Der »Weltbevölkerungstag« und das Bevölkerungswachstum in China
Wang Xin Long
Wie jedes Jahr, so wurde auch diesmal am 11. Juli der Weltbevölkerungstag begangen. Der im Jahr 1989 vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) initiierte Gedenktag widmet sich alljährlich den Fragen und Problematiken rund um das Thema Weltbevölkerung. Aus gegebenem Anlass hat daher die VR China einige Zahlen zu ihrer Bevölkerungssituation veröffentlicht.
Derzeit leben in China mehr als 1,3 Milliarden Menschen, mit einer durchschnittlichen Bevölkerungsdichte von 136 Einwohnern pro Quadratkilometer. Diese Zahl täuscht aber, weil Tibet und die westchinesischen Regionen mit ca. zwei Einwohnern pro Quadratkilometer die Bevölkerungsstatistik erheblich verzerren. Deutlicher wird das Bild, wenn man sich die Bevölkerungsdichte von Shanghai oder Hongkong vor Augen hält: ca. 740 Einwohner pro Quadratkilometer!
Heute steht bereits fest, dass China bis zum Jahr 2015 die Bevölkerungsmarke von 1,5 Milliarden Menschen deutlich durchbrechen wird.
Dieses wird an einigen Beispielen offenbar. Die zentralchinesischen Provinz Henan hat nun erstmals die Bevölkerungsmarke von 100 Millionen Menschen durchbrochen. Seit mehr als 13 Jahren konnte die Regierung in Peking die Bevölkerungszahl in Henan unter der 100-Millionen-Marke halten, nun aber wurde die Marke kürzlich durchbrochen. Henan ist, mit lediglich 167.000 Quadratkilometern, die bevölkerungsstärkste Provinz Chinas, aber weitere Provinzen folgen dem Trend einer rapide wachsenden Bevölkerung. Die Provinzregierung von Henan hat sich daher zum Ziel gesetzt, die Bevölkerungszahl bis Ende 2010 auf nicht mehr als 101 Millionen ansteigen zu lassen; und bis Ende 2020 soll die Bevölkerung nicht über die 107 Millionengrenze hinausgehen. Angesichts der Statistiken bewegen sich diese Ziele auf steinigem Terrain, und sie sollen demnach unter Auflage strikter Familienplanungen durchgesetzt werden. Die chinesische Ein-Kind-Politik ist hier wohl das bekannteste unter vielen Beispielen.
Es ist aber nicht nur das Bevölkerungswachstum als solches, das den Planern Kopfzerbrechen bereitet. Es geht auch darum, einen seit Jahren anhaltenden Trend in die richtige Bahnen zu lenken: die sogenannte Urbanisierung, jenes bevölkerungstypische Phänomen, das immer mehr Menschen dazu veranlasst, aus den Dörfern in die Städte zu ziehen. Bereits heute leben fast 50 Prozent der Chinesen in den großen Städten – und die Tendenz beschleunigt sich weiter. Grundsätzlich ist an der Urbanisierung nichts Problematisches zu sehen, wenn diese geordnet und mäßig vonstatten geht. Schreitet die Urbanisierung aber zu rasch voran, birgt dieser Trend allerdings großes Potenzial für soziale Spannungen und Versorgungsengpässe für die breite Bevölkerung. Denn wenn immer mehr Menschen ihre Produktionstätigkeiten im ländlichen Bereich aufgeben und in die Städte ziehen, werden aus den ländlichen Nahrungsproduzenten mit einem Schlag städtische Nahrungskonsumenten – und diese Lücken müssen erst einmal technologisch und logistisch geschlossen werden.
Ein weiteres Problem einer überschnellen Urbanisierung ist die hiermit verbundene, rasch steigende Arbeitslosigkeit im städtischen Bereich. Viele Dorfbewohner werden von den glitzernden Metropolen fast magisch angezogen, ohne offenbar zu wissen, dass auch in den Städten der Bedarf für das tägliche Überleben durch Arbeit gedeckt werden muss. Somit bilden sich in den Städten ganze Clans und Viertel von Arbeitslosen, die keinerlei Rechte auf Sozialleistungen haben und somit darauf angewiesen sind, ihr Überleben anderweitig zu sichern. Jene, die als Tagelöhner ihr Einkommen erzielen, sind da die sozial verträglichere Variante; andere nehmen da eher die Abkürzung über die Kriminalität.
Diese Probleme der Urbanisierung betreffen ganz sicher nicht China allein. Auch die Metropolen Südamerikas und sogar einige Städte in Europa kennen diese Schwierigkeiten. Manche entwickelte Länder verzeichnen ein rapides Wachstum einiger Städte, und sie haben mit den hiermit einhergehenden Problemen mehr oder weniger zu kämpfen. Es kommt daher – aus Sicht der heute herrschenden Meinung – weniger darauf an, die Urbanisierung einzudämmen, als deren Folgen möglichst abzufedern.
Ein probates Mittel zur Bevölkerungskontrolle war, aus chinesischer Sicht, bisher die bereits bekannte Ein-Kind-Politik im Land. Diese ist aber nicht nur schwer umsetzbar, sondern hat über die Jahre hinweg ebenfalls zu ethnischen und sozialen Ungleichheiten geführt. Außerhalb Chinas ist nämlich weniger bekannt, dass die Ein-Kind-Politik viele Ausnahmeregelungen kennt und vornehmlich auf die zahlenmäßige Begrenzung der größten ethnischen Gruppe ausgerichtet ist: die Han-Chinesen. Alle anderen ethnischen Gruppen und auch sogenannte Mischehen sind in der Anzahl der Nachkommenschaft in keiner Weise beschränkt. Dieses hatte nun über die Jahre hinweg zur Folge, dass die einstmals größte ethnische Gruppe der Han im direkten Vergleich mit anderen Ethnien derart reduziert wurde, dass die Han nun auch für sich eine Existenzsicherung – das heißt ungehinderte Familienplanung – in Anspruch nehmen wollen.
Ein weiteres Problem der Ein-Kind-Politik liegt in der Tradition der Chinesen verankert: Jede Familie braucht einen »Stammhalter«, an den das Heft weiter gegeben werden kann. Und dieser Stammhalter sollte – traditionsgemäß – ein Junge sein. Somit hat die Ein-Kind-Politik in den Jahren ihrer Umsetzung zur massenhaften Abtreibung weiblicher Föten geführt, da die Familien, wenn sie nun einmal nur ein Kind haben dürfen, einen Sohn bevorzugen. Dieses hat im weiteren Verlauf zu einem erheblichen Ungleichgewicht bei der Geschlechterverteilung geführt: heute kommen auf ca. 120 Jungen nur etwa 100 Mädchen. Aufgrund dieser Tatsachen denkt man in Peking jetzt über eine Reformierung der Ein-Kind-Politik nach. Bereits heute dürfen keine Ultraschall-Untersuchungen mehr durchgeführt werden, die das Ziel haben, das Geschlecht eines Fötus herauszufinden. Weitere Schritte sollen folgen.
Die Liste der Problematiken könnte hier beliebig weitergeführt werden. Doch egal wie man es drehen und wenden mag: nicht nur China, sondern die ganze Welt hat ein Problem mit der Überbevölkerung! Dieser Tatsache soll der »Weltbevölkerungstag« Rechnung tragen, und China scheut sich nicht, die Probleme offen zu benennen und eine Änderung der Bevölkerungspolitik für die nahe Zukunft in Aussicht zu stellen. Wie diese neue Politik aussehen wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie die anderen Nationen mit dem Thema »Weltbevölkerung« umgehen werden. Denn wie bereits gesagt: China ist nur eines von vielen Ländern, die bevölkerungspolitisch im Zugzwang stehen. Eine neue Bevölkerungspolitik wird sich im Rahmen der Öffnung und Reformierung der Volksrepublik auch an den Maßnahmen der Weltgemeinschaft orientieren.
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