Spekulationen mit »Papier«-Edelmetallen
Michael Grandt
Edelmetalle erzielen immer neue Höchstpreise. Und findige Finanzinstitute verkaufen nun neue Anlageprodukte, die auf die Preisentwicklung von Gold oder Silber wetten. Kritiker warnen: Wer Papier-Gold oder -Silber kauft, der hat nichts verstanden.
Die globale Wirtschafts- und Finanzlage bleibt angespannt. Nicht nur in der Eurozone sorgen fast bankrotte Staaten für Unsicherheit. Auch in den USA braut sich mit der Entscheidung zur Fortsetzung der lockeren Geldpolitik Unheil zusammen. Viele Menschen haben Angst um ihr Erspartes und investieren deshalb in Edelmetalle wie Gold und Silber. Deren Preise erklimmen, dank der steigenden Nachfrage, immer neue Höchststände. Gold klettert bereits in Richtung 1.100 Euro je Unze und auch der Silberpreis hält sich jenseits der 30-Euro-Marke auf einem 30-Jahres-Hoch. Die Investorenstimmung für die beiden Edelmetalle ist so gut wie schon lange nicht mehr. Natürlich wollen sich Finanzinstitute diesen Trend zunutze machen und damit Geld verdienen. Jetzt kommen neue Produkte auf den Markt, die neue Anleger ansprechen sollen – allerdings nicht mit »physischen« Edelmetallen, sondern als Zertifikate. Es wurden verschiedene Papiere aufgelegt, die einerseits von einem anhaltenden Gold- und Silberboom profitieren sollen und ausschließlich für offensive Investoren gedacht sind. Etwa ein Sprintzertifikat (WKN: HV5CLQ) der HypoVereinsbank (HVB) mit einer Laufzeit von etwas mehr als zwei Jahren, das bis zum Cap von 120 Prozent die eng am Goldpreis orientierte Entwicklung der »Xetra-Gold-Anleihe« gleich zweimal hebelt.
Die Schweizer Privatbank Vontobel brachte kürzlich ein Silberminen-Basketzertifikat (WKN: VT00SM) mit einer Laufzeit von ebenfalls zwei Jahren auf den Markt, das die Aktienkursentwicklung von Minenunternehmen zeichnet, deren Erträge ebenfalls vom Silberpreis abhängig sind.
Für vorsichtigere Anleger, die zwar Edelmetalle als Depotbeimischung sinnvoll finden, aber keine Risiken eines Direktinvestments eingehen wollen, dürften diese Zertifikate jedoch unsicher sein. Viele Investoren schrecken vor dem jederzeit möglichen Preisverfall bei Gold und Silber zurück und auch vor Währungsverlusten; sie sind deshalb vorsichtig.
Die Credit Suisse hat für diese Anleger ein Capped Bonuszertifikat (WKN: CS8AFY) aufgelegt, das bis zu einem Niveau von 160 Prozent eins zu eins an einem möglichen Anstieg des Goldpreises partizipiert. Am Ende der Laufzeit von rund drei Jahren wird die Rückzahlung des Ausgabepreises vorgenommen, wenn das Gold zu diesem Zeitpunkt nicht mit 25 Prozent oder mehr im Minus notiert.
Der Verlust beschränkt sich demnach auf den Ausgabeaufschlag von einem Prozent, und nur wenn die Barriere am Bewertungstag durchbrochen ist, erfolgt die Rückzahlung analog zur Wertentwicklung des Goldpreises. Die eingebaute Währungssicherung schließt zudem wechselkursbedingte Einflüsse auf die Rückzahlung aus. Dieses Zertifikat eignet sich demnach für Anleger, die grundsätzlich mit einer weiteren Edelmetall-Hausse rechnen, das ihr Kapital zwar gegen leichte Verluste des Goldpreises schützt, aber keine Bonusrendite aufweist.
Doch egal, wie Edelmetallzertifikate letztlich konstruiert sind, Kritiker weisen darauf hin, dass Kunden bei Emittenten, ob Banken oder andere, die insolvent gehen könnten, ein erschwertes oder gar kein Zugriffsrecht mehr haben und demnach abwarten müssen, wie die Abwicklung vonstatten geht. Dies könne beim Besitz von physischen Edelmetallen, sofern sie nicht in einem Schließfach, sondern privat gelagert werden, nicht geschehen. So wurde beispielsweise den Kunden der isländischen Kaupthing-Bank, die nur mit Staatshilfe von der Insolvenz gerettet wurde, der Zugriff auf ihre Gold- oder Silberlagerungen mehrere Monate verwehrt.
Zertifikate bleiben also ein auf Papier geschriebenes »Versprechen«, manche bezeichnen sie sogar als »Wettscheine«, die mit einem Anschlag der Enter-Taste auf der Computertastatur verschwunden sein können.
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