Tuesday, 30. August 2016
11.02.2011
 
 

Die Angst vor dem Gespenst am Mittelmeer

Wolfgang Effenberger

Mit der Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi scheint im arabischen Gürtel des Mittelmeerraumes das Gespenst der Befreiung auferstanden zu sein. Der 26-jährige Tunesier Mohamed Bouazizi war am 4. Januar 2011 seinen Brandverletzungen erlegen. Tage zuvor hatte sich der Revolutionär wider Willen aus Verzweiflung über Arbeitslosigkeit und Korruption mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. Seither pflanzt sich der Ruf nach Freiheit, Demokratie und Menschenrechte über die arabischen Länder fort – und das, ohne den Westen vorher um Erlaubnis zu fragen! Im Westen rufen die Demonstrationen Reaktionen hervor, die dessen wirkliche »Werte« klar ans Licht bringen. Wie seit jeher stehen an erster Stelle natürlich »Stabilität« und »Berechenbarkeit«. Mit dem Folter-Diktator Hosni Mubarak wird ein echter Freund des Westens abtreten. Und ebenso wie schon vorher bei Ben-Ali in Tunesien stehen die politischen Eliten des Westens konsterniert vor diesem Prozess, weil sie die Protestbewegungen beim besten Willen weder als islamistisch noch als kommunistisch verteufeln können. Die »westliche Wertegemeinschaft« hat nun mit den arabischen Forderungen nach den immer propagierten »Werten der westlichen Welt« ein ernstes Problem.
Trotzdem raunt der ZDF-Chefredakteur Peter Frey am 3. Februar 2011 im heute-Kommentar (1), hinter dem schönen Wort »Freiheit« lauerten »viele Gefahren«. So dürfe aus Ägypten kein zweiter Iran werden. Auch sei die Stabilität und die Sicherheit der Schifffahrt ein hohes Gut.

Quelle: ZDF heute journal vom 3. Februar 2011

Im Anschluss an das Angelusgebet erinnerte der Papst am 7. Februar an die Situation in Ägypten: »Mit Aufmerksamkeit verfolge ich in diesen Tagen die fragile Situation der geliebten Nation Ägypten. Ich bitte Gott, dass dieses durch die Heilige Familie gesegnete Land wieder zur Ruhe und zum friedlichen Zusammenleben finde, indem es sich mit vereinten Kräften für das Gemeinwohl einsetzt.« (2) Wohlgemerkt, der Papst betet, damit das Land wieder zur Ruhe findet. Demokratie und Freiheit werden auch von ihm nicht genannt. Soll vielleicht wieder eine Ruhe einkehren, die dort in den vergangenen 30 Jahren vermeintlich herrschte?

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz (vom 4. bis 6. Februar 2011) wurde auch diskutiert, dass künftig zu einem viel früheren Zeitpunkt als bisher eine »krisenvermeidende Diplomatie« einsetzen müsse, um Unruhen mit unkalkulierbaren Folgen zeitig kanalisieren zu können. Nach dem Kommunismus und dem Islamismus ist nun die Demokratie die Krise. Aufgabe vor allem der Medien und der NATO wird es nun sein, diesen Prozess als Welt-Machiavellist zu »kanalisieren«, also ineffektiv zu machen. In dieser Zielrichtung lief am Abend des 8. Februar 2011 im heute journal des öffentlich-rechtlichen ZDF ein Beitrag von Nicola Albrecht zu den Unruhen im Nahen und Mittleren Osten.

Aus dem Studio Tel Aviv: Meinungsmache im heute journal


Quelle: ZDF heute journal vom 8. Februar 2011

Auf der Karte wurden nacheinander die von den Unruhen betroffenen Länder gezeigt, um dann  auf Gaza einzugehen. Mit der Überschrift »Revolution im Internet. Junge Menschen in Gaza protestieren gegen die Hamas« scheint man in Gaza die Jungen gegen die Alten aufhetzen zu wollen. Zugleich soll im Westen die Meinung kanalisiert werden.


Quelle: ZDF heute journal vom 8. Februar 2011


Moderator Kleber redete vom Funken der Demokratie, der die Jungen bewegt, die im Gegensatz stehen zu den alten Kämpfern der Hamas, die in den Wirren der Revolution nach Hause fliehen konnten. Als einer der Entflohenen wurde Ayman Nofal präsentiert – angeblich ehemaliger Chef der Al Kassan-Brigaden, dem bewaffneten Arm der Hamas, der für seine terroristischen Aktivitäten angeblich drei Jahre in Ägypten im Gefängnis war.


Quelle: ZDF heute journal vom 8. Februar 2011

Dank der Revolution habe er ausbrechen können und  sehe nun ebenfalls eine Chance für die Hamas: »Wenn die Moslembrüder und wir hier in der Region die Macht übernehmen, sehe ich, dass wir irgendwann die ganze Welt regieren können. Jetzt werde ich erst einmal wieder den bewaffneten Kampf gegen Israel aufnehmen« (3).

Diese Aussage des angeblichen ehemaligen Hamas-Kommandeurs wirkte zwar unecht, war aber trotzdem geeignet, die Ängste der westlichen Zuschauer und Zuschauerinnen zu schüren. Eine Hintergrundstimme steigerte diese Ängste: »Die radikal-islamische Hamas kontrolliert die Straßen in Gaza jetzt noch strenger. Sie scheint Angst davor zu haben, dass der Funken der Revolution auf die Palästinenser, die hier leben, überspringen könnte. Keine unberechtigte Sorge, scheint uns, vor allem, wenn man Gazas Jugend fragt.«

Und das machte nun Frau Albrecht. Ihr stellt sich eine modern aussehende junge Frau namens Amna Alsalmy, 21 Jahre alt, vor: »Ich bin Studentin an der Uni hier, aber als Frau werde ich nicht ernst genommen.« Aha, wieder etwas für uns Westler, Frauenunterdrückung.


Quelle: ZDF heute journal vom 8. Februar 2011

Als nächstes wird ein ebenfalls modern aussehender junger Mann präsentiert, Bilal Murad, 23 Jahre alt: »Unser Regime hier beraubt uns vieler Rechte, vielleicht sollten wir auch eine Revolution starten.
Wieder etwas für uns Westler: Nicht die Israelis, sondern die demokratisch gewählte Hamas sind die Unterdrücker der armen Palästinenser.

Dass die Revolution in Gaza sehr schwierig ist, so der Kommentator, hat Asmaa Alghoul am eigenen Leib erfahren. »Wir treffen die junge palästinensische Autorin in einem Cafe. Vor ein paar Tagen hatte sie sich mit ein paar Gleichgesinnten zu einer Solidaritätskundgebung für die ägyptische Revolution verabredet. Doch bevor es losging, wurde sie schon von der Hamas verhaftet. Auf ihrem Laptop zeigt sie uns die Bilder, die sie davon mit ihrem Handy gemacht hat.«
Jetzt kommt die Palästinensierin selbst zu Wort:
»Die Polizistin im Gefängnis hat mich geschlagen, auf den Kopf, im Gesicht, blind vor Wut. Dann wurde ich befragt, und der Polizist hat mir erklärt, dass die Hamas keine Aktivitäten dieser Art duldet, bis klar ist, ob die ägyptische Revolution erfolgreich ist oder nicht. Alle müssen solange den Mund halten.« Genau, Unterdrückung, die bösen Muslime schlagen auch Frauen.

Schließlich fand das ZDF die mutigen Kämpfer im Untergrund. Sie zeigen drei rappende Jugendliche, dabei geht der Kommentar weiter:
»Und auch sie haben die Revolte gegen das Regime in Gaza schon längst begonnen. (deutscher Name der Band: Jungs der Arabischen Revolution). Hamas hat die Band verboten. Uns treffen sie hier in einem versteckten Proberaum.«


Quelle: ZDF heute journal vom 8. Februar 2011

Jetzt spricht der Bandleader Fadi M. Bakheet: »Es ist an der Zeit, dass die arabischen Völker gegen ihre Diktatoren aufbegehren. Auch wir haben ein Recht auf Demokratie, auf Gleichberechtigung, auf ein würdevolles Leben, und das gibt es hier nicht.« (4)

Glaubt irgendjemand, dass das die eigene Sprache dieser Jungs ist? Als ob die Hamas die Diktatoren und Unterdrücker wären und nicht Israel. Während er das sagt, sieht man die anderen eine Wasserpfeife rauchen. Haben die Engländer nicht auch den Chinesen die Freiheit und Würde des Opiumrauchens geschenkt?

Weiter spricht der Kommentator:
»In ihren selbstproduzierten Videos versuchen sie die Welt außerhalb von Gaza mit ihrer Botschaft zu erreichen. Eine bessere Zukunft für sie und die Kinder hier, ohne Waffen, ohne Gewalt, das wollen sie.
Dass sie das wollen, glaube ich sogar, aber wer hat die Gewalt zu verantworten? Zum Beispiel die Aktion Gegossenes Blei ... Dass sie die Videos selber produzieren, glaube ich wiederum nicht. Während der Kommentator spricht, rappen die Jungs und der Text ihres Liedes wird eingeblendet:


Quelle: ZDF heute journal vom 8. Februar 2011

Hand to build, hand to build,
our hands to Gaza,
city within our hands a pride
that will rebuild us
if you are waiting
for a rebuilding project …


Wieder spricht der Kommentator:
»Doch noch gibt es keine offene Jugendrevolte gegen die Hamas hier in Gaza. Ihre Anhängerschaft mag sich verkleinert haben, aber noch erreicht auch ihr Gedankengut die nächste Generation.«

O je o je, man ahnt es schon ... Man sieht eine Frau mit einem Kopftuch und ihre zwei kleinen Kinder, die ebenfalls seltsam drapiert wirken. Immerhin haben sie nicht 10 wuselige Kinder dahin gesetzt, das hätte die muslimische Gefahr noch stärker unterstrichen. Es stellt sich heraus, dass das die Familie des anfänglich gezeigten Hamas-Aktivisten ist, und sein kleiner Sohn, Ahmad Nofal, vielleicht sechs bis sieben Jahre alt, spricht folgenden, wirklich sehr kindertypischen Satz:
»Wenn ich groß bin, will ich auch in den bewaffneten Kampf gegen Israel ziehen und ein Held werden wie mein Vater.« (5)

Womit sie diese arme Familie wohl erpresst oder bezahlt haben, damit die sich so präsentieren? Echt wirkt das alles nicht. Eine Palästinenserin hat mal in einem Vortrag beschrieben, wie der Mossad z. B. durch Versprechen von medizinischer Behandlung und andere Erpressungen Leute in Notsituationen ausnutzt und zu Verrätern macht.

Dann kommt der Schlusskommentar:
»Während die Hamas versucht, hier weiter die Kontrolle zu behalten, will es nun eine Studentengruppe am kommenden Freitag erstmals wagen, öffentlich gegen das Regime zu demonstrieren.« (6)

Woraufhin zurückgegeben wird an den Moderator Claus Kleber im Studio, der ergänzt: »Wir werden darüber berichten.«

Im gleichen heute journal erschien der Beitrag: »Fahrplan zur Freiheit. Warum Mubarak noch gebraucht wird.«

Nach diesen Beiträgen dürfte klar sein, wohin die Strategie geht. Sollte die »westliche Wertegemeinschaft« dies mit etwas stärkerer Gewalt durchsetzen müssen, weiß der deutsche ZDF-Zuschauer bereits, dass da mal wieder ein ganz gerechter Kampf gegen Terroristen und ihre Brut geführt wird, bevor diese Unbelehrbaren Israel vernichten und danach die ganze Welt erobern. Das geschieht diesen Diktatoren des Gazastreifens recht, und die Jugend kann es sowieso kaum abwarten, endlich einen westlichen Lebensstandard a la Israel zu genießen. Und daran hindert sie nicht Israel, sondern die schreckliche Hamas.

Dieser westliche Bevormundungs- und Herrschafts-Zynismus ist nicht nur brechreizerregend, sondern könnte sich auf die Dauer als äußerst kontraproduktiv erweisen. Freiheitsbewegungen sind selten aufzuhalten. So könnte die von Tunesien ausgehende Sogwelle auch die EU-Länder erreichen. Demokratisch gesinnte Menschen in den westlichen Ländern fühlen sich heute den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz näher als ihren eigenen Regierungen. Ist es ganz ausgeschlossen, dass wir eines Tages mit Überzeugung sagen: »Ex oriente lux«? Und dass wir selbst Freiheit, Demokratie und Menschenrechte plötzlich für wichtiger halten als verkrustete »Stabilität« und die »Sicherheit« der bestehenden Ausbeutungsordnung? Nicht, dass am Ende noch die Erde zu einem Midan at-Tahrir, einem »Platz der Befreiung« wird.

Anmerkungen:

(1) Kommentar von Peter Frey unter http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/228#/beitrag/video/1250314/Ja,-es-geht-um-Freiheit
(2) VATIKAN – Papst wünscht beim Angelusgebet, dass Ägypten »wieder zur Ruhe und zum friedlichen Zusammenleben finde, indem es sich mit vereinten Kräften für das Gemeinwohl einsetzt«. Vom 7. Februar 2011 unter http://www.fides.org/aree/news/newsdet.php?idnews=27198&lan=deu
(3) Aus dem Studio Tel Aviv berichtet Nicola Albrecht: Revolution im Internet. Junge Menschen in Gaza protestieren gegen die Hamas. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/228#/beitrag/video/1254320/ZDF-heute-journal-vom-08-Februar-2011
(4) Ebenda
(5) Ebenda
(6) Ebenda




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