Gemäß dem neuen Arrangement wird China jetzt einen Teil des Handels mit seinen asiatischen Nachbarn in der chinesischen Währung Yuan abwickeln. Bis jetzt war der Yuan nicht mit anderen Währungen konvertibel, und dieser Faktor hat es China in den letzten zehn Jahren ermöglicht, sich in gewissem Maße gegenüber den schlimmsten globalen finanziellen Erschütterungen abzuschotten. Der jetzt angekündigte Mechanismus ist vorerst noch ein Versuchsballon und geht folgendermaßen vonstatten: Wenn beide Parteien eines bilateralen Handels über die Währung Yuan verfügen, müssen sie zur Geschäftsabwicklung nicht mehr die internationalen Devisenmärkte in Anspruch nehmen. Derzeit wird der größte Teil von Chinas Außenhandel in US-Dollar oder Euro abgewickelt, was die chinesischen Exporteure anfällig für Schwankungen der Wechselkurse macht.
Der neue Mechanismus wurde als Teil eines Maßnahmenpakets verkündet, mit dem Chinas Exporteure, die von der globalen Wirtschaftskrise arg getroffen wurden, unterstützt werden sollen. Es wird erwartet, dass der Yuan jetzt eingesetzt wird, um den Handel zwischen Teilen von Ostchina (Guangdong und das Jangtse-Delta) und den Gebieten von Hongkong und Macau abzuwickeln. Wahrscheinlich wird der Yuan auch beim Handel zwischen Südwest-China (den Provinzen Guangxi und Yunan) und der ASEAN-Gruppe eingesetzt (Brunei, Burma, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam). Schon jetzt wird der Yuan in einigen Ländern Südostasiens benutzt, und China ist natürlich über eine Ausweitung des Einsatzes seiner Währung hocherfreut.

Anfang Dezember hatte Peking bereits eine 30 Punkte umfassende Direktive angekündigt, um »die Entwicklung des Yuan-Geschäfts in Hongkong zu unterstützen« und den Gebrauch der Währung beim Handel mit benachbarten Staaten auszuweiten. Der Chef der chinesischen Zentralbank People’s Bank of China, Zhou Xiaochuan, erklärte, dass »der US-Dollar im nächsten Jahr und danach wahrscheinlich nicht stabil sein wird. Außerdem trägt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Vereinigten Staaten in der nächsten Zeit mehr Geld in Umlauf bringen, dazu bei, dass es bei Vermögenswerten und Handelsgeschäften, die in US-Dollars abgerechnet werden, zu Abwertungen kommt.«
Mit anderen Worten: In den Augen der chinesischen Behörden und Politiker hat der US-Dollar als Bastion finanzieller Stabilität bei Welthandel und internationalen Investitionen »das Gesicht verloren«. Die jüngsten Manöver der Chinesen scheinen zwar relativ klein und vorsichtig zu sein, bedeuten aber in Wirklichkeit eine deutlich sichtbare Wasserscheide in den letzten Monaten einer globalen Krise, die durch die katastrophale Entscheidung der Bush-Administration am 15. September 2008 ausgelöst wurde, die viertgrößte Investmentbank der Welt, Lehman Brothers, bankrott gehen zu lassen; und zwar genau in dem Zeitraum, als die US-Zentralbank Federal Reserve und das US-Finanzministerium entschieden, der Versicherung AIG und den Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac finanziell aus der Patsche zu helfen sowie eine andere Investmentbank, nämlich Bear Stearns, zu retten.
China, das über geschätzte Währungsreserven in Höhe von 1,9 Billionen verfügt – das Meiste davon in US-Dollars – hatte auf Drängen von US-Finanzminister Paulson etwa 595 Milliarden Dollar seiner Reserven in Anleihen von Fannie Mae und Freddie Mac angelegt. Dem Vernehmen nach hatte die chinesische Regierung im letzten September, als diese beiden US-Hypothekenriesen kurz vor dem Bankrott standen, das Weiße Haus angerufen und Washington mitgeteilt, China werde ab sofort damit aufhören, seine Handelsüberschüsse in US-Schatzanleihen oder anderen US-Wertpapieren anzulegen. Ein derart unverblümtes Vorgehen, das es in der jüngsten Geschichte der amerikanisch-chinesischen Finanzgeschäfte noch nie gegeben hat, signalisiert eine völlig neue Ära regionaler und nationaler Politik. Kurz: Das ist das Ende einer 25-jährigen von China angeführten Globalisierungsphase, bei der US-Banken und Unternehmen auf Kosten billiger chinesischer Arbeitskräfte ungeheure Profite erzielen konnten.
Riesige Verluste
Chinas Staatsfonds Sovereign Wealth Fund, der vor zwei Jahren gegründet wurde, um über die China Investment Corporation (CIC) die riesigen Außenhandelsüberschüsse Chinas anlegen zu können, hat mit seinen verschiedenen US-Investments riesige Verluste eingefahren. Das erste Investment der CIC, das die Blackstone Group betraf, stellte sich als schlechte Investition heraus und hat daher in China starke Kritik hervorgerufen. Der Sovereign Wealth Fund bzw. die CIC zahlte rund drei Milliarden US-Dollar bei Preisen von 29,605 Dollar pro Blackstone-Aktie; letzten Dienstag schlossen diese Aktien in New York bei 5,34 Dollar – das bedeutet einen Verlust von 2,46 Milliarden Dollar oder 82 Prozent. Außerdem fuhr die CIC riesige Verluste mit ihrem Investment bei Morgan Stanley ein, und zu allem Überfluss sackte auch der Wert der Anteile, die Chinas Entwicklungsbank (China Development Bank) an der britischen Barclays Bank hält, beträchtlich ab.
Der chinesischen Regierung macht darüber hinaus der dramatische Verlust von Arbeitsplätzen im Küstengebiet bei Hongkong beträchtliche Sorgen. Chinas Regierungsvertreter haben beklagt, dass der Absatz chinesischer Güter in den USA stark zurückgegangen ist, was zu umfangreichen Entlassungen exportorientierter Unternehmen in China geführt hat, vor allem im Gebiet des Perl-Flussdeltas bei Honkong. Verantwortlich dafür ist ihrer Meinung nach die ungenügende Kreditvergabe amerikanischer Banken, die es den amerikanischen Importeuren schwer macht, an die Gelder zu kommen, die sie für den Kauf chinesischer Waren benötigen, obwohl es dafür in den USA viele zahlungswillige Käufer gibt.
Die chinesische Regierung kümmert sich sehr darum, die Wirtschaft in China zu stimulieren, vor allem in den ländlichen Gebieten, in denen etwa 800 Millionen Menschen leben. In einem Dokument, das kürzlich nach einer Sitzung des Chinesischen Staatsrates erlassen wurde, kündigte die Regierung weitere Maßnahmen zur Stimulierung der Inlandsnachfrage an; dazu gehören Subventionen für Verbraucherfamilien in den ländlichen Gebieten zum Kauf von Haushaltsgeräten und anderen Konsumgütern sowie Zuschüsse für die Gründung neuer Läden und Verteilzentren im ländlichen Raum. Außerdem wird in dem Dokument die Verbesserung bei der Versorgung durch städtische Lebensmittelmärkte gefordert sowie die Verbreiterung des Warenangebots, die Gründung von mehr Gebrauchtwarenmärkten, Anreize für die Fusion und Konsolidierung von Vertriebsunternehmen sowie die Unterstützung von kleinen und mittelständischen Unternehmen.
Wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, plant die chinesische Regierung außerdem Steuersenkungen beim Export von Hochtechnologieprodukten, um die Auslandsinvestitionen zu steigern sowie die Ausweitung der Zoll- und Inspektionsdienste, wobei gleichzeitig die Inspektionsgebühren für Exporte verringert werden sollen, und die Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen mit Schwellenländern. Im November sanken Chinas Exporte offiziell um 2,2 Prozent, das ist der erste Rückgang seit mehr als sieben Jahren.
Viele US- und EU-Politiker hatten gehofft, China werde durch die Steigerung seiner Ausgaben die Führung bei der Ankurbelung des weltweiten Wirtschaftswachstums übernehmen. China hat zwar bereits ein Stimulierungspaket von 586 Milliarden Dollar angekündigt, doch der größte Teil davon ist für den Bau von Autobahnen und Eisenbahnstrecken vorgesehen, d.h. für Kategorien, in denen China nur wenig Importe benötigt. China legt seine Priorität eindeutig auf die Sicherung seiner nationalen Wirtschaftskraft, und nicht darauf, das US-Dollar-System aus einer Krise zu retten, die Peking als »Made in Wall Street« betrachtet.
Wenn China erfolgreich seine Anstrengungen auf die oben erwähnten regionalen Wirtschaftsbeziehungen und den Handel mit den Schwellenländern konzentrieren kann, dann könnte China aus dieser Krise wirtschaftlich – und damit implizit auch politisch – deutlich gestärkt hervorgehen. Das wird die Verlagerung der globalen wirtschaftlichen Macht nach Asien und weg von den USA und der EU ganz erheblich beschleunigen. Nur wenige Regierungen im Westen haben die langfristige Bedeutung dieser Entwicklung verstanden, und wenn, dann auch nur ansatzweise. China verfügt zusammen mit dem viel weniger entwickelten Indien über ein dynamisch wachsendes Bevölkerungswachstum; das gilt auch für die meisten Länder Südostasiens, vor allem die ehemaligen »Tiger-Ökonomien« der 1980er-Jahre.
Im Gegensatz dazu tritt jetzt in den USA, wie ich in einem meiner letzten Artikel an dieser Stelle Wirtschaftskrise und Demografie treffen jetzt die US-Bundesstaaten erklärt habe, die große Altersgruppe der »Baby Boomer«, also der nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen 1945 und 1965 Geborenen, ins Rentenalter ein. Das wird dazu führen, dass diese Amerikaner sich gezwungen sehen, ihre Vermögen zu liquidieren, die sie als private Altersversicherung in Aktien, Anleihen und sogar Immobilien angelegt haben, um in Zukunft ihren Lebensunterhalt bestreiten und ihre Arztrechnungen bezahlen zu können. Das bedeutet aber wiederum, dass sich eine mehr als 25 Jahre dauernde Periode von umfangreichen und ständig wachsenden Einzahlungen dieser Generation in staatliche Sozialleistungssysteme, aber auch in Aktien und Anleihen von Instituten wie Goldman Sachs, Merrill Lynch, Fidelity Fund etc. umkehrt. Japan wurde bereits von seiner demografischen Krise getroffen, denn die Last, eine ganze Generation von Rentnern zu unterstützen, wird jetzt einer kleinen Gruppe von Arbeitskräften aufgebürdet. In den nächsten Jahren kommt auch auf Deutschland eine ähnliche Krise zu. Diese geografischen demografischen Veränderungen bekommen in den nächsten zehn Jahren eine ungeheure Bedeutung für die Politik und die Geopolitik.
Chinas Staatspräsident Hu Jintao warnte auf einer Regierungssitzung Ende November, dass die Schwierigkeiten in der globalen Ökonomie das Wachstum in China bedrohen.
Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Laura Tyson, die unter Präsident Clinton den Rat der Wirtschaftsberater (Council of Economic Advisers) leitete, erklärte Anfang Dezember auf einer Tagung der Clinton Global Initiative in Hongkong, an der auch der Chef der China Investment Corporation, Lou Jiwei, teilnahm, die jetzige Krise werden dem Anstieg von Asiens wirtschaftlicher Bedeutung einen weiteren Schub versetzen. »Diese Krise beschleunigt die Verlagerung der Wirtschaftsmacht nach Asien«, erklärte Tyson. »Diese Verlagerung hat es auch schon vorher gegeben, aber sie wird durch diese Krise beschleunigt.«

Wirtschaftlich orientiert sich China jetzt mehr nach Ostasien und weniger an der schwächer werdenden Dollar-Zone.
Wie bereits erwähnt, hat die China Investment Corporation (CIC) 200 Milliarden Dollar zur Verfügung, und vor der Krise hatte man damit gerechnet, die CIC werde ihr Geld vollständig in Übersee investieren. Doch seit Ausbruch der Krise hat sie den Großteil ihrer Gelder dafür verwendet, chinesische Banken mit frischem Kapital zu versorgen. Herr Lou erklärte auf der Tagung in Hongkong, das von den westlichen Regulationsbehörden vorgelegte rasante Tempo der neuen Initiativen und Vorschriften sei beunruhigend, und dadurch falle es ihm sogar schwerer, Entscheidungen über rentable Investitionen zu treffen. »Wenn sich die Lage bei Ihnen jede Woche ändert, wie können Sie dann von mir Zuversicht erwarten?«, fragte er seine Zuhörer.
Allerdings schloss Lou Auslandsinvestitionen nicht aus, wenn er auch feststellte: »Zum jetzigen Zeitpunkt sind viele Investments unterbewertet.« Er deutete aber an, dass China seine besten Chancen in den einkommensschwachen Ländern sehe: »Für uns kommen nicht nur die Industriestaaten und die Entwicklungsländer in Betracht, sondern auch die Schwellenländer.«
Lou Jiwei abschließend: »Citibank, Morgan Stanley und die [amerikanische] Regierung vergeben jetzt nur ungern Kredite, so dass sie selbst dann, wenn es genügend Nachfrage gibt, nichts erreichen können.«