Der von 1945 bis 1948 amtierende tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš hatte schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg das Ziel, die Deutschen aus dem Innern der Tschechoslowakei und dem Sudetenland, wo sie seit 700 Jahren siedelten, den Boden urbar gemacht, Kirchen und Städte erbaut hatten, zu vertreiben. Während des Krieges nahmen seine Pläne konkrete Formen an. Im Sommer 1942 signalisierte die britische Regierung ihre Zustimmung, ein Jahr später gewann Beneš auch das Einverständnis von US-Präsident Roosevelt. Der weitsichtige Stalin gab ebenso seine Zustimmung, da er die Tschechoslowakei bereits als seinen späteren Satellitenstaat sah. (1) Doch für diese Absichten fehlte Beneš die geistige Vorstellungskraft und so lieferte er sein Land bereits zu diesem Zeitpunkt unbewusst an die Sowjets aus.
»Mit Blut geschrieben«
Was den Deutschen in der Tschechoslowakei blühen würde, sagte Beneš schon am 27. Oktober 1943 in einer Rundfunkbotschaft aus seinem Exil in London: »In unserem Land wird das Ende des Krieges mit Blut geschrieben werden.« (2) Diese Drohung sollte zwei Jahre später in grausamer und bestialischer Weise in die Tat umgesetzt werden.
1945 erließ Beneš dann auch die nach ihm benannten Dekrete. Vor allem Nr. 5, 12, 71 und 108 stellten die Grundlage für die Entrechtung, Enteignung, Zwangsarbeit und Vertreibung der Deutschen dar. Die Dekrete sind bis heute in Kraft und wurden nach 1945 ausdrücklich vom tschechischen Verfassungsgericht bestätigt sowie vom tschechischen Präsidenten und Regierungschef verteidigt. Immerhin geht es nicht »nur« um ein »paar« hunderttausend deutsche Vertreibungs- und Massakeropfer, sondern auch um rund 318 Milliarden Euro, die die Tschechen den Sudetendeutschen geraubt hatten.
Schon in den ersten drei Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trieben die Tschechen fast 800.000 Sudetendeutsche brutal und hemmungslos aus dem Land. Im November 1945 einigten sich die Tschechen mit dem Alliierten Kontrollrat darauf, dass insgesamt 2,5 Millionen Deutsche die Tschechoslowakei verlassen mussten. Die Wissenschaftliche Kommission der Bundesregierung stellte später fest, dass jedoch fast drei Millionen Deutsche von der Vertreibung aus ihrer Heimat betroffen waren. Zu diesem Zeitpunkt war ein beträchtlicher Teil noch in Konzentrationslager gesperrt worden, die man später, aus Rücksicht auf die Weltöffentlichkeit, jedoch in Internierungs-, Arbeits- und Sammellager umbenannte. Zudem ist das Schicksal von 200.000 Deutschen bis heute ungeklärt. (3)
In vielen Orten mussten Deutsche das Erkennungszeichen »N« (Nemec = Deutsche) als Armbinde tragen und viele Kleidungsstücke wurden mit Hakenkreuzen beschmiert. (4) Die ungarische Volksgruppe in der Südslowakei wurde genauso verfolgt wie die Sudetendeutschen. (5) Zudem wurden gegenüber den Deutschen diskriminierende Vorschriften erlassen, die spiegelbildlich den Judengesetzen der Nationalsozialisten entsprachen, etwa ein Verbot der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Einrichtungen oder ein Verbot, sich weiter als sieben Kilometer vom Wohnort zu entfernen. Darüber hinaus wurden Lebensmittelrationen gekürzt und viele weitere Maßnahmen gegen die deutsche Bevölkerung ergriffen. (6)
Brutaler als die SS
In der ganzen Tschechoslowakei wurden Konzentrationslager für Deutsche eingerichtet, sogar deutsche Juden und Nazigegner wurden wieder inhaftiert. (7) Es gab 1.215 Internierungslager, 846 Arbeits- und Straflager und 215 Gefängnisse. Insgesamt wurden dort 350.000 Deutsche festgehalten. (8) In vielen Fällen übertrafen die Grausamkeiten in den Lagern sogar die Brutalität der SS. (9) Die Essensrationen waren in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Belsen, in denen Deutsche interniert wurden, sogar nur halb so groß wie vor 1945. (10)
Die Grausamkeiten der Tschechen an zumeist deutschen Zivilisten sind kaum zu ertragen. Hier einige Beispiele:
Eine Ärztin berichtete aus dem Lager Olmütz-Hodolein: »Magistratsdirektor Dr. C. wurde, nachdem man ihn blutig geschlagen hatte, getötet, indem man ihm einen Schlauch in das Rektum einführte und ihm so lange kaltes Wasser unter Druck in den Darm einströmen ließ, bis er starb (…) Der furchtbarste Fall war ein 13-jähriges deutsches Mädchen, das vergewaltigt worden war und dem davon ein 30 Zentimeter langes Stück Darmschlinge aus der Scheide hing.« (11)
Folgende verübte Grausamkeiten an Deutschen sind dokumentiert:
- Erschlagen
- Erdrosseln
- Ertränken
- Erstechen
- Entmannen
- Tottrampeln durch Menschen
- Tottrampeln durch Pferde
- Verbrennen bei lebendigem Leib
- Verstümmeln auf verschiedene Weise (zum Beispiel Zungen und Augen rausreißen, Brüste abschneiden)
- Annageln
- Vollpumpen mit Jauche
- Zu Tode rollen in Fässern (12)
Heinz Nawratil schreibt in seinem Werk Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948 dazu: »Die Methoden reichten vom simplen Totprügeln bis zur chinesischen Methode, nach der sich eine Ratte langsam in den Bauch des Gefolterten frisst. Vieles, was sich in den Lagern abspielte, war so unbeschreiblich, dass man die europäische Geschichte um Jahrhunderte zurückverfolgen muss, um auf vergleichbare Zeugnisse menschlicher Grausamkeit zu stoßen.« (13) Das Resümee ist eindeutig: In diversen Lagern und Gefängnissen im tschechischen Machtbereich gab es mit Sicherheit die meisten Todesfälle. (14)
Das Statistische Bundesamt hat versucht, alle Kriegsverluste (gefallene Soldaten, Opfer des Bombenkriegs usw.) aus den Bevölkerungsbilanzen herauszurechnen, um die eigentlichen Vertreibungs- und Nachkriegsverluste zu ermitteln. Die Statistik zeigt 272.000 Opfer alleine in der Tschechoslowakei einschließlich dem Sudetenland. Insgesamt geht man von 2,23 Millionen Todesopfern der Vertreibungen aus, allerdings als »Mindestzahl«. Nach den Unterlagen des Kirchlichen Suchdienstes in München ergibt sich eine Zahl von 2,3 Millionen. (15)
Keine »Nestbeschmutzung«
Wie gehen die Tschechen heute mit den von ihren Großvätern und Großmüttern verübten Grausamkeiten und Massenmorden um? Gibt es auch dort – wie hierzulande – eine Kultur der »kollektiven Verantwortung« und »kollektiven Schuld«, die politisch korrekt auch noch für alle »Nachgeborenen« gilt? – Mitnichten. Die Meinungen sind geteilt, aber Tendenzen der »Nestbeschmutzung« (wie manche das Eingestehen der eigenen Schuld nennen) sind nur punktuell zu erkennen.
Der Historiker Pokop Tomek vom Militärhistorischen Institut in Prag vertritt die Ansicht, man müsse den historischen Kontext berücksichtigen. Anders sieht es sein Kollege Petr Koura von der Karls-Universität in Prag, der seine Landsleute nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter einstuft. Ein weiteres Tabu: Manche tschechische Historiker weisen darauf hin, dass die Lynchjustiz an Deutschen häufig von den Tschechen ausgeübt wurde, die zuvor mit den Nazis kollaboriert hatten. So wollten sie ihre Schuld offenbar wieder reinwaschen.
Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš meint: »Es ist wirklich an der Zeit, dass es möglich ist, darüber offen zu sprechen. Dass die Tschechen nicht nur Opfer waren, sondern sich einige nach dem Krieg gerächt haben, dass nach Kriegsende sehr schlimme und grausame Dinge passiert sind.«
Eine gerichtliche Aufarbeitung der sogenannten »wilden Vertreibungen« an Sudetendeutschen gibt es bis heute nicht. Die menschenverachtenden und umstrittenen Beneš-Dekrete verhinderten das. Die an Deutschen verübten Gräueltaten blieben und bleiben straffrei. Zwar gibt es Anstrengungen von Bürgerinitiativen, aber ein echter Dialog der ehemaligen »Gegner« steht noch aus.
Dem amtierenden tschechischen Präsidenten Vàclav Klaus geht die Aufarbeitung der eigenen Verbrechen, das heißt Massenmorde an den Deutschen allerdings zu weit. Er warnte vor einer »allzu einseitigen Geschichtsdarstellung« und vor »zu vielen selbstkritischen Stimmen«.
Das erinnert stark an die hierzulande seit über 65 Jahren gängige Medienpraxis, die an den Deutschen begangenen Verbrechen permanent durch Hinweis auf die Verbrechen der Nazis zu relativieren, und das unter peinlicher Beachtung der Political Correctness und unter Missachtung der geschichtlichen Fakten. Zwar werden wir immer wieder von Gutmenschenpolitikern und Medien ermahnt, die von der Nazidiktatur begangenen Verbrechen nicht zu relativieren und sie nicht gegen andere Verbrechen aufzurechnen, aber dies gilt »natürlich« nur für deutsche Verbrechen.
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Quellen:
(1) Günther Böddeker: Die Flüchtlinge, Berlin 1995, S. 213 f.
(2) Heinz Nawratil: Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948, München 2001 (9. Auflage), S. 54.
(3) Böddeker, S. 214, 220, 223, 319, 328 f.; ebenso in: Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte (Hrsg): Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa, Band IV/I und Band IV/II: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, Bonn 1957, S. 82, sowie Gerhard Ziemer: Deutscher Exodus – Vertreibung und Eingliederung von 15 Millionen Ostdeutschen, Stuttgart 1973.
(4) Nawratil, S. 56, dort Dokument 11 und S. 57.
(5) Rudolf Ströbinger: Roter Kolonialismus, Osnabrück 1981, S. 15.
(6) Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte (Hrsg): Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa, Band IV/I: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, Bonn 1957, S. 79, 100.
(7) Alfred M. de Zayas: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, München 1977, S. 125, und Nawratil, S. 55.
(8) Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen (Hrsg): Vertreibung und Vertreibungsverbrechen 1945–1948, Bericht des Bundesarchivs vom 20. Mai 1974, Archivalien und ausgewählte Erlebnisberichte, Bonn 1989, S. 62.
(9) Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen (Hrsg): Dokumente zur Austreibung der Sudetendeutschen, München 1952, S. XXIII und 160.
(10) Vgl. dazu die Berichte des Labour-Abgeordneten Richard R. Stokes im Manchester Guardian und in der East Anglian Daily Times, der sich persönlich davon überzeugte, abgedruckt in: Wenzel Jaksch: Europas Weg nach Potsdam, Stuttgart 1958, S. 436 f., dazu auch E. J. Reichenberger: Europa in Trümmern, Graz 1985, S. 124.
(11) Reichenberger, S. 158 f., und Nawratil, S. 58, hier Dokument 12.
(12) Vgl.: Jürgen Thorwald: Die große Flucht, München/Zürich 1979, S. 485 ff., Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen (Hrsg): Vertreibung und Vertreibungsverbrechen 1945–1948, Bericht des Bundesarchivs vom 20. Mai 1974, Archivalien und ausgewählte Erlebnisberichte, Bonn 1989, S. 60 f, Reichenberger, S. 217, Nawratil, S. 60.
(13) Nawratil, S. 59.
(14) Nawratil, S. 57.
(15) Statistisches Bundesamt: Die deutschen Vertreibungsverluste, Wiesbaden 1958, S. 38, 45 f.
Internetquellen:
– http://zpravy.idnes.cz/video-telum-na-ulici-prejizdeli-hlavy-ukryvany-film-zachytil-lync-nemcu-1o7-/domaci.aspx?c=A100504_210833_domaci_vel
– http://www.heimatkreis-saaz.de
– http://www.saaz.info
– http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1195017/
– http://www.badische-zeitung.de/ausland-1/toeten-auf-tschechisch--40678073.html
– http://www.faz.net/artikel/C30189/toeten-auf-tschechisch-30088729.html
– http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/145417/index.html