstum von rund neun Prozent erwartet. Die Gründe hierfür sehen die Statistiker in Peking übrigens nicht nur im eigenen Land, sondern auch – und vornehmlich – in den Schwierigkeiten mit der Eurozone. Durch die in Europa umgehende Zinskrise erwartet China weitere Probleme im Investitionsbereich, aber auch Exporte in Milliardenhöhe könnten gefährdet sein.
Allerdings sind die Chinesen weiter optimistisch. Denn wie auch immer sich die globalen Gegebenheiten weiter entwickeln sollten, geht man in Peking davon aus, dass die chinesische Wirtschaft weiter wachsen wird. Die heute vorhandenen Zahlen untermauern diese Annahme. Und letztendlich ist es egal, ob eine Wirtschaft nun elf Prozent oder nur fünf Prozent Wachstum verbucht. Solange sie »Wachstum« verbuchen können, bleiben die Volkswirtschaften – zumindest unter dem heute geltenden Dogma – am Leben.
Hoffen wir, dass dieser Frohsinn anhalten kann. Denn eines ist klar: China wird mehr und mehr zum Motor der Weltwirtschaft. Die chinesischen Produktions- und Konsumpotenziale waren für viele westliche Staaten ein wirksamer Defibrillator, der die eine oder andere westliche Volkswirtschaft mit dem nötigen Kick-Start aus dem Infarkt herausgeschockt hat. Allerdings ist das rapide Wachstum ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite sind die Potenziale aus Sicht der Weltwirtschaft mehr als willkommen; die pure Wirtschaftsmacht, die sich hinter der Volksrepublik bündelt, wird aber auf der anderen Seite mehr und mehr auch als Gefahr für die nationalen Interessen der westlichen Nationen empfunden. Nachdem der Westen über Jahre hinweg China mit seinen propagandistischen Aufführungen in den Medien in Richtung einer »Open Economy« geprügelt hat, wird er nun die Geister, die er rief, nicht mehr los.
China wird in kurzer Zeit Japan von Platz zwei im Weltwirtschaftsranking verdrängen; dieses wird nicht nur mit Wohlwollen, sondern auch mit Argwohn beäugt. Daher macht die Regierung in Peking immer wieder darauf aufmerksam, dass das Land eben keine Gefahr für die Interessen der westlichen Nationen darstellt, und sich in der globalen Wirtschaft weiter integrieren will. Die westlichen »Experten« dürfen sich darüber freuen: Wie erst jetzt seitens renommierter Wirtschaftswissenschaftler bestätigt wurde, befinden sich mehrere westliche »Interessensvertreter« (engl. »Constituents«) in China, die das Land bei der Einbettung in die globale Wirtschaft aktiv beraten. Insbesondere bei Fragen der Währungs- und Investitionspolitik. Das klingt sehr nach IWF-»Expertise«, die derzeit dringend gebraucht wird. Ein Schelm, wer bei einem bestimmten Personalwechsel in Berlin etwas Böses denkt.
Da sich also am Weltwirtschaftssystem als solchem nichts geändert hat, bleiben die Probleme bestehen. Das Dogma des heute praktizierten Cut-Throat-Capitalism und der damit einhergehenden Knebelung der Volkswirtschaften durch die Zinsdoktrin wird nun über die »Eroberung« Chinas weiter ausgebaut. Wir können daher davon ausgehen, dass die Volksrepublik früher oder später mit jenen Problemen konfrontiert sein wird, die die westlichen Volkswirtschaften in die Knie gezwungen haben. Was dann werden soll? Eine gute Frage.
Der Optimismus gebietet aber die Annahme, dass die Chinesen – gegebenenfalls im Gleichklang mit anderen führenden Nationen – hierfür eine gute Antwort parat haben werden.
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