Friday, 10. February 2012
27.07.2010
 

Die Wall Street weiß: Die Krise ist längst noch nicht vorbei

F. William Engdahl

Nachdem in den letzten zwei Jahren Billionen Dollar an Steuergeldern zur Unterstützung für eine Handvoll krimineller Unternehmen – gemeinhin als Wall-Street-Banken bekannt – verschleudert worden sind, ist die finanzielle Instabilität, die die Welt im September 2008 an den Rand des Finanzkrachs geführt hat, alles andere als vorbei. Große Banken und Investmenthäuser an der Wall Street verkaufen jetzt ein Produkt, das von der schwelenden Angst vor einer neuen Finanzkrise profitiert. So etwas sagt mehr aus als die verlogenen »Stresstests« und rein kosmetischen Bankreformen, die kaum eine Veränderung bewirken.

Knapp zwei Jahre nachdem der Bankrott der Lehman Brothers Holding Inc. zu einer Klemme auf den Weltmärkten geführt hat, bietet Pacific Investment Management Co. (PIMCO), einer der größten Investmentfonds der Welt, einen neuen Fonds an, der angeblich »Schutz« für Investoren bietet, wenn ein bestimmter Markt um mehr als 15 Prozent abstürzt.

Die Entscheidung des ehemaligen Goldman-Sachs-Chefs und Ex-US-Finanzministers Henry Paulson vom 15. September 2008, die viertgrößte US-Investmentbank Lehman Bros. bankrott gehen zu lassen, war, wie ich in meinem Buch Der Untergang des Dollar-Imperiums beschreibe, eine bewusste Taktik Paulsons und seiner Spießgesellen von der Wall Street, eine weltweite Finanzpanik auszulösen, die auch den damals zögerlichen US-Kongress so in Panik versetzen sollte, dass er dem von Paulson vorgeschlagenen 750 Milliarden Dollar schweren Bankenrettungsplan, dem berüchtigten Troubled Asset Relief Program (TARP), zustimmte. Durch den Zusammenbruch von Lehman wurden innerhalb weniger Tage weltweit ca. 20 Billionen Dollar an Aktienwerten vernichtet, an den Kreditmärkten brach eine Eiszeit an.

Nach drei Jahren Krise stehen mittlerweile viele der größten Banken der Welt unter staatlicher Aufsicht; die Einführung einer globalen Finanztransaktionssteuer scheint unausweichlich; die Finanzbranche wird mit Geldspritzen der Zentralbanken künstlich am Leben gehalten, die Firmen sind noch immer nicht gewillt, sich untereinander Geld zu leihen; der Markt für Unternehmensanleihen ist praktisch tot; einige Länder erhalten überhaupt keine Kredite mehr.

Die Geldmärkte brechen weg, da die großen Banken entschieden haben, ihren »Giftmüll« lieber gegen Cash von der Zentralbank einzutauschen, als Kreditgeschäfte mit anderen Banken zu riskieren. Infolgedessen ist der Lebensnerv des modernen internationalen Bankwesens, der Interbankenmarkt, das heißt die kurzfristige Kreditvergabe der Banken untereinander, zusammengebrochen. Unmittelbar vor dem Zusammenbruch von Lehman Bros. im September 2008 hatte der Interbankenmarkt ein Volumen von fast 500 Milliarden Dollar. Heute liegt er mit 160 Milliarden Dollar nur noch bei rund einem Drittel des damaligen Werts. Die EZB hat soeben die Erwartung geäußert, dass die europäischen Banken in diesem Jahr noch höhere Verluste erleiden werden als 2009. Die Realität ist also alles andere als »normal«.

 

»Brüchig und störanfällig«

Zu den größten Privatbanken und Vermögensverwaltern der Welt gehört mit ca. zwei Billionen Dollar die State Street Bank in Boston. William Cunningham, Leiter der Kreditstrategie dieser Bank, erklärte kürzlich vor der Presse: »Inzwischen merkt jeder, dass der Weg zum Wiederaufschwung sehr viel länger und schwieriger ist. Er ist in der Tat äußerst brüchig und störanfällig, wie wir alle es noch nie erlebt haben.« Das ist wohl eher noch untertrieben.

Am 6. Mai stürzte der Dow-Jones-Aktienindex an der Wall Street an einem einzigen Tag um 1.000 Punkte ab. Am 7. Juni hatte die Herabstufung der griechischen Staatsverschuldung durch die US-Ratingagentur S&P zur Folge, dass der Euro gegenüber dem Dollar auf den tiefsten Stand seit vier Jahren fiel. Der nächste Schock könnte aus unerwarteten Ecken kommen, die Wall Street verkauft deshalb »Versicherungen« an Investoren, die alles andere als zuversichtlich sind. Dies ist eine Bestätigung dafür, wie instabil die Finanzstrukturen hinter der Fassade scheinbarer Ruhe in Wirklichkeit sind.

PIMCO, ein Tochterunternehmen der deutschen Allianz AG, ist Manager des größten Anleihefonds der Welt. Auch Deutsche Bank und Citigroup verkaufen ihren Kunden neue Produkte als Schutz vor neuen Marktrisiken.

Führende Fondsmanager, die die breiteren Trends beobachten, diskutieren die Aussicht auf weitere Zurückstufungen von selbst mit der höchsten Stufe »AAA« bewerteten Ländern, wie beispielsweise den Vereinigten Staaten, denen aufgrund der Bailouts für das Finanzsystem irgendwann eine Hyperinflation drohen kann. Die USA haben acht Billionen ausstehender Schulden in Form von verkauften Schatzpapieren, ein Anstieg von fast 100 Prozent gegenüber dem August 2007, als die IKB in Deutschland zum Auslöser der Krise wurde, die fälschlicherweise als die »Subprime-Immobilienkrise« bekannt geworden ist.

Höchst aufschlussreich bezüglich der neuen Produkte von PIMCO und der Deutschen Bank ist die Tatsache, dass zahlreiche global agierende Investoren so nervös sind, dass sie zur Zahlung hoher Prämien für eine solche »Risikoversicherung« bereit sind. Das sagt weit mehr aus über den wahren Zustand des Finanzsystems, als jeder Stresstest.

PIMCO tauft sein neues Produkt Tail Risk Hedging Fund 1, das Investoren vor einem Rückgang von über 15 Prozent eines Benchmark-Indexes schützen soll, den die Firma jedoch nicht genauer identifizieren will. Die Deutsche Bank bietet einen Tail-Risk-Hedging-Index an, der in dem Maße steigt, wie die von Investoren erwartete Schwankungsanfälligkeit des Aktienmarkts zunimmt. Er trägt den lustigen Namen ELVIS, das Kürzel für Equity Long Volatility Investment Strategy, und ist an die Schwankungen des S&P 500 gekoppelt.

 

 

Der große Anleihefonds PIMCO der Allianz bietet jetzt eine neue Versicherung für den Fall eines Marktcrashs an.

 



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