Freitag, 28. April 2017
22.07.2016
 
 

Wirtschaftskrieg: Deutsche Ikonen sturmreif »schießen«

Michael Brückner

Ständig höhere Strafen für VW, die angeschlagene Deutsche Bank unter Dauerbeschuss: Im Wirtschaftskrieg haben einflussreiche Kreise in den USA die bislang ersten Adressen in Deutschland ins Visier genommen. Bislang mit bemerkenswertem Erfolg, was wohl nicht zuletzt an der servilen Art liegt, mit der in Deutschland auf diese Attacken reagiert wird.

 

Nein, man muss die Deutsche Bank nicht mögen. Mit unglaublicher Gier und Arroganz haben die Vorstände dieses einstmals stolze deutsche Geldinstitut tief in die Krise gerissen. Ein klares Geschäftsmodell ist schon lange nicht mehr zu erkennen. Erst wurden die Privatkunden verprellt und an ein Tochterinstitut abgeschoben, später wurde diese Klientel wieder umworben. Zunächst setzten die Deutsch-Banker alles daran, die Postbank zu kaufen, jetzt will man sie loswerden. Das klingt nicht gerade nach einer konsistenten Geschäftsstrategie, sondern nach hochnäsigem Aktionismus.

Nein, man muss auch nicht unbedingt einen Volkswagen fahren und dafür einen vergleichsweise hohen Preis zahlen, um die Bezüge der vielleicht bestbezahlten Vorstände in Deutschland zu finanzieren. Und man muss die Abgasmanipulationen nicht als Kavaliersdelikt abtun.

 

Doch zweifellos gehören beide ‒ sowohl die Deutsche Bank als auch VW ‒ zu den Ikonen der deutschen Wirtschaft. Es sind (oder waren) weltweit geschätzte Top-Marken, die einst für deutsche Zuverlässigkeit, Solidität und Qualität standen, vergleichbar nur mit Daimler, BMW, Siemens ‒ und früher vielleicht noch mit der Lufthansa.

 

Wirtschaftskrieg auf offener Bühne


Deutsche Bank und VW – beide sind, zugegebenermaßen, durch eigene Schuld schwer angeschlagen. Doch was wir seit einigen Monaten erleben, hat vorrangig nichts mehr mit hohen Kreditrisiken und dem erheblichen Imageschaden durch den Einsatz von Abgas-Schummelsoftware zu tun. Wir erleben sozusagen auf offener Bühne einen Wirtschaftskrieg der ganz besonderen Art. In den Hauptrollen: US-Regierungsvertreter, Manager, Richter und einflussreiche Journalisten. Und wir ahnen, wie das alles enden könnte.

 

Unverkennbar wird die Deutsche Bank seit einigen Monaten von jenseits des Atlantiks quasi sturmreif geschossen. Für viele US-amerikanische Finanzwebsites ist die größte deutsche Bank schon seit 2013 ein wichtiges Thema. Die Deutsch-Banker säßen auf einem gefährlichen Pulverfass von Derivaten. Von bis zu 75 Billionen US-Dollar ist da mitunter die Rede. Sollte dieses Pulverfass explodieren, dann käme es wohl tatsächlich zu einem Finanz-Armageddon.

 

Und allen, die nicht in den amerikanischen Finanzblogs unterwegs sind, erklärt Jim Rogers, was da auf uns zukommen könnte. Der Hedgefonds-Manager, von manchen Medien als »Investment-Legende« gepriesen, sagte unlängst in einem Interview, er halte die Deutsche Bank bereits für bankrott. Wir erinnern uns, welche Konsequenzen es hatte, als der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, im Februar 2002 Ähnliches, wenngleich in verklausulierter Form, über die finanzielle Lage der Kirch-Gruppe sagte. Andere Finanzexperten packen noch einen drauf: Ein Zusammenbruch der Deutschen Bank würde Lehman Brothers wie die Insolvenz einer Provinzbank aussehen lassen.

 

Damit nicht genug: Der Internationale Währungsfonds (IWF) bezeichnete die Deutsche Bank als das »weltweit gefährlichste Geldinstitut«. Beim sogenannten Stresstest der US-Notenbank Fed fiel Deutschlands größte Bank durch, die Ratingagentur Standard & Poor’s versah die Deutsche Bank jüngst mit einem negativen Ausblick und drohte mit einer Herabstufung von BB+ auf BBB. Zudem prüfen US-Finanzaufseher, ob die Deutsche Bank gegen die bestehenden Russland-Sanktionen verstoßen hat. Schon im Februar sah sich Wolfgang Schäuble veranlasst, öffentlich zu äußern, er mache sich »keine Sorgen« um Deutschlands größtes Finanzhaus. Hintergrund war ein dramatischer Absturz des Aktienkurses der Deutschen Bank.

 

Die Deutsche Bank im Visier der US-Konkurrenz


Zwischenzeitlich sackte der Kurs der Aktie noch tiefer ab. Im Jahr 2012 musste man für eine Deutsche-Bank-Aktie zeitweise über 35 Euro zahlen. Unlängst stürzte der Kurs auf 11,215 Euro – und es werden bereits Wetten darauf abgeschlossen, wann die Papiere der Bank für einen einstelligen Euro-Preis zu haben sind. Spätestens dann aber ist das Ziel erreicht – die Deutsche Bank wäre ein Übernahmekandidat für eine der amerikanischen Großbanken.

 

VW wiederum glaubte bereits, das Schlimmste überstanden zu haben. Erst im Juni verständigten sich die Wolfsburger mit US-Behörden und Privatklägern auf einen 15,3 Milliarden US-Dollar teuren Vergleich. Damit sollte der Abgasskandal endlich bereinigt sein. Doch die Hoffnung währte nur kurz. Schon haben sich drei US-Bundesstaaten, darunter New York, zu Wort gemeldet und angekündigt, weiter gegen den deutschen Automobilkonzern zu klagen. Wenn es hingegen um den offenkundigen Abgasskandal des US-Autobauers General Motors geht, scheinen US-Politiker und Richter deutlich nachsichtiger zu sein.

 

Vor wenigen Tagen forderten der Generalstaatsanwalt von New York, Eric Scheiderman, und seine Kollegin aus Massachusetts, Maura Healy, »Hunderte von Millionen Dollar« an zusätzlichen Strafen für VW. Erstmals wurde in einer Klage auch der derzeitige VW-Chef Matthias Müller namentlich erwähnt. Er sei schon frühzeitig über die Manipulationen informiert gewesen, heißt es.

 

Weitere Klagen sind nicht ausgeschlossen. Aus Insiderkreisen verlautet, im schlimmsten Fall müsse VW rund 90 Milliarden Dollar zahlen. Eine willkommene Geldspritze für die klammen USA. Und eine nachhaltige Schwächung für einen bislang sehr starken Mitbewerber auf dem US-amerikanischen Automobilmarkt.

 

Die Hoffnung, die amerikanische Justiz und die hinter ihr stehenden Politiker könnten vor allzu drakonischen Strafen zurückschrecken, um den VW-Konzern nicht in seiner wirtschaftlichen Substanz zu gefährden, dürfte sich als trügerisch erweisen. Natürlich sind sich auch die Amerikaner darüber im Klaren, dass die deutsche Regierung – die bekanntlich schon Opel in einer äußerst fragwürdigen Inszenierung vor der Pleite rettete – einem Konzern wie VW im Fall der Fälle wirtschaftlich – sprich: mit Steuermilliarden – helfen würde.

 

Möglicherweise fallen die Strafen für VW doch etwas geringer aus. Das könnte von der deutschen Position bei den TTIP-Verhandlungen abhängen. Sollte das umstrittene Freihandelsabkommen noch in der Amtszeit von Obama unter Dach und Fach sein, muss Wolfsburg möglicherweise einige Milliarden weniger überweisen.

 

 


 

 

 

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Michael Brückner ist freier Wirtschaftsjournalist, Autor und Kommunikationsberater. Er war lange Jahre als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen tätig, bevor er die Ressortleitung eines betriebswirtschaftlichen Fachverlags übernahm und dann als Chefredakteur zu einem politisch-wirtschaftlichen Monatsmagazin wechselte. Zudem verfasste er zahlreiche Bücher zu Finanz- und Europathemen.

 

 

 

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