Samstag, 19. August 2017
05.04.2015
 
 

Diese Linse muss geputzt werden: Vergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkriegs

Janne Jörg Kipp

Es passiert im Kongo, es passiert im Irak und im Südsudan. Es passierte auf dem Balkan und im Zweiten Weltkrieg. Die massenhafte Vergewaltigung von Frauen gehört seit jeher zur finsteren Realität von Kriegen. Doch meistens wird dieser Teil der Barbarei verschwiegen. Und manchmal – so wie am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland − wird nur ein Teil davon erzählt, wenn überhaupt.

 

Es ist der »korrekte Teil« sozusagen, in diesem Fall die von »animalischen Rotarmisten« in der späteren sowjetischen Besatzungszone begangenen Massenvergewaltigungen. Die Wahrheit ist: In den drei westlichen Zonen fanden solche Vergewaltigungen einmarschierender Truppen an deutschen Frauen ebenfalls statt.

 

Manchmal sogar tage- oder wochenlang, wie die Historikerin und Journalistin Miriam Gebhardt in ihrem Buch Als die Soldaten kamen auf einfühlsame Weise bedrückend darlegt.

 

»Die Linse, durch die wir auf diese Zeit schauen, muss mal dringend geputzt werden«, stellt die Autorin in dem fesselnd geschriebenen Buch auf Basis ebenso geduldiger wie akribischer Archiv-Recherche fest. Dokumente zu den Gräueln an Frauen im und nach dem Krieg sind rar, musste Gebhardt feststellen. Und kaum jemand ist davon überrascht.

 

Doch Gebhardt hat herausgefunden, dass es vor allem Pfarrer waren, die in ihren Notizen am Ende des Zweiten Weltkrieges die Vergewaltigungen deutscher Frauen aufzeichneten. Denn viele der Opfer wandten sich damals an die Kirche und suchten in deren Räumen Unterschlupf.

 

Gebhardt fragt sich am Anfang ihres Buches, wie es kam, dass sie 70 Jahre nach dem Ende des Weltkriegs solches Interesse daran entwickelte, in dieses »finstere Tal hinabzusteigen« und den Vorwurf zu riskieren, sie rechne die Verbrechen der Nazis mit den Taten der Alliierten auf.

 

Frühere Versuche, das Thema Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Krieges aufzuarbeiten, hätten zudem gezeigt, dass in vielen Fällen der Glaubwürdigkeit der Opfer misstraut wurde.

 

Der wichtigste Grund für Gebhardt, dieses unterdrückte und verschwiegene Thema anzupacken, ist ihre Erkenntnis, »dass ein erheblicher Teil der Betroffenen überhaupt nie als Opfer anerkannt worden ist«. Das Ausmaß der sexuellen Verbrechen an Frauen zum Ende des Zweiten Weltkriegs ist gewaltig. Es könnte unter Einbeziehung von Dunkelziffern in die Millionen gehen.

 

 

Nach Gebhardts Berechnungen »wurden mindestens 860 000 Frauen (und auch etliche Männer) im Nachkrieg vergewaltigt«. Mit 190 000 davon ist laut Schätzung der Autorin fast jede vierte Frau Opfer einer sexuellen Gewalttat durch amerikanische Soldaten geworden. − Von den Opfern sei jedoch nie gesprochen worden.

 

Aus Gründen, die man nicht gutheißen, aber nachvollziehen kann: In der damaligen DDR kehrte das Regime die »Untaten des ›Großen Bruders‹ gezielt unter den Teppich«. Im Westen Deutschlands wurde gleichzeitig über das Treiben der »Befreier«, die den Massenmord der Nazis beendeten − und den Vernichtungskrieg stoppten − tunlichst hinweggesehen.

 

Schlimmer noch: Vielen Frauen in der englischen, französischen und amerikanischen Besatzungszone wurde unterstellt, den westlichen Soldaten zugetan gewesen zu sein und »fraternisiert« zu haben. Frauen, so wurde unterstellt, seien in der Armut und dem Elend nach dem Krieg leicht zu haben gewesen, oft für eine Tafel Schokolade.

 

Die meisten Deutschen glauben heute, so Gebhardt, »die kriegsbedingte sexuelle Gewalt sei ein Problem der Sowjetsoldaten gewesen, während die anderen Alliierten eher vor liebestollen deutschen Frauen geschützt werden mussten«.

 

Mitverantwortlich für diese völlig an der Realität vorbeigehende Sichtweise sind aber nicht nur Ideologie und einseitige Aufarbeitung − begünstigt durch eine miserable Dokumentenlage – erklärt Gebhardt. Eine Mitschuld trage auch das Fehlen systematischer Aufarbeitungsversuche mit einem größeren Publikum.

 

Demnach gab es bisher mit dem Tagebuch Anonyma sowie einem Problemaufriss der Feministin und Filmemacherin Helke Sander aus den 90er-Jahren nur zwei Aufarbeitungsversuche, die ein größeres Publikum erreichen konnten.

 

Miriam Gebhardts Buch hat es definitiv verdient, den noch fehlenden Durchbruch zu schaffen und diese gravierende historische Lücke zu schließen. Ohne reißerisch zu sein oder einseitig zu wirken, dokumentiert die Autorin über lange Strecken nach Besatzungszonen gegliedert schier unvorstellbare Grausamkeiten. Sie wird dabei nie voyeuristisch.

 

Im zweiten Kapitel über Berlin und den Osten schildert sie, wie sowjetische Truppen im Januar 1945 im westpreußischen Elbing in einer lokalen Volksschule eigens Zimmer für Vergewaltigungen einrichteten und zwei Mal am Tag Frauen in diese »Höllenräume« mitnahmen, um sie zu vergewaltigen.

 

Nach der bestialischen Orgie wurden 800 Männer und Frauen aus dem Ort zu einem »Todesmarsch« in die 21 Kilometer entfernte Stadt getrieben. Auf dem Weg dorthin kamen drei Viertel von ihnen ums Leben.

 

In einem anderen Teil des lesenswerten Buches mit der Überschrift »Niemandszeit« schildert Gebhardt, wie am Kriegsende die amerikanischen Truppen Moosburg an der Isar einnahmen. Das Städtchen liegt unweit des heutigen Flughafens am Erdinger Moos.

 

Eine friedliche Übergabe der Stadt durch den Bürgermeister wurde durch die Waffen-SS sabotiert. Während die Einwohner in den Kellern kauerten, begannen die Amerikaner sich zu rächen.

 

Sie plünderten systematisch die ganze Stadt. Beim Pfarrer liefen umgehend die ersten Berichte von Vergewaltigungen ein. Die Militärregierung befahl damals, Listen mit Namen und Alter aller Hausbewohner an den Eingängen anzubringen. Es war eine offene Einladung an die Soldaten, sich die Frauen zu holen, wie sich sehr bald zeigte.

 

Miriam Gebhardt nimmt mit diesem Buch nicht nur kunstvoll die Perspektive der Opfer ein, sie widmet auch ein ganzes Kapitel den Folgen, die die sexuellen Gewalttaten am Ende des Krieges hatten. Sie beschreibt eindrücklich, wie die vergewaltigten Frauen in späteren Jahren immer wieder zu Opfern wurden: von Ärzten, die Abtreibungen willkürlich befürworteten oder ablehnten, von Sozialfürsorgern, die Schwangere in Heime steckten, von Juristen, die Entschädigungen verweigerten. Und kollektiv auch von einer ganzen Gesellschaft, die bis in unsere Tage die massenhaft verübten Verbrechen am liebsten verschweigen und verdrängen würde.

 

Miriam Gebhardt hat diese fortgesetzte Unterdrückung der Wahrheit mit dem bewegenden und fabelhaft recherchierten Buch beendet.

 

 

Miriam Gebhardt; Als die Soldaten kamen; Gebunden, 350 Seiten

Kopp Verlag Artikelnummer: 121698; Preis: 21,99 €; Versandkostenfrei in Europa, inkl. MwSt.

 

 

 

 

 

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Leser-Kommentare (52) zu diesem Artikel

09.04.2015 | 22:53

claus doehring

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich, dass der französische General Koenig die Stadt Freudenstadt nach der Besetzung in 1945 für drei Tage freigab für brandschatzen, plündern und vergewaltigen. Bei der Wehrmacht stand darauf die Todesstrafe.


09.04.2015 | 22:42

claus doehring

In diesem Zusammenhang erinnere ich daran, dass der französische General Koenig nach Besetzung von Freudenstadt im Schwarzwald seinen Soldaten drei Tage gewährte , in der Stadt nach belieben zu Brandschatzen, Rauben und Vergewaltigen. Im dritten Reich stand darauf die Todesstrafe.


09.04.2015 | 21:26

Rainer Ernst

Was macht eigentlich inzwischen das "Asylat Vorra". Hat man die Täter endlich geschnappt?


09.04.2015 | 02:05

Charles Frey

Hi, this is only a test to establish why most of my comments don´t get through.


07.04.2015 | 22:56

Alter Knacker

Letzter Teil: In Le Havre, we’d been given booklets warning us that the German soldiers had maintained a high standard of behavior with French civilians who were peaceful, and that we should do the same. In this we failed miserably. ( In Le Havre haben wir Broschüren erhalten mit der Warnung/Ermahnung, dass sich die deutschen Soldaten sehr anständig gegenüber friedlichen französischen Zivilisten verhalten haben und wir es ihnen nachtun sollten. In dieser Hinsicht haben wir...

Letzter Teil: In Le Havre, we’d been given booklets warning us that the German soldiers had maintained a high standard of behavior with French civilians who were peaceful, and that we should do the same. In this we failed miserably. ( In Le Havre haben wir Broschüren erhalten mit der Warnung/Ermahnung, dass sich die deutschen Soldaten sehr anständig gegenüber friedlichen französischen Zivilisten verhalten haben und wir es ihnen nachtun sollten. In dieser Hinsicht haben wir jämmerlich versagt. ) “So what?” some would say. “The enemy’s atrocities were worse than ours.” It is true that I experienced only the end of the war, when we were already the victors. The German opportunity for atrocities had faded, while ours was at hand. But two wrongs don’t make a right. Rather than copying our enemy’s crimes, we should aim once and for all to break the cycle of hatred and vengeance that has plagued and distorted human history. This is why I am speaking out now, 45 years after the crime. We can never prevent individual war crimes, but we can, if enough of us speak out, influence government policy. We can reject government propaganda that depicts our enemies as subhuman and encourages the kind of outrages I witnessed. We can protest the bombing of civilian targets, which still goes on today. And we can refuse ever to condone our government’s murder of unarmed and defeated prisoners of war. I realize it’s difficult for the average citizen to admit witnessing a crime of this magnitude, especially if implicated himself. Even G.I.s sympathetic to the victims were afraid to complain and get into trouble, they told me. And the danger has not ceased. Since I spoke out a few weeks ago, I have received threatening calls and had my mailbox smashed. But its been worth it. Writing about these atrocities has been a catharsis of feelings suppressed too long, a liberation, that perhaps will remind other witnesses that “the truth will make us free, have no fear.” We may even learn a supreme lesson from all this: only love can conquer all. Wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde,


07.04.2015 | 22:53

Alter Knacker

3. Teil: On May 8, V.E. Day [1945], I decided to celebrate with some prisoners I was guarding who were baking bread the other prisoners occasionally received. This group had all the bread they could eat, and shared the jovial mood generated by the end of the war. We all thought we were going home soon, a pathetic hope on their part. We were in what was to become the French zone [of occupation], where I soon would witness the brutality of the French soldiers when we transferred...

3. Teil: On May 8, V.E. Day [1945], I decided to celebrate with some prisoners I was guarding who were baking bread the other prisoners occasionally received. This group had all the bread they could eat, and shared the jovial mood generated by the end of the war. We all thought we were going home soon, a pathetic hope on their part. We were in what was to become the French zone [of occupation], where I soon would witness the brutality of the French soldiers when we transferred our prisoners to them for their slave labor camps. On this day, however, we were happy. As a gesture of friendliness, I emptied my rifle and stood it in the corner, even allowing them to play with it at their request. This thoroughly “broke the ice,” and soon we were singing songs we taught each other, or that I had learned in high school German class (“Du, du, liegst mir im Herzen”). Out of gratitude, they baked me a special small loaf of sweet bread, the only possible present they had left to offer. I stuffed it in my “Eisenhower jacket,” and snuck it back to my barracks, eating it when I had privacy. I have never tasted more delicious bread, nor felt a deeper sense of communion while eating it. I believe a cosmic sense of Christ (the Oneness of all Being) revealed its normally hidden presence to me on that occasion, influencing my later decision to major in philosophy and religion. Shortly afterwards, some of our weak and sickly prisoners were marched off by French soldiers to their camp. We were riding on a truck behind this column. Temporarily, it slowed down and dropped back, perhaps because the driver was as shocked as I was. Whenever a German prisoner staggered or dropped back, he was hit on the head with a club and killed. The bodies were rolled to the side of the road to be picked up by another truck. For many, this quick death might have been preferable to slow starvation in our “killing fields.” When I finally saw the German women held in a separate enclosure, I asked why we were holding them prisoner. I was told they were “camp followers,” selected as breeding stock for the S.S. to create a super-race. I spoke to some, and must say I never met a more spirited or attractive group of women. I certainly didn’t think they deserved imprisonment. More and more I was used as an interpreter, and was able to prevent some particularly unfortunate arrests. One somewhat amusing incident involved an old farmer who was being dragged away by several M.P.s. I was told he had a “fancy Nazi medal,” which they showed me. Fortunately, I had a chart identifying such medals. He’d been awarded it for having five children! Perhaps his wife was somewhat relieved to get him “off her back,” but I didn’t think one of our death camps was a fair punishment for his contribution to Germany. The M.P.s agreed and released him to continue his “dirty work.” Famine began to spread among the German civilians also. It was a common sight to see German women up to their elbows in our garbage cans looking for something edible — that is, if they weren’t chased away. When I interviewed mayors of small towns and villages, I was told that their supply of food had been taken away by “displaced persons” (foreigners who had worked in Germany), who packed the food on trucks and drove away. When I reported this, the response was a shrug. I never saw any Red Cross at the camp or helping civilians, although their coffee and doughnut stands were available everywhere else for us. In the meantime, the Germans had to rely on the sharing of hidden stores until the next harvest. Hunger made German women more “available,” but despite this, rape was prevalent and often accompanied by additional violence. In particular I remember an eighteen-year old woman who had the side of her faced smashed with a rifle butt, and was then raped by two G.I.s. Even the French complained that the rapes, looting and drunken destructiveness on the part of our troops was excessive.

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