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| Dr. Carsten Zielke |
Erst eine Finanz-, dann eine Weltwirtschafts- und jetzt eine Schuldenkrise. Viele Menschen fragen sich, ob das Geld, das sie in ihre Lebensversicherung einbezahlt haben, auf Dauer überhaupt noch sicher ist. Grund genug also für den Kopp Verlag, ein Exklusiv-Interview mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht* und Herrn Dr. Carsten Zielke, dem Managing Director und Senior Insurance ALM Analyst (Strategic Institutionals) der Société Générale, einer der ältesten und wichtigsten Geschäftsbanken, zu führen.
Damit der Leser die unterschiedlichen Einschätzungen, zum einen des Bankenexperten und zum anderen der Bundeskontrollbehörde, besser einordnen kann, habe ich deren Antworten untereinander gestellt, obwohl ich die Interviews getrennt geführt habe.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) scheute sich hingegen vor der Beantwortung der Fragen. Trotz mehrfacher Zusagen sagte er schließlich das Interview in letzter Sekunde ab.
Michael Grandt: Gibt es Erkenntnisse darüber, in welchem Umfang die deutschen Versicherer in Staatsanleihen von Griechenland, Portugal, Spanien, Italien, Irland und Großbritannien investiert haben?
BaFin: Die von uns abgefragten Versicherungsgruppen weisen ein Exposure in Griechenland von unter einem Prozent aus und liegen je nach PIIGS-Staaten in einer Bandbreite von rund einem bis fünf Prozent der gesamten Kapitalanlagen.
Dr. Carsten Zielke: Wir gehen von circa acht Prozent der investierten Kapitalanlagen aus.
Michael Grandt: Wie hoch ist der Anteil, den die Versicherer bei den verschiedenen Landesbanken investiert haben?
BaFin: Vor dem Hintergrund der bankaufsichtlichen Verschwiegenheitspflichten veröffentlicht die BaFin keine Zahlen zu den Anlagen einzelner deutscher Kreditinstitute beziehungsweise Institutsgruppen. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis.
Dr. Carsten Zielke: Etwa zwölf Prozent.
Michael Grandt: Die Assekuranz ist durch Pfandbriefe, Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen mit dem Risiko der Banken verbunden. Sehen Sie darin eine Gefahr?
BaFin: Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Versicherer nicht wie Banken zur Krise beigetragen, sondern sich in der bisherigen Krise als stabilisierendes Element erwiesen haben. Die BaFin sieht die Stabilität des deutschen Versicherungssystems auch weiterhin nicht als gefährdet an. Daneben bestehen aber in der Tat traditionell enge Finanzbeziehungen mit deutschen Banken. Diese Beziehungen sind langfristig gewachsen und profitieren von den beschlossenen und umgesetzten Stabilitätsmaßnahmen.
Gleichzeitig sind die Versicherer aber – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa – wichtige Investoren und unterliegen damit den indirekten Auswirkungen der Krise. Versicherer können darum nicht immun sein gegenüber den aktuellen, dramatischen Kapitalmarktverwerfungen. Wie bei allen am Finanzmarkt Beteiligten wird die Finanzkrise daher auch bei den Versicherern ihre Spuren hinterlassen, zum Beispiel durch Abschreibungen auf ihre Kapitalanlagen. Die Netto-Verzinsung bzw. das Kapitalanlageergebnis wird voraussichtlich sinken. Auch das niedrige Zinsniveau kann den Versicherern mittelfristig zu schaffen machen. Die BaFin erwartet gleichwohl, dass die deutsche Versicherungsbranche besser durch die Krise kommen wird als andere Finanzunternehmen in Europa. Denn ihre Geschäftspolitik und Anlagestrategie war und ist langfristig und konservativ ausgerichtet. Sie haben zum Beispiel deutlich geringe Aktienvolumina im Portfolio als andere europäische Versicherer.
Dr. Carsten Zielke: Etwa 60 Prozent der Kapitalanlagen deutscher Versicherer sind entweder direkt oder indirekt mit Bankrisiken behaftet. Dies stellt einen zu hohen Anteil dar. Da sich dieses Exposure vor allem auf deutsche Banken bezieht, sehen wir hier ein Klumpenrisiko.
Michael Grandt: Laut BaFin halten 17 Großbanken per Ende 2009 allein 213 Milliarden Euro an Verbriefungspapieren. Davon haben zehn Prozent eine Bonität im Ramsch-Bereich. Hat dies Auswirkungen auf die Versicherer, die Anteile der Banken halten?
BaFin: Mit dem Gesetz zur Fortentwicklung der Finanzmarktstabilisierung wurde der Weg für die Gründung sogenannter Bad Banks freigemacht. Dorthin können die Banken ihre »faulen« Wertpapiere auslagern und ihre Bilanzen von diesen Papieren bereinigen. Von dieser Regelung können indirekt auch die Versicherer profitieren.
Dr. Carsten Zielke: Man muss zwischen Bankpapieren mit Staatsgarantie und denen ohne unterscheiden. Wo keine Staatsgarantie vorliegt, bei etwa zwei Drittel aller Bankpapiere, ist die Bonität der Papiere natürlich mit der Solidität des begebenen Instituts verbunden.
Michael Grandt: Jörg Asmussen, Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen sagte: »Öffentliche Pfandbriefe sind durch Forderungen gegen Staaten und deren Untergliederungen sowie gegen öffentliche Stellen gesichert, also von höchster Bonität.« Angesichts der Hilfspakete für angeschlagene EU-Länder eine mutige Aussage. Wie stehen Sie dazu?
BaFin: Als Verwaltungsbehörde steht es der BaFin nicht zu, derartige Äußerungen zu kommentieren. Auch dafür bitte ich um Ihr Verständnis.
Dr. Carsten Zielke: Rechtlich stimmt die Aussage. Aber natürlich könnte die Bonität Deutschlands selbst durch die Hilfspakete an andere Staaten in Mitleidenschaft gezogen werden. Dies sehen wir derzeit jedoch nicht.
Michael Grandt: Das Zinsniveau bleibt extrem niedrig. Gibt es Anzeichen dafür, dass manche Versicherungen bereits an die Reserven gehen?
BaFin: Im Herbst 2009 führte die BaFin eine Datenerhebung bei den Lebensversicherern durch, die speziell auf die Untersuchung der dauerhaften Erfüllbarkeit der abgegebenen Zinsgarantien ausgerichtet war. Dazu bat die BaFin die Lebensversicherer um standardisierte Prognoserechnungen zu drei Kapitalmarktszenarien. Neben einem an den erwarteten Verhältnissen ausgerichteten Szenario gab die Aufsicht zwei pessimistisch gestaltete Szenarien vor, die einen weiteren Zinsrückgang beinhalteten. Der Prognosezeitraum erstreckte sich bis zum Jahr 2018. Als Ergebnis der Prognoserechnungen zeigte sich, dass die Unternehmen auch die pessimistischen Szenarien wirtschaftlich bestehen könnten.
Dr. Carsten Zielke: Wir sind selbst vom niedrigen Zinsniveau überrascht. Die Versicherer müssen immer mehr reguläre Abläufe bedienen, sodass wir schon davon ausgehen, dass Reserven realisiert werden.
Michael Grandt: Macht sich der Wertverlust des Euro (November 2009: 1,51 USD; heute ca. 1,30 USD) für die Versicherten bemerkbar?
BaFin: Nach den Anlagevorschriften dürfen Versicherungsunternehmen das gebundene Vermögen nur in Vermögenswerten anlegen, die auf dieselbe Währung lauten, in der die Versicherungen erfüllt werden müssen. Die vorstehenden Regelungen lassen nur wenig Spielraum zu einer Anlage in Fremdwährung. Die Fremdwährungsrisiken aus Vermögensanlagen können die Versicherer mit derivativen Finanzinstrumenten absichern.
Dr. Carsten Zielke: Aufgrund von Vorschriften, dass man währungskongruent anlegen muss, macht sich der Wertverlust nur bei den international agierenden Versicherern bemerkbar.
Michael Grandt: Ist eine Kapitallebensversicherung Ihrer Meinung nach noch rentabel, wenn man die steuerlichen Abzüge bei der Auszahlung, die Inflation, die schmale Garantieverzinsung betrachtet?
BaFin: Im Bereich der Versicherungsaufsicht gehört es zu den Aufgaben der BaFin, die Belange der Versicherten ausreichend zu wahren und sicherzustellen, dass die Verpflichtungen aus den Versicherungsverträgen jederzeit erfüllbar sind. Die Rentabilität und Vorteile eines bestimmten Produktes hat demgegenüber jeder potenzielle Kunde, gegebenenfalls nach fachkundiger externer Beratung, für sich selbst zu beurteilen.
Dr. Carsten Zielke: Das ist eine gute Frage. Aufgrund meiner persönlichen Inflationserwartung rate ich eher zur Investition in fondsgebundene Lebensversicherungen.
Michael Grandt: Ich danke Ihnen für das Gespräch.
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* Interview BaFin: Die Fragen 1, 2, 3, 6 und 8 wurden von Herrn Ben Fischer beantwortet; die Fragen 4, 5, 7, 9 und 10 von Frau Kathi Schulten.
Hinsichtlich des Interviews mit Dr. Carsten Zielke danken wir Frau Elke Pawellek vielmals für die Übermittlung (Archiv Grandt).
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