Mittwoch, 23. August 2017
05.02.2012
 
 

Verschwiegene Wahrheiten: Antworten von Zeitzeugen zur »Kollektivschuld«

Michael Brückner

Die »deutsche Schuld« – eine historische Hypothek, die auch noch künftigen Generationen aufgebürdet wird? Unter den vielen Büchern, die sich mit dem Thema »Kollektivschuld« auseinandersetzen, sticht eines hervor: Die faktenreiche Recherche von Professor Konrad Löw. In seinem umfassenden Werk Deutsche Schuld 1933 – 1945? lässt er bisher ignorierte Zeitzeugen zu Wort kommen. Sie geben Antworten, die vielerorts nicht gern gehört werden.

Eine bizarre Szene in einer weitgehend zerbombten deutschen Stadt im Jahr 1945: Fassungslos steht ein etwa zwölfjähriger Junge vor einem Plakat, das Leichenberge aus Konzentrationslagern zeigt. Darüber steht anklagend: »Diese Schandtaten – Eure Schuld!«. Der Jugendliche wird am

Abend seine Mutter fragen, welche Schuld er denn auf sich geladen habe. Und er wird erfahren, dass er noch ein Säugling war, als jener, der für diese Schandtaten verantwortlich ist, an die Macht kam.

Gleich auf den ersten Seiten seines Buches Deutsche Schuld 1933 – 1945? erwähnt der Jurist und Politologe Professor Konrad Löw diese scheinbare Marginalie aus dem Nachkriegsdeutschland. Er erwähnt sie, weil der Vorgang unmittelbar zur zentralen Frage führt: »Diese Schandtaten – Eure Schuld! Wer ist der Adressat dieser Anklage? Alle Deutschen? Auch der Knabe? Auch die Kinder und die noch nicht Geborenen eingeschlossen? Auch die Gegner Hitlers? Auch die von Hitler verfolgten Nichtjuden...?«, bringt Löw das Thema seines fast 450 Seiten umfassenden Werkes auf den Punkt.

Der Autor beantwortet diese Fragen nicht allein, sondern er lässt Zeitzeugen zu Wort kommen – jüdische und nichtjüdische, deutsche und ausländische. Sie alle haben sich sehr differenziert mit der immer wieder diskutierten »Kollektivschuld« der Deutschen auseinandergesetzt. Doch die Antworten, die sie gaben, wurden weitgehend ignoriert. Sie passten nicht in den Mainstream. Konrad Löw hat diese verschwiegenen Antworten zusammengetragen, mit wissenschaftlicher Akkuratesse dokumentiert und thematisch strukturiert.

Aus seiner persönlichen Einschätzung macht Löw keinen Hehl. Niemand bestreite die furchtbaren Verbrechen des Nationalsozialismus. Und unbestritten sei auch, dass Hunderttausende von Deutschen an diesen Verbrechen beteiligt waren und schwerste Schuld auf sich geladen haben. »Aber genügt dieser Sachverhalt, um alle Glieder dieses Volkes .... rechtmäßig zu stigmatisieren, mit dem Vorwurf der Komplizenschaft an dem entsetzlichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu entehren?«, fragt der Autor.

Außer Frage stehe, dass zahlreiche Deutsche den Verfolgten vielfältig geholfen hätten. Nicht von ungefähr sei 2008 in Berlin die Gedenkstätte »Stille Helden« eröffnet worden, die das Schicksal von Judenhelfern dokumentiere. Auf der anderen Seite standen die Hunderttausende, die schwerste Schuld auf sich geladen haben. Und der große Rest? Wird, wer zuschaut, automatisch zum Schuldigen? Löw gibt eine juristisch und ethisch fundierte Antwort: Ja, unterlassene Hilfe könne eine Schuld begründen. Allerdings nur, wenn diese Hilfe erstens möglich und zweitens zumutbar gewesen wäre. »Die Voraussetzungen für eine Pflicht zum Handeln müssen aber in jedem Einzelfall nachgewiesen werden... Wer aus ›Zuschauern‹ ohne Weiteres ›Schuldige‹ macht und von ›Zuschauerstaaten‹ spricht, klagt letztlich alle Welt an«, schreibt Konrad Löw.

Nicht nur das. Mit einer entsprechenden Argumentation könnten alle Menschen im Handumdrehen zu potenziellen Mördern gemacht werden. Wenn alle Täter Menschen sind – sind dann alle Menschen potenzielle Täter? Der US-amerikanische Soziologe Daniel Jonah Goldhagen, Autor des Buches Hitlers willige Vollstrecker, argumentiert in dieser Weise, wenn er schreibt: »Wie unsere Untersuchungen ergeben haben, können, ja müssen die Schlussfolgerungen aus dem Handeln der Polizeibataillone und ihrer Angehörigen auf das deutsche Volk insgesamt übertragen werden. Was diese ganz gewöhnlichen Deutschen taten, war auch von anderen ganz gewöhnlichen Deutschen zu erwarten«.

Konrad Löw stellt dem ein Zitat des US-amerikanischen Holocaustexperten Raul Hilberg entgegen, der feststellte: »Nicht alle Vollstrecker waren Deutsche, nicht alle Opfer waren Juden«.

Vorworte und Nachworte von Büchern werden häufig überblättert. Im Fall des vorliegenden Werkes empfehlen wir diese Lektüre aber ausdrücklich. Das Vorwort verfasste der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD). Er schreibt: »Es gab ... viel Zivilcourage auch während der Nazi-Jahre in Deutschland. Wir sollten diese nicht aus missverstandener ›politischer Korrektheit‹ verdrängen. Professor Löw verschiebt mit seinem Buch unseren Blickwinkel wieder ein wenig in Richtung der wahren Helden unserer Geschichte in diesen dunkelsten Jahren Deutschlands.«

Das Nachwort verfasste Alfred Grosser, deutsch-französischer Publizist jüdischer Herkunft. Darin heißt es: »Der Finger von außen zeigt noch immer auf die Deutschen schlechthin. Und innen sprechen auch noch allzu viele Deutsche, als hätten sie eine kollektive Schuld mitzutragen, so dass alles, was sich der Verallgemeinerung widersetzt, als störend empfunden wird«.

Insofern ist das außerordentlich faktenreiche Buch von Konrad Löw ein äußerst produktiver »Störer«.

 

Konrad Löw: Deutsche Schuld 1933-1945? Die ignorierten Antworten der Zeitzeugen, 446 Seiten, Hardcover, 39,90 Euro.

 

 


 

 

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