
Der ambitionierte Amateurfilmer und Bauingenieur Jiří Chmelíček wollte mit seiner 8-Milimeter-Kamera im Mai 1945 eigentlich die Geburtstagsfeier seiner Tochter dokumentieren, als vor seinem Haus eine Massenhinrichtung stattfand. Er filmte die Szene und so entstand das bisher einzige Filmdokument über das Massaker tschechoslowakischer Milizen nach Kriegsende an unschuldigen
deutschen Zivilisten. Chmelíček vergrub die Aufnahmen im Garten, damit der Geheimdienst und die Polizei sie nicht finden konnten. Dort blieben sie auch, bis er 1989 starb.
Erst Jahre später gab Helena Dvorackova den Film ihres Vaters an den Historiker Karel Čáslavský weiter, um ihn zu veröffentlichen. Doch dieser hielt die Aufnahmen fast zehn Jahre lang zurück, weil er die öffentliche Reaktion fürchtete. Erst als Regisseur David Vondracek, der selbst deutschstämmige Wurzeln hat, darauf aufmerksam wurde, kam der Film in die Öffentlichkeit.
Seither sorgen die Aufnahmen für große Aufregung und Zorn. Denn erstmals wurden Deutsche als Opfer eines grausamen Massakers zur besten Sendezeit im tschechischen Staatsfernsehen gezeigt. Anders als hierzulande war dies in Tschechien bis dahin ein absolutes Tabuthema. Eine Sequenz des Filmes Töten auf Tschechisch schildert die grausame Hinrichtung von über 40 deutschen Zivilisten, die zwei Tage nach Ende des Zweiten Weltkrieges, am 10. Mai 1945, im Prager Bezirk Borislavka auf der Straße Bořislavce Kladno erschossen wurden. Zuvor waren sie mit Peitschen und Gewehrkolben durch die Straßen getrieben worden. Es war wie auf einem Volksfest: lachende Menschen, angetrunkene Männer; Frauen und Kinder, die zusahen, wie die hilflose Horde der Deutschen wie Vieh angetrieben und dann erschossen wurde. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen haben es in sich:
Unschuldige Menschen werden von Soldaten brutal geprügelt. Männer und Frauen müssen auf der Straße knien. Was geht wohl in dem Kopf des Mannes im weißen Hemd und breiten Hosenträgern vor, als er um sich herum schon Menschen in einer Blutlache liegen sieht? Einem Kleinkind wird ein Tuch über den Kopf gestülpt, um es dann zu erschießen. 42 anderen Deutschen blüht das gleiche Schicksal. Am Straßenrand liegen bereits erschossene Leichen. Ein Militärfahrzeug fährt über die Körper und erfasst auch einen alten Mann, der kniend zwischen Leichen betet.
Der Hauptteil in Vondraceks Film Töten auf Tschechisch handelt von einem anderen Massenmord an Deutschen, dem im nordböhmischen Postoloprty, dem früheren Postelberg. Im Juni 1945 wurden dort mehr als 760 wehrlose Männer ermordet, die zuvor selbst ihre Gräber ausheben mussten. Erst 65 Jahre später wurde dort ein Mahnmal errichtet. Zuvor wurde heftig darum gestritten. Manch einer glaubt bis heute, dass es dieses Massaker gar nicht gegeben hat, sondern eine »sudetendeutsche Propaganda« sei. Doch einige Zeitzeugen leben dort heute noch. Die hat Vondracek besucht und interviewt.
Peter Klepsch, der Augenzeuge am Massaker an fünf deutschen Jungen war, sagte: »Wir haben schon vor dem Krieg einiges erlebt, aber das war die Wehrlosigkeit, die absolute Auslieferung an Gewalt ohne Schuldbewusstsein.«
Ottokar Löbl, der Vorsitzende des Fördervereins der Stadt Saaz/Žatec, schreibt: »Die ganzen Aktionen wurden von den tschechischen und sowjetischen Geheimdiensten geplant und organisiert, um das Terrain von Deutschen zu säubern und so vollendete Tatsachen für die Potsdamer Konferenz zu schaffen. Durchgeführt wurden diese Säuberungen von der regulären Volksarmee unter General Svoboda und mithilfe der Revolutionsgarden, die Hilfseinheiten der Armee waren. Es war nämlich kein Ausbruch des Volkszorns, sondern der erste Akt der neuen Staatsmacht (…). Es verbleibt die kollektive Verantwortung, so wie (bei) der deutschen Nation. Denn jede Nation ist kollektiv verantwortlich für die Untaten und Verbrechen, die aus ihr hervorgehen.«
Nicht nur deshalb wurde und wird der Film bis heute sehr emotional diskutiert. Man sprach sogar davon, dass das Filmmaterial »gefälscht« sei. Andere wiederum vertreten die Auffassung, dass diese Gräueltaten nicht die Tschechen zu verantworten gehabt hätten, sondern russische Soldaten. Aber dies ist eindeutig widerlegt. Dennoch war und ist immer wieder das Argument zu hören, dass dies die verdiente Strafe dafür sei, was die Deutschen den Tschechen angetan hätten.
Doch allen Verdrängungen und Verbiegungen zum Trotz zeigt der Film Töten auf Tschechisch mit drastischen Bildern, dass auch die Tschechen unschuldigen Frauen und Kindern Schreckliches angetan haben. Oder wie soll man sich sonst erklären, dass sich die Regierung in Prag 1997 in einer »Aussöhnungserklärung« für die »Exzesse« der Tschechen an den Deutschen in der Nachkriegszeit entschuldigte?
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