Friday, 29. July 2016
09.12.2015
 
 

Ölpreis-Kollaps: Im letzten Preiskrieg des ausgehenden Öl-Zeitalters naht die Entscheidung 

Markus Gärtner

Der Ölpreis ist seit dem OPEC-Treffen am 4. Dezember im freien Fall. Nahezu 15 Prozent sind die Notierungen seit dem vergangenen Donnerstag eingebrochen. Jetzt ist der niedrigste Stand seit der Finanzkrise erreicht. Damals drückten der Beinahe-Kollaps des Bankensystems sowie schärfste Rezession seit der Großen Depression der 1920er-Jahre den Ölpreis zu Boden. Doch jetzt wiederholt sich der Preissturz. Er wird gravierende Konsequenzen haben – für uns alle.

 

Erstens signalisiert die Implosion der Preise eine miserable Weltwirtschaft, in der eine Sicherung nach der anderen durchbrennt. In China und in den USA lässt das Wirtschaftswachstum deutlich nach. Europa kommt nicht von der Stelle. Und Japan ist gerade in die fünfte Rezession in sieben Jahren gestürzt. Die BRICS liegen auf dem Bauch. Die globale Wirtschaft hat einen kaputten Maschinenraum.

Dass die Weltwirtschaft schlapp macht, zeigen auch andere Beispiele. Eines davon ist der Infarkt wichtiger Fracht-Indizes im Welthandel, wie dem Baltic Dry Index. Er hat in den letzten Tagen ein Allzeit-Tief markiert.

 

Das zweite sind horrende Vollbremsungen und Sparmaßnahmen bei großen Rohstoff-Firmen. Der Eisenerz-, Kohle-, Kupfer- und Nickelproduzent Anglo American ist ein Beispiel.

 

Das Unternehmen gab in dieser Woche bekannt, dass es 35 Minen schließt und 85 000 Stellen streicht. Es ist eine der brutalsten Schrumpfkuren, die das volatile Gewerbe erlebt hat. Die Preise für Eisenerz, ohne das die Stahlindustrie nicht vorstellbar ist, haben den tiefsten Stand im Jahrzehnt erreicht.

 

Zweitens werden mit den einbrechenden Energie- und Rohstoffpreisen große Exporteure und Ölländer wie Russland, Kanada und Brasilien in eine tiefe Rezession gezogen und destabilisiert.

 

Drittens werden die Preise so schroff gedrückt, dass die Notenbanken von Tokyo über Frankfurt bis Washington kaum eine andere Wahl haben, als weiter auf dem Gaspedal zu bleiben. Sie vermehren aggressiv wie nie zuvor die Geldmenge und halten die Zinsen auf einem Rekordtief.

 

Diese Geld-Exzesse erlauben es Firmen, Finanzministern und Konsumenten, sich zu verschulden wie nie, während rund um die Welt weiter die Immobilienpreise und die Kurse von Wertpapieren bis zur Unkenntlichkeit aufgebläht werden.

 

Gibt es ein Licht am Ende des Tunnels? Derzeit nicht. Im Gegenteil

 

Investmentbanken wie Goldman Sachs sagen eine nochmalige Halbierung des Ölpreises auf 20 Dollar je Barrel vorher. Das freut die Konsumenten. Aber solche Aussichten sind ein Albtraum für Öl-Exporteure, Förderfirmen, Wirtschaftspolitiker und Kreditgeber, bei denen Öl- und Gasfirmen mit geringer Glaubwürdigkeit und vielen ausgegebenen Anleihen tief in der Kreide stehen. Die nächste Finanzkrise kann sehr wohl hier ihren Ausgang nehmen.

 

Die kollabierten Ölpreise sind auch ein Schock für den Fracking-Boom in den USA. Seit 2011 heizt er die US-Konjunktur an. Doch jetzt bekommt er immer tiefere Risse. Und Saudi-Arabien zehrt mit Rekordtempo Devisenreserven auf, weil die Öl-Einnahmen schwinden, die immensen Subventionen für das eigene Wüstenvolk aber bleiben.

 

Beide Staaten – die USA und Saudi Arabien ‒ stehen sich in einem Duell der Niedrigpreise am Ölmarkt gegenüber. Die Saudis und weite Teile der OPEC wollen die Amerikaner mit niedrigen Ölpreisen in die Knie zwingen und den Fracking-Boom beenden. Die Scheichs wollen auch den Wandel in eine Zukunft mit erneuerbaren Energien bremsen, um länger am Öl-Hebel zu sitzen.

 

Die OPEC konnte sich am Freitag nicht darauf einigen, wie viel Öl genau in den kommenden Monaten gefördert wird. Saudi-Arabien produziert deutlich mehr als sonst. Und der Iran kommt jetzt als Anbieter zurück auf den Markt, nachdem mit dem Westen eine Einigung im Atomstreit erzielt wurde.

 

Gleichzeitig geht der Energiehunger in einer Weltwirtschaft, die bedenklich abbremst, zurück. Was bleibt, ist eine Ölschwemme, wie sie nur selten zu sehen war. Vor den Raffinerien stauen sich weltweit kilometerlange Schlangen mit Öl gefüllter Tanker. Die Folge: Beim Anblick der Tankstellen-Preise freuen wir uns. Doch das große Job-Sterben der nächsten Rezession hat schon begonnen.

 

Implodierende Energiepreise sowie rasant fallende Kurse für Ramschanleihen sind die Vorboten der nächsten Finanzkrise. Die kann auch deswegen ausbrechen, weil der starke Dollar die Schwellenländer an den Rand des Zusammenbruchs zwingt.

 

Wir erleben jetzt den letzten großen Preiskrieg im ausgehenden Öl-Zeitalter. Wer der Sieger sein wird, steht noch nicht fest. Aber die Welt, wie wir sie kennen, wird nicht mehr so aussehen, wenn dieser Öl-Konflikt vorüber ist.

 

Diese Ereignisse erinnern mich an ein hervorragendes Buch. William Engdahl hat es im Januar 2006 im Kopp-Verlag unter dem Titel Mit der Ölwaffe zur Weltmacht herausgegeben. Das Buch hat bereits die 5. Auflage erreicht. Zu Recht. Es schildert eindrucksvoll, dass nichts die Geschichte der vergangenen 100 Jahre »so geprägt hat wie der Kampf um die Kontrolle der Welt-Ölreserven«.


Verwerfungen, wie wir sie jetzt am Ölmarkt sehen, haben mit ihrer wuchtigen Dynamik stets neue Zeitalter eingeläutet. Engdahl schildert in packender Weise, wie zuerst England, später die USA »ihre wirtschaftliche und politische Macht an den Rohstoff Erdöl banden«.

 

Engdahl erzählt, wie die neue Weltmacht USA den Briten die Krone abnahmen und dabei das Öl geschickt als Waffe einsetzten. Er schildert, wie der neue Petro-Dollar in den 70er-Jahren die Entwicklungsländer rabiat ausbremste, wie der Irak gezwungen wurde, seine 65 Milliarden Dollar Kriegsschulden mit Öl zu bezahlen, wie die Öl-Lobby im Januar 2001 bei der Amtseinführung von George W. Bush das Weiße Haus unter ihre Kontrolle brachte.

 

Engdahl schildert auch, wie zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts die Bush-Administration den Krieg gegen den Terror in einen »Krieg gegen die Tyrannei« um-etikettierte, damit sie fortan die »tyrannischen« Energie-Engpässe auf der Welt« unter ihre Kontrolle bringen oder wenigsten destabilisieren konnte. Das ist ein Feldzug, der auch unter Barack Obama fortgeführt wurde und in diesen Monaten einen neuen Höhepunkt erreicht.

 

Wie er ausgeht, ist offen. Sicher ist nur, dass das Öl wieder beim Entstehen einer neuen Ära eine – wenn nicht DIE – Hauptrolle spielt.

 

 

 

 

 

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