Tuesday, 24. May 2016
30.10.2008
 
 

Die nicht so unsichtbare Hand: Wie das »Absturzverhinderungsteam« den freien Markt zerstörte

System

»Heute unterscheiden wir uns nicht von den halb-sozialistischen westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten, über die wir uns so gerne lustig machen. Italien? Natürlich hatte Italien seit letzten Donnerstag vier Regierungen, aber keine von denen hätte so etwas zugelassen; die Italiener wissen schließlich, wie man eine Ökonomie manipuliert.« (Bill Saporito, »Wie wir zu den Vereinigten Staaten von Frankreich wurden«, Time, 21. September 2008)

Am 24. Oktober war der 79. Jahrestag des Börsenkrachs vom Oktober 1929. Die massiven Aktienverkäufe begannen am Donnerstag, dem 24. Oktober 1929, und nahmen am Montag und Dienstag der folgenden Woche, dem 28. und 29. Oktober, sogar noch zu. Am Freitag, dem 24. Oktober 2008, hatten viele Menschen Angst, dass sich diese Katastrophe jetzt wiederholen könnte, nachdem der japanische Nikkei-Index während der Nacht um fast zehn Prozent und der Hang-Seng-Index in Hongkong um acht Prozent abgestürzt waren. In Deutschland und Großbritannien fielen die Aktienmärkte um fünf Prozent.

»Erstaunlicherweise«, so die Internetseite Yahoo!Finance, »waren die Termingeschäfte der großen Indizes vor Börsenbeginn am letzten Freitag ›eingefroren‹ worden, d.h. sie hatten einen Grenzbereich von fünf Prozent erreicht, unter den sie vor Marktbeginn am Freitag nicht mehr fallen konnten.« Die Händler machten sich schon auf das Schlimmste gefasst, doch merkwürdigerweise kam es nicht zur Katastrophe. Der US-Aktienmarkt sackte nur um 3,5 Prozent ab, wie an einem »ganz normalen« Baisse-Tag.

Warum kam es gerade in den USA nur zu einem relativ mäßigen Einbruch? Denn schließlich hatte das ganze Finanzdebakel ja hier seinen Ursprung gehabt, und folglich hätte es auch hier zu den größten Abstürzen kommen müssen. Argwöhnische Beobachter sahen die geheimen Hände des Absturzverhinderungsteams (PPT – Plunge Protection Team) am Werk, also der Arbeitsgruppe Finanzmärkte, die schon unter Präsident Reagan eingesetzt worden war, und die das Ziel verfolgte, durch die Manipulation der Märkte hinter den Kulissen die »Stabilität« der Finanzmärkte zu erhalten. Bill Murphy schrieb in LeMetropoleCafé.com:

 

»Heute haben die Muppets von CNBC erklärt, wie gut unsere Märkte reagiert haben und dass sie nicht, wie allgemein erwartet, kollabiert sind. Den ganzen Tag haben sie darüber diskutiert, dass sich unser Markt ganz anders verhalten hat als jeder andere Aktienmarkt der Welt. Aber hallo, die anderen Länder haben eben kein PPT, und genau das ist der Grund, WARUM unser Markt ganz anders reagiert.

Es gibt vielleicht Menschen, die denken, das PPT tue genau das Richtige. Dabei übersehen sie jedoch die Tatsache, dass viele nur aufgrund der lange betriebenen PPT-Politik nach dem Motto ›Alles ist okay‹ und durch die Unterbindung freier Marktgeschäfte auf dem Markt geblieben sind … und zwar, weil das PPT verhindert hat, dass die Kurse so stark fallen konnten, wie sie das eigentlich gesollt hätten …, das aber hätte viele Anleger schon vor einiger Zeit aus dem Markt gescheucht.«

Bill Saporitos Einschätzung in Time könnte man damit kontern, dass US-Finanzminister Henry Paulsons »Absturzverhinderungsteam« (PPT) sehr versiert darin ist, Volkswirtschaften zu manipulieren. Der Unterschied zwischen einem anerkannten sozialistischen Staat und dem schleichenden Sozialismus, den wir heute in den USA haben, besteht darin, dass in einem sozialistischen Staat jeder Mensch erwartet, dass der Markt manipuliert wird und dementsprechend reagiert. In einer manipulierten pseudo-kapitalistischen Ökonomie lassen sich die Investoren sehr leicht von ihrem Geld trennen, weil sie erwarten, dass der Markt den »Prinzipien der freien Marktwirtschaft« folgt, die wiederum auf »Angebot und Nachfrage« beruhen. Die Menschen können leicht dazu verführt werden, an riskanten Spekulationsgeschäften teilzunehmen, an sogenannten »pump and dump«-Szenarien – künstlichen Manipulationsorgien, die es Insidern erlauben, Aktien bei den Höchstkursen zu verkaufen oder bei Niedrigkursen einzusteigen. Sie vertrauen also auf die »unsichtbare Hand« von Adam Smith, die angeblich alles automatisch richtet in einem Markt, den man seinen eigenen Gesetzen überlässt. Heute wird der Markt tatsächlich von einer unsichtbaren Hand kontrolliert, aber diese Hand dient nicht unbedingt den Interessen der Kleinanleger.

 

Absturzverhinderung für die Einen, Absturzerzeugung für die Anderen

Die ungeheuerlichsten Manipulationsbeispiele finden sich gegenwärtig bei Gold, Silber und Öl. Die offiziellen »spot«- (oder Kassa-) Kurse für Gold und Silber sind in den letzten zehn Tagen stark nach unten gesackt, und das trotz der Tatsache, dass die physische Nachfrage nach diesen Edelmetallen ungeheuer groß war. Auf dem »realen« Markt ist Gold nur gegen riesige Aufschläge erhältlich und populäre Silbermünzen gibt es überhaupt nicht mehr.1 In der Schule haben wir gelernt, dass der Kommunismus deshalb nicht funktioniert, weil es dann, wenn die gesamte Industrie von einem einzigen Eigentümer (der Regierung) kontrolliert wird, keinen Wettbewerb gibt und sich ein chronischer Mangel sowie Schwarzmärkte entwickeln; denn die Regierung lässt nicht zu, dass sich die Preise aufgrund von »Angebot und Nachfrage« einpendeln, sondern diktiert sie von oben. Genau das passiert heute mit Gold und Silber, deren wirklicher physischer Preis sich radikal von den offiziellen Papierpreisen unterscheidet.

Gold ist bekanntlich das »Contra-Investment«, die »Krisenwährung«, die in der Geschichte immer angestiegen ist, wenn andere Währungen bzw. Aktien fielen. Investoren sehen Gold als ein bewegliches Gut an, das stets seinen Wert behält, auch wenn alles andere kollabiert. Deshalb muss immer dann, wenn der Markt zur »Stabilitätserhaltung« manipuliert werden muss, der Goldpreis niedrig gehalten werden.

Die jetzige Runde der Manipulation des Goldpreises begann am Donnerstag, den 16. Oktober um zehn Uhr morgens, als der Goldpreis innerhalb weniger Minuten plötzlich um 45 Dollar abstürzte. Das ging so weiter, bis er nach gut einer Stunde um 60 Dollar gefallen war:

16. Oktober 2008, New Yorker Zeit: 11.30 Uhr

 

Nichts passierte an diesem Donnerstag zwischen zehn und elf Uhr, was diesen massiven Absturz gerechtfertigt hätte. Überhaupt hätte die Goldkurve in derselben exponentiellen Art und Weise, wie sie fiel, in die Höhe schießen müssen. Am Mittwoch, dem Vortag, war der New Yorker Aktienmarkt um 700 Punkte abgestürzt und die Dow-Futures – also die Wetten darauf, ob der Markt steigen oder fallen werde – waren am Mittwochabend um 150 Punkte gefallen. In der Nacht zum Donnerstag stürzte der japanische Aktienmarkt um über zehn Prozent ab; auch alle Märkte in Europa verzeichneten Verluste.2 Am Donnerstagmorgen wurde neben anderen sehr schlechten Wirtschaftsnachrichten bekannt gegeben, dass der industrielle Output der USA um den höchsten Betrag seit 34 Jahren gefallen und die produktive Aktivität in den USA von September bis Oktober entgegen allen Erwartungen kollabiert war. Doch plötzlich notierten die Dow-Futures um 130 Punkte höher; und der Goldpreis trat um zehn Uhr seinen Sturzflug an, obwohl physisches Gold nur gegen die Zahlung von enormen Aufschlägen zu haben war und auf der ganzen Welt die Goldpreise in die Höhe schossen. Dieser nicht nachvollziehbare Trend setzte sich an diesem Tag fort, was ein weiteres ungeheuerliches Beispiel für die ständigen Manipulationen ist, die jetzt so offen durchgezogen werden. Entweder sind sich die Strippenzieher ihrer eigenen Unverletzlichkeit völlig sicher, oder sie haben eine so große Angst vor dem unausweichlichen Untergang, dass es ihnen mittlerweile völlig egal ist, wenn die Manipulationen auffliegen.

 

»Die massivste Intervention seit Roosevelt«

Normalerweise diskutieren die CNBC-Kommentatoren die Marktmanipulationen nicht, doch die aktuellen wilden und völlig unvorhersehbaren Marktentwicklungen ergäben überhaupt keinen Sinn, wenn man dabei nicht das Tun der einflussreichen Männer hinter den Kulissen berücksichtigt. Ein Berichterstatter, der tatsächlich über diese Manipulationen redet, ist Don Coxe, ein Finanzstratege der Bank of Montreal. Bei einer wöchentlichen Konferenzschaltung am 5. September 2008 bezeichnete er die Entwicklungen auf den Märkten seit Juli als die »massivste Regierungsintervention in die Kapitalmärkte oder das Finanzsystem seit Roosevelt die Banken 1933 geschlossen hatte«.3

Laut dem britischen Blatt Globe and Mail ist Coxe »kein paranoider Verschwörungstheoretiker. Als Vorsitzender und Chefstratege von Harris Investment Management in Chicago gehört er zu den angesehensten Investment-Autoritäten in Nordamerika«.4 Zu der von ihm beschriebenen beispiellosen Intervention kam es im Juli d.J., als sich das Finanzestablishment mit einem für die Bankiers sehr unfreundlichen Markt herumschlagen musste. Der Goldpreis stand kurz davor, die psychologisch wichtige Marke von 1000 Dollar zu durchbrechen, der Ölpreis stand bei über 147 Dollar pro Barrel, der US-Dollar kollabierte, der Index der Bankaktien war in nur sechs Monaten von 90 auf 50 gefallen und die Federal Reserve musste ihre Bilanzen in Ordnung bringen, nachdem sie riesige Kredite an Banken gegen windige Sicherheiten vergeben hatte. Die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac standen kurz vor dem Bankrott und ein Großteil ihrer Wertpapiere in Höhe von vielen hundert Milliarden Dollar befand sich in ausländischem Besitz. Wie durch ein Wunder kehrten sich all diese Trends um, allen voran der schwindsüchtige US-Dollar, der sich dramatisch erholte.

Wie wurde das bewerkstelligt? Nikkei English News ließ die Katze aus dem Sack: Ende August berichtete diese Agentur, Finanzbeamte aus den USA, Japan und Europa hätten Pläne entworfen, um nach dem Kollaps des Investmenthauses Bear Stearns den US-Dollar zu stärken. In ihrem Interventionspapier forderten sie die Zentralbanken auf, Dollars aufzukaufen sowie Euros und Yen zu verkaufen, und zwar auch dann, wenn sich der Wert des Dollars erheblich verschlechtern sollte; Japan sollte die nötigen Mengen an Yen für den Devisentausch zur Verfügung stellen.5

Als sich der Dollar erholte, sackten die Preise für Gold, Silber und Platin ab. Die Auguren lasen den Rückgang der Gold- und Silberpreise als Reaktion auf den gestiegenen Dollar, da historisch gesehen die Preise für Edelmetalle immer dann steigen, wenn der Wert des Dollars fällt. Doch sie erklärten nicht, warum der Dollarwert stieg. Bill Murphy kommentierte das so: »Der Dollar steigt immer dann steil an, wenn der US-Aktienmarkt unter Druck kommt. Die Entwicklung läuft fast gleichzeitig ab.« Er zitierte einen der Verfasser seines Newsletters:

 

»Seit dem Tiefstand [auf dem Aktienmarkt] am 22. September haben wir 8,3 Billionen Dollar an Vermögenswerten auf den Aktienmärkten verloren, und was passiert? Der Wert des US-Dollars steigt, und steigt, und steigt, und steigt, und steigt. Warum? Von 72 bis 84 (d.h. plus 1,14 Prozent alleine heute??!!??)? Ein ununterbrochener Anstieg der NIE negativ von Nachrichten oder Marktentwicklungen beeinflusst wird. Das ist fast schon ein 45-prozentiger Anstieg. DAS ist reine, ungeschminkte Intervention in riesigem Ausmaß.«6

Zur Illustration stellte Murphy die folgende Grafik ein, die den dramatischen, unerklärlichen Umschwung des fallenden Dollars zeigt:

Wie lässt sich dieser erstaunliche Umschwung erklären? Bei seiner Konferenzschaltung am 5. September erklärte Coxe offen, wie die Federal Reserve und das US-Finanzministerium gemeinsam mit der Aufsichtsbehörde für den Warenterminhandel (CFTC) und der US-Börsenaufsicht (SEC) diesen »notwendigen« Dollaranstieg zusammen mit einem entsprechenden Anstieg der Finanzaktien und einem gleichzeitigen Kollaps der Rohstoffmärkte manipuliert haben. Coxe nannte das Manöver »brillant«; doch es kostete Rohstoffinvestoren und Leerverkäufern, die darauf spekuliert hatten, was ein »freier« Markt tun »sollte«, viele Millionen Dollar. Der Ölpreis stürzte um mehr als 50 Prozent ab – von einem Höchststand von 145 Dollar pro Barrel im Juli auf einen Tiefstand von ungefähr 64 Dollar am 24. Oktober. Dasselbe Muster zeigte sich bei den Preisen von Silber und Gold: Der Goldpreis fiel von seinem Höchststand von mehr als 1000 Dollar pro Unze auf ein Tief von 700 Dollar am 23. Oktober. Das Ganze ergab ein »pump and dump«-Szenario, wobei sich Insider die Vermögen ahnungsloser Investoren einheimsten. Es ist schon ein schmutziges Geschäft, aber irgendjemand muss schließlich im Interesse des »höheren Gutes« der Marktstabilität diese obszönen Profite einstreichen.

 

»Das schmutzigste Szenario der Finanzgeschichte«

Theodore Butler schrieb am 2. September auf der Internetseite SilverSeek.com, dass hinter den Kulissen aber mehr abging als nur eine Zusammenarbeit der Zentralbanken. Er stellte fest, dass es eine beispiellose Anzahl von Leerverkäufen bei Gold und Silber gegeben hatte – ein massives »Leihen« von Edelmetallzertifikaten mit dem anschließenden Verkauf dieser Papiere auf dem Markt (wobei die Preise nach unten gedrückt wurden), und einer anschließenden »Absicherung« durch den Ankauf der Papiere zu dem niedrigeren Preis. Butler wörtlich:

 

»Was das Gold betrifft, so haben nicht mehr als drei US-Banken in einem Monat mit über zehn Prozent der Weltjahresproduktion auf Baisse spekuliert. Das war die größte Baissespekulation bei Gold und Silber, die jemals bei US-Banken verzeichnet wurde. Nachdem diese US-Banken ihre massiven und konzentrierten Baissepositionen bei Silber und Gold platziert hatten, kam es auf den [Gold- und Silber-] Märkten zu einem historischen Preisverfall. Das alles passierte während der ersten weitverbreiteten Silberknappheit in der Geschichte. Das steht in völligem Widerspruch [zu] der Funktionsweise des Gesetzes von Angebot und Nachfrage

Butler bezeichnete es als das schmutzigste Szenario der Finanzgeschichte. »Damit wird die Finanzregulierung und die Herrschaft des Gesetzes zum Gespött gemacht«, schrieb er. »Einem großen Finanzinstitut, oder einigen Finanzinstituten, wird gestattet, die investierende Öffentlichkeit auszunehmen und sie um obszöne Profite zu erleichtern. Das bedeutet Vetternwirtschaft, Hinterzimmergeschäfte, Marktmanipulation und Weitergabe von Insiderinfos von der schlimmsten Sorte.«7

Während mit Gold und Silber auf »Deubel-komm-raus« auf Baisse spekuliert wurde, verbot die US-Börsenaufsicht derartige Leerverkäufe bei 19 ausgesuchten Finanzpapieren, darunter auch die Aktien von Fannie Mae und Freddie Mac. Das war eine offene Begünstigung von einigen wenigen Privilegierten, doch Coxe erklärte, dies sei nötig gewesen, um diese Finanzwerte potentiellen Käufern (insbesondere Staatsfonds) schmackhaft zu machen – damit sollten die Banken in die Lage versetzt werden, ihre Anteile verkaufen und das nötige Kapital auftreiben zu können, damit sie wieder Kredite ausgeben konnten.

Zum gleichen Zeitpunkt beantragte US-Finanzminister Paulson erfolgreich eine unbegrenzte, direkte Kreditlinie des Finanzministeriums für Fannie Mae und Freddie Mac sowie die Befugnis, Aktien des Hypothekenriesen aufkaufen zu können. Fannie und Freddie wurden einer Art Bankrottverfahren unterworfen, das den Namen Vormundschaft (conservatorship) erhielt. Doch anders als bei einem normalen Bankrottverfahren, bei dem die Gläubiger die noch vorhandenen Vermögenswerte des Schuldners ohne Beteiligung der Regierung unter sich aufteilen, wurden in diesem Fall die Ansprüche der Gläubiger durch das Finanzministerium garantiert. Ausländische Geldgeber wurden ausgezahlt, während die Aktionäre nichts erhielten – und darunter befanden sich Banken, Pensionskassen und andere Finanzinstitute, zu deren Einlagen auch viele Millionen Dollar an Ersparnissen amerikanischer Bürger gehörten. Auf lange Sicht schuf diese Art von »Rettung« mehr Probleme, als sie löste; aber laut Coxe war es ein notwendiges Opfer, um den Hypothekenmarkt kurzfristig funktionsfähig zu erhalten.

Wie kurz ist diese Frist? Die Präsidentschaftswahlen sind bereits nächste Woche. Die Märkte haben eine verblüffende Art, vor Wahlen gut dazustehen.

Rob Kirby schrieb am 9. September in LeMetropoleCafé, es gebe Gesetze und strenge Strafen gegen Marktabsprachen. Die Antitrust-Gesetze der USA sehen Geldstrafen bis zu zehn Millionen Dollar und Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren für unfaire Praktiken vor, die den Wettbewerb verhindern oder Märkte mit dem Ziel der Behinderung des Handels monopolisieren. »Ich bewundere [Coxes] Freimut«, sagte Kirby, »aber meine Meinung dazu ist, dass alle daran Beteiligten vor ein Erschießungskommando gehören, oder – noch schlimmer – wegen Verrats angeklagt werden sollten.«8

Das wird jedoch wahrscheinlich nicht passieren, denn die »daran Beteiligten« können sich auf die Immunität eines Regierungsamtes berufen. Das Absturzverhinderungsteam PPT, das den offiziellen Namen »Arbeitsgruppe des Präsidenten für die Finanzmärkte« trägt, wurde vom damaligen Präsidenten Ronald Reagan als Reaktion auf den Börsensturz 1987 eingerichtet; und zwar explizit mit dem Ziel, durch die Manipulation der Märkte mit öffentlichen Geldern »das Vertrauen der Investoren aufrecht zu erhalten«. Dem PPT gehören der US-Präsident, der Finanzminister, der Chef der Zentralbank Federal Reserve, der Chef der US-Börsenaufsicht (SEC) und der Chef der Aufsichtsbehörde für den Warenterminhandel (CFTC) an.9 In dieser Gruppe gibt aber zweifellos Finanzminister Paulson den Ton an, der jetzt einen Fonds in Höhe von 700 Milliarden Dollar für diesen (Manipulations-)Zweck zur Verfügung hat, nachdem der Kongress am 3. Oktober seinen massiven Rettungsplan für die Banken verabschiedete.

 

»Sozialismus für die Reichen«

Nouriel Roubini, Ökonomieprofessor der New York University, schrieb auf seinem populären Blog GlobalEconoMonitor:

 

»Tatsächlich lebt, blüht und gedeiht der Sozialismus in Amerika; aber das ist ein Sozialismus für die Reichen, für Privilegierte mit besten Beziehungen, und für die Wall Street. Ein Sozialismus, in dem die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden – und die Rechnung wird dem US-Steuerzahler präsentiert …«10

Der Investment-Guru Jim Rogers zu »Squawk Box Europe«:

 

»Amerika ist derzeit kommunistischer als China. Und wir erleben, dass das die Wohlfahrt für die Reichen ist, Sozialismus für die Reichen …, dabei geht es darum, den Finanzinstituten aus der Patsche zu helfen …

Das ist verrückt, das ist Wahnsinn; an nur einem einzigen Wochenende wurden die Nationalschulden der USA mehr als verdoppelt – für eine Bande von Betrügern und Versagern. Ich wüsste nicht, warum ich oder irgendjemand dafür bezahlen sollte.«11

Wenn wir in den USA schon den Sozialismus einführen, dann sollten wir uns offen dazu bekennen und das, was passiert, einigermaßen transparent machen. »Wir, das Volk« müssen wissen, wie wir angesichts einer unsicheren Zukunft planen und investieren können. Wenn die Banken verstaatlicht werden, dann aber richtig und konsequent, wobei die Profite zurück an das Volk fließen müssen, zusammen mit den Verlusten und Risiken. Noch besser wäre aber die Verstaatlichung der Federal Reserve, damit sie direkt »die volle Würdigung und Anerkennung (credit) der Vereinigten Staaten« zur Geltung bringen kann, ohne diesen Kredit mit Bundesschulden in Höhe von mehreren Billionen Dollar abdecken zu müssen, die niemals zurückgezahlt werden, sondern immer weiter wachsen. In der Tat wäre es weniger inflationär für eine Regierung, die Dollarnoten direkt zu drucken, als Staatsanleihen zu drucken, die dann gegen die Dollars ausgetauscht werden, die auf den Druckmaschinen einer privaten Zentralbank produziert werden; denn im letzteren Fall bleiben beide, die Anleihen und die Dollarnoten, in Zirkulation. US-Staatsanleihen dienen nicht nur auf der ganzen Welt als Geld, sondern sie fungieren auch als »Reserven« für Banken, die damit Kredite schöpfen, die ein Vielfaches dieses Reserve-Wertes darstellen. Diese Anleihen werden niemals zurückgezahlt, sondern werden von Jahr zu Jahr immer wieder verlängert. Dabei wird die Geldmenge genauso aufgebläht, wie durch das direkte Drucken von Dollarnoten – doch die Anleihen tragen noch die zusätzliche Last ewiger Schulden- und Zinszahlungen.

Die teuren Rettungsoperationen für die Banken und die unverhohlenen Marktmanipulationen von heute werden dadurch gerechtfertigt, dass sie ein privates Bankensystem retten müssen, das wir angeblich unbedingt brauchen, um die Kredite erhalten zu können, die unsere Volkswirtschaft am Laufen halten. Doch tatsächlich brauchen wir die Privatbanken nicht, um Kredite zu bekommen. Viele Wissenschaftler haben bestätigt, dass die Banken entgegen der weitverbreiteten Ansicht nicht ihr eigenes Geld oder das ihrer Einleger verleihen. Jeder Dollar, den eine Bank verleiht, wurde auf dem Computerbildschirm einfach aus der Luft erzeugt. Er ist eben nur »Kredit«. Die Bank »monetisiert« das Versprechen des Kreditnehmers, diesen Betrag zurückzuzahlen. Auf die gleiche Art und Weise könnte die Regierung ihren eigenen Kredit herausgeben. Dafür gibt es eine ganze Reihe erfolgreicher Präzedenzfälle in der Geschichte, darunter auch die öffentlich-rechtlichen Zentralbanken von Australien und Neuseeland, die diese Länder vor den katastrophalen Auswirkungen der Großen Depression der 1930er-Jahre bewahrt haben; oder die öffentlich-rechtliche Bank der Provinz Pennsylvania, welche die Provinzregierung von Pennsylvania in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts finanziert hat, ohne Steuern erheben oder Schulden aufnehmen zu müssen. (Siehe Ellen Brown: »How Banks Secretly Create Money«, www.webofdebt.com/articles, 3. Juli 2007; sowie: »It’s the Derivatives, Stupid!«, Ebenda, 18. September 2008.)

Die bankrotten Banken von heute haben ihr eigenes schwarzes Loch gegraben, als sie ihre Bücher mit lukrativen, aber hochriskanten Derivat-Wetten gefüllt haben, die sie nun heimsuchen. Anstatt zu versuchen, die Bilanzen dieser Banken dadurch in Ordnung zu bringen, indem man das Geld der Steuerzahler in dieses ohnehin nicht zu füllende schwarze Loch wirft, wäre es für uns alle viel besser, wenn man diese Banken bankrottgehen ließe, wie Präsident Reagan es in den 1980er-Jahren mit den US-Sparkassen gemacht hat. In einem solchen Fall könnten die faulen Kredite bzw. Schulden dieser Banken im Zuge eines ordentlichen Bankrottverfahrens abgeschrieben werden; ihre Vermögenswerte könnten – mit neuen, makellosen Bilanzen bzw. Büchern versehen – von einem öffentlichen Kreditsystem aufgefangen werden, das den Interessen der Menschen dient und auch die Gewinne wieder  an das Volk zurückfließen lässt.

 

Was soll also jetzt ein Investor tun?

Das lässt aber noch die Frage offen, wie man sich angesichts der heutigen unberechenbaren Märkte verhalten sollte. Am Freitag vor der schweißtreibenden Achterbahn des 24. Oktober wurden die Investoren ermuntert, wieder am Markt einzusteigen. Vollmundig kündigten die Experten die beste Marktwoche seit fünfeinhalb Jahren an, nachdem der Dow von seinem Tiefpunkt von 7.774 Punkten am 10. Oktober auf das Hoch von 9.924 Punkten am 14. Oktober geklettert war. Doch dann schloss die New Yorker Börse in dieser Woche unter 9.000 Punkten, und eine Woche später war der Markt nach dem größten Absturz seit der Großen Depression unter 8.000 Punkte gefallen – am 3. Oktober waren es noch 10.845 Punkte gewesen. Am 24. Oktober dümpelte der Dow wieder bei fast 8.000 Punkten.

»Offen gestanden habe ich die Schnauze jetzt voll«, sagte die CNBC-Marktexpertin Erin Burnett am 23. Oktober, als sie die wilden Schwankungen des Dow analysierte. »Rauf und runter, rauf und runter. Das alles ergibt offenbar überhaupt keinen Sinn, und es gibt auch keinerlei Zusammenhänge.«

Aus reiner Sturheit halte ich an meinen Gold- und Silberpapieren fest; doch andere gebeutelte Investoren könnten sich durchaus entschließen, aus einem Aktienmarkt auszusteigen, der immer mehr einem manipulierten und riskanten Spielcasino in Las Vegas ähnelt, und legen ihr Geld irgendwo anders an. Wie ein Fernsehmoderator kürzlich spottete: »Ich habe voll diversifiziert. Etwas Geld habe ich unter meiner Matratze, etwas unter den Fußbodendielen und etwas draußen im Hof versteckt.«

 

________________

1 Sean Brodrick, »Yes, We Have No Silver«, Money and Markets, 22. Oktober 2008.

2 Bill Murphy, »Is Martial Law in America Right Around the Corner?«, Le Metropole Café, Oktober 2008.

3 Don Coxe, Weekly Webcast, 5. September 2008.

4 John Heinzl, »From the Coxe Files: The Real Reason Commodities Are Tumbling«, Globe and Mail, 10. September 2008.

5 Timothy Homan, »U.S., Europe, Japan Devised Plan to Prop Up Dollar, Nikkei Says«, Bloomberg, 27. August 2008.

6 Bill Murphy, »Midas«, Le Metropole Café, 21. Oktober 2008.

7 Theodore Butler, »Fact Versus Speculation«, Silver Seek, 2. September 2008 (Hervorhebung hinzugefügt).

8 Rob Kirby, »The Stars Are Aligning – But for What?«, Le Metropole Café, 9. September 2008.

9 Executive Order 12631 vom 18. März 1988; 53 FR, 3 CFR, 1988 Comp., S. 559.

10 Nouriel Roubini, »Comrades Bush, Paulson and Bernanke Welcome You to the USSRA (United Socialist State Republic of America)«, Global EconoMonitor, 9. September 2008.

11 »US Is ›More Communist than China‹: Jim Rogers«, CNBC, 8. September 2008.

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