
Der gesamte Bestand an Lebensversicherungen belief sich in Deutschland Ende 2009 auf 90,8 Millionen Verträge mit einer Versicherungssumme von 2.527,8 Milliarden Euro. Das sind 1,9 Prozent weniger als im Jahr 2008. (1)
Nach wie vor ist die Lebensversicherung also ein wichtiger Bestandteil der Vorsorge und Absicherung bei den Bürgern. Umso wichtiger scheint ein unabhängiges Kontrollorgan in Zeiten von Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrisen zu sein, das den Versicherern auf die Finger schaut. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin genannt, übt diese wichtige Funktion im öffentlichen Interesse aus. Ihr Hauptziel ist es, ein funktionsfähiges, stabiles und integres deutsches Finanzsystem zu gewährleisten. Bankkunden, Versicherte und Anleger sollen dem Finanzsystem vertrauen können.
Im BaFin-Jahresbericht 2009 heißt es ohne Umschweife: »Versicherer leiden ebenfalls unter den steigenden Unternehmensinsolvenzen und der zunehmenden Arbeitslosigkeit. Schwächere Beitragseinnahmen, ein wachsender Schadenaufwand und höhere Stornoquoten sind die Folge (…) Als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise wurden bereits im Jahr 2008 mehrere deutsche Versicherungsunternehmen bezüglich ihrer Finanzstärke herabgestuft. Dieser Trend setzte sich im Jahr 2009 fort. Wieder standen den Rating-Verbesserungen (Upgrades) mehr Herabstufungen (Downgrades) gegenüber. Zudem sind die Rating-Ausblicke für einige deutsche Versicherer negativ. Inwieweit sich die negativen Ausblicke in künftige Herabstufungen niederschlagen, hängt entscheidend von den weiteren Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise ab (…) Das eingelöste Neugeschäft in der selbst abgeschlossenen Lebensversicherung ging 2009 von 6,47 Mio. um 7,9 Prozent auf 5,96 Mio. Neuverträge zurück.« (2)
Damit gibt die BaFin zu, dass die Lebensversicherer ebenfalls unter der Weltschuldenkrise zu leiden haben. Höchste Vorsicht ist also geboten. Dennoch will die Aufsichtsbehörde die Anlagevorschriften für die Assekuranz lockern, um die Stabilität der Finanzmärkte zu erhöhen. Dadurch sollen Notverkäufe von griechischen Staatsanleihen verhindert werden. Das stabilisiert vielleicht den Finanzmarkt, aber was wird aus dem Kapital der Kunden?
Das Handelsblatt meldete: »Die Finanzaufsicht BaFin kommt Versicherern entgegen und beugt Notverkäufen von Staatspapieren im Zuge der Schuldenkrise vor. Deshalb erweiterte die Behörde ›bis auf Weiteres‹ die Anlagegrenzen für Versicherer. Die Gesellschaften dürfen nun mehr als fünf Prozent Hochzinsanleihen in ihren Kapitalanlagen halten (…) Dazu zählen auch griechische Anleihen und Darlehen, in die deutsche Versicherer etwa zehn Mrd. Euro investiert haben. Die Aufseher reagieren mit der Lockerung auf die Ratingherabstufung von Griechenland. Die Anleihen des Landes gelten nun an den Märkten nicht mehr als solide Anlage, sondern als Ramsch.« (3)
Im Klartext: Die BaFin sorgt dafür, dass die Lebensversicherer ihre Anleihen von de facto bankrotten Staaten wie Griechenland als Kapitalanlagen behalten, obwohl sie an den Märkten nur noch als »Junk« gehandelt werden.
Auslöser für dieses nicht gerade kundenfreundliche Verhalten waren wohl die massiven Umschichtungen des belgisch-niederländischen Versicherers Ageas (vormals Fortis), der im ersten Halbjahr 2010 Staatsanleihen aus Portugal, Italien, Griechenland und Spanien im Wert von 8,8 Milliarden Euro verkauft hatte. (4) Dass auch deutsche Versicherer so handeln, will die BaFin verhindern. Zwar will man mit keinen Zahlen rausrücken, wie sehr sich die deutschen Lebensversicherer in den maroden PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien) engagiert haben, aber Angaben des Handelsblatts zufolge hat die deutsche Assekuranz in Griechenland etwa zehn Milliarden Euro investiert. Die Investments der Allianz beliefen sich dem zufolge in den PIIGS-Staaten Ende März 2010 auf 14,3 Milliarden Euro und die niederländische ING hat insgesamt 91 Milliarden in globalen Staatsanleihen investiert. (5)
Versicherer betrachten Staatsanleihen aus dem Euro-Raum bisher als »Null-Risiko« und selbst im neuen Versicherer-Regelwerk Solvency II (das ab 2013 gelten soll) muss für Staatsanleihen kein Eigenkapital als Sicherheit zurückgelegt werden. (6) Sogar der Präsident des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Rolf-Peter Hoenen, fordert, dass Staatsanleihen entsprechend ihrem Risiko bewertet werden müssen. (7) Die BaFin sieht das entspannt und erwartet, dass »Versicherer auch eventuelle Risiken aus Staatsanleihen angemessen in ihren internen Risikomanagement- und Kontrollprozessen mit berücksichtigen« (8).
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Quellen:
(1) ’09 Jahresbericht der BaFin, Frankfurt, veröffentlicht am 10. April 2010, S. 86
(2) Ebd., S. 17, 32, 85f.
(3) Handelsblatt vom 04.06.2010
(4) Ebenda
(5) Handelsblatt vom 28.05.2010
(6) Ebenda
(7) Handelsblatt vom 09.06.2010
(8) Handelsblatt vom 28.05.2010
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