»Buy land. They’re not making it anymore.«
(»Kauft Land. Sie stellen es nicht mehr her.«)
Mark Twain
Zwar war die Getreideknappheit im letzten Jahr einerseits hauptsächlich dem Zugriff von Spekulanten geschuldet, die plötzlich zigtausende Tonnen des Grundnahrungsmittels aufkauften, um ihr Kapital in den stürmischen Zeiten sicher anzulegen. Auch in den armen Ländern gab es genug Reis und Weizen in den Geschäften, nur zu Preisen, die die Armen nicht bezahlen konnten. Dadurch kam es zu Plünderungen.
Andererseits schätzen Institute wie der American Farmland Trust, dass Hunderttausende von Hektar an Ackerland verloren gehen durch Erosion, Stadtentwicklung und Klimaveränderungen. Die Balance zwischen vom Menschen besiedelten und zum Ackerbau brauchbaren Land verschiebt sich immer mehr zu ungunsten des Ackerlandes, sagen die Experten.

Afrika beispielsweise könne bis 2050 etwa 110 Millionen Hektar Ackerland aufgrund des Klimawandels verlieren.
In den Vereinigten Staaten schrumpft die landwirtschaftlich nutzbare Fläche hauptsächlich durch die Ausweitung der Stadtgebiete. Zwischen 1992 und 1997 ist die Anbaufläche um fast drei Millionen Hektar geschrumpft, das ist die Größe des Bundesstaates Maryland. Der Bau von Autobahnen, Industrieansiedlungen, Einkaufsparks und riesigen Vorstadtsiedlungen während der Zeit des Aufblühens der Immobilienblase hat weite Flächen verschlungen.
Und in den USA gibt es einen neuen Feind, der auch die existierenden Felder bedroht: Pigweed. Dieses riesige Unkrautgebüsch verbreitet sich besonders dort, wo genmanipulierte Monsanto-Saaten angebaut wurden, die mit dem Unkrautvernichtungsmittel »Roundup« behandelt werden müssen. Das eliminiert alle anderen Pflanzen – außer Pigweed. Dieses Gewächs ist so hart und zäh, dass es die Gentech-Pflanzen überwuchert und mit nichts mehr auszurotten ist. Viele Hektar an Feldern mussten von den Farmern schon aufgegeben werden.
China sieht seine Bevölkerung trotz rigoroser staatlicher Familienplanung wachsen. Die arabischen Staaten haben sogar ein noch höheres Tempo im Wachstum ihrer Bevölkerung vorgelegt. In den Wüstenstaaten sorgte bislang der Ölreichtum für genügend Geld, um Nahrungsmittel im großen Umfang einzuführen. Das ist aber ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft. Südkorea verzeichnet ebenfalls eine stetig wachsende Bevölkerung. Alle diese Staaten lösen dieses Problem, indem sie Ackerland in anderen Teilen der Welt aufkaufen, oft in großem Umfang. Sie senden Agrarexperten vor Ort, die die Kultivierung und die Ernten überwachen und den Ertrag direkt in die Heimatländer verschicken.

Süd-Korea beispielsweise erwarb 690.000 Hektar Land im Sudan, die arabischen Emirate 400.000 Hektar. Saudi-Arabien hat darüber hinaus für 100 Millionen Dollar Land in Äthiopien geleast, auf dem nun Weizen, Gerste und Reis angebaut wird. Aber auch private Gesellschaften und Investoren sichern sich Ackerland.
Das südkoreanische Schwerindustrieunternehmen Hyundai erwarb in Sibirien 10.000 Hektar Land, sogar die amerikanische Bank Morgan Stanley kaufte 40.00 Hektar Ackerland in der Ukraine. Auch die schwedische Firma Alpcot Agro sicherte sich 128.000 Hektar in Russlands Weiten. Es gibt sogar Konkurrenz am russischen Ende der Welt: Die schwedische Firma BEF (Black Earth Farming) hat seit 2006 300.000 Hektar gekauft. BEF-Geschäftsführer Sture Gustavson sieht eine große Herausforderung darin, bei Woronesch, etwa 600 Kilometer südlich von Moskau, die riesigen Flächen urbar zu machen und mit modernster Technik Rekordernten einzufahren.
Russland ist ein riesiges, dünnbesiedeltes Land. Seine Bauern, die in den einsamen Weiten wohnen, bearbeiteten den Boden bisher meist mit äußerst rückständigen Methoden. Im menschenleeren Südwesten Russlands liegen viele Millionen von Hektar an außerordentlich fruchtbarem Ackerland. Dort kostet ein ganzer Hektar immer noch nur wenige hundert Dollar. Es ist ausgeruhte, gute schwarze Erde, sehr humusreich und mit hoher Feuchtigkeitsspeicherkapazität. Die Region mit idealem schwarzem Ackerboden in Russland und Teilen der Ukraine ist ein Gebiet, das mehr als halb so groß ist wie Deutschland.
Obwohl ein großer Teil der alten sozialistischen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften nach dem Fall der Sowjetunion verfallen sind, ist Russland auch heute mit den nur zu 30 Prozent genutzten Feldflächen einer der größten Weizenexporteure der Welt. Auf den idealen Böden wachsen traumhafte Ernten heran. Der ungenutzte Boden konnte viele Jahre ruhen.
Die Russen profitieren jetzt nicht nur vom Kaufpreis und den Abgaben. Sie beobachten auch den Einsatz von innovativer Hightech in der Landwirtschaft und finden Arbeit auf den großen Superfarmen der Fremden. Internationale Investmentfonds sind nicht selten die Geldgeber hierfür. Auch wenn die Ausländer trotz aller russischer Bürokratie die landwirtschaftliche Produktion in Russland mit Gewinn betreiben – die Russen arbeiten daran, ihre eigene Produktion nach diesem Muster zu optimieren und die Getreideexporte noch deutlich in die Höhe zu fahren.

Die Welt braucht mehr und mehr Getreide, sagt Dimitrii Katalevski, ein Finanz-Analyst. Und in der schnell wachsenden Bevölkerung Asiens ändern sich die Essgewohnheiten hin zu Milchprodukten und Getreide.
Die russische Landwirtschaftsministerin Elena Skrinnik sieht das Potenzial, die jährliche Getreideproduktion Russlands auf 120 Millionen Tonnen in den nächsten zehn Jahren zu steigern und damit den jährlichen Export von 50 Millionen Tonnen zu verdoppeln.
Um solche Mengen an Getreide zu lagern, müssen Silos im großen Maßstab gebaut werden. Eine Investition, die zu einem großen Teil durch die ausländischen Investoren getätigt wird. Präsident Medwedew ist’s zufrieden, das kann Russland später nur zugute kommen.
Der Gedanke, dass Konzerne, Großinvestoren und Spekulanten die Hand auf Grundnahrungsmittel der Menschheit legen, ist beängstigend. Es ist nicht davon auszugehen, dass damit moralischer und verantwortungsvoller umgegangen wird als mit den Vermögenswerten. Die Folgen einer ungebremsten Profitgier auf diesem Sektor erleben wir gerade.
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