Sunday, 29. May 2016
21.11.2013
 
 

Dieses Buch hätte kein Deutscher schreiben dürfen

Michael Grandt

Nach knapp 100 Jahren Geschichtsfälschung macht das neue Werk des renommierten australischen Zeitgeschichtsprofessors Christopher Clark Schluss mit der Alleinschuld-These des Deutschen Reichs. Er entlarvt sie als Propagandalüge der Alliierten. Diese aber wirkt bis heute in unseren Schulbüchern nach.

Wie ich bereits in meinem Artikel »Kriegsschuldfrage 1914: Historiker fordern das Umschreiben von Schulbüchern« geschrieben habe, regt das Buch Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog die heimische, politisch korrekte Historikerzunft auf.

 

Ein Autor, dem man keine rechtsgerichteten Tendenzen unterstellen kann


Dabei ist der Autor kein Geschichtsrevisionist und man kann ihm auch keine rechtsradikalen Tendenzen andichten, wie das wohl bei einem deutschen Autor der Fall wäre, nein, Christopher Clark lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St Catharine's College in Cambridge. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte Preußens. Er ist ebenso Autor einer

Biografie Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers. Für sein Buch Preußen erhielt er 2007 den renommierten Wolfson Prize sowie 2010 als erster nicht-deutschsprachiger Historiker den Preis des Historischen Kollegs.

 

Das ist natürlich unglücklich für alle jene Historiker, die auch weiterhin an der Alleinschuld-These festhalten wollen und das Deutsche Reich als Hauptverantwortlichen für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mit 20 Millionen Toten, sehen wollen. Genau das stand auch im »Kriegsschuldparagrafen« des Versailler Vertrages und begünstigte später den Erfolg der NSDAP, da Hitler diese »himmelschreiende Ungerechtigkeit« geschickt für seine Agitationen gegen die »Verräter an der Heimatfront« ausnutzte.

 

Da Christopher Clark aber keinerlei Ansätze bietet, ihn persönlich zu diffamieren und ihm rechtsgerichtete Absichten zu unterstellen, bleibt den politisch korrekten Alleinschuld-Historikern nichts anderes übrig, als sich mit dem 900-Seiten-Werk zu befassen.

 

Ein »Nazi« als Kronzeuge politisch korrekter Historiker


Clark kommt zu einer anderen Einschätzung als die, die uns seit 1946 in den Schulbüchern vorgesetzt wird. Beinahe minutiös schildert er die Interessen und Motivationen der wichtigsten politischen Akteure in den europäischen Metropolen. Er zeichnet das Bild einer komplexen Welt, in

Fritz Fischer (1908-1999)

der gegenseitiges Misstrauen, Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionspläne und nationalistische Bestrebungen zu einer Situation führten, in der ein kleiner Funke genügte, einen Krieg auszulösen. So ruft das Buch neue Debatten über die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs hervor, die jetzt schon hitzig geführt werden.

 

Interessant dabei ist, dass sich viele der deutschen Alleinschuld-These-Vertreter auf den Historiker Fritz Fischer (1908-1999) berufen. Dieser aber war ausgerechnet Mitglied eines rechtsradikalen Freikorps (Bund Oberland), trat 1933 in die SA und 1937 in die NSDAP ein. 1939 wurde er sogar Stipendiat des NS-Historikers Walter Frank. Während des Zweiten Weltkrieges hielt als er außerordentlicher Professor an der Universität Hamburg Vorträge über »das Eindringen des Judentums in Kultur und Politik«.* Das alles scheint von diesen Historikern aber in Kauf genommen zu werden, nur um auf Biegen und Brechen das Deutsche Reich als hauptverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges hinzustellen.

 

Der Autor deckt neue Hintergründe auf


Christopher Clark ergänzt in seinem Buch die – bisher zu sehr auf das Deutsche Reich fokussierte – Sicht der Ereignisse durch eine Perspektive auf die anderen Großmächte. Aber auch auf kleinere Staaten wie Serbien, Italien oder Bulgarien. Dies lässt den Leser die Geschehnisse direkt von den Tischen der Entscheider aus beobachten. Clark macht dabei nicht den Fehler vieler anderer Historiker und nimmt später gewonnene Einsichten als Grundlage für das damalige Handeln, sondern schildert die Ereignisse sozusagen in »Echtzeit« und mit dem damaligen Wissensstand.

 

Wir erfahren, was die Protagonisten dazu bewegt hat, so zu handeln, wie sie es getan haben, nehmen teil an den manchmal komplizierten Entscheidungsprozessen, teilen Überlegungen und außenpolitische Wagnisse. Aus diesen »Softskills« heraus können wir die Dynamik der daraus folgenden Interaktionen viel besser verstehen.

 

Clark deckt Hintergründe auf, die bisher nur unzureichend publiziert worden sind. Beispielsweise die dramatische Vorgeschichte Serbiens und dessen Rolle am Ausbruch des Krieges. Der Autor enthüllt: Die Regierung in Belgrad agierte nicht primär als Opfer der Großmächte Österreich-Ungarn und Deutsches Reich, sondern als Spätopfer seiner eigenen großserbischen Bestrebungen. Daraus nämlich erwuchsen Untergrundorganisationen, deren verheerendste Aktion im Attentat von Sarajevo mündete.

 

Österreichs Waffengang als Präventivkrieg?


Diese Vorgeschichte wird von den meisten Historikern vernachlässigt, ist aber fundamental wichtig in der Einordnung des Attentats. Denn Serbien war der Unruheherd auf dem Balkan und orientierte sich hin zu Russland. Das konnte Österreich-Ungarn natürlich nicht gefallen. Auch die Frage, warum die serbische Regierung nichts gegen die Untergrundorganisationen getan hat, beantwortet Clark mit stichhaltigen Beweisen: Die Regierung ist von den Verschwörern unterwandert, ja zum Teil sogar von ihnen abhängig gewesen. Aber der Autor geht noch weiter.

 

Im Gegensatz zur »landläufigen« Meinung war das Habsburgerreich innenpolitisch stabil und stand aufgrund des Treibens der Serben und Russlands wiedererwachendem Interesse auf dem Balkan unter Zugzwang.

 

Der Waffengang gegen Serbien also als österreichischer Präventivkrieg? Ganz so weit geht Clark dann doch nicht, aber dennoch schockt er schon mit der Andeutung. Aber er liefert die Gründe für seine These gleich mit.

 

 

Kriegstreiber Russland und Frankreich


Zum einen sind das die beiden Balkankriege von 1911/12. Auch Frankreich mischte mit. In Paris kalkulierte man, dass ein österreichisch-serbischer Konflikt Russland an der Seite Frankreichs in einen Krieg gegen Deutschland zwingen würde. Der Blankoscheck folgte 1912. Paris sagte dem Zaren zu, dass, wenn Russland Serbien in einem Krieg mit Österreich-Ungarn unterstützen würde und dann Deutschland Wien zur Hilfe eile, Frankreich mit Russland gegen Deutschland kämpfen würde. Als Beleg für diese – bisher politisch völlig unkorrekte –Darstellung nimmt der Autor die umfangreichen französischen Kredithilfen an Russland und Serbien. Sie dienten einzig und alleine dem Zweck, die beiden Staaten aufzurüsten, sprich: auf den Krieg vorzubereiten. Frankreich tat dann folgerichtig auch nichts, um die Mobilmachung der Russen zu verhindern, im Gegenteil, gerade sie spielte in seine Hände.

 

Clark geht im dritten Kapitel auf die Blockbildung ein. Frankreich habe auf eine Revanche für 1871 gewartet und für Russland wäre der Hauptgegner zunächst nicht das Deutsche Reich, sondern Österreich-Ungarn gewesen. Keinesfalls sieht er in diesen beiden Staaten hilflose Opfer, sondern konfliktfördernde Protagonisten. Deutschland hingegen habe eine »unklare« Weltpolitik getrieben, die letztlich zur Isolation geführt habe.

 

Einkreisungsängste der deutschen Militärführung waren berechtigt


Brillant schildert Clark dann die Handlungsweisen der einzelnen Staatsmänner und arbeitet anhand von Protokollen und Dokumenten heraus, dass sie häufig internen Rivalitäten ausgesetzt waren und ihre Taten nur sehr schwer zu durchschauen waren. Gerade diese Ungewissheit über die wahren Absichten habe zu großem Misstrauen geführt, auch zwischen Verbündeten.

Im Gegensatz zur hiesigen Auffassung argumentiert Clark, dass die Einkreisungsängste der deutschen Militärführung berechtigt gewesen seien. Aber ganz frei von Schuld werden Kaiser Wilhelm und sein Generalstab natürlich nicht gesprochen. Doch schon alleine diese objektive Darstellung übersteigt bei Weitem das, was »unsere« Historiker bisher von sich gegeben haben. Clark resümiert: Keine der Großmächte hatte die Situation im Griff.


Die Weichen zum großflächigen Krieg wurden nicht in Sarajewo gestellt, meint der Autor, sondern durch die Generalmobilmachung der Russen am 29./30. Juli 1914. Kaiser Wilhelm blieb nun nichts anderes mehr übrig, als seine Armee ebenfalls in Kampfbereitschaft zu setzen – und damit begann das Unheil.

 

Mein Fazit: Professor Christopher Clarks umfangreiches Werk ist sachlich und vor allem neutral. Genau das vermisse ich an den Publikationen vieler deutscher Historiker, die immer noch schuldgebeugt und aus einer schwachen Position heraus argumentieren, um ja keine politisch unkorrekte Sichtweise zu offerieren, die ihrer eigenen Karriere abträglich wäre.

 

Das Buch ist spannend zu lesen, weil Clark es versteht, die vielen Fakten nicht trocken, sondern illustrativ zu vermitteln. So wie er es tut, wurde die Vorgeschichte zum Ersten Weltkrieg noch nie beschrieben. Und auch der umfangreiche Quellenapparat entspricht einer wissenschaftlich akribischen Arbeit. Über dieses Buch wird man noch lange diskutieren.

 

* Trotzdem hat Fischer wiederholt bekannt, kein Anhänger der Nazis gewesen zu sein!

 

Quellen:

 

Zu Fritz Fischer:

Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt/M., S. 152;

Volker Ullrich: »Griff nach der Wahrheit. Der berühmte Historiker Fritz Fischer im Zwielicht«, in: Die Zeit, Nr. 4, 15. Januar 2004

 

 

 


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