Tuesday, 30. August 2016
16.05.2008
 
 

Stürzte »Bear Stearns« oder wurde sie gestürzt? Wie der Insiderhandel »JP Morgan« rettete und die Steuerzahler ausplünderte

System

Der erste Insiderhandel der Geschichte fand 1815 statt, als der Londoner Finanzier Nathan Rothschild die britischen Investoren glauben machte, der Herzog von Wellington habe die Schlacht von Waterloo gegen Napoleon verloren. Innerhalb weniger Stunden stürzten die Preise für britische Staatsanleihen ab …

Rothschild, der vorher über den wahren Sachverlauf informiert war, kaufte dann schnell den gesamten Markt von Staatsanleihen auf und erwarb zu einem Spottpreis einen Löwenanteil von Englands Schulden. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde N.M. Rothschild zur größten Bank der Welt, und schließlich kontrollierten die fünf Brüder den größten Teil des europäischen Auslandskreditgeschäfts. »Gebt mir die Möglichkeit, das Geld einer Nation in Umlauf zu bringen und zu kontrollieren«, prahlte Nathan Rothschild 1838, »dann ist es mir egal, wer die Gesetze schreibt«.

In den Vereinigten Staaten nutzte ein Jahrhundert später John Pierpont Morgan wieder Gerüchte und Anspielungen, um eine Panik zu erzeugen, die den Gang der Geschichte verändern sollte. Die Panik von 1907 wurde von Gerüchten ausgelöst, dass zwei große Banken vor dem Bankrott stünden. Später gab es Beweise, dass das Haus Morgan die Quelle dieser Gerüchte war. Die Öffentlichkeit, die diesen Gerüchten Glauben schenkte, sorgte mit einem Sturm auf die Banken dafür, dass sie sich tatsächlich bewahrheiteten. Morgan schritt dann großmütig ein und importierte – zur Vermeidung einer Panik – 100 Millionen $ in Gold aus Europa. Das überzeugte die Öffentlichkeit von dem Argument, Amerika brauche ein Zentralbanksystem, um in der Zukunft derartige Fälle von Panik zu verhindern. Mit diesem öffentlichen Druck wurde dann der starke Widerstand im US-Kongress gebrochen, der zuvor jedes Gesetz verhindert hatte, demzufolge das nationale Geld von einer privaten Zentralbank in Umlauf gebracht werden konnte, die von der Wall Street kontrolliert wurde. 1913 wurde das entsprechende Gesetz, der »Federal Reserve Act«, verabschiedet. Zwar hatte Morgan die Voraussetzungen für die Verabschiedung dieses Gesetzes geschaffen, aber es war Paul Warburg, der es anschließend durchdrückte. Warburg, ein deutscher Einwanderer, war Partner von Kuhn, Loeb & Co., dem wichtigsten amerikanischen Bankunternehmen der Rothschilds seit dem Bürgerkrieg. Elisha Garrison vom Bankhaus Brown Brothers schrieb 1931 in dem Buch Roosevelt, Wilson and the Federal Reserve Law (zu deutsch: Roosevelt, Wilson und das Federal-Reserve-Gesetz): »Paul Warburg ist der Mann, der das Federal-Reserve-Gesetz durchsetzte, nachdem es gegen den Aldrich-Plan im ganzen Land starken Widerstand gegeben hatte. Der Kopf hinter beiden Plänen war Baron Alfred Rothschild aus London.« Auch Morgan gilt aus heutiger Sicht als Vertreter Rothschilds in den Vereinigten Staaten.

Robert Owens, Mitverfasser des Federal-Reserve-Gesetzes, sagte später vor dem Kongress aus, die Bankenindustrie habe ein Komplott geschmiedet und eine Reihe von Finanzpaniken erzeugt, damit die aufgebrachte Öffentlichkeit »Reformen« verlangte, die den Interessen der Finanziers nutzten. Ein Jahrhundert später hat JP Morgan Chase & Co. (jetzt eines der beiden größten Bankhäuser der Vereinigten Staaten) möglicherweise wieder denselben Trick probiert und damit wieder einmal den Gang der Geschichte verändert. Martin Wolf schrieb in der Financial Times: »Vergessen Sie Freitag, den 14. März 2008 nicht; an diesem Tag endete der Traum vom globalen Freimarktkapitalismus.«

Die Gerüchte, die zum Sturz von Bear Stearns führten

Fusionen, Aufkäufe und fremdfinanzierte Übernahmen von Unternehmen sind der Modus Operandi seit der Zeit, als John Pierpont Morgan 1901 Carnegies Stahlwalzwerk übernahm, um U.S. Steel zu gründen. Es heißt, der ältere Morgan habe den Konkurrenzkampf, das Markenzeichen des »Freimarktkapitalismus«, gehasst. Er konkurrierte nicht mit anderen Unternehmen, er kaufte sie; und zwar mit dem Geld, das seine eigene Bank geschöpft hatte. Dabei benutzte er das von den Rothschild-Bankiers perfektionierte fremdfinanzierte Modell, das als »Mindestreserve«-System bekannt ist. Am 16. März 2008 gipfelte JP Morgans lange Tradition von Geschäftsübernahmen in der Übernahme von seinem Hauptrivalen unter den Investmentbanken, Bear Stearns, wobei die Federal Reserve einen Kredit von über 55 Milliarden Dollar zur Verfügung stellte. Die Fed trägt zwar den irreführenden Namen »Federal«, doch die US-Zentralbank ist keine »Bundesbehörde«, sondern gehört einem privaten Bankenkonsortium und wurde eigens geschaffen, um deren Interessen zu schützen. Dem geheimen Kauf von Bear Stearns – noch dazu an einem Wochenende – mit einem Kredit der Federal Reserve war ein Ansturm auf die Bear-Stearns-Aktien vorausgegangen, der angeblich von Gerüchten über die Insolvenz des Unternehmens ausgelöst wurde. Ein Artikel in The Wall Street Journal vom 15. März 2008 erklärte JP Morgan zum »Retter“ von Bear Stearns:

»Die Rolle des Retters gehört seit Langem zur Geschichte von J.P. Morgan. In der sogenannten ›Panik von 1907‹ half ein bereits sich halb im Ruhestand befindlicher J. Pierpont Morgan, eine nationale Finanzkrise abzuwenden, als er mehrere Banken stützte, die einen Sturm auf ihre Einlagen erlebt hatten.«

Das war eine mögliche Interpretation der Tatsachen, aber ein späterer Abschnitt kommt der Wahrheit wohl schon näher:

»J.P. Morgan ist immer auf der Jagd nach Übernahmen. … Bears Vermögenswerte waren vielleicht zu gut und zu billig, um sie abzulehnen.«

Der »Retter« war weniger JP Morgan, es war vielmehr die Federal Reserve, die »Bank der Bankiers«, die J. Pierpont Morgan seinerzeit gegründet hatte, um einen Sturm auf die Banken abzuwenden. Auch die »gerettete« Partei war eigentlich nicht die Firma Bear Stearns, die bei lebendigem Leibe gefressen wurde. Die Federal Reserve (oder Fed) verlieh 25 Milliarden $ an Bear Stearns und weitere 30 Milliarden $ an JP Morgan, insgesamt also 55 Milliarden $, die allesamt ihren Weg in die Kassen von JP Morgan fanden. Für JP Morgan war es ein sehr gutes Geschäft, aber es war sehr unvorteilhaft für die Aktionäre von Bear, die zusehen mussten, wie der Wert ihrer Aktien von 156 $ pro Stück auf 2 $ abstürzte. Dreißig Prozent der Aktien des Unternehmens waren in der Hand von seinen Angestellten, ein weiterer großer Teil in der Hand des Pensionsfonds der Lehrer und anderer Angestellten des Öffentlichen Dienstes. Der Aktienpreis wurde später auf 10 $ pro Stück angehoben, nachdem Aktionäre protestiert und mit Gerichtsverfahren gedroht hatten, aber es war noch immer eine äußerst »feindliche« Übernahme, bei der die Aktionäre kein Stimmrecht hatten.

Der Abschluss war auch sehr schlecht für die amerikanischen Steuerzahler, die schließlich für den Kredit aufkommen müssen. Denn die Fed ist zwar in Privatbesitz, doch das Geld, das sie verleiht, ist das Geld der Steuerzahler; und die Steuerzahler tragen daher das Risiko, wenn der Kredit nicht zurückgezahlt wird. Der Kredit für die Übernahme wurde von den Aktiva des Hauses Bear Stearns abgesichert, die auf 55 Milliarden $ geschätzt wurden. Von dieser Summe waren 29 Milliarden $  für JP Morgan regresslos, d.h. falls die angegebenen Aktiva bzw. Vermögenswerte weniger wert waren als angegeben, konnte sich die Fed zum Ausgleich nicht bei JP Morgan schadlos halten. Im besten Fall könnte die Fed ihr Geld mit Zinsen zurückbekommen, im schlimmsten Fall könnte sie zwischen 25 und 40 Milliarden $ verlieren. Mit anderen Worten: JP Morgan bekam das Geld (55 Milliarden $) und die Steuerzahler das Risiko (bis zu 40 Milliarden $), ein Trick, der Privatisierung des Profits bei gleichzeitiger Vergesellschaftung des Risikos genannt wird. Warum gab die Fed den Kredit über 55 Milliarden $ nicht gleich an Bear Stearns? Die Bank wäre gerettet worden und sowohl die Fed als auch die Steuerzahler hätten sich viel besser gestanden, denn man hätte von Bear Stearns verlangen können, für den Kredit in voller Höhe zu bürgen.

 

Höchst suspekte Verkaufsoptionen (»out-of-the-money puts«)

Das war eine der vielen Fragen, die John Olagues, eine Autorität in Aktienoptionsfragen, am 23. März in einem Artikel mit der kühnen Überschrift »Übernahme von Bear Stearns … 100% Betrug« stellte. Olagues behauptet, der Absturz von Bear Stearns sei künstlich herbeigeführt worden, um JP Morgan 55 Milliarden $ an Steuergeldern zu verschaffen, damit das Haus Morgan die eigene Insolvenz verbergen und den Rivalen Bear Stearns übernehmen konnte. Gleichzeitig ermöglichte man damit Insidern, große »Baisse«-Positionen bei Bear-Stearns-Aktien zu übernehmen und massive Gewinne zu machen. Zum Beweis verweist Olagues auf eine Reihe höchst verdächtiger Ereignisse, die wir hier darlegen. Zuvor aber noch einige Definitionen für alle, die mit Aktienoptionen nicht vertraut sind:

Ein Put ist eine Option, eine Aktie zu einem zuvor vereinbarten Preis zu verkaufen, der als Basispreis (strike price oder exercise price) bezeichnet wird und der jederzeit bis zu einem vereinbarten Termin gilt. Die Option wird dann auf Basis des aktuellen Aktienpreises bewertet und gekauft, in der Annahme, die Aktie werde an Wert verlieren. Fällt die Aktie bis zum festgelegten unter den Basispreis, ist die Option »im Geld« und der Händler hat einen Profit gemacht. Hier ist der Beweis:

Am 10. März 2008 fielen die Aktien von Bear Stearns auf 70 $ pro Stück – ein Tiefstand, den die Aktie aber nicht zum ersten Mal in 2008 erreichte, denn sie war bereits acht Wochen vorher zu diesem Preis gehandelt worden. An diesem 10. März 2008, oder wenige Tage davor, ergingen Anfragen an die Optionsbörsen, eine neue Serie von »April puts« (Verkaufsoptionen im April) zu eröffnen, und zwar mit Basispreisen von 20 $ und 22,5 $ sowie eine neue März-Serie mit einem Basispreis von 25 Dollar. Bei der März-Serie waren es nur noch acht Tage bis zum Ablauf der Frist, was bedeutete, dass die Aktien in nur acht Tagen um unwahrscheinliche 45 $ pro Stück sinken mussten, damit die Put-Käufer punkten konnten. Es war eine hochriskanke Wette, es sei denn, die Käufer wussten etwas, das der Markt nicht wusste. Offensichtlich waren sie dieser Ansicht, denn als die Serie am 11. März 2008 eröffnet wurde, wurden riesige Put-Volumina mit vielen Millionen Aktien gekauft.

Am 13. März 2008, oder kurz davor, ergingen weitere Anfragen an die Optionsbörsen, eine zusätzliche Put-Serie mit sehr niedrigen Basispreisen für März und April zu eröffnen, obwohl die März-Optionen bereits in fünf Handelstagen fällig waren. Wiederum kamen die Börsen den Anfragen nach und es wurden massive Put-Volumina gekauft. Olagues behauptet, es gebe nur eine plausible Erklärung dafür, dass »einer, der seine fünf Sinne beisammen hat, Puts mit nur noch fünf Tagen Laufzeit und Basispreisen weit unter Marktpreis kauft«: der Deal muss entweder am 10. März oder bereits vorher abgeschlossen worden sein.

Diese Tatsachen standen in krassem Gegensatz zu der Geschichte von offiziellen Vertretern, die am 4. April bei einer Anhörung im US-Kongress aussagten. Alle Zeugen waren sich einig, dass falsche Gerüchte das Vertrauen in Bear Stearns erschüttert hatten, was das Unternehmen in den Bankrott trieb, obwohl es nur wenige Tage zuvor noch ausreichend liquide war. Am 10. März 2008 hatte Reuters Quellen von Bear Stearns zitiert, die erklärten, es habe keine Liquiditätskrise gegeben und Spekulationen über Liquiditätsprobleme entbehrten jeder Grundlage. Am 11. März hatte der Vorsitzende der Börsenaufsicht (SEC) seine Zuversicht über das »Finanzpolster« von Bear Stearns ausgedrückt. Selbst der »verrückte« Fernseh-Investment-Guru Jim Cramer verbreitete, es sei alles in Ordnung, die Zuschauer sollten durchhalten. Auch am 12. März wurde offiziell weiterhin allgemeine Zuversicht erklärt. Olagues dazu:

»Die Tatsache, dass die Anfragen am 10. März oder schon früher zur Eröffnung dieser neuen Serien gestellt und positiv beschieden wurden ist zusammen mit den nachfolgenden massiven offenen Positionen bei diesen neu eröffneten Serien ein schlüssiger Beweis dafür, dass Einige im Voraus über den Zusammenbruch Bescheid wussten … Es gab dabei keine plötzliche Entwicklung am 13. oder 14. [März], welche die Dinge auf so dramatische Weise veränderte, dass ihnen [Bear Stearns] ein sofort durch eine riesige Finanzspritze (bailout) geholfen werden musste. Der Kollaps wurde erwartet und man war vorbereitet …«

»Anscheinend wird behauptet, einige Kreise wären in der Lage, falsche Gerüchte über die Liquidität von Bear Stearns und anderen Banken in Umlauf zu bringen, was dann zu einem ›Sturm auf die Bank‹ führt. Diese Gerüchteköche konnten angeblich Unternehmen wie Goldman Sachs dazu bewegen, ihre Geschäfte mit Bear Stearns auszusetzen, obwohl Goldman und andere glaubten, die Bilanzen von Bear Stearns wären in Ordnung … Die Vorstellung, Gerüchte hätten einen ›Sturm auf die Bank‹ ausgelöst, ist 100% lächerlich. Vielleicht ist das der Grund, warum jeder einzelne Zeuge so vorsichtig und zögerlich war und bei seinen Antworten so angespannt wirkte …«

»Um einen Fall illegalen Insiderhandels zu beweisen, bräuchte die Fed lediglich denen, die in der Woche vor dem 17. März 2008 und in der Vorwoche Put-Optionen auf Bear Stearns gekauft oder mit Aktien auf Baisse spekuliert haben, ein paar Fragen zu stellen. Alle Unterlagen sind leicht zugänglich. Wenn diese Personen Put-Optionen gekauft, oder mit Aktien auf Baisse spekuliert haben, dann fragen sie die doch einfach, warum sie das getan haben.«

 

Zunehmende Verdachtsmomente

Andere Kommentatoren verweisen auf andere Fragen, die Ermittler prüfen könnten. Chris Cook, ein britischer Berater und ehemaliger Compliance-Direktor (Prüfer) für die Internationale Petroleumbörse in London, schrieb am 24. April in einem Blog:

»Ich war selbst früher Regulierungsbeamter und ich würde alle diese Geschäfte genauestens durchkämmen … Eine Frage, die sich mir stellt: Wer hat eigentlich diese Put-Optionen verkauft? Und warum gibt es kein Geschrei über die Verluste? Wo ist Spitzer, wenn man ihn braucht?«

Rob Kirby schloss sich in einem Artikel vom 23. April in LeMetropoleCafe.com der Ansicht von Olaguest an, nicht Bear Stearns, sondern JP Morgan sei bankrott und müsse mit massiven Krediten der Federal Reserve »rekapitalisiert« werden. Kirby verwies auf die riesigen Verluste aus Derivatgeschäften (Wetten auf den zukünftigen Preis von Anlagen) in den Büchern von JP Morgan:

»… J.P. Morgans Derivatbuch ist zwei bis drei Mal so dick wie das von Citibank – und diese Derivate bescherten der Citibank Verluste von über 30 Milliarden Dollar … Also sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass JP Morgan wohl etwas mehr als »knietief« in demselben Morast steckte wie die Citibank; aber wie bringt man dem Markt bei, dass eine Bank – irgendeine Bank – in der Größenordnung von 50 bis 80 Milliarden $ rekapitalisiert werden muss?«

Kirby schrieb am 30. April in einem Artikel:

Nach Angaben der NYSE (New Yorker Börse) sind nur 240 Millionen Aktien von Bear in Umlauf. … [Und doch] wurden allein am 14. März 188 Millionen Bear-Aktien gehandelt? Kommt Ihnen das nicht komisch vor? … Welcher Prozentanteil des Unternehmens gehörte Insidern, die ihre Anteile kategorisch nicht verkauften? … Angestellte von Bear Stearns hielten 30 Prozent der Aktien des Unternehmens. … 30% von 240 Millionen sind 72 Millionen. Zieht man 72 von 240 ab, dann bleiben etwa 170 Millionen. Glauben Sie nicht, die Annahme sei ein bisschen weit hergeholt, dass am 14. März mehr als 186 Millionen reale Aktien gehandelt worden sind? Oder glauben Sie, einfache Angestellte von Bear Stearns, die sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen, hätten an dem Freitag, bevor ihre Firma kollabierte, ihre Aktien zum Verkauf angepriesen, weil sie wussten, dass ihre Firma erledigt war? Aber das wäre doch Insiderhandel – oder?  Überhaupt kein Wunder, dass die SEC J.P. Morgans ›Rettungsaktion‹ für Bear Stearns nicht untersuchen will …«

Wenn keine realen Aktien gehandelt wurde, dann muss jemand mit »nackten« Baisseverkäufen am Werk gewesen sein – d.h. Aktien verkaufen, ohne vorher diese Anteile zu borgen oder sicherzustellen, dass diese Anteile geborgt werden können. Bei einer Baissespekulation, einer von Investoren benutzte Technik, wenn sie vom fallenden Preis einer Aktie profitieren wollen, wird eine Aktie von einem Makler geborgt und anschließend verkauft, in der Annahme, dass diese Aktie später zurückgekauft und an den Makler zurückgegeben werden muss. Nackte Leerverkäufe sind normalerweise verboten, aber im Interesse »liquider Märkte« gibt es ein scheunentorgroßes Schlupfloch für »Marktmacher« (die Leute, die Käufer und Verkäufer zusammenbringen, den Preis festlegen und den Handel durchziehen). Selbst Marktmacher sollten aber innerhalb von drei Tagen ihre Positionen ausgleichen und tatsächlich die Aktie präsentieren; woher aber sollten sie genügend Bear-Stearns-Aktien bekommen haben, um 75 Prozent der ausstehenden Aktien des Unternehmens auszugleichen? Auf jeden Fall sind Leerverkäufe dann verboten, wenn die Absicht besteht, den Preis einer Aktie zu drücken; und genau das war hier das Ergebnis.«

Am 10. Mai 2008 schrieb Jim Puplava in einem wöchentlichen Marktkommentar für FinancialSense.com, nackte Leerverkäufe seien inzwischen so verbreitet, dass die Zahl der »auf Baisse« verkauften Aktien die Zahl der tatsächlich von dem betreffenden Unternehmen ausgegebenen Aktien bei weitem übertreffe. Und doch drücken Regulationsbehörden ein Auge zu, vielleicht deshalb, weil die Lage inzwischen so stark außer Kontrolle geraten ist, dass sie ohne erhebliche Aktienturbulenzen nicht mehr korrigiert werden kann. Puplava schrieb, nackte Leerverkäufe seien gleichbedeutend mit dem Fälschen von Aktien und hätten epidemische Ausmaße angenommen, seit im letzten Sommer die »Uptick Rule« (Richtlinie über »Höhernotierungen«) gekippt worden sei, um den am Boden liegenden Hedge-Fonds zu helfen. Die Uptick Rule erlaubte Leerverkäufe nur bei steigenden Aktienpreisen; dadurch wurde eine Kettenreaktion von Leerverkäufen verhindert, welche die Aktienpreise viel tiefer gedrückt hätte. Aber diese Manipulationsbremse wurde von der Börsenaufsicht (SEC) aufgehoben, was den Markt in ein unreguliertes Chaos stürzte.

Auch Eliot Spitzer wurde gestürzt, und wahrscheinlich hatte das ähnliche finanzielle Hintergründe. Greg Palast meinte in einem Artikel vom 14. März, bei der »Sünde« des ehemaligen Gouverneurs von New York sei es wohl um etwas Schlimmeres gegangen, als um Prostitution. Spitzer beging den »Fehler« zu verhindern, dass die Fed den Banken einen Riesenprofit (»windfall«) in Höhe von 200 Milliarden $ zuschustern konnte, mit dem die hypothekengestützten Ramschanleihen derselben Räuber aus der Bankenwelt abgesichert werden sollten, die für das Debakel der zweitklassigen (»sub-prime«) Hypotheken verantwortlich waren. Während die Federal Reserve versuchte, den Banken aus der Patsche zu helfen, machte sich Spitzer daran, diese Banken zu regulieren und erhob im Namen von Verbrauchern sogar Klage gegen sie. Aber er wurde schnell an den Pranger gestellt und abgesetzt; das Finanzministerium hat jetzt einen neuen Plan entwickelt, der solche Störungen in Zukunft ausschalten soll. Wie die Panik von 1907, die eine »Bank der Bankiers« rechtfertigte, um in Zukunft einen Ansturm auf eine Bank zu verhindern, ist der Kollaps von Bear Stearns benutzt worden, um einen Vorschlag zu rechtfertigen, der der Federal Reserve erhebliche zusätzliche Befugnisse zur Förderung der »Finanzmarktstabilität« gibt. Diesen Plan gab Finanzminister Henry Paulson, der ehemalige Chef von Goldman Sachs, zwei Wochen nach dem Absturz von Bear Stearns bekannt. Der Plan würde die Arbeit der Landes-Regulierer (die für die 50 Bundesstaaten arbeiten) und die der Börsenaufsicht SEC (die für die US-Regierung arbeitet) unter dem Kommando der Federal Reserve (die für die Banken arbeitet) »konsolidieren«. Paulson musste dabei eingestehen, dass damit nicht etwa eine stärkere Regulierung erreicht werde, sondern dass in Wirklichkeit den Landes-Regulierern und der SEC damit Autorität entzogen wird. Alle Regulierungsmaßnahmen sollen unter der Federal Reserve zusammengefasst und damit von der Institution im Bankenbesitz kontrolliert werden, die J. Pierpont Morgan 1913 explizit zum Schutz der Bankeninteressen gegründet hatte.

Am 29. April erklärte ein ehemaliger hoher Beamter der Federal Reserve dem Wall Street Journal, die Fed habe mit dem Angebot von 30 Milliarden $ an JP Morgan für die Anlagewerte von Bear Stearns »für immer die Chance vergeben, [dass sie] als ehrlicher Makler fungieren könnte«. Vincent Reinhart, ehemals Direktor für Geldangelegenheiten bei der Fed und der Direktor ihres politischen Beirats, sagte, der Bailout der Fed für Bear Stearns werde zukünftig als »der schlimmste politische Fehler in einer ganzen Generation« angesehen werden. Er betonte, es habe andere gangbare Optionen gegeben, wie die Suche nach anderen Bewerbern oder das Entfernen einiger Positionen aus dem Portfolio von Bear; diese Optionen habe die Federal Reserve aber nicht verfolgt.

Jim Puplava behauptet, die nackten Leerverkäufe seien jetzt so weitverbreitet, dass sie – falls die Hedge-Fonds gezwungen wären, ihre nackten Leerpositionen zu decken – »tatsächlich eine neue Finanzkrise auslösen würden«. Die Fed und die SEC schauen bei dieser weitverbreiteten Aktienfälschung vielleicht deshalb weg, weil dann, »wenn sie es entwirrten, alles wirklich auseinanderfiele«. Offensichtlich heißt »für Marktstabilität sorgen«, dass jeder, der etwas aufdeckt sowie die SEC zum Schweigen gebracht werden müssen, damit eine völlig illegale Situation fortbestehen kann; das Verbrechen ist so weit verbreitet, dass das gesamte Finanzsystem auseinanderflöge, wenn man es aufdeckte und die Verbrecher bestrafte. Wie Nathan Rothschild schon 1838 feststellte: wenn die Ausgabe und Kontrolle des Geldes einer Nation in privaten Händen liegt, dann werden die Gesetze und diejenigen, die diese Gesetze machen, bedeutungslos.

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Ellen Brown erwarb ihre Recherchekompetenz während ihrer Tätigkeit als Anwältin für Zivilrecht in Los Angeles. In ihrem neuesten Buch Web of Debt wendet sie diese Kompetenz bei ihrer Analyse der Federal Reserve und des »money trust« an. Sie beschreibt, wie dies private Geldkartell dem amerikanischen Volk die Macht der Geldschöpfung entrissen und sich selbst angeeignet hat, und wie wir, »das Volk« [der Beginn der amerikanischen Verfassung – Anmerkung der Übersetzerin], diese Macht zurückerobern können. Zu ihren elf Büchern gehört auch der gemeinsam mit Dr. Lynne Walker geschriebene Bestseller Nature’s Pharmacy, der 285.000 Mal verkauft wurde. Ihre Websites im Internet sind www.webofdebt.com und www.ellenbrown.com.

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