Monday, 30. May 2016
26.06.2010
 
 

Kein Geld? Kein Problem, bezahlen Sie stattdessen mit Zeit!

Michael Grandt

Amerikanische »Time Banks« erlauben ihren Mitgliedern, anstatt mit Geld mit »Zeit-Dollar« zu bezahlen. Das Prinzip »Zeit statt Cash« könnte sogar eine Alternative zur gegenwärtigen Gesellschaft sein.

Die anhaltende Wirtschaftskrise bekam auch Maria Villacress zu spüren, denn ihrem Verlobten wurde kurzerhand die Hälfte der Arbeitsstunden gestrichen, weil das Unternehmen weniger Umsatz machte. Das schien ihre schon lang geplante Hochzeit zu gefährden.
In ihrer Verzweiflung suchte Maria eine Time Bank auf, die mit einer Art modernem Tauschhandel klammen Menschen hilft, Dinge zu bekommen, ohne dass sie dafür mit Geld bezahlen müssen.
Da die 28-Jährige fließend Englisch und Spanisch spricht, verdient sie sich seither Zeitdollars als medizinische Dolmetscherin und bietet zudem Ausritte sowie Haustiersitting an. In der Gemeinschaft bezahlt sie Dienstleistungen mit Zeitdollars, die normalerweise Hunderte von Dollars kosten würden. Andere Mitglieder der Time Bank ermöglichten ihr wiederum ihre Hochzeit: Am großen Tag saß zwar eine völlig Fremde an ihrem Esstisch, die ihr Make-up auftrug, aber das war egal, es kostete kein Geld, nur ihre Zeit. Ein Mitglied lieferte den Kuchen, wiederum andere brachten Essen und dekorierten den Festsaal. Während der Zeremonie machten Zeitbanker Fotos und spielten Orgel. Die Hochzeit war gerettet.
Das Prinzip des Timebanking funktioniert ganz einfach: Mitglieder der Zeitbank bekommen Kredite für Dienstleistungen, die sie wiederum anderen Mitgliedern anbieten. Diese Dienstleistungen reichen von Hausmeistertätigkeiten, Autofahrten, Elektro- oder Hausreparaturen bis zu Thai Chi und vielem mehr. Für jede Stunde Arbeit geht ein Zeitdollar auf ein Konto des Mitglieds.
Zahlreiche Zeitbanken wurden bereits in wirtschaftlich stark gebeutelten Kommunen der Vereinigten Staaten gegründet und so helfen sich Abertausende von Anhängern gegenseitig, die harten wirtschaftlichen Zeiten durchzustehen.
Anders als bei normalen Transaktionen besteht Zeitbanking in der Regel aber nicht auf Gegenseitigkeit. Stattdessen geht beispielsweise Jane für John babysitten. John repariert Marys tropfenden Wasserhahn. Mary fährt Tom zum Arzt und so weiter. Alle verdienen ihre Zeitdollars. Ihre Arbeit wird immer gleich bewertet. Eine Stunde Arbeit ergibt einen Zeitdollar, der nicht einmal steuerpflichtig ist.
Daraus ergeben sich aber nicht nur finanzielle Vorteile, sondern es geht auch um den Ausbau der sozialen Kontakte. Etwa dadurch, dass man über gemeinsames Organisieren den Nachbarn besser kennenlernt und ein stärkeres Gefühl für die Gemeinschaft entwickelt. Die Menschen glauben, der beste Weg, um in dieser unberechenbaren Welt am besten überleben zu können, ist, lokale Beziehungen zu knüpfen und die regionale Wirtschaft zu unterstützen.
Time Banks USA, die Interessengruppe dieser Gemeinschaftsbörsen mit Sitz in Washington verzeichnet ein stark ansteigendes Interesse der Bevölkerung an ihrem Modell. Rund 115 Time Banks sind in den Vereinigten Staaten bereits bundesweit tätig und weitere 100 sind in der Entwicklungsphase. Die Anzahl der Mitglieder schwankt. Angaben nach sollen es bereits mehr als 15.000 sein, Tendenz steigend.
»Die Menschen erkennen durch das Zeitbanking eine Möglichkeit, mit dem wirtschaftlichen Druck umzugehen, vor allem an den Orten, die am stärksten von der Rezession betroffen sind«, sagt Jen Moore, Outreach-Koordinatorin von Time Banks USA, nicht ohne Stolz.
Auch im US-Bundesstaat Maine, wo Papier- und Schuhfabriken schließen mussten, gibt es für Zeitdollars alles zu kaufen: wenn man will, Gitarrenunterricht auf dem Hof oder auch ein Gebet. In Kalifornien gibt es Haarschnitte, Steuerhilfen und Aromatherapien, in Michigan Kinderbetreuung, Klempnerarbeiten und Yoga.
Die 29-jährige Winborne Evans setzt auch auf eine Zeitbank, um ihr Baby versorgen zu lassen, während sie Sonderschichten als Kellnerin schiebt. Evans verdient sich ihre Zeitdollars ebenfalls beim Babysitting – bei Kindern anderer Mitglieder, die Hilfe brauchen, etwa um eine Imkerei zu gründen.
»Ich bin seit Kurzem alleinerziehende Mutter und kann mir nicht vorstellen, wie es ohne Zeitbank gehen könnte. Vor allem, weil ich mir selbst gar keinen Babysitter leisten könnte«, sagt Evans.
Aber auch älteren Menschen kommt der Grundgedanke des Time Banking zugute. Dienstleistungen wie Gartenarbeiten, Putzen, Kochen und Einkaufen haben es beispielsweise der 79-jährigen Joan Stevenson ermöglicht, weiter in ihrem Haus zu bleiben und auf betreutes Wohnen zu verzichten. Sie wiederum verdient sich Zeitdollars, indem sie Artikel für den Newsletter schreibt, Gruppentreffen in ihrem Haus organisiert und anderen Mitgliedern bei der Jobsuche und dem Verfassen von Lebensläufen hilft.
Da die Wirtschaft geschwächt ist, sind die Menschen einfach wieder dazu übergegangen, die kreativen Ressourcen innerhalb einer Gemeinschaft wahrzunehmen, so wie sie es früher taten.


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Quelle: AP
Mitarbeit: Alexander Strauß

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