
Den Zinssatz niedrig zu halten, gilt als wichtigste Verteidigungslinie für Zentralbanken, die darauf aus sind, die Kreditkrise zu entschärfen und Banken wieder zur Kreditvergabe zu veranlassen. Der angestrebte Satz der Federal Reserve für die Federal Funds Rate – den Zinssatz, zu dem sich US-Finanzinstitute untereinander kurzfristige Kredite vergeben – liegt seit Dezember 2008 zwischen null und 0,25 Prozent. Immer mehr Ökonomen sind inzwischen der Ansicht, dieser Satz werde bis 2011 oder gar 2012 so niedrig bleiben, begründet mit der Befürchtung, die sich ausweitende Schuldenkrise in Europa könnte einen gerade beginnenden Wirtschaftsaufschwung in den USA beeinträchtigen.
Dirk van Dijk beschreibt auf der Investoren-Website Zacks.com, welch einträgliches Geschäft dies für die Banken darstellt:
»Den Zinssatz für kurzfristiges Geld niedrig zu halten … nutzt besonders großen Banken wie der Bank of America (BAC) und JP Morgan (JPM). Ihr Rohstoff ist das kurzfristige Geld, das heute praktisch umsonst zu haben ist. Sie können für höchstens 0,25 Prozent Zinsen Geld aufnehmen und dasselbe Geld umgehend in Fonds anlegen, beispielsweise T-Notes [Treasury Note, ein vom US-Finanzministerium emittiertes Papier] mit einer Laufzeit von fünf Jahren und 2,5 Prozent Verzinsung, was ihnen einen praktisch risikofreien Gewinn von 2,25 Prozent einbringt. Bei ausreichend hohen Geldsummen ist das ein höchst einträgliches Geschäft, das zur Sanierung des Bankensystems beitragen kann (vorausgesetzt, die Banken ziehen kein Kapital ab durch Dividenden oder verplempern es für unverschämt hohe Boni für ihre Vorstandsmitglieder).«

Für die großen Wall-Street-Banken kann das gewinnträchtig sein, aber eigentlich sollte der Zinssatz von beinahe null Prozent die Banken doch dazu veranlassen, wieder Kredite zu vergeben. Stattdessen investieren diese das praktisch zinslose Geld in risikofreien Staatspapieren, für die wir Steuerzahler 2,5 Prozent Zinsen zahlen, nutzen es für genau die Art unregulierter Spekulationsgeschäfte, die die Wirtschaft 2008 beinahe zum Absturz gebracht hätte, oder sie zahlen damit »ihren Vorstandsmitgliedern unverschämt hohe Boni«. Selbst wenn sich die Banken dazu herablassen, die praktisch zinslosen Gelder als Grundlage für Kredite zu nutzen, werden diese niedrigen Zinssätze nicht an die Kreditnehmer weitergegeben. Von August 2007 bis Dezember 2008 wurde die Federal Funds Rate um fünf Prozent gesenkt, der Satz für festverzinsliche Hypotheken mit einer Laufzeit von 30 Jahren sank jedoch um nicht einmal ein Prozent – von 6,75 Prozent auf etwa sechs Prozent.
Warum sich Banken überhaupt Geld borgen müssen? Weil sie das Geld, das sie verleihen, in Wirklichkeit gar nicht haben
Dirk van Dijk schreibt, »kurzfristiges Geld« – also Geld, das kurzfristig von anderen Banken geliehen wird – sei der »Rohstoff« der Großbanken. Man könnte sich nun fragen: müssen Banken sich überhaupt untereinander Geld borgen? Nehmen sie denn nicht einfach das Geld ihrer Einleger und verleihen es? Die Antwort lautet: nein. Banken verleihen weder das Geld ihrer Anleger noch ihr eigenes Geld. Die Federal Reserve Bank of Dallas beschreibt den Prozess auf ihrer Website folgendermaßen:
»Banken schöpfen tatsächlich Geld in dem Moment, in dem sie es verleihen. Und so funktioniert es: Die meisten Kredite einer Bank werden an ihre eigenen Kunden vergeben und deren Girokonten gutgeschrieben. Da der Kredit, genauso wie ein eingereichter Scheck, eine neue Einlage darstellt, behält die Bank … einen kleinen Prozentsatz dieser neuen Einlage als Reserve [Mindesteinlage] und verleiht den Rest des Geldes an einen anderen Kunden weiter. Auf diese Weise kann die Bank den Geldschöpfungsprozess viele Male wiederholen.«
Eine Bank vergibt also einfach einen Bankkredit, den sie in ihren Büchern erzeugt hat. Dieser Kredit wird zu einer Einlage auf dem Konto des Kreditnehmers, der über diesen Betrag Schecks ausstellen kann. Die Schecks werden dann auf andere Banken eingezahlt und gelten in der Wirtschaft als das, was wir alle als »Geld« kennen.
Eine Bank kann in ihren Büchern so viel Geld erzeugen, wie sie kreditwürdige Kreditnehmer findet, und zwar bis zum Limit ihrer Kapitalanforderung. Das kommt dann zum Tragen, wenn Schecks, die auf diese von Krediten zu Einlagen gewordenen Guthaben ausgestellt wurden, eingelöst werden, normalerweise durch die Federal Reserve. Eine Bank mit einer Kapitalanforderung von zehn Prozent muss zehn Prozent ihrer Einlagen entweder als »im Tresor lagerndes Bargeld« oder auf einem Konto der Federal Reserve vorhalten, wenn die Fed Schecks einlöst, dann geschieht dies über dieses Konto. Der Effekt ist, dass die Bank [Bank A] nun weniger Reserven hat, sie kann versuchen, diese wieder aufzufüllen, indem sie die Kunden der Bank gewinnt, bei welcher der Kredit eingezahlt wurde [Bank B]. Doch, so erläutert das Winterspeak-Blog-Team:
»Wenn Bank A dies [d.h. neue Anleger zu gewinnen] nicht gelingt, dann borgt sie sich die benötigten Reserven einfach kurzfristig am Interbankenmarkt von … Bank B. Dieser Markt für kurzfristige Kredite dient genau zu diesem Zweck. In unserem Fall verfügt Bank B über die Reserven in genau der Höhe, wie sie Bank A benötigt, und da Reserven keine Zinsen bringen, verleiht sie diese gern zur Federal Funds Rate, dem Satz für Interbankengeschäfte, an Bank A.«

Tatsächlich kann eine Bank in ihren Büchern Geld erzeugen, dieses Geld mit Zinsen (heute etwa 4,7 Prozent für festverzinsliche Hypotheken) verleihen, und anschließend den ausgestellten Scheck dadurch einlösen, dass sie das soeben erzeugte Geld wieder zurückborgt, was die Bank nur den niedrigen Satz der Federal Funds Rate (gegenwärtig 0,2 Prozent) kostet. Die Bank schöpft den Bankkredit, verleiht ihn zu 4,7 Prozent und borgt sich das Geld zu 0,2 Prozent zurück, um die ausgestellten Schecks zu decken – sie streicht also 4,5 Prozent als Gewinn ein. Der Kredit, den die Bank vergeben hat, ist nicht etwas, das ihr selbst »gehört«, sondern er repräsentiert lediglich die »Würdigung und Anerkennung der Vereinigten Staaten« – den Kredit des gesamten Volkes. Trotzdem darf die Bank bei dieser Art der Kreditschöpfung einen saftigen Zinsgewinn einstecken; vorausgesetzt, sie vergibt überhaupt Kredite, was dieser Tage immer seltener vorkommt. Die Banken halten es nämlich für sicherer und lukrativer, ihre praktisch zinslose Kreditlinie auf Kosten der Steuerzahler für Investitionen in risikofreien Staatspapieren zu verwenden, zu spekulieren oder sich selbst fette Boni zu zahlen.
Eine erneute Kreditklemme wie bei Lehman verhindern
Die Banken sind deshalb in hohem Maße von Krediten untereinander abhängig, weil sie diese billigen Anleihen dazu nutzen, das Kredit-Hütchenspiel aufrecht zu erhalten. Das gilt besonders für die großen Wall-Street-Banken. Kleine Banken bekommen ihr Geld hauptsächlich aus den Einlagen ihrer Kunden, sie verfügen in der Regel sogar über höhere Einlagen, als sie kreditwürdige Kreditnehmer finden können. Große Banken jedoch haben im Allgemeinen keine ausreichenden Einlagen, um ihr Kerngeschäft zu finanzieren – Geschäfte mit Großunternehmen, Regierungen, anderen Finanzinstituten und vermögenden Kunden. Die meisten leihen sich das benötigte Geld von anderen großen Kreditgebern in Form von kurzfristigen Verbindlichkeiten, die kontinuierlich verlängert werden müssen.
Daraus ergibt sich, was wirklich der Auslöser für die Kreditkrise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 war. Der Bankrott von Lehman führte damals zu einem Run auf die Geldmärkte, die Zinssätze im Interbankengeschäft schossen in die Höhe. Der Londoner Referenzzinssatz London Interbank Offered Rate (LIBOR) ist normalerweise eng an die offiziellen Zinserwartungen gekoppelt (in den USA wäre dies die erwartete Federal Funds Rate), doch nach dem Bankrott von Lehman stieg der LIBOR-Satz für kurzfristige Anleihen um etwa fünf Prozent. Da nun die Kosten für die Geldaufnahme zur Deckung der eigenen Kredite für die Banken zu hoch geworden war, um noch ein Geschäft zu machen, kam die Kreditvergabe abrupt zum Erliegen.
Der LIBOR-Satz steigt gegenwärtig wieder, und zwar aufgrund von Befürchtungen, die europäische Schuldenkrise könnte sich zu einer neuen globalen Bankenkrise entwickeln. Dies ist nur einer von vielen Gründen, warum die [US-]Bundesstaaten in Erwägung ziehen sollten, dem Modell von North Dakota zu folgen, dem einzigen Bundesstaat, der eine eigene Bank besitzt. Dank der staatlichen Bank of North Dakota (BND) blieb North Dakota von der Kreditkrise verschont. Die BND verfügt über eine große Einlagenbasis, da alle Einnahmen des Bundesstaats per Gesetz bei dieser Bank eingezahlt werden müssen, wodurch sie solvent bleibt, unabhängig davon, was auf dem Interbankenmarkt geschieht. North Dakota ist zurzeit der einzige Bundesstaat, der nicht mit einem Haushaltsdefizit zu kämpfen hat.
Auch ganze Länder könnten diesem Modell folgen. In einem kürzlich erschienenen Artikel im Economist wurde darauf hingewiesen, dass die äußerst stabilen staatlichen Banken von Indien, China und Brasilien diesen Ländern geholfen haben, die Bankenkrise zu überstehen, die in den letzten zwei Jahren fast der gesamten Welt zu schaffen gemacht hat.
Wenn Du sie nicht besiegen kannst, mach’ es wie sie
Während sich genau die Banken, die für die heutige Wirtschaftskrise verantwortlich sind, beispielloser Vergünstigungen erfreuen, sind bundesstaatliche und kommunale Regierungen gezwungen, sehr viel Geld ohne direkten Nutzen in Sonderfonds für Notlagen anzulegen, auch wenn sie gleichzeitig Dienstleistungen kürzen, um ihren Haushalt auszugleichen. Sie sind dazu gezwungen, weil sie keinen Zugang zu den praktisch zinslosen Kreditlinien haben, über welche die Privatbanken verfügen. Lokale Regierungen, die eine eigene Bank besitzen, können auf die sehr niedrigen Zinssätze zugreifen, die den Privatbanken gewährt werden, weil sie durch diese Bank die gleiche Vollmacht erhalten, in ihren Büchern »Bankkredite« zu erzeugen, wie Privatbanken. North Dakota, das seit über 90 Jahren eine eigene Bank besitzt, ist nicht nur der einzige Bundesstaat, der einen Haushaltsüberschuss verzeichnet, sondern hier herrscht auch die geringste Arbeitslosigkeit in den USA. Es gibt offensichtlich nicht das geringste Finanzierungsproblem. In fünf weiteren US-Bundesstaaten liegen derzeit Gesetzentwürfe für die Gründung eigener Banken auf dem Tisch, in einigen anderen Bundesstaat-Parlamenten ist über diese Option beraten worden.
Die Federal Reserve und die US-Regierung haben alles Erdenkliche getan, ein korruptes Bankensystem vor dem Untergang zu bewahren, sie haben Giftmüll-Papiere aufgekauft und Kredite praktisch zinslos zur Verfügung gestellt – alles angeblich mit dem Ziel, wieder Kredite für die Main Street fließen zu lassen. Doch die Banken haben ihren Teil des Versprechens nicht erfüllt. Sie tun genau das, was ihr jeweiliges Geschäftsmodell von ihnen verlangt – den größtmöglichen Profit für ihre Aktionäre zu erwirtschaften. Banken in öffentlichem Besitz operieren nach einem anderen Modell: sie müssen der Gemeinschaft dienen. Wie China, Indien oder Brasilien wären die US-Bundesstaaten gut beraten, Banken im öffentlichen Besitz zu gründen, die Kredite für die heimische Wirtschaft bereitstellen, wenn das private Bankwesen versagt.