Montag, 5. Dezember 2016
02.06.2010
 
 

Adolf Hitler: Teufel, Dämon oder schwer misshandeltes Kind?

Michael Grandt

Nur Fachhistoriker wissen, dass Hitler als Kind brutal geschlagen wurde – und halten sich bedeckt. Aber gerade frühkindliche Gewalterfahrungen sind maßgeblich für die spätere Charakterbildung. Darf das, was für andere misshandelte Kinder gilt, aufgrund politischer Korrektheit, für Hitler nicht gelten?

Eine neue »medizinische Biografie« über Adolf Hitler mit dem Titel War Hitler krank?1 untersucht anhand des Nachlasses von Hitlers Leibarzt Morell, medizinischer Gutachten, pharmakologischer Analysen und Gesprächen mit Zeitzeugen den Gesundheitszustand des »Führers«. Bei allen Verdiensten der Autoren, die Thematik sachlich und objektiv aufzuarbeiten und vorzutragen, fällt jedoch auf, dass sie sich mit der Kindheit von Adolf Hitler wenig beschäftigt haben. Doch sind es gerade die frühkindlichen Jahre, die einen Menschen prägen. Das war bei Adolf Hitler nicht anders, zumal er in jungen Jahren offenbar massiver Gewalt durch seinen Vater ausgesetzt war.

I.  Es kann nicht sein, was nicht sein darf


Gewalt zu erfahren ist für jeden Menschen ein schwerer Eingriff in das Gefühl der eigenen Sicherheit. Demnach erleben Kinder und Jugendliche Gewalt als besonders bedrohlich und existenziell, denn sie sind ja hauptsächlich auf Schutz und Geborgenheit durch Erwachsene angewiesen.   
Die direkte Gewaltanwendung gegen Kinder gerade aus dem nahen Umfeld und durch Vertrauenspersonen wie Eltern haben dramatische Auswirkungen und Folgen für die kindliche Entwicklung: Bindungsangst, Ablehnung sozialer Beziehungen, Dominanzverhalten, Rückzug, Isolation, Schulversagen, Konzentrationsstörungen und erhöhte Aggressivität.2 Ob ein Kind dabei zu Schaden kommt, hängt aber nicht nur von der Härte und Intensität der Gewalthandlung ab, sondern auch von der Empfindlichkeit des kindlichen Organismus.3

Das gilt für alle Kinder und Jugendlichen. Aber auch für das Kind Adolf Hitler?
Die politisch korrekten Mainstream-Historiker, allen voran Guido Knopp, blenden dieses Tabu-Thema wohlweislich aus. Denn es kann und darf offenbar nicht sein, dass der »Schweinehund«, der »Kretin«, der »Brandstifter«, der »Mörder-Hitler«,4 sich durch die unkontrollierten Gewaltausbrüche seines Vaters posthum für seine Taten rechtfertigen könnte. Immerhin spricht Knopp Hitler eine »kranke Seele«5 zu, aber offensichtlich nicht im Kontext mit dessen erlittenen frühkindlichen Gewalterfahrungen.

Dennoch besteht die Möglichkeit, dass die »Seele« des kleinen Adolf tatsächlich »krank« gewesen ist. Das kann keine Entschuldigung, aber eine Erklärung dafür ein, wieso er sich als Erwachsener so verhielt, wie er es tat. Denn gerade die frühe Kindheit wird von Psychologen als besonders wichtig für die Entwicklung des Charakters angesehen. Spätfolgen körperlicher Misshandlungen sind nicht nur einzelnen Schlägen zuzuschreiben, sondern sind auch Auswirkungen einer Familiensituation, in der Kinder auf Dauer zu wenig Liebe, Geduld und Förderung erfahren, stattdessen ständig kritisiert, überfordert und bestraft werden.6 Dies traf vonseiten des Vaters auf Adolf und seine Geschwister zu. Dabei mussten wohl die Brüder Alois und Adolf die meisten körperlichen Gewaltausbrüche des Vaters über sich ergehen lassen.  

II. Zeugnisse der Gewalt


Renommierte Historiker beschreiben Hitlers Vater Alois als autoritär und selbstsüchtig,7 der Wert darauf legte, mit seinem korrekten Titel »Zollamtsoberoffizial« angesprochen zu werden. Einer seiner Kollegen bezeichnete ihn als »streng, genau, sogar pedantisch«.8 Der britische Historiker Ian Kershaw charakterisiert ihn so: »Er war insgesamt dreimal verheiratet, zunächst mit einer viel älteren Frau, dann mit Frauen, die seine Töchter hätten sein können (…) Alois Hitler war der Inbegriff eines provinziellen Beamten – ein Wichtigtuer, stolz auf seinen Status, streng, humorlos, sparsam, überpünktlich und pflichtbewusst. In der Gemeinde genoss er Respekt (…) Zu Hause trat er als autoritärer, anmaßender, herrschsüchtiger Ehemann und als strenger, distanzierter, gebieterischer und oft reizbarer Vater in Erscheinung.« An anderer Stelle skizziert Kershaw Alois Hitler zudem als »jähzornig«, »gefühlslos« und »herrisch«.9
Das dürfte wohl auch Folgendes unterstreichen: Der Zollamtsoberoffizial trat und prügelte seinen Hund auch dann noch, als das Tier vor Angst auf den Boden urinierte oder sich winselnd auf den Rücken warf und ihm demütig die Pfoten entgegenstreckte.10 Auch der Autor Erich Schaake stellt dem pedantischen Beamten kein gutes Zeugnis aus: Alois Hitler ließ »seine ganze Wut und seine unterdrückten Minderwertigkeitsgefühle an den Söhnen aus (…). Er brüllte und tobte und schlug sie blutig.«11
Das klingt dramatisch und übersteigt wohl bei Weitem die Härte der Erziehungsmaßnahmen, die zu jener Zeit gang und gäbe waren. Doch es war offensichtlich noch viel schlimmer: Bei der Befragung durch die  United States Army Criminal Investigation Command (CIC), der Militärstrafverfolgungsbehörde der US-Army, am 5. Juni 1946, gab Paula Hitler, Adolfs Schwester an, dass dieser die väterlichen Disziplinierungsversuche über sich ergehen lassen musste, aber auch den Vater »zu großer Härte« herausforderte.12
Paula berichtete auch der Sekretärin des Führers Christa Schroeder einige Zeit später von der extremen Härte ihres Vaters gegenüber ihrem Bruder13: »Adolf ist als Kind immer spät heimgekommen. Er hat jeden Abend seine Tracht Prügel gekriegt, weil er nicht pünktlich zu Hause war (…)«14
Angela, Adolfs Halbschwester, fragte ihn einmal, warum er denn nach der Schule nicht sofort heimkomme, wenn er doch wisse, was ihn sonst erwartet? Adolf antwortete: »Wenn ich heimgehe, werde ich vom Vater geschlagen, aber ich kann nicht spielen. Aber wenn ich wegbleibe, kann ich eine Stunde spielen und die Prügel dauern nicht länger als fünf Minuten.«15
Angela erinnerte sich auch daran, wie sie als Neunjährige verzweifelt versuchte, ihren Vater am Uniformrock festzuhalten, wenn dieser wie wahnsinnig auf ihren dreijährigen Bruder einschlug.16
Auch Alois jr., der Älteste der Hitlergeschwister, bestätigt, wie er und Adolf von ihrem Vater mit der Peitsche aus Nilpferdleder geschlagen wurden. Aber nicht nur gelegentlich, sondern jeden Tag und aus nichtigen Anlässen.17

Es gibt nur sehr wenige Zeugnisse und Aussagen Adolf Hitlers zur Aggression seines Vaters. Zu seinen Sekretärinnen Christa Schroeder und Johanna Wolf sagte er einmal im Treppenzimmer der Reichskanzlei: »Meinen Vater habe ich nicht geliebt, dafür um so mehr gefürchtet. Er war jähzornig und schlug sofort zu.«18 Von Hitlers Sekretärin Christa Schroeder ist zudem überliefert, dass er über Schläge sprach, die er von seinem Vater bekommen hatte. Er erzählte ihr, wie er bei Karl May gelesen habe, es sei ein Zeichen von Mut, seinen Schmerz nicht zu zeigen. Bei der nächsten Tracht Prügel weinte er nicht mehr, sondern er zählte jeden Schlag mit. Seine Mutter stand draußen ängstlich an der Tür, während er die zweiunddreißig Schläge mitzählte. Allerdings habe ihn sein Vater von da an nicht mehr angerührt.19

Überraschenderweise scheint Hitler auch mit Propagandaminister Joseph Goebbels über seine Eltern gesprochen zu haben, denn dieser notierte am 11. August 1932 in seinem Tagebuch: »Abends erzähle ich von zu Hause. Von Vater und Mutter. Beide haben mit Hitlers Eltern eine frappante Ähnlichkeit. Hitler ist ganz betroffen davon (…) Hitler hat fast genau dieselbe Jugend durchgemacht wie ich. Der Vater Haustyrann, die Mutter eine Quelle der Güte und Liebe.«20 Am 15. November 1936 noch ein weiterer Eintrag, nachdem Hitler von seinem »fanatischen Vater« erzählte.21

III. Ambivalente Vater-Sohn-Beziehung


Hat folgende Passage aus Mein Kampf etwas mit Adolf Hitlers bedrückenden Kindheitserinnerungen an den jähzornigen Vater und an die hilflose Mutter zu tun?: »Wenn aber dieser Kampf unter den Eltern selber ausgefochten wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen, die an innerer Rohheit oft wirklich nichts zu wünschen übrig lassen, dann müssen sich, wenn auch noch so langsam, endlich die Resultate eines solchen Anschauungsunterrichtes bei den Kleinen zeigen. Welcher Art sie sein müssen, wenn dieser gegenseitige Zwist die Form roher Ausschreitungen des Vaters gegen die Mutter annimmt, zu Misshandlungen in betrunkenem Zustande führt, kann sich der ein solches Milieu eben nicht Kennende nur schwer vorstellen. Mit sechs Jahren ahnt der kleine, zu bedauernde Junge Dinge, vor denen auch ein Erwachsener nur Grauen empfinden kann.«22
An anderer Stelle: »Kommt er [gemeint ist der Ehemann, MG] endlich Sonntag oder Montag nachts selber nach Hause, betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten Heller und Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, dass Gott erbarm. In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt.«23

Sind diese Zeilen, mit denen Hitler eigentlich »das Schicksal des Arbeiters«24 beschreiben wollte, in Wirklichkeit ein »codiertes« Zeugnis eigener Kindheitserlebnisse? Meint er mit »in Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt« nicht nur die Erfahrungen seiner frühen Wiener Jahre, sondern auch die Gewaltausbrüche seines Vaters und die eigenen häuslichen Verhältnisse?  
Gewiss, Alois Hitler scheint jähzornig, herrisch und gewalttätig gewesen zu sein, das bezeugen jedenfalls seine Kinder Angela, Paula, Alois und Adolf. Ob auch Klara, die Mutter, unter den Wutattacken leiden musste, ist insoweit unklar, dass nur Alois jr. beschrieb, dass auch sie den Demütigungen und Erniedrigungen des eigenen Ehemannes ausgeliefert gewesen war.25
Dem Alkohol jedenfalls war Alois offenbar nicht abgeneigt. Ob er letztlich Alkoholiker oder »nur« Trinker gewesen war, müssen andere beurteilen. Jedenfalls ging er regelmäßig ins Gasthaus, um dort ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken.26 Brigitte Hamann berichtet in ihrem Buch Hitlers Wien, dass die Mutter jeden Sonntag Mittag ihren elf Jahre alten Sohn losschickte, den Vater vom Frühschoppen abzuholen. Das Kind wartete brav, bis der Alte sein letztes Bier getrunken hatte und bereit war mitzukommen. Dann zog Adolf den torkelnden Mann heimwärts. Nicht selten geriet der Vater dabei in Wut.27
Am Samstag, 3. Januar 1903 starb Alois Hitler im Gasthaus Stiefler, als er gerade den ersten Schluck aus dem Weinglas nahm, an Lungenblutung, verursacht durch zu hohen Blutdruck.28 Sogar die Linzer Tagespost erwähnte in ihrem Nachruf Alois Hitlers strenges Gemüt und schrieb: »Fiel auch ab und zu ein schroffes Wort aus seinem Munde, unter einer rauen Hülle barg sich ein gutes Herz.«29

Adolf Hitler selbst scheint ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Vater gehabt zu haben, das wohl zwischen Furcht und Respekt angesiedelt war. In Mein Kampf beschreibt er ihn als »hart und entschlossen«30, der seine »Autorität rücksichtlos durchzusetzen«31 vermochte, aber auch: »Ich hatte den Vater verehrt, die Mutter jedoch geliebt.«32

IV. Posthume Zeugendiskreditierung


Anton Joachimsthaler fragt angesichts der erlebten Gewalt im Kindesalter zurecht: »Wie mögen sich Strenge und Lieblosigkeit des alten österreichischen k.u.k. Beamten auf den jungen Hitler ausgewirkt und welchen Einfluss mögen sie auf seine weitere Entwicklung genommen haben?«33
War Adolf Hitler also tatsächlich durch die Gewaltanwendungen seines Vaters geprägt? Die renommierte Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller unternahm bereits 1980 in ihrem Buch Am Anfang war Erziehung34 den Versuch, Hitler als Opfer seines brutalen Vaters darzustellen, mit der Schlussfolgerung, dass Adolf Hitlers Biografie der »Ausdruck eines tragischen Kinderschicksals« gewesen sei.35 Schnell kamen Vorwürfe auf, sie wolle damit Hitlers spätere Taten entschuldigen. Eine andere, einsichtigere Kritik an Millers Werk liegt darin begründet, dass sie zweifelhaftes Beweismaterial verwendete. So nahm sie beispielsweise das Ammenmärchen, dass der Vater von Adolfs Vater Jude war, für bare Münze36und diskreditierte sich damit in historischen Fachkreisen selbst.37
Der Fachautor Michael Hesemann schreibt: »Die zunehmende Gewalt durch den Vater hinterließ ihre Spuren an der verletzlichen Kinderseele des jungen Hitler. War er in Lambach noch ein aufgeschlossener Junge, der beste Noten von der Schule nach Hause brachte und nachmittags als Lausbub und kleiner Rädelsführer mit seinen Freunden und Schulkameraden durch die Natur tollte, zog er sich bald zunehmend in sich zurück und versagte auch in der Schule.«38

Heutige Wissenschaftler bejahen einen Zusammenhang zwischen frühkindlichen Gewalterfahrungen und Auswirkungen mit Folgen für die kindliche Entwicklung, die zum Teil dramatisch sind.
Knopp’sche Gutmenschen-Historiker blenden dieses Thema jedoch fahrlässig aus, weil es wohl nicht zum »Teufel« und »Dämon« Adolf Hitler passt. Zwei Beispiele: Der amerikanische Journalist Ron Rosenbaum ignoriert gleich die Aussagen aller Hitlergeschwister: »Wir haben hauptsächlich Hitlers eigenes wehleidiges Wort dafür, dass er das Opfer grausamer Schläge seines Vaters war, (…)«39 Das ist eine falsche Behauptung, denn sowohl Angela, Alois und Paula waren Augenzeugen und im Falle des Bruders ebenfalls Opfer der väterlichen Misshandlungen.
Die bereits erwähnten Autoren Hans-Joachim Neumann und Henrik Eberle lassen aber auch das nicht gelten: »Paula Hitler war sechs Jahre alt, als ihr Vater starb. Erinnerungen von Kindern können, wie jeder forensische Gutachter weiß, glaubwürdig sein, müssen es aber nicht sein.«40 Diese Schlussfolgerung lässt zwar zu, dass ein Kind auch die Wahrheit sagen kann, aber das scheint im Falle der Geschwister Hitler wohl nicht zu gelten, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Oder warum verschweigen die beiden Autoren bei ihrer suggestiven Stellungnahme, dass Adolfs Halbschwester Angela41 zum Zeitpunkt des Todes des Vaters neunzehn Jahre alt gewesen ist und Alois jr.42 fast einundzwanzig? Beide haben die Gewaltausbrüche des Vaters ebenfalls bestätigt. Lügen in diesem Falle dann auch die Erwachsenen?

Bemühen wir uns selbst: Wer von uns hat nicht die eine oder andere prägende Erinnerung an seine Kindheit? Würden wir derart brutale und ständig wiederkehrende Prügel wirklich vergessen?  
Kindern bei ihren Berichten über Gewalt keinen Glauben zu schenken, ist und war schon seit jeher der beste Schutz für die Täter.43 Kleine Kinder auf brutalste Weise zu schlagen scheint für den politisch korrekten Ron Rosenbaum und Autor des Buches Explaining Hitler, jedenfalls wenn es um die Rechtfertigung von Gewalt gegen Adolf Hitler geht, durchaus akzeptabel zu sein. Er schreibt: »Außerdem war die strenge körperliche Züchtigung von Kindern seinerzeit weit verbreitet.«44
Guido Knopp verklärt die massive väterliche Gewalt gegen die kleinen Hitler-Geschwister fast schon in romantischer Weise: »Was Hitler in seiner Jugend erlebte, war keineswegs untypisch für die Zeit: mütterliche Anbetung, Verwöhnung, Unterwürfigkeit einerseits; väterliche Härte und autoritärer Zwang andererseits (…)«45
Das ist wohl war, aber nicht jeder Vater schlug seine Sprösslinge wohl derart brutal wie Alois Hitler. Heute käme dieser wegen schwerer Kindesmisshandlung und Körperverletzung ganz sicher vor ein Gericht.46

V. Prägung oder Trauma?


Der Autor Anton Joachimsthaler resümiert: »Es scheint, dass die Gewalt, die Unterdrückung und der Zwang, die der junge Hitler durch seinen Vater erfuhr, zu einer traumatischen Störung in seiner Entwicklung führte.«47
Als Trauma oder Psychotrauma wird die Erinnerung einer Person an die Situation eines für sie seelisch einschneidenden Erlebnisses bezeichnet. Zu einer psychischen Traumatisierung kommt es, wenn das Ereignis die psychischen Belastungsgrenzen des Individuums übersteigt und nicht adäquat verarbeitet werden kann. So führt körperliche und seelische Gewalt fast immer zu einem mehr oder minder großen Trauma. Doch nicht jedes Ereignis muss auch zwangsläufig eine psychische Störung auslösen.48 Ob das bei Adolf Hitler der Fall gewesen sein kann, ist nicht hundertprozentig verifizierbar.
Jedenfalls kommen Hans-Joachim Neumann und Henrik Eberle zu dem abschließenden Befund, dass Hitlers Handeln nicht von einer krankhaften seelischen Störung beeinflusst worden war.49
Ian Kershaw schreibt in seiner Hitler-Biografie: »Wenn wir das Wissen um Hitlers Zukunft außer Acht lassen, dann rufen die familiären Gegebenheiten zumeist Mitgefühl für das Kind hervor, das ihnen ausgesetzt war.«50 Außer Zweifel steht, dass die früheste Kindheit eine tief greifende Wirkung auf ihn ausübte. Zudem wurzelte sein Charakter in dem vielschichtigen Geflecht der familiären Prägung.51

Welche Wunden die väterlichen Gewalttaten tatsächlich in dem kleinen Jungen ausgelöst haben, kann nicht abschließend beurteilt werden. Allerdings ist es historisch fahrlässig und entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, von vornherein davon auszugehen, dass die massive Gewalt, der das Kind Adolf Hitler ausgesetzt war, letztendlich keine Auswirkungen auf ihn ausübte.
Eine Verhaltensänderung jedenfalls bestätigt Hitler in Mein Kampf selbst: »So hart und entschlossen auch der Vater sein mochte in der Durchsetzung einmal ins Auge gefasster Pläne und Absichten, so verbohrt und widerspenstig war aber auch sein Junge in der Ablehnung eines ihm nicht oder nur wenig zusagenden Gedankens.«52

 


1 Hans-Joachim Neumann/Henrik Eberle: War Hitler krank?. Ein abschließender Befund, Bergisch Gladbach 2009
2 Bussmann, K.-D.: Gewaltfreie Erziehung. Eine Bilanz nach Einführung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/Bundesministerium der Justiz 2003.
Deegener, G./Körner, W. (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung – Ein Handbuch. Hogrefe 2005.
Deegener, G/Körner, W.: Risikoerfassung bei Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Theorie, Praxis, Materialien. Dustri 2006.
http://www.gewalt-gegen-kinder-mv.de/index.php?option=com_content&view=article&id=12&Itemid=29&limitstart=2
3 Anette Engfer: Kindesmisshandlung und Vernachlässigung, in: Rolf Oerter/Leo Montada (Hrsg): Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch, Weinheim 1995, S. 964
4 Guido Knopp: Hitler – Eine Bilanz, München 2005, S. 13, 24, 60
5 Ebd., S. 29
6 Vgl. dazu: R. Malinowksy/D.J. Hansen: Long-term consequences of childhood physical abuse, in: Psychological Bulletin 114 (1993), S. 68ff.; Anette Engfer: Kindesmisshandlung und Vernachlässigung, in: Rolf Oerter/Leo Montada (Hrsg): Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch, Weinheim 1995, S. 966
7 U.a. Alan Bullock: Hitler und Stalin. Parallele Leben, Berlin 1991, S. 19; Ian Kershaw: Hitler 1889-1936, Stuttgart 1998, S. 42ff.
8 Joachim Fest: Hitler. Der Aufstieg, Frankfurt/M. 1976, S. 33
9 Ian Kershaw: Hitler. 1889-1936, Stuttgart 1998, S. 37, 39, 42
10 Vgl.: John Toland: Adolf Hitler, Bergisch Gladbach 1977, S. 26; OSS Hitler Source Book, 1943, S. 913 und 924; Erich Schaake: Hitlers Frauen, München 2000, S. 21
11 Erich Schaake: Hitlers Frauen, München 2000, S. 20
12 Toland, S. 30, CIC-Interview mit Paula Hitler vom 5. Juni 1946, US-Army Military History Research Collection  
13 Erich Schaake: Hitlers Frauen, München 2000, S. 20
14 Zit. Nach Christa Schroeder: Er war mein Chef. Aus dem Nachlass der Sekretärin von Adolf Hitler, München/Wien 1985, S. 336; Fußnote 139: CIC-Einvernahme von Paula Hitler am 25/26. Mai 1945 in Berchtesgaden, Mikrofilm DJ13, University of Philadelphia, Library, abgedruckt in: Anton Joachimsthaler: Hitlers Liste, München 2003, S. 41; Originaltext auf:  http://uk.oocities.com/paulawolf@btinternet.com/paula/paula01.htm); siehe auch Fotokopie eines Briefes von Paula Hitler (Nachlaß von Christine Schroeder, Joachimsthaler, S. 41, 580)
15 Zit. Nach Schroeder, S. 336 (Fußnote 139, s. Anmerkung 14)
16 Franz Jetzinger: Hitlers Jugend, Wien 1956, S. 94
17 Vgl.: John Toland: Adolf Hitler, Bergisch Gladbach 1977, S. 26; OSS Hitler Source Book, 1943, S. 913 und 924; Schaake, S. 20    
18 Anton Joachimsthaler: Hitlers Liste, München 2003, S. 41, dieser gibt auch noch an: Albert Zoller: Hitler privat, Düsseldorf 1949, S. 96 und 116
19 Schroeder, S. 63, Schaake, S. 21
20 Ralf Georg Reuth: Joseph Goebbels Tagebücher. Band 2: 1930-1934, München 1999, S. 681
21 Ebd., Band 3: 1935-1939, S. 1008
22 Adolf Hitler: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, München 1925/1927 (Auflage 835.-840./8358.-8407.Tausend), S. 32f.
23 Ebd., S. 28
24 Vgl. 2. Kapitel von  „Mein Kampf: Wiener Lehr- und Leidensjahre.“
25 Schaake, S. 22
26 Emanuel Lugert, der eine Zeit lang mit Alois in Passau zusammenarbeitete, sprach von „höchstens vier Halbe Liter pro Tag“, an anderer Stelle von „bis zu sechs Halbe Starkbier“ (vgl.: Jetzinger, S. 61 und Thomas  Orr: Das war Hitler, Revue Nr. 39,1952,  S. 35)
27 Vgl.: Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München/Zürich 1996, S. 22; vielleicht hatte Adolf Hitlers Aversion gegen den Alkohol im gewohnheitsmäßigen Trinken seines Vaters und dessen Verhalten seinen Ursprung? (das vermutet Kershaw, S. 760f.)
28 Toland, S. 34; Jetzinger, S. 73, Schaake, S. 24
29 Zit. Nach Hamann, S. 31
30 Hitler, Mein Kampf, S. 6
31 Ebd., S. 8
32 Ebd., S. 16
33 Joachimsthaler, S. 41
34 Alice Miller: Am Anfang war die Erziehung, Frankfurt/M. 1983; das Kapitel über Hitler kann man im Internet nachlesen: http://www.alice-miller.com/bucher_de.php?page=2a#top
35 Miller, S. 228-231
36 Darauf weist Rosenbaum in diesem Falle zurecht hin (S. 51)
37 Dennoch erreichte das Buch hohe Auflagen und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt
38 Michael Hesemann: Hitlers Religion, München 2004, S. 47
39 Ron Rosenbaum: Explaining Hitler. Die Hitler-Debatte, München/Wien 1999, S. 51
40 Neumann/Eberle, S. 36
41 Geboren am 28. Juli 1883
42 Geboren am 13. Januar 1882
43 Ich habe als Journalist jahrelang investigativ in der Kinderpornografie-Szene recherchiert, war dazu auch ins thüringerische Justizministerium und sächsische Innenministerium geladen (s. auch Buch und Film: M. u. G. Grandt/P. van der Let: Ware Kind, Düsseldorf 1999) und habe mit vielen Opfern und Familienangehörigen gesprochen, die den wahren Schilderungen der missbrauchten Kindern meist keinen Glauben schenkten, was den Tätern zugute kam.
44 Rosenbaum, S. 51.
45 Knopp, S. 96;  immerhin gibt Knopp dann doch noch zu, dass der »Junge von seinem Vater gebrochen wurde.« (S. 13f.)
46 Vgl. dazu Schaake, S. 20
47 Joachimsthaler, S. 42
48 Vgl.: Michaela Huber: Trauma und Traumabehandlung. Trauma und die Folgen, Band 1/Band 2, Paderborn, 2003; Andreas Krüger: Akute psychische Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart 2008; Babette Rothschild: Der Körper erinnert sich. Die Psychophysiologie des Trauma und der Traumabehandlung, o.O. 2002;  Wolfgang Wöller: Trauma und Persönlichkeitsstörungen, o.O. 2006
49 Neumann/Eberle, S. 296; Geisteskrank, wie ihn viele Historiker darstellen wollen, war er jedenfalls nicht: „Für eine medizinisch objektivierbare Geisteskrankheit Hitlers gibt es keine Anzeichen“ (vgl.: Neumann/Eberle, S. 290)
50 Kershaw, S. 44
51 Eine Feststellung von Kershaw, S. 43
52 Adolf Hitler: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, München 1925/1927 (Auflage 835.-840./8358.-8407.Tausend), S. 6

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