Wednesday, 29. June 2016
30.06.2015
 
 

Gleitflug ohne Benzin: Die Notenbanken haben das Ruder verloren

Markus Gärtner

Griechenland ist nicht die größte Gefahr für die schwer angeknacksten Finanzmärkte. Das schlimmste Problem ist: Die großen Notenbanken in Frankfurt, Tokyo und Washington halten das Zepter nicht mehr in der Hand. Die politische Kaste weiß aber auch nicht weiter. Die Weltwirtschaft gleicht daher einem Passagierflugzeug, dessen Piloten bewusstlos im Cockpit liegen. Wir fliegen mit Autopilot. Aber die Tanks sind leer.

 

Chinas Notenbank hat in den vergangenen Tagen sämtliche Tricks eingesetzt, die sie zur Verfügung hat, um den schlimmen Einbruch der Aktienkurse zu bremsen. Vergeblich. Das chinesische Gegenstück zur Nasdaq, die ChiNext, verlor am Dienstag schon wieder sechs Prozent und ist in drei Handelstagen 25 Prozent kollabiert.

Nichts hat dagegen geholfen. Weder die erneute Senkung des Leitzinses auf ein neues Tief, noch die Senkung der Einlagenzinsen, noch die Lockerung der Kapitalvorschriften für die Staatsbanken.

 

Auch ein kompletter Stopp für Börsengänge, der das Angebot an Aktien verknappen und den Kursverfall bremsen sollte, half nichts.

 

»Peking stellt plötzlich fest, dass es die üblichen Fäden nicht mehr mit denselben Resultaten ziehen kann«, schreibt ein geschockter Bloomberg-Kolumnist. Doch wenn sich herumspricht, dass Peking seine eigenen Börsen nicht mehr im Griff hat, dann wäre Griechenland plötzlich das kleinste Problem.

 

China als größte Handelsnation könnte Japan in eine Rezession reißen, Schockwellen durch ganz Asien senden und die Rohstoffmärkte trotz der schon jetzt stark reduzierten Preise in eine neue Abwärtsspirale zwingen. Rohstoff-Länder von Russland über Kanada bis nach Australien würden eine Implosion ihrer Export-Einnahmen erleben. Die Weltwirtschaft würde noch stärker abbremsen.

 

Auch in der Eurozone gibt die Notenbank das Ruder aus der Hand. Die Weigerung der EZB am Sonntag, das griechische Bankensystem mit zusätzlichen Ela-Notkrediten zu stützen, erzwang die Schließung der griechischen Banken.

 

Das erlaubt den Banken in dem Land nur eine ganz kurze Verschnaufpause. Danach wird das Bankensystem kollabieren. Das wird die Regierung Tsipras zwingen, die Eurozone zu verlassen und die Geldinstitute mit Drachmen zu versorgen. Es sei denn, es gibt doch noch eine Einigung mit den Gläubigern.

 

Im Klartext: Die EZB bestimmt jetzt nicht mehr, wie es weitergeht. Auch ihr massives Anleihe-Kaufprogramm, das zu Jahresbeginn angekündigt wurde und im März begann, zeigt bislang kaum Wirkung.

 

Wie in Japan bringt das die politische Kaste stärker ins Spiel. Doch wie in Japan haben auch die europäischen Politiker kein Konzept, wie es weitergehen soll. Das ist, um bei dem Vergleich mit dem Passagier-Jet zu bleiben, ein Gleitflug mit ausgefallenen Triebwerken.

 

In Japan steht die Notenbank vor folgendem Problem: Die Regierung von Shinzo Abe hat im jüngsten Haushalt, der am Montag präsentiert wurde, keine Ausgaben-Limits mehr vorgesehen. Die weiter nachlassende Budget-Disziplin kann zu einem Anstieg der Zinsen führen.

 

Doch die Bank of Japan kann nicht noch mehr Anleihen kaufen, um die Zinsen am Boden zu halten. Denn sie nimmt der Regierung bereits alle neu ausgegebenen Schuldpapiere ab. Auch in Tokyo halten also die Notenbanker nicht mehr das Ruder in der Hand, während gleichzeitig die Politik hilflos, getrieben und unfähig zu wichtigen Entscheidungen wirkt.

 

Und die USA? Dort hat der Dow Jones Index am Montag mit einem Minus von 350 Punkten den schlimmsten Tag in diesem Jahr erlebt. Die Wall Street in New York kann sich dem Drama im Rest der Welt nicht so entziehen, wie sie dachte.

 

Das gilt vor allem für die US-Notenbank, die Fed. Sie hält offiziell immer noch an der Zinswende nach oben irgendwann in den kommenden Monaten fest. Doch mit dem Gewitter, das über den Kapitalmärkten aufzieht – und mit der enttäuschenden Konjunktur in den USA – wird der Fed keine andere Wahl bleiben: Sie muss die Zinserhöhung vertagen. ‒ Damit kommt auch der US-Notenbank der Taktstock abhanden.

 

Es waren aber die großen Notenbanken, die in den vergangenen Jahren an den heroinsüchtigen Finanzmärkten die Illusion aufrechterhielten, dass sie jedes Problem lösen und jede Kurskorrektur bändigen können.

 

Diese Illusion löst sich jetzt auch für die letzten Ignoranten in Luft auf. Ein Retter steht aber nicht bereit. Die politische Kaste hat gemacht, was Kritiker immer befürchtet haben: Sie nutzte das billige Geld für immer neue Kredite. Jetzt gibt es nirgends mehr Spielräume, um über die Ausgaben die Konjunktur zu stabilisieren.

 

Unser Passagier-Jet ohne Piloten, der vorübergehend vom Autopiloten geflogen wurde, hat jetzt auch keinen Treibstoff mehr.

 

 

 

 

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Leser-Kommentare (34) zu diesem Artikel

01.07.2015 | 17:43

edmundotto

Solange noch ca. 6 Billionen auf unseren Konten liegen, erscheint mir ein EU- oder Eurozusammenbruch abwägig. Da ist noch viel Spielraum nach unten offen. Bleibt abzuwarten, mit welchen Tricks die Finanz- und Polit"elite" versucht, darauf Zugriff zu bekommen. Wenn ich mir meine wohlhabenden Landleute ansehe, habe ich Mühe, nicht zynisch zu werden. Die Zahl der Mitmenschen, die auf diversen Wegen an einem Spiel gefallen findet, das Geld- und Besitzmehrung heißt, wächst...

Solange noch ca. 6 Billionen auf unseren Konten liegen, erscheint mir ein EU- oder Eurozusammenbruch abwägig. Da ist noch viel Spielraum nach unten offen. Bleibt abzuwarten, mit welchen Tricks die Finanz- und Polit"elite" versucht, darauf Zugriff zu bekommen. Wenn ich mir meine wohlhabenden Landleute ansehe, habe ich Mühe, nicht zynisch zu werden. Die Zahl der Mitmenschen, die auf diversen Wegen an einem Spiel gefallen findet, das Geld- und Besitzmehrung heißt, wächst weiterhin und wenn diese Menschen am Abend über die schimpfen, die im großen globalen Stil abkassieren, zeigt das doch nur einmal mehr die vorhandene Doppelmoral auf. Ich kann nur hoffen, hier im Forum verweilen nicht allzuviele dieser Leute.


30.06.2015 | 21:06

Grossvater

Um Chaos zu schaffen fahren die Verursacher mehrgleisig in dem sie ein weltweites Finanzchaos schaffen, dazu an verschiedene Stellen Kriege führen bzw. Unruhen stiften und uns mit Flüchtlingen überfluten. Wer das Geschehen mit offenen Augen verfolgt der wird feststellen das alles genau in das Puzzle der NWO Planer passt.


30.06.2015 | 20:21

doro

Neues KenFM-Video: Free21 macht Druck - Über den Journalismus im 21. Jahrhundert : https://www.youtube.com/watch?v=of3fzIJUy2A


30.06.2015 | 20:06

ted

Der Euro ist alternativlos bis zum Untergang ! http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2015/06/der-euro-ist-alternativlos-bis-zum.html _______________________________________________ Die TOTALZERSTÖRUNGSWAFFE der faschistischen EU dSSR-Terror-Kriegstreiber-Diktatur ist der Euro. FRIEDEN und WOHLSTAND auf dem Kontinent ist nur OHNE EINE EU und OHNE ihren militärischen Terror-Arm NA(h)TO(d) möglich. FAKT.


30.06.2015 | 18:26

Storchenei

Die Bayes-Formel besagt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses A unter der Voraussetzung, dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses B bekannt ist, dem Produkt aus der Wahrscheinlichkeit von B bei bekanntem A und der A priori Wahrscheinlichkeit von A dividiert durch die A priori Wahrscheinlichkeit von B entspricht. Alles klar?


30.06.2015 | 17:48

Storchenei

Ich denke was auf uns zukommt, die Welt wird noch nicht aus den Angeln gehoben, aber es wird Jahrzehnte brauchen "Normalität" wieder herzustellen. Unruhen durch Rezession und Arbeitslosigkeit werden sich häufen, auch Kriege sind gut möglich. Wenn dies alles überstanden ist, wissen wir sehr wahrscheinlich etwas mehr, oder gar nichts mehr. Kein Mensch kann Genaueres berichten und so halte ich mich an die „Bayes Formel“. Die Bayes-Formel besagt, dass die...

Ich denke was auf uns zukommt, die Welt wird noch nicht aus den Angeln gehoben, aber es wird Jahrzehnte brauchen "Normalität" wieder herzustellen. Unruhen durch Rezession und Arbeitslosigkeit werden sich häufen, auch Kriege sind gut möglich. Wenn dies alles überstanden ist, wissen wir sehr wahrscheinlich etwas mehr, oder gar nichts mehr. Kein Mensch kann Genaueres berichten und so halte ich mich an die „Bayes Formel“. Die Bayes-Formel besagt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses A unter der Voraussetzung, dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses B bekannt ist, dem Produkt aus der Wahrscheinlichkeit von B bei bekanntem A und der A priori Wahrscheinlichkeit von A

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