Wednesday, 25. May 2016
07.09.2010
 
 

Noch immer ungeklärt: Der Abschuss der Korean-Airline 007 am 1. September 1983

Wolfgang Effenberger

Am 1. September 1983 bezahlten 269 Menschen das transpazifische Schachspiel mit ihrem Leben. Ein Boeing 747 der Korean Airlines verletzte auf dem Flug KAL 007 den sowjetischen Luftraum und passierte seltsamerweise ausgerechnet eine russische Militärbasis auf Kamtschatka. Nach etwa einer Stunde Observation wurde sie abgeschossen.

Stunden später erschien ein sichtlich erregter Staatsekretär George Shultz unangemeldet im Presseraum des State Departments und bestätigte, dass ein sowjetisches Kampfflugzeug vom Typ Mig-23 die seit dem Vortag vermisste südkoreanische Boeing-747 mit 269 Passagieren an Bord in der Nähe der Insel Moneron vor der Südwestküste von Sachalin abgeschossen habe. Shultz betonte scharf, man habe keine Erklärung für das Vorgehen und es gebe auch keine für eine solche Handlung gegen ein unbewaffnetes ziviles Passagierflugzeug. Der Außenminister teilte weiter mit, sich abstützend auf Abhörprotokolle des sowjetischen Funkverkehrs, dass die vom Kurs abgekommene Maschine während ungefähr zweieinhalb Stunden von zeitweise bis zu acht Jägern beschattet worden sei.

Für Washington eine »Barbarei der sowjetischen Regierung« und für Bonn »Ein Akt nicht überbietbarer Brutalität.« So die Aufmacher am 3. September.

Dagegen sprach die russische Seite von einem Spionageflugzeug, das nicht auf Warnschüsse reagiert und daher ein legitimes Ziel dargestellt habe. Obwohl die US-Geheimdienste nicht an diesem Eindruck des russischen Militärs zweifelten, ließ US-Präsident Reagan verlauten: »Worte können kaum unseren Abscheu vor diesem schrecklichen Akt der Gewalt (und) den Ekel ausdrücken, den die ganze Welt wegen der äußersten Barbarei des Handelns der sowjetischen Regierung fühlt.« Ohne tiefergehende Kenntnis der Faktenlage echote die Bundesregierung und nannte das Ereignis einen »unbegreiflichen Akt nicht überbietbarer Brutalität.« Anstatt Fragen zu stellen, wurde im Westen der Ruf nach Vergeltung laut.

Wie war es aber möglich, dass sich eine Verkehrsmaschine in einem von den amerikanischen Diensten perfekt überwachten Luftraum, den gesamten sowjetische Funk- und Telefonverkehr hatte man mitgeschnitten, derart von der vorgeschriebenen Flugroute abkommen und über Stunden mehrere hochsensible Einrichtungen der sowjetischen Luftverteidigung überfliegen konnte? Warum wurden keine zivilen oder militärischen Stellen gewarnt? Wie konnten alle drei Navigationssysteme gleichzeitig versagen? Wie konnte ein Pilot zweieinhalb Stunden einen falschen Kurs fliegen, ohne etwas zu bemerken? 15 Minuten vor dem Abschuss meldet ein sowjetischer Jäger Sichtkontakt. Wieso kam der koreanische Pilot nicht der Landeaufforderung nach? In der Vergeltungshysterie wurden die Opfer übersehen. Unter ihnen befand sich jedoch ein aufstrebender demokratischer Abgeordneter mit Präsidentschaftsambitionen: Der demokratische Kongressabgeordnete Larry P. McDonald, Cousin des legendären und ebenfalls unter mysteriösen Umständen verblichenen US-Generals Patton.

Genügend Feinde hatte sich Mc Donald mit nachfolgendem Zitat gemacht:

»Der Drang der Rockefellers und ihrer Verbündeten ist es, eine Weltregierung zu kreieren, welche Kapitalismus und Kommunismus vereint - unter ihrer Kontrolle. Meine ich eine Verschwörung? Ja, das tue ich. Ich bin überzeugt davon, dass so ein Plan existiert - [die Eliten] planen es und ihre Absichten sind unglaublich bösartig.« Noch mehr Feinde machte sich der mutige Kongressmann 1980 mit dem Vorhaben, das Repräsentantenhaus für eine umfassende Untersuchung der geheimen Tätigkeiten des Council on Foreign Relations und der Trilateralen Kommission zu gewinnen.

Im Wahljahr 2008 wies der republikanische Präsidentschaftskandidat Ron Paul auf die fragwürdigen Umstände des Verschwindens von Mc Donald hin. Ron Paul würdigt den prinzipientreuen Abgeordneten für dessen standhaften Widerstand gegen den Kommunismus sowie gegen die verdeckten mächtigen US-Gruppen, die eine sozialistische Weltregierung installieren wollen.

Der Tod dieses Feindes der »Mächtigen« hätte eine seriöse Beantwortung der anfangs gestellten Fragen erfordert.

Dagegen überschattete dieses Ereignis die KSZE-Schlusskonferenz in Madrid. Der sowjetische Außenminister Gromyko bedauerte vor den 34 anwesenden Außenministern den Verlust der vielen Menschenleben. Die Erklärung Gromykos, die abgeschossene Maschine habe sich auf einer Sonderspionagemission befunden, wurde von Shultz als Unwahrheit abgetan. Was aber hatte sich wirklich abgespielt?

Tatsächlich kreuzte in dieser Nacht ein US-Spezialaufklärer RC-135, die militärische Version der Boeing 707, die Flugroute von KAL 007 in dessen Radarschatten. Aus den veröffentlichten sowjetischen Funksprüchen geht klar hervor, dass sowohl der Jumbo als auch die RC-135 vom russischen Radar erfasst wurden und zur zeitweiligen Verwirrung über die beiden Luftraumverletzer führte. Der Spezialaufklärer hatte den Auftrag, das sowjetische Feuerleitradar zu vermessen. Da es aber in Friedenszeiten nicht aktiviert ist, müssen die »Elektronischen Aufklärungsflugzeuge« die gegnerischen Radarstationen mit Scheinangriffen reizen. Dabei werden nicht nur die Arbeitsfrequenzen der Radaranlagen bestimmt, sondern vor allem ihre Reaktionszeiten getestet. Doch das alles rechtfertigt den grausamen Abschuss nicht. Doch die Inkaufnahme eines solchen Abschusses bei derartigen Spionagespielereien steht dem an Zynismus in nichts nach. In einer einstimmig gefassten Resolution von Senat und Repräsentantenhaus wurde die Sowjetunion aufgefordert, sich zu entschuldigen und die Angehörigen der Opfer zu entschädigen. Der Abschuss des Fluges 007 wurde als »kaltblütige Barbarei« und »gewissenlose« Tat bezeichnet, die als eine der niederträchtigsten und verwerflichsten in die Geschichte eingehen würde.

Dagegen hatten Washington und der Westen am 21. Februar 1973 beim Abschuss des libyschen Passagierflugzeuges vom Typ Boeing 727-224 der Fluggesellschaft Libyan Arab Airlines über dem Sinai durch israelische Kampfflugzeuge vom Typ Phantom viel Verständnis gezeigt. Immerhin waren hier auch 110 Passagiere ums Leben gekommen.

Noch mehr Verständnis wird Washington am 3. Juli 1988 zeigen. An diesem Tag startet eine iranische Linienmaschine planmäßig von einem Flughafen am Persischen Golf zu einem Kurzstreckenflug nach Dubai. Zum Schutz der Ölschifffahrt patrouilliert das US-Kriegsschiff Vincennes im Persischen Golf. Die auf angemeldetem Kurs und vorgegebener Höhe fliegende Passagiermaschine wird am helllichten Tag von einer Flugabwehrrakete der USS-Vincennes getroffen. Als Entschuldigung gaben die Verantwortlichen der Vincennes an, sie hätten den Airbus für einen angreifenden F-14 Jagdbomber gehalten. Dem Kapitän war es nicht gelungen, vor dem Feuerbefehl das Flugzeug zu identifizieren, obwohl alle Flugdaten abrufbereit waren. Auch war es den Feuerleitoffizieren nicht gelungen, den kontinuierlich ausgestrahlten Code des Airbus der Iran Air aufzufangen, noch mit dem Piloten oder der Flugsicherung in Kontakt zu treten. Obendrein sind amerikanische Radarflugzeuge der im Persischen Golf kreuzenden Flugzeugträgergruppe im Einsatz. Keine Verurteilung, keine Entschädigung der 270 Opfer, nur eine Auszeichnung für den Kapitän.

Ein halbes Jahr später wird die amerikanische Nation beim Absturz des PanAm-Flugzeuges bei Lockerbie in Schottland aufschreien und Rache fordern. Im Laderaum detoniert am 21. Dezember 1988 eine versteckte Bombe. Alle 259 Insassen sowie elf Bewohner des Ortes kommen ums Leben. Bis heute ist der Terroranschlag von Lockerbie nicht eindeutig aufgeklärt. Unumstritten ist die Tatsache, so Andreas von Bülow, dass »über die PanAm-Verbindung Frankfurt über fünf Jahre lang eine Drogenlinie der amerikanischen Drogenfahndung (DEA) oder auch der CIA lief, unter der Vorgabe, auf diesem Wege den Drogenverteilernetzen in Chicago und anderen Städten der USA auf die Spur zu kommen.« Das bleiben nicht die einzigen Ungereimtheiten. Nach dem Absturz war als erstes eine CIA-Mannschaft, getarnt in PanAm-Uniformen, am Unfallort und sicherte Beweisstücke, die nie der Registrierung zugeführt worden sind. Die amerikanische Regierung weigert sich bisher, die Staatssicherheit vorschützend, den Gerichten Auskunft zu erteilen.

 

 


Quellen:

Aufmacher der Frankfurter Allgemeine vom 2. September 1983

McDonald, Lawrence P. Introduction.. Allen, Gary: The Rockefeller File. Seal Beach, CA 76 Press 1976 , S. 3 unter http//:www.gatecreepers.com

American Legion National Convention Resolution 773 to the House of Representatives calling for a comprehensive congressional investigation into the Council on Foreign Relations and Trilateral Commission. Zitiert bei Pat Buchanan und anderen zur Neuen Weltordnung, unter http://web.archive.org/web/20071010101310/http://www.buchanan.org/h-192.html [5.9.10]

Paul, Ron: Congressman Larry McDonald – Interesting vom 21. Oktober 2008 unter http://www.dailypaul.com/node/69777

Flug LN 114, vom französischem Piloten Jacques Berjes geflogen

Bülow, Andreas von: Im Namen des Staates. München 2002, S. 265

Ebenda S. 261

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