Thursday, 24. May 2012
21.05.2010
 

Chinesische Öko-Musterstadt im Bau – es geht auch ohne Atomkraft

Wang Xin Long

In der Provinz Xinjiang, im Nordwesten Chinas, entsteht eine neue, umweltfreundliche Stadt. Sie soll ihren Energiebedarf fast ausschließlich aus kohlenstoffneutralen Energien beziehen. Doch auf Atomkraft verzichten kann Peking auch künftig nicht.

Turpan ist eine für chinesische Verhältnisse relativ kleine Stadt mit nur 250.000 Einwohnern. Mehr als 75 Prozent der Einwohner sind Uiguren oder Hui, Turkvölker moslemischen Glaubens. Die Stadt liegt im gleichnamigen Regierungsbezirk der Provinz Xinjiang, der nordwestlichsten Provinz Chinas. Die Regierung in Peking hatte die dortige Bezirksregierung aufgefordert, im Stadtbezirk von Turpan eine Fläche von knapp neun Quadratkilometern für das Bauprojekt bereitzustellen.

Der Energiebedarf der Stadt soll fast ausschließlich aus CO2-neutralen Energien gewonnen werden, hauptsächlich aus Wind-, Thermal- und Solarenenergie. Aufgrund der geografischen Lage mit mehr als 3.200 Sonnenstunden bietet sich die Region als Solarfabrik durchaus an. (Die Stadt Freiburg im Breisgau kommt als deutscher Spitzenreiter gerade einmal auf 1.740 Sonnenstunden im Jahr.) Mehr als 13 Megawatt elektrischer Energie versprechen sich die Planer von den Photovoltaikkraftwerken, die in Turpan angesiedelt werden sollen. Die Energie soll ausreichen, um die Haushalte, aber auch den öffentlichen Transport umweltfreundlich mit Energie zu versorgen; Busse und Taxis sollen mit Elektromotoren ausgestattet und von Solarenergie gespeist werden. Bei der Umsetzung des Projektes werden neueste Technologien genutzt, um die natürlichen Energien effektiv ausbeuten zu können. So kommen zum Beispiel spezielle Wärmepumpen zum Einsatz, die die Wärmeenergie der tief und verborgen gelegenen Thermalquellen möglichst verlustfrei fördern sollen.

Der Anspruch einer Null-Emissions-Stadt ist natürlich ein hochgestecktes Ziel, aber die Planer sind optimistisch, denn das Projekt selbst wird auf höchster Regierungsebene geführt: Das Umwelt- und Ressourcenschutzkomitee des Volkskongresses in Peking ist Schirmherrin, und auch für die praktische Umsetzung des Bauvorhabens zeichnen sich namhafte Institute verantwortlich.

Das Bauvorhaben und die damit beauftragten Institutionen spiegeln den Willen der chinesischen Regierung wider, im Bereich des Umweltschutzes und der Verringerung von Emissionen eine internationale Führungsrolle einzunehmen. Die Chinesen haben zwar im internationalen Vergleich eine der geringsten Pro-Kopf-Emissionen, die Gesamtbevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen hat aber einen Energiebedarf, der zwangsläufig global gesehen nicht zu vernachlässigen ist. Ob CO2-Emissionen nun tatsächlich der Klimakiller numero uno sind, sei im Rahmen dieses Artikels der Einfachheit wegen dahingestellt. Die Regierung in Peking leitet aber aus der Diskussion rund um den Klimawandel zumindest eine Verantwortung ab: Auf der einen Seite geht es darum, das Land dem internationalen Wirtschafts- und Industriesystem anzugleichen, auf der anderen Seite aber soll dieses Bestreben möglichst umweltverträglich vonstatten gehen.

China war in der Vergangenheit immer wieder zu Recht das Ziel harscher Kritik für den mit der Industrialisierung einhergehenden Raubbau an der Natur und derer Ressourcen. Die Regierung versucht daher bereits seit geraumer Zeit den Ansprüchen von Umwelt- und Naturschutz gerechter zu werden.

Im Jahr 2006 wurde das Gesetz über Erneuerbare Energien in Kraft gesetzt, welches dem Anspruch auf eine drastische Emissionsreduzierung gerecht werden soll. Das Gesetz sieht vor, den Anteil erneuerbarer Energien von derzeit neun Prozent auf über 40 Prozent bis ins Jahr 2050 zu steigern. Dieses Ziel ist nicht einmal zu hochgesteckt. Denn die chinesische Regierung investiert in zunehmendem Maße Geld in die Erschließung erneuerbarer Energien. Bereits im Jahre 2008, zwei Jahre nachdem das Gesetz erlassen wurde, betrug das Investitionsvolumen in die Nutzung erneuerbarer Energien fast vier Milliarden RMB, mehr als zwei Milliarden Euro. Insofern darf es nicht wundern, dass über das Land verteilt gigantische Energieparks entstehen – die meisten davon unter Verwendung westlicher Technologien und Expertise. Insofern ist Chinas Bestreben nach einem umweltverträglichen Wachstum nicht nur ein Segen für die Umwelt, sondern auch für deutsche Arbeitsplätze. Und die Zahl der Aufträge, die an westliche Unternehmen vergeben werden, wächst ständig.

Es soll ebenfalls erwähnt werden, dass China bei der Energieversorgung auch weiterhin auf die Kernenergie setzt. Hiervon profitieren ebenfalls deutsche Unternehmen, deren Mitarbeiter sich über die rationale Herangehensweise der chinesischen Regierung freuen dürfen. Kritiker sind aufgeordert, noch einmal weitere fünf bis zehn Jahre zu warten, bis der Ausstieg vom Ausstieg in den meisten europäischen Ländern vollzogen sein wird. Denn eines ist klar: Der weltweite Energiebedarf wird weiter steigen, und er wird gedeckt werden müssen. Und da den meisten Menschen die Jacke näher ist als die Hose, wird die (gute) alte Atomkraft spätestens dann aus dem Hut gezogen werden, wenn einzelne Teile der Bevölkerung den ersten Abstrichen in der Energieversorgung entgegenzittern. Während das Gerangel um die Kernkraft in den westlichen Ländern unter anderem darin mündete, dass einige Nationen aus der Atomkraft ausstiegen, damit sie sich den Atomstrom von den wenigen Hundert Kilometern entfernten, wesentlich älteren und unsichereren Kraftwerken der Nachbarn kaufen können, waren solche Diskussionen in China nie auf der Tagesordnung.

Für die emissionsfreie Muster-Stadt Turpan sind keine Atomkraftwerke geplant. Hierfür ist die Region zu sehr mit alternativen Energieerzeungsmöglichkeiten bestückt. Nein, man will neue Wege gehen und neue Möglichkeiten erschließen, unter Beibehaltung altbewährter Optionen. Ende des Jahres sollen in Turpan bereits 7.000 Wohnungen zum Bezug bereit stehen; die ersten Familien und Regierungsstellen werden einziehen. Bei Abschluss des Projektes sollen insgesamt 60.000 Menschen in der chinesischen Öko-Musterstadt eine neue Heimat finden. Sie sollen dort möglichst umweltfreundlich leben und arbeiten. Ob das Projekt ein Erfolg werden wird, ist offen. Es ist ein Experiment.

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