Monday, 21. May 2012
30.09.2008
 

Finanzieller »Bailout«: Nein Danke. Was Lincoln zu Paulsons Lösegeld in Höhe von 700 Mrd. Dollar gesagt hätte

Ellen Brown

Noch im Juli hatte US-Finanzminister Henry Paulson im Zusammenhang mit seinen massiven Bürgschaften für die Hypothekenfinanzierer »Fannie Mae« und »Freddie Mac« erklärt: »Wenn Sie eine Panzerfaust im Tornister haben und die Leute wissen das, dann müssen Sie die Waffe wahrscheinlich nicht benutzen.« Am 7. September brachte Paulson seine Panzerfaust in Stellung und drückte ab, d.h. er verstaatlichte effektiv die beiden Hypothekenriesen. In der letzten Woche holte Paulson erneut seine Panzerfaust hervor und setzte sie dem Kongress an die Schläfe. »700 Milliarden Dollar oder Euer Kreditsystem kollabiert!« 700 Milliarden Dollar – das ist mehr als die Summe, die die USA jährlich für Sozialleistungen ausgeben. Und warum müssen die US-Bürger das Lösegeld bezahlen? Um Bankiers mit einem »Bailout۫« aus der Patsche zu helfen, in die sich selbst durch ihre wahnsinnigen Spekulationen in einem riesigen »Ponzi-Schema« von Finanzderivaten hineingeritten haben, das jetzt implodiert. Aber die Politiker belohnen die Schuldigen in dieser Sache auch noch – und zwar auf Kosten der Steuerzahler – mit dem Argument, »wir müssen das tun, um das Bankensystem zu retten«.

»Diese Kapitalisten wirken im Allgemeinen harmonisch und konzertiert zusammen, wenn es darum geht, die Menschen zu schröpfen; doch jetzt, wo sie untereinander in Streit geraten sind, werden wir aufgefordert, ihren Streit mit dem Geld unserer Landsleute beizulegen.«

Abraham Lincoln vor dem Landtag in Illinois, Januar 1837

 

Abraham Lincoln war zu Beginn seiner Präsidentschaft im Jahre 1861 in einer ähnlichen Lage. Das Land befand sich plötzlich in einem Bürgerkrieg und es gab nicht genug Geld, um diesen Krieg zu finanzieren. Die britischen Bankiers hatten angeboten, ihm Geld zu leihen, aber – in dem Bewusstsein, dass sie ihn buchstäblich vor der Flinte hatten – nur zu einem Zinssatz von 24 bis 36 Prozent; und diese hohen Wucherzinsen hätten die Nordstaaten in den Bankrott getrieben. Unser Vorvater war kein Angsthase und sagte ihnen: »Nein Danke, ich werde mein eigenes Geld drucken.« Die nationale Währung zu schöpfen und in Umlauf zu bringen, ist das souveräne Recht von Regierungen. Eine Regierung hat es nicht nötig, sich ihre nationale Währung von Bankiers zu borgen, »die nur vorgeben, Geld zu besitzen«. So hatte es Thomas Jefferson formuliert, als er erkannte, dass die Bankiers mit ihrem »Mindestreserve«-Kreditsystem lediglich dieselben »Reserven« immer und immer wieder verliehen.

Die von der US-Bundesregierung unter Lincoln in Umlauf gebrachten Dollarscheine hießen US-Noten oder (wegen ihrer grün bedruckten Rückseite) »Greenbacks«. Mit ihrer Hilfe gelang es den Nordstaaten, nicht nur den Bürgerkrieg zu gewinnen, sondern auch zu dem größten Industriegiganten aufsteigen, den die Welt jemals gesehen hatte. Lincolns Regierung baute in den USA eine Stahlindustrie und ein kontinentales Eisenbahnsystem auf, revolutionierte die Landwirtschaft durch die Förderung des Einsatzes neuer Maschinen und preisgünstiger Werkzeuge, schuf ein System der höheren Bildung, unterstützte mit Regierungsgeldern alle Zweige der Wissenschaft, organisierte eine Bergbaubehörde und erhöhte die Arbeitsproduktivität um 50 bis 75 Prozent. Zwar waren die »Greenbacks« nicht die einzige Währung, mit denen all diese Maßnahmen finanziert wurden, aber ohne diese Dollarnoten hätte es diese Errungenschaften nie gegeben; und vor allen Dingen hätte es sie nie gegeben mit Geldern, die sich die Regierung zu 30 Prozent Zinsen hätte leihen müssen.

Es gibt weitere historische Beispiele. In den 1930er-Jahren hatten Australien und Neuseeland die in anderen Ländern wütende Depression vermieden, indem ihre Regierungen Kredite in Anspruch nahmen, die von öffentlich-rechtlichen Zentralbanken bereitgestellt wurden. Die Regierungen der Kanalinseln Guernsey und Jersey bringen bereits seit 200 Jahren ihr eigenes Geld in Umlauf und haben damit blühende Volkswirtschaften geschaffen, ohne einen Schuldenberg aufzuhäufen.

In keinem dieser Fälle hat das von der Regierung geschöpfte Geld zu einer gefährlichen Preisinflation geführt. Zu einer Inflation der Preise kommt es entweder, wenn die Geldmenge wächst, das Warenangebot aber nicht, oder wenn Spekulanten Währungen durch massive Baisse-Spekulationen gezielt in den Keller treiben, wie bei den Fällen von Hyperinflation in Lateinamerika, als mit dem frisch gedruckten Geld die Auslandsschulden bezahlt wurden. Wenn aber das geschöpfte Geld eingesetzt wird, um neue Güter und Dienstleistungen her- bzw. bereitzustellen, dann kommt es nicht zur Preisinflation, denn Angebot und Nachfrage steigen gemeinsam. Allerdings sind im Laufe des amerikanischen Bürgerkriegs die Preise gestiegen, aber das hing damit zusammen, dass – wie in Kriegszeiten üblich – die Güter knapp waren. Denn der Krieg führt zur Produktion von Waffen, und nicht von Konsumgütern.

Heute wird in den meisten Ländern das Geld privat von Banken geschöpft, und zwar wenn diese Kredite vergeben; doch die Banken erzeugen nur das Kapital, nicht aber die Zinsen, die für die Rückzahlung der Kredite benötigt werden. Damit das Geld zur Zahlung dieser Zinsen entsteht, muss man es sich leihen, was dazu führt, dass die Geldmenge kontinuierlich ansteigt – in einem »Ponzi«-Schema, das jetzt an seine mathematischen Grenzen stößt. Der letzte verzweifelte Vorschlag, um dieses kollabierende Schema noch einmal zu stützen, ist der, 700 Milliarden Dollar Steuergelder an Henry Paulson, den Ex-Chef von Goldman Sachs, zu übergeben, damit er den Banken Derivatpapiere abkaufen kann, die auf dem freien Markt unverkäuflich sind; damit würde der Verlust, den die Banken mit diesen zwielichtigen Papieren gemacht haben, Amerikas Steuerzahlern aufgebürdet. 700 Milliarden Dollar sind aber nur die Eröffnungsbilanz; die Verluste der implodierenden Derivatpyramide könnten aber in die Billionen gehen. Und woher sollen diese Gelder kommen? Ohne jeden Zweifel muss dies Geld seine Existenz vom Bankensystem erhalten, also von ihm geborgt werden. »Wir, das Volk« werden dann in der paradoxen Lage sein, Zinsen auf Schulden an die Banken zahlen zu müssen, um den Banken aus der Patsche zu helfen! Müssten dagegen nicht die Banken mindestens die Zinsen auf die 700 Milliarden Dollar an uns zahlen?

Anstatt ein ohnehin unhaltbares System mit Steuergeldern noch weiter aufzupäppeln, wäre es jetzt an der Zeit, das ganze Kartenhaus der privaten Geldschöpfung kollabieren zu lassen und durch ein besseres System zu ersetzen. Banken, die auf einem nicht regulierten Markt floriert haben, sollten auf eben diesem Markt ihrem Schicksal überlassen bleiben. Wenn sie bankrott gehen, dann können sie – wie kürzlich die Versicherungsgruppe AIG – gegen entsprechende Beteiligungen an den Banken unter Zwangsverwaltung gestellt und reorganisiert werden. Die US-Regierung wäre dann Eigentümerin einer ganzen Reihe von Banken und könnte über sie direkt die »volle Würdigung und Anerkennung (credit) der Vereinigten Staaten« zur Geltung bringen und – wie damals Lincoln – den USA wieder den Weg zu Produktivität und Wohlstand bahnen.

Was das ganze Chaos der Finanzderivate angeht, so mag es einige Derivate geben, die am Markt nützliche Funktionen ausüben, aber der Löwenanteil dieser Papiere sollte als eine illegale Form von Wetten erklärt und ungültig gemacht werden. Keine Wettpartei bliebe der anderen dabei etwas schuldig, denn die Wetten neutralisierten sich untereinander. Natürlich würden die windigen Papiere, die von Schwindel-Derivatversicherungen zu erstklassigen »AAA«-Investments hochgestuft wurden, diesen Status wieder verlieren; aber sie sind ja auch gar keine erstklassigen Investments, und die Pensionsfonds, die diese Papiere jetzt halten, müssten sie sofort abstoßen. Die Abstufungen bzw. Abschreibungen könnten natürlich in die Bilanzen einiger Banken dicke Löcher reißen, aber das ist das Risiko des freien Marktes. Wenn diese Banken bankrott gehen und »Wir, das Volk« ihnen aus der Patsche helfen müssen, dann sollten wir das nur für eine angemessene Gegenleistung tun – für ein quid pro quo in Form ihrer Aktien. Wie Lincoln sollten wir zu Paulsons 700 Milliarden Dollar-Lösegeld sagen: »Nein Danke«.

 

 

Ellen Brown entwickelte ihr Forschertalent als praktizierende Anwältin für Zivilrecht in Los Angeles. In ihrem neuesten Buch Der Dollar-Crash hat sie ihre Fähigkeiten und Erfahrung auf die Untersuchung der US-Zentralbank Federal Reserve und des »Geldkartells« angewandt. Sie zeigt, wie dieses private Kartell dem amerikanischen Volk die Macht der Geldschöpfung aus der Hand gerissen hat und wie »Wir, das Volk« sie wieder zurückerobern können. Ellen Brown ist erfolgreiche Autorin von insgesamt elf Büchern, darunter der Bestseller Nature’s Pharmacy (zu deutsch: Die Apotheke der Natur), das sie zusammen mit Dr. Lynne Walker verfasst hat, und Forbidden Medicine (zu deutsch: Verbotene Medizin). Siehe auch ihre Internetseiten www.webofdebt.com und www.ellenbrown.com.

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