Thursday, 24. May 2012
08.10.2009
 

Immobilienkrise in den USA liegt erst zu einem Drittel hinter uns

F. William Engdahl

Im August 2007 löste die Sorge, Millionen amerikanischer Hypothekenschuldner mit zweifelhafter bis riskanter Bonität könnten ihre monatlichen Rückzahlungen an die Banken nicht leisten, eine weltweite Finanzkrise aus. Man sprach von einer »Subprime«-Krise, ein Hinweis auf die fragwürdige Kreditwürdigkeit des Schuldners. Jetzt bestätigen sich Anzeichen dafür, dass die Krise auch auf normale, gut verdienende solvente Hausbesitzer übergreift, und dass wahrscheinlich erst gerade ein Drittel der wirtschaftlichen Erschütterungen im 17 Billionen Dollar schweren amerikanischen Häusermarkt hinter uns liegt.

Das ist die Wirklichkeit, die die Regierung Obama mit dem Gerede von den »grünen Sprösslingen des Aufschwungs« (»Green Shoots«) und Anreizen zum Autoverkauf zu übertünchen versucht, um damit einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit und eine neue Welle von Zahlungsunfähigkeit bei Eigenheimhypotheken zu verhindern, die zum Bankrott weiterer Banken führen könnte. Das einzige Problem besteht darin, dass Finanzminister Tim Geithner – ein Mann des »Money Trust« an der Wall Street, wie ich in meinem Buch Der Untergang des Dollar-Imperiums ausführlich beschreibe – und Federal-Reserve-Chef Ben Bernanke bislang ausschließlich den Money-Trust-Banken unter die Arme greifen, die die Krise überhaupt erst verursacht haben, und so gut wie nichts tun, um notwendige grundsätzliche Änderungen im amerikanischen Wirtschaftsmodell vorzunehmen.

 

Zwangsvollstreckungen der Banken haben schon heute ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht … und werden noch weiter zunehmen.

 

Entgegen ihren Versprechungen haben sie bisher nichts zur Unterstützung von Millionen Amerikanern getan, die ihre Häuser verlieren, weil sie Hypothekenverträge abgeschlossen haben, bei denen die Zinsen in den ersten drei bis fünf Jahren sehr niedrig waren, danach jedoch auf den üblichen Satz »neu festgesetzt« (»reset«) wurden. Ich erhalte regelmäßig E-Mails von Hausbesitzern, die beschreiben, wie ihre eigene Bank sich verschiedene Regierungsprogramme zunutze machen – aber nicht etwa, um die Lage für die Hausbesitzer erträglicher zu machen, die nun drastisch gestiegene monatliche Zinszahlungen leisten müssen, und ihnen über die schwierige Zeit der wirtschaftlichen Rezession hinwegzuhelfen. Vielmehr erheben die Banken, vergraben in der komplexen Rechtssprache der Verträge, neue Gebühren, was häufig selbst gut verdienende Hausbesitzer in Zahlungsverzug bringt. Das ganze System läuft Amok, ein Paradebeispiel für den neoliberalen »freien Markt« mit seinem Laissez-faire.

 

 

Die Zeitbombe der Neufestsetzung

Die hoch angesehene New Yorker Immobilienspezialistin der Deutschen Bank, Karen Weaver, hat kürzlich eine detaillierte Analyse der Zukunftstrends bei amerikanischen Immobilienpleiten, basierend auf den verfügbaren Daten amerikanischer Wohnimmobilien aus den letzten zehn Jahren der Greenspanschen »Finanzrevolution«, erstellt. Ihre Folgerungen sind, vorsichtig formuliert, höchst alarmierend.

Nach ihrer Erkenntnis ist der Prozess der »Neufestsetzung« für die in den vergangenen zehn Jahren gezeichneten amerikanischen Eigenheimhypotheken erst zu einem Drittel abgeschlossen. Das heißt, dass in den nächsten Monaten bei etwa 67 Prozent der zwischen 2004 und 2007, also bevor die Blase platzte, gezeichneten Hypotheken ein enormer Anstieg der monatlichen Hypothekenzinsen für die Häuser zu erwarten ist.

In der Kalkulation der Banken wird »die nächste Etappe des Abschwungs die schlimmsten Auswirkungen bei den Kreditnehmern mit ausreichender Bonität (›conforming borrowers‹) zeigen«, d.h. bei Kreditnehmern, deren Hypotheken den Richtlinien der staatlich unterstützen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac entsprechen. Das sollten doch gut situierte Kreditnehmer sein!

Weaver schätzt, dass der Anteil der Kreditnehmer ausreichender Bonität mit negativem Eigenkapital bis zum ersten Quartal 2011 auf 41 Prozent, im Vergleich zu lediglich 16 Prozent im ersten Quartal dieses Jahres, hochschnellen wird. Der Anteil von negativem Eigenkapital bei Schuldnern mit Hypotheken über 400.000 Dollar – vergeben an Kreditnehmer, bei denen es in der Vergangenheit nie Schwierigkeiten mit Krediten gegeben hatte – werden nach Angaben der Bank von gegenwärtig 29 Prozent auf 46 Prozent steigen. Über diese Dimension der Krise redet derzeit kein Mensch, am wenigsten die Regierung Obama. Dieser Faktor ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass die Federal Reserve sich weigert, offenzulegen, was mit den etwa zwei Billionen Dollar, die seit Beginn der Krise in das Bankensystem gepumpt worden sind, geschehen ist.

Nach Aussage der Deutschen Bank sind die vorgelegten Daten vor allem für die Zahlungsunfähigkeit bei Hypotheken von Bedeutung. Kreditnehmer mit negativem Eigenkapital könnten durch unvorhergesehene Ereignisse in Zahlungsverzug geraten, beispielsweise durch Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, Scheidung oder Arbeitsunfähigkeit. Solche Ereignisse häufen sich in dem Maße, wie sich die Krise verschärft. Die Schuldner könnten auch ohne solche das Leben verändernde Ereignisse aus strategischen Erwägungen in Zahlungsverzug geraten, wenn der errechnete Wert ihres Hauses unter den Betrag sinkt, der angesichts der fallenden Immobilienpreise beim Verkauf ihres Hauses erzielt werden könnte, man spricht in diesem Fall von »negativem Eigenkapital« (negative equity). Im Jargon der Immobilien-Geschäftswelt heißt es dann, das Haus sei »unter Wasser«.

Für die einst so robuste amerikanische Mittelschicht ist das ein schwerer Schlag, denn sie hatte es bei allen Rezessionen in der Nachkriegszeit geschafft, den gesunden Kern der Wirtschaft zu retten. Jetzt droht ihr der finanzielle Ruin, es besteht dringender Handlungsbedarf. Zumal eine realistische Aussicht auf Besserung auf dem Immobilienmarkt nicht besteht, denn der Arbeitsmarkt bleibt schwach, es herrscht ein Überangebot und die zwischen 2002 und 2007 in den Jahren des Booms errichteten Häuser sind weit überteuert.

Das ist insofern von Bedeutung, als die Kredite mit guter Bonität und Großkredite (über 400.000 Dollar) den größten Teil der offenstehenden Finanzprodukte namens Residential Mortgage Backed Securities (RMBS, durch private Wohnimmobilien besicherte Anlagen) ausmachen. Nach Angaben der Immobilien-Website zillow.com übersteigt heute bei über der Hälfte derer, die sich 2006 ein Haus gekauft haben, die Höhe der Hypothekenschulden den Wert des Hauses. Von denen, die 2005 und 2007 ein Haus erworben haben, drohen heute 42 bzw. 45 Prozent in negatives Eigenkapital abzurutschen.

Schon jetzt gibt es in den USA mehr Fälle von Immobilienkriminalität und Zwangsvollstreckung als je zuvor. Nach der günstigsten Einschätzung wird die Krise erst Ende 2011 oder gar 2012 ihren Höhepunkt erreichen, wenn weitere 800 Milliarden Dollar an zusätzlichen Hypothekenschulden nicht mehr bedient werden können, was das Banksystem und die Hausbesitzer gleichermaßen bedroht. Karen Weaver von der Deutschen Bank schätzt, dass sich der Anteil der Hypothekenschuldner mit negativem Eigenkapital bis 2011 annähernd verdoppeln wird.

 

Der Höhepunkt an »Resets« bei den amerikanischen Hypotheken wird nach Angaben von Credit Suisse erst 2011 erreicht.

 

Der Status »negativen Eigenkapitals« droht heute 27 Prozent der Hausbesitzer in den USA mit laufenden Hypotheken, bei denen die Höhe der Schulden den Wert des Hauses übersteigt. Nach Angaben von Weaver wird dieser Anteil in den nächsten zwei Jahren auf 48 Prozent – das sind 25 Millionen Haushalte – steigen.

Einstweilen hat der Einbruch der Blase bei Gewerbeimmobilien in den USA noch nicht einmal sein volles Ausmaß erreicht, sondern steht vielmehr erst am Anfang. Das bedeutet eine neue Welle von Zahlungsverzug und hunderte Milliarden fauler Kredite für das Bankensystem.

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