Friday, 27. May 2016
07.11.2014
 
 

Ölpreis-Kollaps: Platzt die Fracking-Blase in den USA?

Markus Gärtner

Der Ölpreis implodiert. Um 27 Prozent seit Juni und um fast zehn Prozent in den vergangenen vier Wochen. Verbraucher und Autofahrer jubeln. Verständlicherweise. Die US-Konsumenten zum Beispiel sparen laut dem amerikanischen Automobilverband AAA jeden Tag 250 Millionen Dollar gegenüber den Tankstellenpreisen vom Sommer.

 

Doch der Rest der Welt fürchtet bittere Crash-Folgen. Wladimir Putin braucht 105 Dollar je Barrel, um mit den Öl-Exporten einen ausgeglichenen Haushalt hinzubekommen. Die Einnahmen aus dem Ölverkauf an den Rest der Welt finanzieren 40 Prozent des russischen Staatsbudgets. Hält der Preiskollaps an, könnte es für Putin eng werden. Die USA und ihre Verbündeten – allen voran Saudi Arabien – setzen daher gezielt den Ölpreis als eine (von vielen) Waffen gegen Russlands Präsidenten ein.

 

Bis nach Venezuela und Kanada stöhnen die Finanzminister. In der OPEC gibt es zunehmende Spannungen, weil alle Exporteure versuchen, ihre Marktanteile zu schützen. Das überflutet im Konzert mit dem US-Fracking-Boom die Welt, die wegen des gebremsten Wachstums sowieso weniger Öl braucht. Saudi Arabien als führender Exporteur der OPEC treibt die Preise gezielt nach unten und verkauft Öl mit Abschlägen an die USA. Das ist eine frontale Attacke auf die Fracking-Firmen, die Amerika seit Jahren zu einem Öl-Boom verhelfen.

 

In den USA rieb sich die politische Elite bisher die Hände: Sämtliche Öl fördernden Tyrannen und Regime, die vom Öl-Export leben, ächzen unter den implodierenden Rohstoff-Preisen. Klaffende Haushaltslöcher setzen den Potentaten mehr zu, als alle Sanktionen. Doch jetzt sind die Ölnotierungen so weit gesunken, dass es dem Fracking-Boom in den USA selbst an den Kragen zu gehen droht. Marc Faber hat bereits gewarnt, dass die USA sich zu früh über die fallenden Ölpreise freuen und bei weiter sinkenden Notierungen diesmal mehr leiden als jubeln werden. Ein massiver Bumerang droht mitten im amerikanischen Fracking-Mekka einzuschlagen.

 

»Diesmal wird es anders sein«, sagt der Energiespezialist James Williams. Es ist durchaus vorstellbar, prophezeit er, »dass niedrigere Preise eine Rezession in den USA auslösen«. Die Schmerzgrenze für die USA – die im laufenden Jahr dank ihres Fracking-Booms zum führenden Öl-Produzenten der Welt aufsteigen – soll spätestens bei 70 Dollar je Barrel beginnen. Manche Investmentbanken – darunter Goldman Sachs − sehen bereits ab 90 Dollar nach unten erste Bremsspuren.

 

Der Grund für diese Prognosen ist simpel: Während US-Verbraucher sich über niedrigere Energiepreise freuen, leidet fast die gesamte Ölbranche unter den einbrechenden Preisen, samt Tausenden von Zulieferern, Raffinerien, Bohrturm-Betreibern sowie ungezählten Restaurants, Hotels und Wohnungs-Vermietern, die Millionen von Arbeitern vor allem in den Fracking-Bundesstaaten Texas, Pennsylvania und North Dakota beschäftigen oder beherbergen.

 

In diesen Staaten wurden seit Beginn des Jahrzehnts täglich vier Millionen Barrel Öl zusätzlich gefördert. Forscher an der University of Texas in San Antonio haben kürzlich ausgerechnet, dass der wirtschaftliche Beitrag des Eagle Ford-Vorkommens im Süden von Texas 2013 satte 87 Milliarden Dollar ausmachte. Noch 18 Monate zuvor hatten dieselben Forscher geschätzt, dass dieser Wert erst 2022 erreicht werden kann.

 

Allein die Investitionen in die Öl- und Gas-Infrastruktur der USA – zum Beispiel Pipelines und Raffinerien − sollen in den kommenden 20 Jahren 600 Milliarden Dollar verschlingen. Das entspricht fast der jährlichen wirtschaftlichen Leistung der Schweiz. Die Entwicklung neuer unkonventioneller Öl- und Gas-Vorkommen beschäftigte in den USA im vergangenen Jahr 2,1 Millionen Jobs.

 

Seit 2009 haben die fünf US-Bundesstaaten mit der größten Öl-Förderung 1,4 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Das waren 16 Prozent aller neuen Jobs im ganzen Land. In den Fracking-Zentren wurden phasenweise zehnmal so viele neue Arbeitsplätze angeboten wie im Schnitt der USA. Der Fracking-Boom dort steuerte im laufenden Jahrzehnt über 80 Prozent des weltweit zusätzlich geförderten Öls bei. Der Ölsektor stellte 32 Prozent aller neuen Stellen in der amerikanischen Privatwirtschaft bereit.

 

Laut Schätzungen verschiedener Investmentbanken steuert die unkonventionelle Öl- und Gaswirtschaft in den USA derzeit zwischen 0,3 und 0,5 Prozentpunkte zum Wirtschaftswachstum bei. Je nach der gesamten Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts kann das ein Viertel der wirtschaftlichen Dynamik im Land sein. Vor allem die Chemie produziert in Staaten wie Texas und Pennsylvania wegen der super-billigen Energiepreise, die der Fracking-Boom erlaubt, immer umfangreicher Ethylene, die als Vorprodukt für die Plastikerzeugung wichtig sind.

 

Im Großraum von Houston drängeln sich Investitionsprojekte entlang des Hafenkanals von mehr als 50 Milliarden Dollar, meist in Raffinerien und in der Ethylenproduktion. Nicht zu vergessen, die sinkenden Kosten für Importe. Die USA führen inzwischen so viel weniger Öl aus Übersee ein, dass sie im laufenden Jahr das geringste Handelsdefizit seit 1998 erreichten.

 

Die Anziehungskraft dieses Booms ist so groß geworden, dass Siemens vor zwei Monaten für den US-Kompressoren-Hersteller Dresser-Rand 7,6 Milliarden Dollar bot, um mit Hilfe dieses wichtigen Lieferanten für die Gas- und Öl-Industrie stärker vom Energie-Boom in den USA zu profitieren.

 

Wegen der enormen Bedeutung für die US-Wirtschaft bekommen viele Fracker jetzt kräftiges Muffensausen. Die fallenden Preise stürzen auf ein Niveau, ab dem sie Investitionen hinauszögern, das Bohren neuer Löcher abbrechen oder laufende Produktionen drosseln müssen. »Das kann ganz schön schmerzhaft werden«, erzählt der Energieberater Phil Verleger, »mit den purzelnden Preisen werden wir die Produktion bei einigen Firmen abrupt bremsen sehen«.

 

Paul Sankey, ein Analyst beim Energieberater Wolfe Research, sieht die weniger profitablen Ölförderer im Bakken-Vorkommen von North Dakota unter den ersten Opfern. »Wir sind noch nicht ganz da«, sagt er, »aber noch vier bis fünf Dollar weiter runter, dann geht es den geplanten Investitionen an den Kragen«. Manche Fracker können bis 50 Dollar pro Barrel Öl durchhalten. Doch vorher gäbe es ein Massensterben bei vielen Dienstleistern, Lieferanten und Explorationsfirmen der Branche.

 

Selbst große Firmen werden bereits vorsichtiger. ConocoPhillips und Shell ziehen sich aus den ersten Projekten zurück. Doch es wird in der ersten Welle viele Kleine in der Branche erwischen. Viele von ihnen haben sich für die Exploration und Förderung immens verschuldet. Mit gravierenden Folgen, wenn aufgrund weiter sinkender Ölpreise der Druck im Kessel steigt. Während die Ölpreise selbst seit Sommer um 30 Prozent gefallen sind, sind die Aktienkurse mancher Fracking-Firmen um 60 Prozent eingebrochen.

 

Das hat einen ganz simplen Grund: Ölfirmen in den Fracking-Regionen machen bei einem Preis von 100 Dollar je Barrel Öl nach Insiderangaben im Schnitt etwa 15 Dollar Gewinn. Fällt der Ölpreis aber um zehn Prozent auf 90 Dollar, bleibt ein Gewinn von lediglich fünf Dollar übrig. Das sind 66 Prozent weniger als bei 100 Dollar je Barrel.

 

Den großen Konzernen der Branche kann das wenig anhaben. Exxon Mobil kann laut seiner Bilanz mit dem Cashflow alle laufenden Investitionen bezahlen und trotzdem jedes Jahr 20 Milliarden Dollar einsetzen, um Dividenden auszuschütten und eigene Aktien zurückzukaufen. Doch die US-Wirtschaft dürfte in den kommenden Monaten die Bremsspuren der implodierenden Ölpreise viel deutlicher spüren, wenn sich die Preise nicht erholen.

Leser-Kommentare (10) zu diesem Artikel

08.11.2014 | 01:06

Freimann

Schön, daß man sich so gut in den USA-Verhältnissen auskennt... Bei uns in NRW ist der Spritpreis jedenfalls in den letzten Monaten nicht entsprechend gesunken.


07.11.2014 | 22:24

roxsi

Ich erinnere mich an die Zeiten als das Barrel nur 20 Dollar kostete. Alle haben`s überlebt. Ich bezweifle, daß man so hohe Barrel-Preise braucht um keine Verluste zu machen. Die Welt schwimmt in Öl, welches künstlich verteuert wurde. Nun scheint die Normaltät zurückzukehren.


07.11.2014 | 21:05

K A

Lieber Herr Bach, aufmerksam lesen: "Die Einnahmen aus dem Ölverkauf an den Rest der Welt finanzieren 40 Prozent des russischen Staatsbudgets". Es wird nicht gesagt, wie hoch die Produktionskosten für russisches Öl liegen. Putin braucht einen Ölpreis von 105.-- USD, um diese 40% des Staatshaushalts zu erreichen. 40% ist eine ganze Menge. Da muß die Spanne schon sehr hoch sein.


07.11.2014 | 17:59

Grzybowski

Als Öl bei 150 Dollar stand kostete Benzin hier 1.50 Euro. Das gleiche kostet es heute auch fast noch. Nur wenige Zeit sinkt es mal auf 1,43 Euro. Ich als Autofahrer freue mich nicht, denn es bleibt brutale Abzocke.


07.11.2014 | 13:08

Iomio

Beim Lesen dieses Artikels ist mir eine meiner liebsten Comic-Serien - "Roadrunner" - eingefallen, weil sich die amerikanische Regierung hier anschauen kann, zu welchem Ergebnis ihre "kleinen Hinterhältigkeiten" immer wieder führen:

https://www.youtube.com/watch?v=ZwyBK0p81Wk


07.11.2014 | 08:41

Habnix

"Ölpreis-Kollaps: Platzt die Fracking-Blase in den USA?" Es kommt auf die Strategische Reserve an,die ja auch noch immer mit Schiefer Öl und Importen aus anderen Länder wie Saudi Arabien und sonstwo aufgefüllt wird. Das kann sich noch lange hinziehen.Einmal wegen der Strategischen Reserve und einmal wegen der stagnierenden Wirtschaft, die ja weniger Öl verbraucht. "Sanktionen gegen die russische Energiewirtschaft: Wird Schiefergas-»Fracking« nun Europa...

"Ölpreis-Kollaps: Platzt die Fracking-Blase in den USA?" Es kommt auf die Strategische Reserve an,die ja auch noch immer mit Schiefer Öl und Importen aus anderen Länder wie Saudi Arabien und sonstwo aufgefüllt wird. Das kann sich noch lange hinziehen.Einmal wegen der Strategischen Reserve und einmal wegen der stagnierenden Wirtschaft, die ja weniger Öl verbraucht. "Sanktionen gegen die russische Energiewirtschaft: Wird Schiefergas-»Fracking« nun Europa überschwemmen?" Das kommt auch noch dazu.

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