Samstag, 10. Dezember 2016
07.08.2015
 
 

Mainstream-Märchen: Die angebliche Erholung der Weltwirtschaft

Markus Gärtner

Ambrose Evans-Pritchard beim britischen Telegraph ist einer der Leitwölfe im europäischen Wirtschafts-Journalismus. Seinen Kollegen im Mainstream gibt er diese Woche eine neue Parole aus: Die Weltwirtschaft zieht wieder an. Zukunftsweisende Indikatoren signalisieren angeblich eine Erholung. Doch das ist nur ein Märchen, das die wachsende Schar unzufriedener Europäer beruhigen soll. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

 

Die wichtigste Messlatte des britischen Alpha-Journalisten für seine Jubel-Prognose ist die weltweite Geldmenge M3 . Diese ist im Juni gegenüber dem Vorjahr um 6,2 Prozent gewachsen. Sie gilt unter Mainstream-Ökonomen als vorauseilender Wert, der signalisiert, was in der Wirtschaft in etwa zwölf Monaten passieren wird.

 

Doch die Sache hat einen Haken.

 

Seit der Finanzkrise vor sieben Jahren versuchen die Notenbanken fieberhaft, die Weltwirtschaft mit einer immensen Flut von Liquidität anzuschieben. Aber der Erfolg bleibt bis heute aus: Europa stagniert wirtschaftlich, China bremst bedenklich ab, die USA enttäuschen, Japan dümpelt am Rande einer Rezession.

 

Und den großen Schwellenländern geht derzeit die Puste aus. Nicht nur, weil die Preise für ihre Rohstoff-Exporte eingebrochen sind, sondern auch, weil westliche Konsumenten nicht mehr so viel von ihren Produkten kaufen.

 

Eine Rolle spielt auch, dass der starke Dollar in Kombination mit sinkenden Rohstoff-Preisen die Währungen der Schwellenländer in den Keller drückt. Deren Wechselkurse sind zusammengenommen schon jetzt deutlich schwächer als am Tiefpunkt der jüngsten Finanzkrise im Jahr 2009.


Das führt zu importierter Inflation und bindet den Notenbanken die Hände. In Südamerika und weiten Teilen Asiens können die Zentralbanken wegen der Inflation die Zinsen nicht so stark senken wie sie müssten, um die Konjunktur anzukurbeln.

 

Das zweite wichtige Argument, das Evans-Pritchard ins Feld führt, ist die angebliche Erholung in Europa. Spanien und Irland wachsen so schnell wie seit der Lehman-Pleite nicht, schreibt er. Doch nach den miserablen Konjunkturzahlen der vergangenen Jahre sehen derzeit Wachstumsraten – sofern es sie gibt – automatisch gut aus.

 

Aber Spanien und Irland sind auch nicht Europa. Ganz anders sieht es in den führenden Volkswirtschaften des Kontinents aus. Der britische Einzelhandel erlebt einen schlechten Sommer, weil die Konsumenten schlappmachen. Die Verkäufe von Bekleidung fielen im Juli auf Jahresbasis um 1,4 Prozent, Haushaltswaren verzeichneten einen Rückgang um 1,1 Prozent. Textil-Einzelhändler klagen über den schlechtesten Sommer seit 2009.

 

In Italien erlebt die Landwirtschaft einen Export-Einbruch von 30 Prozent wegen der Russland-Sanktionen. Die Jugendarbeitslosigkeit hat im Juni den höchsten Wert in 33 Jahren erreicht. Die allgemeine Arbeitslosigkeit ist mit 12,5 Prozent doppelt so hoch wie zu Beginn der Finanzkrise.

 

In Frankreich musste die sozialistische Regierung zwei Misstrauens-Abstimmungen in nur sechs Monaten überstehen, bevor sie Anfang Juli bescheidene wirtschaftliche Reformen, darunter längere Ladenöffnungszeiten, durchsetzen konnte. Die Wirtschaft wächst in diesem Jahr vielleicht nur ein Prozent. Die Arbeitslosigkeit verharrt bei zehn Prozent.

 

Und Deutschland? Zwar ist der Ifo-Index im Juli gestiegen. Doch auch hierzulande besteht ein deutlicher Unterschied zwischen den Wohlfühl-Barometern und dem Tempo an den Fließbändern.

 

Das Statistische Bundesamt meldete an diesem Freitag, dass im Juni die Industrie-Produktion 1,4 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken ist. Und die Exporte gingen zum Vormonat um ein Prozent zurück.

 

Wie schwach die Weltwirtschaft in Wirklichkeit ist, zeigt uns einer der schärfsten Einbrüche, die die Rohstoffpreise jemals außerhalb von Finanzkrisen erlebt haben. In den zwölf Monaten bis Juli gingen die Preise für Öl um 51 Prozent zurück, für Eisenerz um 46 Prozent, für Zinn um 33 Prozent und Silber um 28 Prozent.

 

Der wichtigste Grund für das Debakel an den Rohstoff-Märkten ist, dass auch die zweitgrößte Wirtschaft der Welt schlappmacht. In China plumpst der Einkaufsmanager-Index für den gewerblichen Sektor auf den niedrigsten Wert seit November 2011. Die Auftragseingänge sanken im Juli. Und die Industrieproduktion ging im dritten Monat hintereinander zurück.

 

Große europäische Firmen, darunter auch Dax-Konzerne wie Volkswagen, erleben mächtigen Gegenwind in der Volkrepublik, die für sie längst zum größten nationalen Markt auf dem Planeten geworden ist.

 

In Japan, der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, wird für das Quartal von April bis Juni mit einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung gerechnet.

 

 

 

 

 

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Leser-Kommentare (9) zu diesem Artikel

08.08.2015 | 17:31

Takuto

Carlos hat recht. Es müsste doch einfach sein, diese Spam-Werber rauszufiltern.


08.08.2015 | 07:03

jeanette

wer diesen politiker gesteuerten medien noch glaubt und sie taeglich durch tv und zeitung in seine wohnung laesst, dem ist nicht mehr zu helfen. glaubt immer das gegenteil und macht auch nur das gegenteil von dem, was da erwartet wird. da liegt ihr genau richtig.


08.08.2015 | 02:44

galaxy

Was sollen auch die Unmengen an Liquidität, wenn sie in den Händen der Bänker verbleiben. Die einzigen, die eine Wirtschaft ankurbeln können, sind die Verbraucher. Und denen wird von der Politik so richtig das Wasser abgegraben. Alles wird teurer – Strom, Wasser, Lebensmittel, diverse Steuern....- und das bei immer gleichen Gehalt. Wenn nur 70 Euro noch da sind statt der früheren 100, können die Verbraucher auch keine 100 mehr ausgeben. Ökonomen, die von Helikoptergeld sprechen,...

Was sollen auch die Unmengen an Liquidität, wenn sie in den Händen der Bänker verbleiben. Die einzigen, die eine Wirtschaft ankurbeln können, sind die Verbraucher. Und denen wird von der Politik so richtig das Wasser abgegraben. Alles wird teurer – Strom, Wasser, Lebensmittel, diverse Steuern....- und das bei immer gleichen Gehalt. Wenn nur 70 Euro noch da sind statt der früheren 100, können die Verbraucher auch keine 100 mehr ausgeben. Ökonomen, die von Helikoptergeld sprechen, haben das längst erkannt. Würden die Regierungen vor Weihnachten jedem Haushalt einen 5000Euro- Scheck zukommen lassen ( das Geld wird ja eh aus dem Nichts erschaffen ) dann, ja Dann würde die Wirtschaft einen hübschen Schubs erleben. Aber immer nur das Geld aus dem Bürger saugen hat nur eine einzige Konsequenz : er gibt weniger aus, weil er sich nicht mehr leisten kann. Dann sinkt der Konsum sinkt – die Produktion sinkt – es gibt mehr Arbeitslose – noch weniger Geld – noch weniger Konsum ….wäre das schön, wenn mal einer der Verantwortlichen soweit denken könnte...


07.08.2015 | 23:35

Rudolf-Robert Davideit

Tja, bei des Autoren "Intimfeind" sackt das Wirtschaftswachstum von ca. 7,2 auf 7,1 ! Noch Fragen?


07.08.2015 | 21:09

Carlos

@KOPP-Redaktion: Liebste Redaktion, ich verstehe durchaus, das ihr diesen Kommentar von mir zumindest als grenzwertig empfunden habt. Jedoch bin ich ein Mensch, der ansonsten immer höflich und besonnen kommentiert und auf Konfrontation verzichtet. Wenn aber jemand, egal zu welchem Thema, täglich seine immer gleiche Werbung postet, dann ist auch bei mir irgendwann einmal der Punkt erreicht, an dem ich sehr klar und deutlich ausdrücke was ich empfinde. (Euch als Redaktion ist das...

@KOPP-Redaktion: Liebste Redaktion, ich verstehe durchaus, das ihr diesen Kommentar von mir zumindest als grenzwertig empfunden habt. Jedoch bin ich ein Mensch, der ansonsten immer höflich und besonnen kommentiert und auf Konfrontation verzichtet. Wenn aber jemand, egal zu welchem Thema, täglich seine immer gleiche Werbung postet, dann ist auch bei mir irgendwann einmal der Punkt erreicht, an dem ich sehr klar und deutlich ausdrücke was ich empfinde. (Euch als Redaktion ist das selbstverständlich nicht erlaubt) Trotz aller Härte in der Wortwahl kann ich nicht erkennen, das meine Aussagen irgendwie strafrechtlich relevant gewesen wären. Ich bin also keineswegs mit der Löschung des Beitrages einverstanden! Zumal, und das ist besonders bitter, das Posting mit der irreführenden Werbung weiterhin vorhanden ist! So, ich gehe jetzt mal ein Ründchen weinen, bin halt ein sehr sensibler Charakter!


07.08.2015 | 14:07

geschunden

@ Carlos: Du sprichst mir aus der Seele. Dem möchte ich 100% zustimmen. Leute, lasst euch nicht von solchen Bauernfängern verblöden. Ekundigt euch über OPPT und z.B. Freeman Austria im Netz.

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